Ein Lächeln sieht man auch im Dunkeln
- 6 -
Marie
Theo ist direkt auf sein Zimmer gegangen. Das läu immer so ab. Kaum durch die Tür, kurzes Hallo und zack!, nichts wie weg. Damit überlässt er mich Mamas Inquisition, und ich frage mich dabei mal wieder, ob sie meine offensichtlichen Ausreden nicht schon längst durchschaut hat.
»Was ist mit seinem Kinn passiert?«
»Ist wohl beim Sport passiert.«
Sie nickt, will es glauben, weil das leichter ist als die vermutete Wahrheit.
»Wie liefen die Pausen?«
»Ganz gut.«
»Gab es Ärger?«
Ich schüttele den Kopf ganz automatisch, obwohl sich das Bild von ihm, wie er seine Sachen vom Boden gesammelt hat, sofort ungefragt einstellt.
Das und Samuels.
»Also ein guter Tag?«
Diesmal nicke ich, beantworte die Frage mehr oder weniger wahrheitsgemäß.
»Ist sonst etwas vorgefallen?«
Kurz schüttele ich den Kopf.
Dieses Gespräch mit Mama habe ich schon o genug geführt, um zu wissen, dass sie sich nicht nach meinem Tag erkundigt. Hier geht es um eo. So wie eigentlich immer seit dem Zwischenfall. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt und bilde mir ein, dass es gar nicht mehr wehtut, selbst wenn ich eigentlich etwas erzählen will, das so gar nichts mit eo zu tun hat und ich auf halbtaube Ohren treffe.
»Und wieso grinst du dann so?«
Ertappt sehe ich zu Mama, die in der Küche neben der Arbeits äche lehnt und mich interessiert mustert.
»Ich grinse gar nicht!«
Meine Mutter legt den Kopf ein bisschen schief, und ich kann spüren, wie meine Wangen zu glühen beginnen.
»Stimmt, ist eher ein echtes Lächeln.«
Als müsse ich mich selbst davon überzeugen, berühre ich meine Wangen, da, wo die Mundwinkel tatsächlich deutlich nach oben deuten und spüre gleichzeitig die Wärme meiner Haut unter den Fingern.
»Habe ich etwas verpasst?«
Mütter. Wieso haben sie dieses eingebaute Frühwarnsystem für Veränderungen im Leben ihrer Kinder und wieso funktioniert es nach einem guten Jahr Pause noch immer?
»Nein.«
Dabei fällt mir ein, dass Samuel mir meinen Kugelschreiber noch immer nicht zurückgegeben hat. Somit habe ich morgen zumindest schon mal einen Grund für ein Gespräch, falls sich keines spontan ergeben sollte.
»Ich kenne dieses Nein, Marie. Es bedeutet meistens Ja.«
Mama lächelt mich verschwörerisch an, und kurz spiele ich mit dem Gedanken, ihr einfach zu erzählen, dass es einen neuen Schüler bei uns gibt. Und was er heute für eo getan hat. Aber dann müsste ich auch erzählen, was Andi so mit eo treibt und dann … fahren meine Gedanken wieder Karussell, und zwar viel zu schnell.
»Verschweigt eo uns etwas?«
Das Lächeln stirbt auf meinen Lippen und bleibt wie erschossen liegen.
»eo?«
Mama nickt so hoffnungsvoll.
»Ich dachte, vielleicht ist ihm etwas Schönes passiert und du musst deswegen lächeln.«
Natürlich . Wegen eo. Vergessen die Tatsache, dass ich ein eigenes Leben habe, das sich vor einer langen Zeit in einer Galaxie weit, weit entfernt mal nicht nur um meinen Bruder gedreht hat. Ich kann die Wut in meinem Mund schmecken, schlucke sie aber so schnell und hart es geht runter und schenke meiner Mutter das falsche Lächeln, das mir inzwischen jeder abnimmt, weil ich es perfektioniert habe.
»Er hat wohl einen neuen Kumpel gefunden.«
So zumindest kann ich ein bisschen länger an Samuel denken. Mama lehnt sich sofort interessiert nach vorne und ich erkenne einen hoffnungsvollen Schimmer in ihren müden Augen.
»Ach wirklich?«
»Ich habe gesehen, wie er sich mit einem anderen Jungen echt gut unterhalten hat.«
»Na, das ist ja ein riesiger Fortschritt. Das ist großartig!« Es fehlt eigentlich nur, dass sie vor Begeisterung in die Hände klatscht. »Wie wunderbar.«
»Ja. Echt wunderbar.«
»Das wird Papa freuen, wenn er nach Hause kommt.«
Papa arbeitet nämlich Vollzeit, Mama nur noch halbtags. Damit sie zu Hause sein kann, für den Fall, dass eo sie braucht. Kaum zu glauben, dass er nur ein Jahr jünger ist als ich und noch immer die Rundumbetreuung unserer Eltern bekommt. Manchmal fühlt es sich so an, als hätten sie mich aus dem Nest geschubst, weil ich ja ohnehin iegen kann, damit sie es für eo bequemer ausbauen können. Doch kaum habe ich diesen Gedanken, will ich mich dafür ohrfeigen.
