Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

Adriana Popescu · Kapitel 56 von 83

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Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

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Marie

 

Das Handy klingelt und durchbricht die Stille, an die ich mich gerade gewöhnt habe. Ob Samuel schon News vom Roller hat? Selbst wenn nicht, die Vorstellung seine Stimme zu hören, weckt mich aus meiner Trance.

»Hallo?«

»Marie, ist eo daheim?« Mamas Stimme klingt wie eine Alarmsirene, und ich schüttele den Kopf, obwohl sie mich nicht sehen kann. Sie wiederholt die Frage etwas schriller, und spätestens jetzt weiß ich, dass etwas nicht stimmt. »Ist er daheim?«

»Nein. Ich glaube nicht.«

»Du glaubst es?«

»Was ist denn passiert?«

Sie klingt aufgelöst und panisch, aber viel schlimmer als sonst. So, wie ich sie seit dem Anruf damals aus dem Krankenhaus nicht mehr erlebt habe. Und weil wir offensichtlich ähnlich ticken – obwohl ich gerne das Gegenteil behaupte –, eile ich jetzt in eos Zimmer, um sicherzugehen, dass er nicht heimlich nach Hause gekommen ist.

Aber sein Zimmer ist leer, das Bett ungemacht, die Playstation unberührt, von ihm selbst fehlt jede Spur.

»Er ist nicht hier.«

Mama atmet am anderen Ende, allerdings viel zu schnell, und ich verstehe, das hier ist keine Übung, sondern der Ernstfall.

»Wir wissen nicht, wo er steckt. Hast du eine Idee?«

eos Safe-Space ist sein Zimmer, hier versteckt er sich, ausschließlich hier hat er quasi die letzten Monate gelebt.

»Nein.«

Mama sagt nichts, und ich gehe im Geiste alle Orte durch, die infrage kämen, Orte, die wir früher vielleicht zusammen besucht haben.

»Okay, Papa sucht ihn hier in der Stadt, ich …« Sie bricht ab, und ich höre, dass sie weint. Zu gerne würde ich sie jetzt umarmen und sagen, dass eo bestimmt nur ein bisschen spazieren geht. Aber wir reden über eo, und eo geht eben nicht mehr spazieren, er geht zumindest nicht alleine spazieren.

Nicht in der Stadt.

Nicht ohne mich.

»Ich weiß nicht, wo er sein könnte, Marie. Ich weiß gar nichts mehr über ihn.« Mama klingt so verzweifelt, es bricht mir das Herz.

»Ich gehe los und suche ihn.«

»Melde dich bei uns, wenn du ihn ndest.«

Damit beendet sie das Gespräch, und ich stehe mit dem Handy in der Hand plötzlich alleine in der leeren Wohnung, in der ich mir neulich noch mehr Platz gewünscht hatte. Doch mit einem Mal kommt sie mir viel zu groß vor.

Niemand ist da, um mir zu sagen, dass alles gut wird, also wähle ich blind die letzte Nummer, die ich hinzugefügt habe und muss knapp vier Klingeltöne warten.

»Hallo?« Samuel klingt entspannt, kein bisschen nervös oder so panisch wie Mama.

»eo ist weg.«

Statt meinen Namen zu nennen oder zu fragen, wie es ihm geht, feuere ich sofort diesen Schuss auf ihn ab und hoffe, er kann sich gerade noch rechtzeitig ducken.

»Wie weg?«

»Weg weg.«

Im Hintergrund höre ich noch eine andere Stimme, die nachfragt, ob alles okay sei.

»Ich weiß nicht, wo er ist.« Dieser Gedanke lähmt alle anderen und meinen Körper noch dazu. Verloren stehe ich mitten in eos Zimmer. »Ich weiß nicht, wo er ist.« Vielleicht geht der Druck auf meinen Lungen ügeln weg, wenn ich es immer wieder sage. So o, bis auch andere Worte wieder Platz in meinem Kopf haben.

»Wo war er denn zuletzt? Gab es Streit?«

»Mit meinen Eltern bei der erapie.«

»Okay. Wir gehen gleich los. Wo ist die erapie?«

»Stadtmitte. Am Rotebühlplatz.«

»Schick mir seine Nummer als WhatsApp, vielleicht geht er bei mir ran.« Samuel übernimmt das Kommando, und ich hole tief Atem. »Bist du zu Hause?«

»Ja.«

Da, wo viel zu viel Platz ist.

»Bleib dort, für den Fall, dass er heimkommt. Wir melden uns.«

Wir. Keine Ahnung, wen er meint und welchen Suchtrupp er auf die Schnelle zusammengetrommelt hat, aber ich bin unendlich dankbar. Auch dafür, dass ich jetzt nicht wie ein Huhn ohne Kopf im Kreis durch die Stadt rennen muss.

»Mach dir keine Sorgen, wir nden ihn!« Samuel hat mich noch nie angelogen. Nicht mal, als es um seine Vergangenheit ging, und so beschließe ich, ihm auch jetzt einfach zu glauben. »Wir nden ihn, Marie.«

Dann erst legt er auf, und ich bleibe in eos leerem Zimmer zurück. Langsam sehe ich mich um und frage mich, wie es sein wird, wenn er nicht mehr nach Hause kommt. Habe ich etwas übersehen? Eine Warnung, einen stummen Hilfeschrei, irgendwas? War ich doch zu sehr mit meinem kurzen gestohlenen Glücksmoment beschäigt?

Socken liegen neben dem Bett, die Jeans von gestern erinnert entfernt an eine Kobra, die es sich auf dem Zimmerboden gemütlich gemacht hat, und ich klettere auf sein Bett. Wie o habe ich ihm hier die Geschichte mit den Monstern erzählt?

Mein Blick wandert zur Decke, wo die blassen Sterne und Smileys kleben. Und zum ersten Mal sollen sie mir und nicht ihm die Angst nehmen.

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