Project Different

Annika Ha · Kapitel 15 von 29

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Project Different

Kapitel 15

[Tyler Williams]

Auch wenn es eine Weile gedauert hatte, kamen langsam meine Erinnerungen zurück. Bella, die die ganze Zeit nervös umher lief und darauf wartete, dass endlich meine Erinnerungen zurückkamen, schien langsam Panik zu schieben. Sie fragte die Leute doch tatsächlich, ob nicht irgendwer ein Handy dabei hätte. Natürlich war das vollkommener Quatsch, denn hier unten hatte man überhaupt keinen Empfang.

»Bella! Ich erinnere mich wieder. Du musst dich beruhigen.« »Wie soll ich mit beruhigen, wenn mir keiner zuhören möchte? Wie soll ich die Menschen hier unten warnen?«, fragte sie. Ich ging auf sie zu und hielt sie an den Schultern fest. »Ein und aus atmen, Bella. Sie hören dir nur nicht zu, weil die Idee mit dem Handy Schwachsinn ist.«

Völlig perplex sah sie mich an. »Oh Gott, ich werde langsam verrückt. Tyler, du bist bestimmt der Nächste.« »Das denkst du doch nur, weil Rick dir das eingeredet hat. Man kann nur verrückt werden, wenn man die Angst zulässt. Wenn du dich beruhigt hast, werden wir es noch Mal versuchen. Aber dieses Mal zusammen als Team.« Sie schloss für einen kurzen Augenblick ihre Augen und nickte mir zu, nachdem sie diese wieder geöffnet hatte. Ich überlegte kurz, bis mir schließlich klar wurde: »Du hast das lautere Organ.«

Bella verdrehte die Augen, da sie wusste, dass ich eigentlich auch anders konnte. Doch eine riesige Menschenmasse ließ meine Stimme immer total piepsig klingen. Da konnte ich machen was ich wollte. Schlussendlich gab sie aber nach und schrie in die Menge: »Könntet ihr dieses Mal vielleicht einen Moment alle zuhören? Es ist wirklich wichtig und nein – ich es geht dieses Mal nicht um Handys.« Anscheinend musste sie ein Lachen unterdrücken.

Einige von ihnen hörten auf, verzweifelt in der Erde zu graben. Nach und nach schauten immer mehr Menschen auf. Zwar konnte Bella nicht alle Leute auf sich aufmerksam machen, aber ein paar Ausnahmen gab es schließlich immer. Somit fing Bella trotzdem an zu sprechen.

»Mein Freund Tyler und ich erinnern uns wieder daran, was passiert ist. Man könnte sagen, dass wir quasi geheime Ermittler waren. Viele von ihnen haben vielleicht in der Zeitung gelesen, dass immer mehr Menschen verschwinden. An diesem Fall haben wir gearbeitet. Wir wollten der Sache auf den Grund gehen. Leider gehören wir nun selber zu den Opfern.«

Ein eher schlaksiger Mann mit wildem Bartwuchs im Gesicht fragte ein wenig gereizt: »Schön für euch. Wir sind also Opfer eines Verbrechens. Hilft uns das jetzt irgendwie hier wieder raus zu kommen. Wir haben nämlich nicht mehr lange zu leben. Einige von uns haben es schon nicht geschafft.« Dabei zeigte er auf Leichen, die im hinteren Bereich herum lagen. Die hatte ich zuvor noch gar nicht wahrgenommen. Ich spürte, wie sich mir der Magen umdrehte. Schnell wendete ich den Blick ab und schaute wieder zu den Lebenden. »Wir wollen euch doch nur Hoffnung machen. Der Rest unserer Gruppe scheint nicht hier unten zu sein. Es ist irgendwie schwer zu erklären, aber unsere Gruppe hat es einfach drauf. Wir haben Sachen über diesen Fall herausgefunden als hätten wir Superkräfte. Was ich damit sagen will: Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass sie uns finden werden. Wir haben nämlich schon weitaus Schwierigeres gemeistert.« Eigentlich klangen meine Worte nun sogar selbstbewusster als ich mich eigentlich fühlte.

»Ich hoffe, dass ihr Recht habt«, sagte eine Frau, die schwanger zu sein schien. Ich musste schlucken. Diesen Außerirdischen musste es an einer Seele und menschlichem Mitgefühl fehlen. Dieses einer schwangeren Frau anzutun war echt das Letzte. Aber die Vodmus sahen uns bald sowieso alle hier unten. Eine unterirdische Erde, gefüllt mit Toten. Da wurde mir plötzlich bewusst, dass dieser Untergrund unendlich groß sein müsste. Dass Bella und ich uns hier unten gefunden hatten, war bestimmt nur ein Wunder gewesen. Es war ganz und gar nicht auszuschließen, dass der Rest nicht auch hier unten war. Wir konnten also nur noch hoffen.

Ich konnte mich nicht daran erinnern mich in meinem gesamten Leben schon mal schlechter gefühlt zu haben als im Moment – und ich hatte schon so einiges Unschönes erlebt. Inzwischen hatte ich vergessen, wie viel Zeit ich hier unten bereits verbracht hatte. So mussten sich also die Menschen in Afrika fühlen. Die trockene Zunge, die ständig nach Wasser verlangt oder das ununterbrochene Magenknurren, das man nicht mehr abstellen konnte. Meine Körperfunktionen sanken langsam auf ein minimales Pensum runter. Anstatt wie jeder hier nach einem Ausgang zu graben, gehörte ich jetzt zu der Sorte, die nur noch auf dem Boden vor sich hin vegetierte. Dasselbe konnte man auch von Bella behaupten.

»Sie… sie haben es … es nicht geschafft, oder?«, fragte sie mich mit Mühe, vielmehr Energie blieb ihr nicht mehr. Ich wusste genau was sie meinte, wollte es aber irgendwie nicht richtig wahr haben. Wahrscheinlich hatten sie einfach nicht genügend Zeit gehabt, um uns zu retten. Oder sie wussten einfach nicht, dass man hier unten schneller stirbt als in der Hölle. Oder genauso schnell, denn das was Rick Bella erzählt hatte stimmte: Das hier war die Hölle.

Während ich so auf dem aufgeheizten Boden lungerte, drehte sich mein Körper noch mit letzter Mühe nach Bella um. Ich hatte das Gefühl, dass ihre sonst schon so schwarzen Haare noch schwärzer wirkten. Vielleicht lag das an ihrer blassen Haut. Jegliche Farbe und Wärme aus ihrem Gesicht war aufgebraucht.

Wäre die Situation jetzt anders gewesen, hätte ich sie wahrscheinlich daraufhin gewiesen, dass ihr Sommerkleid hoch gerutscht war. Stattdessen presste ich mit letzter Kraft heraus: »Wir … besonders du… fehlten bestimmt, damit unsere Gruppe … komplett ist. Nur als Team sind wir stark – dieser Spruch ist … ja so verdammt … wahr.«

Bella streckte ihre Hand nach mir aus und ich ergriff diese. Wenigstens konnten wir zusammen sterben. Nicht viele Leute hier unten konnten das von sich behaupten. Bella wollte noch irgendetwas zu mir sagen, doch leider war ihre Stimme so gedämpft, dass ich sie nicht verstehen konnte. Erst als ich spürte, wie der Druck ihrer Hand schwächer wurde, überrollte mich die Finsternis.