»Ich mach mich mal an die Hausaufgaben.«
Bevor sie antworten oder noch mehr Fragen stellen kann, eile ich aus der Küche über den Flur und bleibe kurz an eos Zimmertür stehen. Wie immer ist sie geschlossen, weil er nach der Schule für gewöhnlich seine Ruhe braucht. Einen Augenblick warte ich, atme die Wut dahin zurück, wo sie hingehört, nämlich irgendwo in Richtung Galle, dann klopfe ich dreimal und warte.
»Ja?«
Ich schiebe die Tür nur einen kleinen Spalt weit auf, schiele ins Zimmer, wo eo ausgestreckt auf dem Rücken im Bett liegt und an die Decke starrt.
»Falls Mama fragt, du hast heute mit einem Kumpel in der Schule gequatscht.«
Ruckartig setzt er sich auf.
»Habe ich?«
»Dieser Samuel.«
»Ich kenne den Typen doch nicht mal.«
»Schon klar, aber Mama hat angefangen, Fragen zu stellen.«
Er weiß, wie sehr ich es hasse, für ihn zu lügen, und vielleicht nickt er deshalb so matt. Blass ist er geworden. Und ein bisschen dünner. Manchmal mache ich mir Sorgen, dass er sich au ösen könnte, und zwar vor unser aller Augen, weil niemand ihn zu fassen bekommt.
»Darf ich reinkommen?«
Er reagiert nicht, aber ich erkenne an seinem Blick, dass es okay ist, und so schlüpfe ich in sein Zimmer und schließe die Tür, bevor ich mich dagegenlehne.
»Willst du es ihnen nicht sagen?«
»Nein!«
Seine Stimme klingt erstaunlich hart, für jemanden mit so einer schmalen Statur. Mir fehlen seine wilden dunklen Locken, die ihn so frech gemacht haben und an denen ich ihn in jeder Menschenmenge sofort erkannt habe. Jetzt sind seine Haare ganz kurz, weil er glaubt, das würde ihm stehen. Sicher, eo hat noch immer sein hübsches Gesicht, auch wenn es inzwischen etwas kantiger geworden ist. Sein Babyspeck ist weg, und er ist auf dem besten Weg, nicht mehr viel Ähnlichkeit mit meinem kleinen Bruder zu haben, den ich so sehr vermisse.
»Vielleicht könnten sie mit dem Direks reden.«
Er schüttelt so wild den Kopf, dass ich befürchte, er könnte vom Bett rutschen.
»Das bringt nichts, Marie. Es würde alles nur noch schlimmer machen.«
Um seinem traurigen Blick auszuweichen, sehe ich mich in seinem Zimmer um, das mir noch immer vorgaukeln will, dass hier mein Bruder lebt. Die Poster seiner Lieblings lme an der Wand, Postkarten, die alte Freunde geschrieben haben, ein paar Polaroids vom Sommer in Kroatien und die Playstation, die mitten im Zimmer steht, als wäre sie dort festgewachsen.
Aber der Junge, der jetzt an die Bettkante rutscht, der ist nur eine billige Kopie von dem eo, dessen Lachen unsere Wohnung erfüllt und mich in den Wahnsinn getrieben hat. Immer saß ihm der Schalk im Nacken, der nächste blöde Spruch lag schon auf seinen Lippen, und ein freches Grinsen versteckte sich im Mundwinkel, allzeit bereit, abgefeuert zu werden.
Ich vermisse diesen eo so sehr, dass mir das Atmen manchmal schwerfällt.
»Bitte, Marie.«
»Und was, wenn ich nächstes Jahr mit der Schule fertig bin? Was wird dann aus dir?«
Darüber haben wir nämlich noch nicht gesprochen, und ich befürchte, er verdrängt den Gedanken erfolgreicher als ich.
»Ich komm schon klar.«
»Andi wird dich dann doch erst recht ins Visier nehmen und …«
»Ich komm schon klar!«
Das klingt trotzig und verzweifelt zugleich. Das schlechte Gewissen robbt sich von Tag zu Tag näher an mich heran und ich kann seinen fauligen Atem schon fast in meinem Nacken spüren. Ich lasse meinen Bruder einfach zurück.
»Im Ernst, irgendwie komme ich klar. Mach dir bitte keine Sorgen.«
Fast lache ich auf, weil ich seit Monaten nichts anderes mehr tue als das.
»Du machst deinen Abschluss und fertig.«
Jetzt erinnert mich sein Lächeln tatsächlich wieder ein bisschen an den alten eo, der mich mit einem Augenzwinkern beruhigen konnte.
»Von mir aus.«
»Okay, Marie. Du bist echt die Beste.«
Wieso fühlt es sich dann nicht so an?
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