Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln
– 1 –
Marie
Die Narbe an seiner Lippe, die sein Lächeln in zwei Hälen teilt, sieht ein bisschen aus wie ein Ausrufezeichen. Eines, das er unbewusst hinter alles setzt, was er sagt. Selbst, wenn er – wie jetzt – nichts sagt.
Die dunklen Haare trägt er kurz, so wie fast alle Jungs in unserem Jahrgang. Unter trotzigen Augenbrauen mustern uns blaue Augen, die mich an abgeschliffenes Metall erinnern, wenn auch nicht ganz so hart.
Es ist immer scheiße, wenn man der Neue in der Klasse ist. Und Samuel Nowak ist genau das. Mit den meisten Schülern teile ich mir seit der sechsten Klasse die Sorgen, Hausaufgaben und Lieblingslehrer. Die Rollen der besten Freunde, des Klassenclowns, des Mathegenies und des coolen Rudelführers sind bereits besetzt, viel Platz für einen neuen Schüler gibt es nicht mehr. Vermutlich deswegen nehmen ihn alle etwas skeptisch unter die Lupe, aber Samuel zeigt sich davon ziemlich unbeeindruckt. Während Herr Müller, unser Lehrer, die Eckdaten des Neuen abspult, lächelt dieser souverän und freundlich, wenn auch distanziert.
Jeans, Turnschuhe, Rucksack, er sieht aus wie jeder Junge auf dieser Schule, allerdings ist er bereits ein Jahr älter, weil er das letzte Schuljahr wiederholen musste. Vielleicht ist dies auch der Grund für seinen Schulwechsel, und er will nun hier mit uns im zweiten Anlauf den Abschluss machen.
»Es wäre also nett, wenn ihr Samuel den Einstieg so weit wie möglich erleichtern könntet.«
Wir nicken alle unisono, weil keiner zugeben wird, wie wenig Lust wir auf die Erweiterung unseres Rudels haben. Aber Samuel wird das letzte Schuljahr trotzdem sicher irgendwie überleben.
»Du kannst dich hier vorne hinsetzen. Aus uner ndlichen Gründen ist die erste Reihe bei meinen Schülern nicht sonderlich beliebt.«
Samuel nickt und folgt Müllers Vorschlag, nimmt in der ungeliebten und bis dahin leeren Reihe direkt vor mir Platz und versetzt mich damit offiziell in die zweite.
Er hat einen breiten Rücken, der in dem schwarzen Kapuzenpullover, der jetzt, da er die Jacke auszieht, noch besser zur Geltung kommt. Sein Rucksack sieht ramponiert aus, der Block, den er heraus scht, dagegen ist neu und unbenutzt.
»Sag mal …«
Er dreht sich zu mir, ertappt mich dabei, wie ich ihn beobachte und lächelt verhalten freundlich.
»Hättest du einen Kugelschreiber für mich? Hab mein Mäppchen vergessen.«
Seine Stimme ist tief und rau, passt zu seinem markanten Gesicht und dem Blick, der mich mit einer Mischung aus Argwohn und Neugier durchdringend mustert.
»Klar.«
Er verfolgt meine Bewegungen genau und sein Blick bleibt an meinem Mäppchen hängen. Bisher war es mir nie peinlich, aber gerade frage ich mich, wieso ich dieses Ding, das ich seit der 5. Klasse besitze, nie ausgetauscht habe. Es mag abgewetzt sein, aber die Figuren des Film-Klassikers Star Wars kann man noch immer ausgesprochen gut erkennen. Prinzessin Leias stolzer Blick, die weltbekannte Frisur und ihr mutiges Lächeln. Hoffentlich werde ich nicht zu offensichtlich rot, als ich den gelben Kugelschreiber, den ich am Tag der offenen Tür an der Uni habe mitgehen lassen, hervorziehe und ihm reiche.
»Wiedersehen macht Freude.«
Samuel nimmt ihn an und salutiert knapp.
»Wird gemacht. Danke …«
Er sucht meinen Namen, den er natürlich noch nicht kennt, und dann fällt sein Blick wieder auf mein Mäppchen.
»… Sternenprinzessin..«
Außer den dunklen Haaren haben wir zwar nicht besonders viel gemeinsam, aber ich muss trotzdem zugeben, es gefällt mir, dass er mich so nennt. Ich lehne mich ein bisschen weiter nach vorne, will den Unterricht, der ohne uns weitergegangen ist, nicht unnötig stören.
»Marie.« Ich reiche ihm die Hand. »Marie Mulden.«
Er nimmt meine Hand an, sein Händedruck ist fest, aber warm, ebenso wie sein Lächeln, das jetzt zumindest seinen linken Mundwinkeln erfasst hat.
»Samuel. Aber das weißt du ja schon.«
»Und nennen deine Freunde dich Sam?«
Meine Frage verscheucht das angedeutete Lächeln, und ich ernte ein Kopfschütteln, bevor er meine Hand wieder loslässt.
»Meine Freunde nennen mich Nowak.«
Keine Ahnung, ob das eine Aufforderung ist, ihn auch so zu nennen, also lehne ich mich zurück und versuche ihn mir als Nowak vorzustellen.
»Dann nenne ich dich lieber einfach Samuel.«
»Alles klar, Prinzessin Leia.«
Meinen Namen habe ich noch nie besonders gemocht, weil er mich so erwachsen und erhaben klingen lässt, von daher bin ich nicht besonders traurig darüber, dass er sich einen Spitznamen für mich ausgedacht hat.
»Und danke für den Kugelschreiber.«
Er schiebt ihn sich lässig hinter das Ohr, zwinkert mir zu und dreht sich wieder in Richtung Tafel, wo Müller uns über die anstehende Lektüre für die kommenden Wochen aulärt. Zu meiner Schande erwische ich mich für den Rest der fünfundvierzig Minuten immer wieder dabei, wie ich Samuels Hinterkopf, seinen Nacken und die Schultern studiere.
Das ist die beste Aussicht, die ich in der Doppelstunde bei Herrn Müller seit Langem hatte.
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