Project Different

Annika Ha · Kapitel 11 von 29

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Project Different

Kapitel 11

[Addison Havering]

Der größte Traum in meinem Leben war es immer, dass ich meinen eigenen Körper besitzen würde. An dem heutigen Tag ist der Traum wie durch ein Wunder endlich wahr geworden. Doch in dieser Situation fühlte sich das alles eher wie ein Albtraum an.

Als unsere Rakete nun so unbeholfen durch die Galaxie fuhr, spürte man regelrecht die deprimierende Stimmung im Raum. Und obwohl ich jetzt endlich in der Lage war vernünftige Gespräche zu führen, die nicht mit Ashley oder Emily waren, saß ich doch alleine in der Ecke und starrte in die Dunkelheit, die nur von wenigen Sternen erhellt wurde.

Eigentlich wollte ich schon immer mal ein Gespräch mit Isabella führen, wenn ich meinen eigenen Körper besitzen würde. Doch diese war verschwunden – genauso wie Tyler. Vielleicht war sie tot, vielleicht auch nicht. Aber eins stand fest: Sie befand sich irgendwo an einem Ort, den wir nicht kannten.

Emily schien ständig auf und ab zu gehen, als würde sie angestrengt nachdenken. Doch ohne ihre Fähigkeit schien ihr das anscheinend nicht zu gelingen, denn ihr Blick sagte alles, aber nicht: Ich habe einen Plan, der uns retten könnte. Ich konnte mir immer noch nicht erklären, warum wir uns ausgerechnet jetzt hatten trennen mussten. Ob das wohl ein weiterer Rachefeldzug der Vodmus gewesen war? Eigentlich eher unwahrscheinlich. Aber unser ganzes Leben waren wir zusammen, ohne dass wir es zwingend gebraucht hätten. Jetzt wo wir es zum ersten Mal wirklich gebraucht hätten, bekam jeder seinen eigenen Körper. Das Schicksaal ist echt ein mieser Verräter.

Vollkommen in meinen Gedanken versunken, bemerkte ich gar nicht, dass mich jemand von hinten auf die Schulter tippte. Da sie das anscheinend schon eine Weile tat und ich nicht reagiert hatte, fragte sie nun: »Hallo?« Es war die Stimme von Chloe. »Wer bist du noch gleich? Addison oder Ashley?«

Als ich mich umgedreht hatte, umkreiste sie mich und nahm den Platz neben mir ein. »Addison«, entgegnete ich schlicht. »Puh, ein Glück. Ich weiß nicht, ob ich in dieser Situation die Alles-wird-gut-Trulle ertragen könnte.« Ich grinste kurz, obwohl das ja eigentlich eine kleine Beleidigung gegen Ashley war, doch komischer Weise verstand ich genau was sie meinte.

Als ich nichts sagte, fuhr sie einfach fort: »Jedenfalls dachte ich, dass wir uns jetzt mal unterhalten können. Ich muss zugeben, als ihr noch in Emilys Körper wart, konnte ich mich nie mit euch unterhalten. Ich fand es einfach seltsam, wahrscheinlich weil ich die Leute zu sehr nach dem Aussehen beurteile. Ich würde sicherlich keinen Unterschied feststellen können, mit wem ich mich da unterhielt. Für mich würde es dann sicherlich nur Emily sein.« Sie legte eine kurze Pause ein, in der ich mich fragte, warum sie mir das alles erzählte. »Ich weiß, du denkst jetzt bestimmt ich bin total eingebildet.«

Ich musste lachen. »Das stimmt, aber das ist nichts neues, denn das dachte ich vorher auch schon. Aber warum erzählst du mir das jetzt?« »Keine Ahnung. Vielleicht möchte ich hören, wie andere darüber denken. Klar, eingebildet. Aber es ist irgendwie vielmehr so, dass ich es nicht könnte, selbst wenn ich es wollte. Ich denke, ich wurde einfach so von meiner Mutter erzogen.«

