Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

Adriana Popescu · Kapitel 32 von 83

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Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln

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Samuel

 

Über ihr an der Decke hängen P anzen, die ihre Blätter und Äste nach unten recken, als würden sie auf ein High ve von mir warten. Ihre Jacke liegt über dem Stuhl und das Handy vor ihr auf dem Holztisch, aber sie ignoriert es gänzlich, hält eine Tasse mit Kaffee in den Händen und sieht einfach über den Tassenrand ins Nichts. Kurz fahre ich mir durch die Haare und streiche meinen Pullover glatt, bevor ich auf sie zugehe und sie mich bemerkt.

»Hallo.«

Es ist ihr Lächeln, das ich so vermisst habe. Schon früher in meinem Leben habe ich mich danach gesehnt, zu einer Zeit, als ich es noch nicht mal kannte, das wird mir gerade klar. Es ist offen, vorurteilslos und herzlich. Genau das ist es, wovon ich immer geträumt habe. Aber es wird noch besser.

Marie stellt die Tasse ab, steht auf und begrüßt mich zusätzlich mit einer festen Umarmung, die ich erwidere und genieße. Nur zögernd und fast etwas widerwillig lösen wir uns voneinander, und ich ziehe den Stuhl ihr gegenüber zurecht, als mir eine zweite Tasse Kaffee auffällt. Als sie meinen verwirrten Blick bemerkt, deutet sie feierlich darauf und strahlt mich an.

»Die ist für dich.«

»Für mich?«

»Schwarz und mit Zucker. So, wie du ihn magst. Und bevor du fragst, ja, das habe ich mir gemerkt.«

Reichlich verdutzt lasse ich mich auf den Stuhl sinken und drehe die Tasse weiter in meine Richtung.

»Ich habe dir doch gar nicht gesagt, wie ich meinen Kaffee trinke.«

Sie lächelt verschwörerisch und nimmt erst mal einen Schluck Kaffee, bevor sie nonchalant die Schultern zuckt.

»Aber ich bin eine gute Beobachterin.«

Mir fallen die Plastikbecher und der schlechte Kaffee wieder ein, und zu gerne würde ich ihr sagen, wie sehr es mich freut, dass ihr Details an mir auffallen, weil sie genau hinschaut.

»Danke. Ich hoffe, er schmeckt besser als der aus dem Automaten.«

Sie lacht kurz und nickt. »Spoiler: Das tut er!«

Und dann nehme ich vorsichtig einen Schluck, weil ich nicht weiß, was ich sagen oder fragen soll. Oder ob ich überhaupt fragen darf, was ich wissen will. Doch mit Marie ist selbst Schweigen toll, weil die Stille zwischen uns nicht leer ist. Sie tut nicht weh, so wie die Stille der letzten Wochen und Monate, in denen einfach niemand geantwortet hat. Diese Stille hier ist angenehm warm.

»Wo warst du denn vorhin? Das sah echt toll aus.«

Sie meint das Dach, und ich muss an die Jungs denken, die ich da oben zurückgelassen habe, als ich mich mit der dümmsten Ausrede ever rausgequatscht habe.

»Ich habe ein paar Freunde besucht.«

»Statt in die Schule zu gehen …«

Es klingt nicht wie ein Vorwurf, nur wie eine versteckte Frage, auf die ich keine Antwort habe.

»Ja, ich dachte, es hat keinen Sinn, zurück zur Schule zu gehen.«

»Wieso?«

»Ohne dich hätte ich mich doch ohnehin nur verlaufen.«

Es ist die charmanteste Ausrede, die mir einfällt, und doch ein bisschen die Wahrheit. Sie lässt es mir durchgehen, entscheidet sich, das Kompliment anzunehmen.

»Und was machst du in der Stadt? Ich hielt dich nicht gerade für eine professionelle Schulschwänzerin.«

Sie legt die Stirn kurz in Falten, bevor sie ein bisschen genervt ausatmet.

»Niemand hält mich dafür. Ich bin für alle die brave Schülerin, oder nicht?«

»So war das nicht gemeint.«

»Schon okay. Ich habe mich daran gewöhnt, dass man mich für etwas hält, das ich nicht bin.«

»Zum Beispiel?«

»eos besorgte Schwester, eißige Schülerin, guterzogene Tochter, die keinen Ärger macht …«

Marie sieht mit einem Mal sehr müde aus, und ich greife, ohne darüber nachzudenken, über den Tisch nach ihrer Hand.

