Project Different
Kapitel 1
[Addison Havering]
Inzwischen hatte ich mich langsam daran gewöhnt, dass ich nicht selber entscheiden konnte und eigentlich kein eigenes Leben hatte. Emily lebte nun mal für mich – sie traf die Entscheidungen. Ich könnte ihr eventuell meine Meinung geigen, aber ob sie auf mich hörte war dann noch eine andere Sache. Zum Glück konnten wir uns alle drei einigen, dass Emily nichts mit Jungs anfangen würde oder einmal heiraten würde. Was für ein Leben! Mir war klar, dass Emily das immer schwerer fiel – immerhin waren wir inzwischen siebzehn. Andererseits waren Ashley und ich ja wohl noch schlimmer dran.
Hörst du die Gedanken von der Neuen?, gab ich an Emily und Ashley weiter. Nein! Die gehen mich gar nichts an. Wir wollten das doch lassen!, meinte Emily.
Da hatte sie wohl recht, doch leider hatte ich sie mir aus Neugierde trotzdem angehört: Jeder in diesem Raum ist hässlicher als du. Das ist schon mal ein Pluspunkt. Okay, wenn ich mir das Mädchen jetzt genauer anschaute, war es vielleicht doch nicht mehr so witzig. Denn die Neue zeigte auch nach außen was sie dachte. Vor mir stand quasi die typische Vorzeigetussi: langes blondes Haar, blaue Augen, Solariumbräune, pinke Kleidung und natürlich die passende Handtasche. Mit der freunden wir uns jetzt aber nicht an, Emily, warnte ich sie. Achtung! Sie spielt auf Jane an, erklärte Ashley und damit hatte sie auch Recht. Als wir neu auf diese Schule kamen, kam ein Mädchen namens Jane Doe auf uns zu. Vielleicht passt sie total gut zu Emily – aufgeschlossen und etwas ausgeflippt. Aber ich kann mit solchen Mädchen nichts anfangen. Das einzige was ich an ihr interessant fand war die Tatsache, dass wir aus irgendeinem Grund ihre Gedanken nicht lesen können. Vielleicht ist sie ja dann doch besonderer als sie von außen den Eindruck macht. Oder sie ist so einfach gestrickt, dass man ihre Gedanken nicht kennen braucht, weil sie alles sagt was sie meint. Ich musste innerlich lachen. Okay, Freunde für Emily sollten in Ordnung sein. Ich konnte ihr ja nicht alles verbieten.
Aber ich hätte mich nie auf Jane eingelassen. Alleine schon wenn man sie sieht: Diese extrem helle Haut mit den hellbraunen schulterlangen Haaren und grünen Augen. Sie konnte auch keinen eigenen Klamottenstil entwickeln. Manchmal kam sie ganz in schwarz gekleidet zur Schule, am nächsten Tag war sie vollkommen bunt. Das einzige was sich bei ihr nie änderte war ihr stark geschminktes Gesicht.
»Hey, Em. Na? Schon aufgeregt auf das Projekt in Sozialkunde?«, fragte Jane von Begeisterung nur so überströmt. Am liebsten hätte ich Es ist doch nur ein Schulprojekt erwidert, aber das war ja bekanntermaßen nicht möglich. »Klar, wenn wir drei uns zusammen für eine Gruppe eintragen lassen«, antwortete Emily zuckersüß. Genau, auf der anderen Seite der Clique gab es ja noch Isabella Ray, die schon eher zu mir passen könnte – wenn man mal die Tatsache außer Acht lässt, dass sie nicht mal von meiner Existenz weiß.
Isabella und Emily kennen sich noch nicht so lange wie Emily und Jane. Außerdem hatte man das Gefühl, dass Jane und Isabella nur wegen Emily miteinander befreundet waren. Isabella war genauso zielstrebig wie Emily. Über ihrer Schulter hingen lange, lockige, schwarze Haare, die super zu ihrem dunklen Teint passten. Zwar konnte ich mich mit ihrem Klamottenstil gar nicht identifizieren, denn sie trug ausschließlich Kleider und Röcke. Aber sie hatte eine andere Seite, was man auch an ihren markanten Gesichtszügen merkte. Sie sah die Welt nicht als ganz so perfekt an, wie Jane und Emily es taten. Aus diesem Grund könnte ich mir vorstellen mit ihr befreundet zu sein. Aber das war ja eh nicht möglich. Außerdem wusste ich, dass sie ein Tattoo auf der linken Schulter hat, das keep on sagt. Isabella hatte Emily erzählt, dass sie sich das Tattoo nach dem Tod ihrer Eltern durch einen Verkehrsunfall machen ließ.
