Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln
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Theo
Familienabendessen sind das Schlimmste.
Marie schaltet in den Joke-Modus, erzählt amüsante Anekdoten aus ihrem Schultag, die sie ausschmückt und dafür Lacher von Mama und Papa kassiert. Es ist nichts weiter als ein Ablenkungsversuch, der mir beim Essen Ruhe bescheren soll. Nur vor den Blicken meiner Eltern kann sie mich nicht schützen, dafür müsste ich mir einen Bunker mit Stacheldraht und Elektrozaun bauen, und an manchen Tagen klingt das sogar echt verlockend.
Ich weiß, dass sie sich Sorgen machen, aber sie merken nicht, wie sehr sie mich darunter erdrücken. Also spiele ich eine Rolle, so wie Marie, und jedes Abendessen wird zu unserer eaterbühne.
Marie, die Lustige, deren Schulalltag einer Sitcom gleicht, und ich, eo, der Optimist, der mit blendender Zuversicht in den nächsten Tag und das kommende Abenteuer startet, weil ihn nichts und niemand kaputtkriegen kann.
Alles für das dankbare Publikum aka unsere Eltern, die an den richtigen Stellen lachen, klatschen und ihre Ohs und Ahs in die Runde werfen.
Ich hasse das.
So sehr, dass ich schon o eine Magenverstimmung vorgetäuscht habe, damit ich nicht mit ihnen allen zusammen essen muss. Heute gab es keine Chance auf Flucht, und so gilt es wieder mal, eine 1 a Performance hinzulegen.
»Wer ist denn dein neuer Kumpel, von dem mir Marie erzählt hat?«
Mama ist wirklich interessiert. Um nicht zu sagen, sie recherchiert für ihren Investigativbericht über mein Leben. Meine Schwester und ich wechseln kurz einen Blick, verständigen uns wortlos über den nächsten Akt wie alle guten Impro-Künstler und ich lege das Besteck vorsichtig beiseite, hole Lu und beginne den zweiten Akt.
»Sein Name ist Samuel. Netter Typ.«
Ich bete, dass sie nicht noch mehr Infos wollen, denn ehrlich gesagt, weiß ich nicht mehr über ihn.
»Samuel. Interessanter Name.«
»Mhm.«
»Woher kennst du ihn?«
Ich will sie nicht anlügen, zumindest nicht direkt und vor allem nicht einfach so. Meistens halte ich mich grob an die Wahrheit, die ich an den notwendigen Stellen etwas dehne.
»Ähm …«
Es gibt keine Notlüge, in der ich Andi nicht auslassen könnte, und so springt mir Marie rettend zu Seite.
»Samuel ist eigentlich in meinem Jahrgang, aber er hatte sich verlaufen. Erster Schultag und so.«
Gute Idee, die Story könnte funktionieren. Nickend übernehme ich wieder.
»Und ich habe ihn ein bisschen rumgeführt.«
»Ach so. Er ist also älter.«
»Jap. Marie hat Bio und Deutsch mit ihm.«
Der Blick, den ich für die Weitergabe dieser Info von meiner Schwester kassiere, ist nicht besonders nett, aber vielleicht lenkt das für den Moment die Aufmerksamkeit auf sie und weg von mir.
»Wo kommt er denn her?«
»Keine Ahnung.«
Maries Körperhaltung würde selbst einem Fremden verraten, dass sie das ema nicht mit meinen Eltern besprechen will, aber die übersehen es mal wieder und haken sofort nach.
»Und denkst du, er ist ein guter Umgang für eo?«
»Sicher. Wieso nicht?«
»Ich frag ja nur …«
»Er ist wirklich in Ordnung.«
Maries Verteidigung klingt sogar überzeugend, und ich sehe überrascht zu ihr, doch sie zuckt nur die Schultern und stochert wieder in ihrem Essen.
»Nun, auf jeden Fall ist es schön, dass du mal wieder Kontakt suchst, eo.« Papa klop mir ermunternd auf die Schulter und ich nicke tapfer.
Wie gerne würde ich ihnen sagen, dass ihre Vorstellung von meiner Heilung nicht funktioniert und sie mich gerne noch weiter von Arzt zu Arzt reichen können. Zu Beginn der erapie hieß es immer: Es braucht Zeit. Jeder heilt anders. Aber offenbar drängt jetzt doch alles auf eine deutliche Genesung nach Plan.
Dabei würde ich mich an den meisten Tagen am liebsten noch immer in meinem Zimmer verkriechen und einfach nur dort bleiben. Aber sobald ich das auch nur erwähne, wird direkt ein neuer Termin bei Dr. Schädle vereinbart. Und dann muss ich wieder reden.
Und reden.
Und reden.
Und je mehr ich rede, desto häu ger geht der Horror wieder von vorne los.
Nur ändern tut sich nichts.
Also funktioniere ich. Für Mama, für Papa und für Marie. Wer weiß, vielleicht schaffe ich es ja eines Tages sogar, mich auf diese Art selbst davon zu überzeugen, dass alles wieder in Ordnung kommt.
Nur noch ein bisschen durchhalten.
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