»Falls es dich interessiert, ich halte dich für viel mehr.«

Sie zieht ihre Hand nicht weg, meine Berührung scheint ihr nicht unangenehm und auch ihr zartes Lächeln kehrt zurück.

»Für was denn?«

»Ich halte dich für sehr witzig, clever, liebevoll und tough.«

Und das sind nur die Worte, die ich mich auszusprechen traue, denn da ist noch mehr. Angefangen bei wunderschön, bezaubernd, intelligent, charismatisch …

»Das sagst du nur, weil ich dich zum Kaffee einlade.«

»Natürlich. Ich habe nur für den Kaffee die anderen stehen lassen und bin extra von Freiberg hierhergekommen.«

»Freiberg?«

Fuck.

»Da wohnen meine Kumpels.«

Auch wenn mein ehemaliges Viertel schon lange nicht mehr den hässlichen Ruf von früher genießt, so weiß ich doch genau, dass Freiberg nicht gerade ein In-Viertel ist, wo es die Leute hinzieht. Mit dem hippen Style von Stuttgart-Süd oder -West kann es nicht mithalten und seine versteckte Schönheit sieht man aus der Ferne eben nicht.

»Ich war noch nie in Freiberg.«

Das überrascht mich kein bisschen. An den Stadtrand gedrückt, weit weg von den coolen Locations und Cafés wie diesem, ist es nicht gerade für seine Attraktionen bekannt. Nur sehr selten verirren sich Viertelfremde dahin. Wir waren eine kleine, große Familie, die eng zusammenhält. Man grüßt sich, egal zu welcher Tages- und Nachtzeit, man kennt die Kinder, die auf den Spielplätzen spielen, kennt ihre Eltern oder älteren Geschwister. Und wenn jemand Neues dazukommt, ist da immer dieses Grundmisstrauen, ob man will oder nicht.

»Ich bin dort aufgewachsen.«

Es rutscht mir nur so raus, weil der Kaffee warm ist und ihre Hand unter meiner sich so gut anfühlt.

»Und wie war es?«

»Ganz cool. Bis meine Eltern sich getrennt haben.«

Hör auf zu labern, Nowak! Ich kann Tommis Stimme in meinem Kopf so deutlich hören, als würde er am Nebentisch sitzen und uns belauschen. Aber Tommi ist noch immer auf dem Hochhausdach und redet sich seine Zukun schön und die Probleme klein.

Außerdem hält er mir dort oben einen Platz frei. Nur für den Fall, dass ich wo anders nicht Fuß fasse.

»Bei wem hast du gewohnt?«

»Bei meinem Vater.«

Sie nickt, dreht ihre Hand unter meiner so, dass unsere Hand ächen sich jetzt berühren und unsere Finger ganz automatisch so verrutschen, dass sie sich verhaken.

»Vermisst du deine Mama manchmal?«

»Ich wohne inzwischen bei ihr. Das mit Papa und mir …«

Als wir vorhin mit dem Fahrstuhl am elen Stock vorbeigeschaukelt sind, da war er plötzlich ganz nah, und doch hat uns mehr getrennt als nur die Stahltür des Fahrstuhls.

»… das ging nicht mehr.«

Dabei tri Papa keine Schuld, obwohl alle sie bei ihm suchen. Er hat mich nie geschlagen, nie beschimp, nie misshandelt, er war nur einfach nie da, auch wenn der Kühlschrank immer gefüllt war. Gefehlt hat es mir an nichts, außer vielleicht an Gesprächen und einer Umarmung hier und da. Aber Jungs kommen auch ohne klar – das hat er immer gesagt. Da reicht ein Fistbump mit Kumpels oder die Abschiedsumarmung, nachdem man den ganzen Tag draußen verbracht hat. Kinder gehören an die frische Lu. Und weil Papa seine Kindheit draußen verbracht hat, wurde von mir das Gleiche erwartet, das würde mir guttun, mich formen und mir zeigen, worauf es im Leben wirklich ankommt.