Aber ich brauchte eigentlich keine Gedanken an Isabella und Jane verschwenden. Ich würde in meinem Leben eh nie mehr als zwei Freunde haben – und die hießen nun mal Ashley und Emily. Wobei ich zugeben musste, dass ich besser mit Emily klar kam. Es lag einfach an ihrer Persönlichkeit. Klar war Ashley nett und so… aber sie war mir einfach zu gutgelaunt. Emily war kämpferisch und wusste genau was sie wollte. Klar, war das manchmal nervig, aber auch ich eine Kämpfernatur und würde im Leben gut alleine zu Recht kommen – wenn ich denn mal alleine sein könnte.
Was mich auch nervte: Ich wusste nicht mal wie ich eigentlich aussah. Zwar hatte der Körper indem ich mich befand lange rotbraune Haare, grüne Augen, war nicht besonders groß und hatte dank des Versuchs eine Narbe rechts oben am Kopf. Aber das war nicht mein Körper. Ich würde sicher niemals so piepsig sprechen wie Emily es tat. Ich würde mich auch anders ankleiden. Eher sportlicher und nicht diese modernen schlichten Klamotten, die sie krampfhaft mit Ketten versuchte aufzupeppen.
Nach gefühlten Stunden des Wartens kam dann endlich mal unsere Soziallehrerin Mrs. Baker. Soziales Verhalten als Unterrichtsfach war meiner Meinung nach total überflüssig. Obwohl – bei manchen Primaten in dieser Klasse ist es vielleicht doch nicht ganz unwichtig.
»Guten Morgen, wie ihr ja alle wisst, steht heute unser Projekt an, das zweidrittel eurer Gesamtnote ausmacht. Am Ende des Halbjahres erwarte ich eine Präsentation zu dem Thema, wie ihr euch in der Welt nützlich gemacht habt. Außerdem ist es Pflicht, etwas zu dem Arbeitsklima zwischen den einzelnen Gruppenmitgliedern zu sagen. Probleme sind sogar erwünscht. Wichtig ist nur, wie ihr damit umgegangen seid. Um euch etwas zu motivieren, könnt ihr euch einen Partner aussuchen mit dem ihr gerne zusammen arbeiten wollt. Insgesamt sollte die Gruppe aus sieben bis acht Mitgliedern bestehen.«
Jane schoss sofort den Arm in die Luft. »Können wir uns auch zu dritt zusammen tun?« »Im Notfall geht das auch. Aber bitte insgesamt sieben oder acht Personen – das ist wichtig. Schreibt eure Wünsche jetzt bitte auf einen Zettel, denn diese werden nachher gezogen. Wenn ihr keinen Partner findet, könnt ihr auch nur euren Namen auf den Zettel schreiben.«
Jane hatte sofort einen Zettel und Stift gezückt und schrieb die Namen Emily, Isabella und Jane darauf. Anschließend klappte sie ihn akkurat zusammen. »Na dann hoffen wir mal, dass wir nicht die Loser kriegen«, flüsterte Isabella leise, während Mrs. Baker rumging und die Zettel einsammelte. »Also Bella! Sowas sagt man nicht«, sagte Jane und räusperte sich, grinste aber trotzdem.
Während Mrs. Baker die einzelnen Namen zog und Gruppen daraus machte, schaltete ich komplett ab. Warum auch nicht? Mrs. Baker würde es eh nicht merken. Erst als sie unseren Zettel zog, spitze ich dann doch die Ohren. »Gruppe drei bilden Emily, Bella und Jane, außerdem Avery und Ethan. Dann haben wir zum Schluss noch zwei einzelne Personen, die die Gruppe komplett machen: Chloe und Tyler.«
Inzwischen kannte ich die Klasse dann doch so gut, dass ich zu jedem Namen ein Gesicht kannte. Doch der Name Chloe sagte mir dann doch nichts. Mir graute Schlimmes, da das dann wohl diese neue Tussi sein musste. Obwohl ich mir den Rest der Gruppe ungefähr bildlich vorstellen konnte, wusste ich nichts über deren Persönlichkeiten. Da hatten wir ja eine tolle Gruppe für unser dummes Schulprojekt erhalten…