Darüber dachte ich einen Moment lang nach. »Ich glaube, dass ich kein Stück besser bin als du. Als ich dich zum ersten Mal sah, habe ich mir sofort total viele Vorurteile gebildet. Doch trotzdem hast du Emily, Ashley und mich gerettet, bevor wir in diesem Matsch versinken konnten.«

Chloe blickte kurz Boden, bevor sie antwortete. »Aber du hattest mit deinen Vorurteilen gar nicht mal so unrecht. Ich bin genauso wie ich auch nach außen wirke.« Ich musste an den Moment zurückdenken, als ich Chloe das erste Mal gesehen hatte. »Eigentlich müsste ich dir glauben, immerhin habe ich deine Gedanken gelesen, als ich dich das erste Mal gesehen habe – ausnahmsweise. Aber das Problem ist: Du findest selber, dass du oberflächlich bist, weil man es dir als Kleinkind eingeredet hat. Sicherlich ist diese Art ein Teil von dir, aber du hast mehrere Fassetten, die du leider selber verdrängen willst.«

Ich konnte ihr ansehen, dass sie verwirrt war. Verwirrt, aber vielleicht auch ein kleines bisschen zuversichtlich. Genau konnte ich es jedoch nicht mehr sagen, da ich inzwischen nicht mehr in der Lage war, Gedanken zu lesen.

»Na ja… vielleicht sollte ich anfangen es zu versuchen und höchstwahrscheinlich nicht nur in lebensgefährlichen Situationen. Irgendwelche Tipps zur Unterstützung?«, fragte mich Chloe. Ich überlegte kurz und musste schließlich grinsen, als mir was in den Sinn kam. »Wir könnten unsere Klamotten tauschen.« »Wie zur Hölle soll das helfen?«, fragte sie verdutzt.

»Als Zeichen, dass Kleidung nicht alles im Leben ist.« Chloe verstand anscheinend nicht, dass dieser Vorschlag nicht ganz ernst gemeint war. »Hast du nicht gesagt, dass ich mich nicht komplett ändern kann? Ich soll doch nur meine andere Seite zulassen. Und eins ist mir vollkommen klar: Was meinen Kleidungsstil angeht, habe ich mich schon vor Jahren festgelegt.«

»Ganz ruhig. Ich mach doch nur Witze. Nicht böse gemeint, aber ich würde nur ungern dieses pink schwarze Kleidchen anziehen. Da bleib ich doch lieber bei meiner schlichten Jeans und dem Adidas Shirt«, erklärte ich ihr.

Chloe blickte nun zu Emily hinüber, die sich mit angewinkelten Beinen ans Fenster gehockt hatte. Ihr Kopf war gesenkt, aber es war ziemlich wahrscheinlich, dass sie am Weinen war. »Warum sitzt ihr alle getrennt voneinander? Emily hatte immer den Eindruck gemacht, dass ihr drei dicke Freundinnen seid.«

»Das stimmt auch, aber wir waren unser gesamtes Leben immer zusammen gewesen – ob wir es sollten oder nicht. Außerdem will Emily im Moment sicherlich ein wenig alleine für sich sein. Dafür kenne ich sie gut genug.« Chloe nickte verständnisvoll, wobei sie sich anscheinend gerade vorstellte, wie sie sich in so einer Situation fühlen würde. Doch zu meiner Überraschung wechselte sie im nächsten Moment abrupt das Thema: »Ich will nicht verhungern, Addison. Von all den Möglichkeiten zu sterben, fand ich verhungern schon immer am schlimmsten - verhungern und ertrinken. Da irgendwann auch der Vorrat an Luft ausgehen wird, haben wir ein doppeltes win in unserem worst-case-Szenario.«

Ich bedachte sie mit einem grimmigen Blick. »Das wird nicht passieren. Wir werden alle heile Zuhause ankommen und mit hundert an Altersschwäche sterben.« Leider klang ich selbstbewusster als ich mich fühlte, denn ich hatte immer noch keinen Plan wie wir das schaffen könnten.