»Ob ihr noch Kontakt habt …?«

Offensichtlich wiederholt Marie diese Frage gerade für mich, weil ich sie beim ersten Mal, abgedriet in meinen Gedanken, gar nicht gehört habe.

»Nicht mehr so viel.«

Was ich ihm nicht vorwerfe. Immerhin war ich so doof, mich erwischen zu lassen. Das wiederum wir er mir vor.

»Und mit dir und deiner Mama läu es okay?«

»Na ja. Ich glaube schon.«

Auch wenn sie wenig begeistert davon wäre, dass ich jetzt hier sitze und Kaffee trinke, statt in der Schule zu lernen und einen guten Abschluss zu machen, wie ich es versprochen habe. Aber was ist schon ein Tag? Morgen in der Schule wartet ja schon die nächste Chance auf Bildung.

»Du glaubst es nur?«

»Wir nähern uns irgendwie langsam an. Man kann sieben Jahre nicht einfach so bei einem Abendessen überbrücken.«

»Sieben Jahre?«

Ob ihr auffällt, dass sie bei dieser Frage meine Hand drückt?

»Wir haben uns natürlich gesehen. Zuerst jedes zweite Wochenende, aber irgendwann wurde mir das zu doof und ich wohl zu cool. Da hängt man nicht mehr bei Mama rum.«

Inzwischen kommt es mir wie verschenkte Zeit vor, die ich auch anders hätte nutzen können, als mit Tommi durch die Läden zu ziehen und uns zu fragen, was wir wohl als Nächstes klauen könnten.

»Wir lernen uns gerade erst wieder kennen. Manchmal habe ich den Eindruck, sie wartet auf einen Vorwurf meinerseits oder so. Weil ich früher immer was zu meckern hatte. Sie hat echt was mitgemacht mit mir.«

»Du warst wohl einer von der stressigen Sorte?«

»Das kannst du laut sagen. Wenn irgendwo Ärger abzuholen war, dann haben Tommi und ich sofort Hier geschrien.«

»Tommi?«

Oh Mann. Wieso rutscht mir hier einfach alles so raus?

»Sag mal, bist du Wonder Woman mit dem Lasso der Hestia?«

Sie versteht den Verweis sofort und reckt stolz das Kinn vor.

»Wieso, weil du bei mir die Wahrheit sagst?«

»Ganz genau.«

»Vielleicht willst du es mir ja auch einfach nur erzählen. Also: Wer ist Tommi?«

Der größte Chaot, den ich kenne, der Einzige, auf den ich mich bisher immer verlassen habe und der Typ, der mich so sehr hat hängen lassen.

»Mein bester Kumpel.«

»Verstehe. Double Trouble.«

Jetzt muss ich lachen, weil sie es perfekt beschreibt, ohne uns damals gekannt zu haben. Sofort uten zahlreiche Erinnerungen meinen Kopf, wühlen damit verbundene Gefühle auf, und plötzlich fühle ich mich fast mies, weil ich ihn einfach so abgeschoben habe.

»Wir haben so viel Mist zusammen angestellt, das glaubt mir heute kein Mensch mehr. Wir sind irgendwie so was wie Brüder.«

»Damit kenne ich mich aus.«

Ihr Ausdruck wird etwas verträumter, sie wickelt eine Haarsträhne um ihren Finger.

»eo und ich, wir haben unsere Eltern ganz schön auf Trab gehalten. Er war der frechste Kerl, den du dir vorstellen kannst.«

Es fällt mir ein bisschen schwer, den eo aus ihren Erzählungen mit dem Jungen von vorhin zusammenzubringen, also nehme ich nur einen Schluck Kaffee und hoffe, dass sie mir mehr erzählt.

»Irgendwann hatte er beschlossen, wir sollten so was wie Skateboard-Twins werden, die mit ihren Videos Millionen auf YouTube machen.«

Wieso klingt ihr Lachen bei diesen Erinnerungen so viel gelöster, als alles, was ich bisher gehört habe? Ob auch sie ihr Leben in zwei unterschiedliche Kapitel aueilt?

