Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln
- 8 -
Samuel
Da bist du ja endlich. Ich habe mir schon Sorgen gemacht.«
Mama sitzt am Küchentisch, die Brille auf der Nase und eine Tasse Tee vor sich. Aber als Erstes fällt mir die Sorge in ihrem Blick auf, als ich die Wohnung betrete.
»Ich habe versucht dich anzurufen.«
Die Uhr an der Wand über ihr zeigt, dass es schon halb elf ist, und die Maultaschen stehen noch immer unberührt im Kühlschrank.
»Sorry, mein Akku ist leer.«
Wie zum Beweis lege ich mein Handy vor sie auf den Tisch und ziehe mir einen Stuhl heran, nachdem ich meinen Rucksack abgestellt habe.
»Wo warst du denn so lange?«
Die einzige Regel, auf die sie bestanden hat, bevor ich eingezogen bin, ist die, dass wir uns die Wahrheit sagen. Keine Lügengeschichten, keine Ausreden, nur die bittere Wahrheit. Unter dieser Bedingung bin ich hier, und ich habe vor, mich daran zu halten.
»Ich war mit omas unterwegs.«
Bewusst nenne ich ihn nicht Tommi, denn Tommi ist schlechter Umgang. omas aber mein bester Freund. Sie atmet tief ein, sobald ich seinen Namen ausspreche, und stützt das Gesicht in ihre Hände.
»Samuel … Doch nicht mit Tommi.«
Nein, nicht mit Tommi.
»Wir waren nur was essen.«
»Bis eben?«
»Nein. Wir sind noch ein bisschen durch die Stadt gefahren.«
Sie hebt den Blick gerade so weit, dass sie mir direkt in die Augen sehen kann.
»Hast du was getrunken?«
»Eine Cola.«
»Geraucht?«
Ich lehne mich in ihre Richtung, damit sie an mir und meinen Klamotten schnuppern kann.
»Nichts.«
Sie glaubt mir, das kann ich sehen, und außerdem hat sie keine Beweise, meine Jacke riecht maximal nach Knoblauch, weil mir Soße auf den Ärmel getrop ist, aber sicher nicht nach Rauch.
»Ich möchte, dass du direkt nach der Schule heimkommst und nicht bis spät durch die Stadt ziehst.«
Das hier ist keine Diskussion und ich habe nichts dagegen vorzubringen, also zucke ich die Schultern und gebe mich geschlagen.
»Okay.«
»Das ist mein Ernst, Samu.«
Sie hat mich schon eine Ewigkeit nicht mehr Samu genannt, und irgendwie ist es mir ein bisschen peinlich, weil es klingt, als wäre ich noch acht Jahre alt.
»Gut. Dann haben wir das geklärt. Wie war die Schule?«
»Echt okay. Das ist eine gute Schule.«
»Glaubst du, dass du mitkommen wirst?«
»Bestimmt.«
Mein Vater hat nie nach meinem Schultag gefragt oder wo ich mich rumgetrieben habe. Das fand ich eigentlich ziemlich cool, weil ich mir so irre erwachsen vorkam. Ich dachte, mein Vater vertraut mir so sehr, dass er mich nicht ständig kontrolliert. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich verstanden habe, dass es ihm einfach egal ist.
»Hast du Hausaufgaben?«
»Ja. Die mache ich gleich.«
Mama nickt und steht auf, will mir wohl die Privatsphäre dafür geben, doch auf meiner Höhe bleibt sie stehen und berührt meine Wange.
»Es ist schön, dass du wieder da bist.«
Eigentlich will ich voll cool reagieren, mit einem albernen Spruch die Sentimentalität aus dem Moment nehmen, aber die Wahrheit ist, dass ich froh bin, hier zu sein. Kurz schließe ich die Augen und lehne mich ein bisschen in ihre Berührung.
»Falls du Hunger hast, die Maultaschen stehen noch im Kühlschrank.«
Sie küsst meinen Scheitel und lässt mich dann alleine in der winzigen Küche zurück. Ich warte, bis ich mir sicher sein kann, dass ich wirklich alleine bin, bevor ich die Augen wieder öffne und kurz durchatme.
Alles erzählen sie einem, auf alles bereiten sie dich vor, aber wie es ist, mit fast achtzehn wieder zur Mutter ziehen zu müssen, das erklärt dir keiner.
Jahrelang habe ich eine ungemeine Wut auf sie gep egt, weil sie Papa und mich einfach so verlassen hat, aber jetzt merke ich, wie sehr ich sie in all den Jahren immer nur vermisst habe. Die Wut war eigentlich nur Enttäuschung und ein bisschen Angst. Angst davor, dass sie mich gar nicht liebt oder will. Dabei hat sie nur den Absprung gewagt, bevor sie kaputtgehen konnte.
Den Gedanken abschüttelnd greife ich nach meinem Rucksack und
sche das Biobuch und den Ordner hervor, als mir ein gelber
Kugelschreiber entgegenfällt.
Maries Kugelschreiber.
Wie sie mich von ihrem Bruder weggeschubst hat und in Grund und Boden gestarrt hat, als müsse sie eo vor dem Angriff der Weißen Wanderer beschützen. Das hat mir imponiert, und ich werde das Gefühl nicht los, dass sie sich auch, ohne mit der Wimper zu zucken, mit diesem Arschloch-Andi angelegt hätte.
Ich drehe den Kugelschreiber zwischen meinen Fingern und erwische mich dabei, wie ich unser erstes Aufeinandertreffen noch mal durchspiele.
Das Gute an der neuen Schule ist, dass mich dort niemand kennt und ich noch mal bei null anfangen kann. Was mir vorgestern noch den Angstschweiß auf die Stirn getrieben hat, emp nde ich jetzt als angenehme Befreiung, denn ich bin einfach nur einer von vielen. Keine Sonderbehandlung, kein Zurückweichen, keine Angst.
Und morgen darf ich das Gleiche noch mal erleben. Grinsend mache ich mich an die Aufgaben und beschließe, mein Mäppchen in nächster Zeit vorsichtshalber öer zu vergessen.
Nur für den Fall, dass mich das Glück wieder in Maries Nähe schleudert.
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