Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

Adriana Popescu · Kapitel 73 von 83

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Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

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Theo

 

Die ganze Rückfahrt über erzählen mir Mama und Papa, wie stolz sie auf mich sind und dass ich das Richtige getan habe. Ich sitze auf der Rückbank und starre aus dem Fenster, fühle gar nichts mehr, da ist nur diese große Leere.

Der Polizeibeamte war sehr nett, hat sich Zeit für mich und meine Anzeige genommen, obwohl ich meine Aussage zweimal unterbrechen musste, weil mir irgendwie schlecht war und ich mich nicht übergeben wollte.

»Schatz, wir sind wirklich sehr stolz auf dich.«

Hoffentlich kann ich selbst das irgendwann auch sein, aber gerade ist das schwer vorstellbar. Das alles fühlt sich eher wie das Ende eines Fußballmatchs an, bei dem man nach der Verlängerung noch immer keinen Sieger hat. Aber da ist auch so etwas wie Ruhe, mein Puls hat sich beruhigt, und ich atme nicht mehr so ach wie vorhin im Polizeirevier, als man mir all diese Fragen gestellt hat.

Niemand kann mir was vormachen, die Geschichte ist damit noch lange nicht vorbei, und solche Sprüche wie Jetzt wird alles gut sind auch nur Überlebens oskeln, die sich bestimmt auch die Passagiere der zweiten Klasse auf der Titanic ins Ohr ge üstert haben, nachdem das Schiff den Eisberg gerammt hatte. Aber trotzdem, etwas von dem Druck ist jetzt weg.

Trotzdem geht mir Samuels Blick nicht aus dem Kopf.

Was hat er überhaupt auf dem Revier gemacht? Haben sie ihn angerufen? Wird er auch vernommen? Wie soll ich ihm das alles erklären?

Wieder ist da dieser An ug von Übelkeit, aber im Stuttgarter Mittagsverkehr möchte ich nicht unbedingt aus dem Auto kotzen.

»Jetzt ist es vorbei, mein Schatz.«

Mamas Blick sucht mich im Rückspiegel, aber ich sitze absichtlich so, dass ich im toten Winkel meine Ruhe habe. Vorbei also. Wieso fühlt es sich dann nicht wie ein Ende an? Eher kommt es mir wie ein Anfang vor. Kein Anfang eines neuen Kapitels, nein, vielmehr einer neuen Geschichte, von der ich noch nicht weiß, ob es eine romantische Komödie, ein Drama oder ein riller ist. Und das macht mir Angst.

Immer und immer wieder spiele ich das Gespräch in meinem Kopf durch, höre die Fragen, meine Antworten, immer wieder ermutigt durch das Nicken meiner Eltern, die ebenso wie ich doch nur wollen, dass der ganze Mist endlich vorbei ist.

Habe ich alles genau so beschrieben, wie es sich abgespielt hat? Haben sie verstanden, dass ich nur ein ziemlich sicheres Gefühl habe, wer es war, aber keine Beweise außer diesem ätzenden Kurz lm, der sich immer und immer wieder in meinem Kopf abspult? Manche Details sind unscharf, aber einiges – viel mehr, als mir lieb ist – sehe ich klar und deutlich. Schnell schaue ich wieder aus dem Fenster, um das Gedankenkarussell aufzuhalten.

Unwillkürlich muss ich an all diese Broschüren in meinem Zimmer denken, die ich mir durchgelesen habe, auch wenn ich vor meinen Eltern das Gegenteil behaupte. Was ist so verkehrt daran, einen Schritt nach dem anderen zu setzen – und zwar nicht mehr in Richtung Gleise, sondern davon weg? Weit weg. Weg von Typen wie Andi.

Zurück zur Schule muss ich erst mal nicht, das haben meine Eltern mir versprochen. Schule ja, aber nicht auf Teufel komm raus, sondern langsam. Erst gesund werden, dann irgendwann die Klasse wiederholen, wenn ich mich t genug fühle. Es tut gut zu wissen, dass sie einen Gang runtergeschaltet haben und den Druck von mir nehmen wollen. Obwohl ich genau weiß, dass mich daheim ein ganz neues Minenfeld erwartet.

Marie. Meine Entscheidung, meine Aussage, alles wird auch Auswirkungen auf ihr Leben haben, und damit muss sie dann erst mal klarkommen. Unsere Eltern werden es ihr erklären, falls ich nicht die richtigen Worte nde. Vielleicht hätte ich gestern schon mit ihr reden sollen, aber da war ich noch zu durcheinander und der Zweifel an Tommis Schuld viel zu groß.

Ich lasse das Fenster ein bisschen runter und frische, kühle Lu strei mein Gesicht.

Das Handy vibriert in meiner Gesäßtasche, und ich ignoriere es, weil mir nicht nach sozialem Kontakt ist. Als würde mein Handy diese Herausforderung annehmen, vibriert es jetzt im Sekundentakt, dabei bekomme ich selten mehr als zwei Nachrichten am Tag, und die sind entweder von meinen Eltern oder von Marie.

Schnell greife ich doch nach meinem Handy und sehe eine Nachricht bei WhatsApp von einem Absender, mit dem ich jetzt wirklich nicht gerechnet hätte.

Samuel.

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