»Und wie lief eure neue Karriere?«

Sie zieht ihre Hand von meiner und schiebt den rechten Ärmel des Pullovers nach oben, hält mir stolz den Ellenbogen entgegen, an dem sich eine lange, aber feine Narbe entlangschlängelt.

»Eher so semi-erfolgreich.«

Selbst bei dieser Erinnerung lächelt sie noch immer, und ich fahre san über das Narbengewebe auf ihrer Haut, was ihr nichts ausmacht, und nicke anerkennend.

»Alles für die Klicks.«

»Wohl eher, alles für einen Sommer im Gips. Unsere YouTube-Karriere haben wir dann beendet.«

»Gibt es die Videos noch irgendwo?«

Sie nickt, aber es scheint ihr ein wenig peinlich, und sie zieht den Ärmel wieder in seine ursprüngliche Position, bevor sie ihre Hand wie selbstverständlich zurück auf meine legt.

»eo hat sie sicher irgendwo auf seinem Rechner.«

»Fährt er noch Skateboard?«

»Würde er wohl, er hatte deutlich mehr Talent als ich, aber …« Und schon huscht sie wieder hinter die Schutzmauer und nimmt ihr Lächeln mit. Jetzt bekomme ich nur die gedimmte Marie-Version, die ich, bis zu diesem kurzen Strahlen eben, sogar für die echte hielt. »Jetzt ist er lieber für sich.«

Sie weiß, dass ich fragen will, und verhindert es mit einem kleinen Volley zurück in mein Spielfeld.

»Haben Tommi und du auch solche Aktionen gestartet?«

»So ähnliche, ja.«

»Und hast du irgendwelche Narben versteckt?«

»Du meinst außer dieser hier …«

Ich tippe mir kurz an die Lippen, wohin mir ihr Blick sofort folgt und ich dabei fast meine, ihn auf der Haut spüren zu können.

»Außer den offensichtlichen, ja.«

»Die ein oder andere. Aber die kann ich dir hier unmöglich zeigen.«

»Wieso?«

»Weil es mir eine Anzeige wegen Erregen öffentlichen Ärgernisses einbringen würde.«

Vielsagend zwinkere ich ihr zu und greife nach der Kaffeetasse.

»Vielleicht frage ich zu einem anderen Zeitpunkt noch mal nach.«

Es würde mich nicht mal wundern, wenn sie es wirklich so meint.

Diese Vorstellung alleine reicht, um mein Gedankenkarussell ordentlich anzuschubsen, zumindest bis Marie es mit ihrem nächsten Einwand abrupt ausbremst.

»Vielleicht solltest du deiner Mama ja mal eine kleine Freude machen?«

Sie wechselt das ema zurück zu meiner Mutter, und ich bin froh und enttäuscht zugleich, nicht mehr an Marie und meine Narben denken zu müssen.

»Wie kommst du denn jetzt darauf?«

»Na ja, du hast gesagt, dass es mit dir nicht immer einfach war, und ich dachte, Blumen oder ein Abendessen, so was wäre doch eine nette Geste.«

Bei der Suche nach einer Erinnerung an die letzten Blumen, die ich meiner Mutter mitgebracht habe, stoße ich auf nichts als Leere. Irgendwann habe ich bestimmt mal einen Geburtstagsstrauß übergeben, aber nie einfach so, um ihr eine Freude zu machen.

»Klingt gut. Aber ich bin kein besonders guter Koch.«

»Ich glaube, darauf kommt es gar nicht an.«

Ihr ermutigendes Lächeln lässt mich tatsächlich kurz die wenigen Rezepte durchgehen, die ich schon mal ausprobiert habe, und ich beschließe, zumindest den Blumenpart nachher in Angriff zu nehmen.

»Vielleicht versuche ich es.«

»Mach das.«

»Und wie läu es bei euch zu Hause? Seid ihr eine normale Familie mit normalen Problemen?«

Marie sieht überrascht von unseren Händen auf und tri meinen Blick, dabei ist die Frage harmlos genug, um meine Neugier darauf, was mit eo los ist, nicht zu offensichtlich zu erkennen zu geben.

»Würde sagen, das sind wir. Ziemlich normal und irre langweilig.«

Ich drücke kurz ihre Hand.

»Du bist eine miese Lügnerin, Sternenprinzessin.«

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