Project Different
Kapitel 25
[Emily Tanner]
Ich dachte immer, dass Addison nicht damit klar kam, dass sie keinen eigenen Körper hatte. Wahrscheinlich war das auch so, aber Ashley hat es insgeheim wohl ziemlich viel ausgemacht. Sie hatte es nur wie so viele Male zuvor, einfach verdrängt.
Es ging alles so schnell. Ich konnte gar nicht richtig schalten, was um mich herum passierte. Bevor mir überhaupt erst klar wurde, dass Ashley sich nicht mehr in meinem Körper befand, hatte Jane ihr auch schon das Genick gebrochen. Hektisch berührte ich Ashleys Körper, um sie wieder in Sicherheit zu wissen.
Ashley? Geht es dir gut?, fragte ich sofort. Keine Antwort. Sekunden später verließ Ashley auch schon wieder meinen Körper. Ich versuchte es abermals, doch sie blieb nie lange in mir. Bis es irgendwann gar nicht mehr funktionierte, als ich sie berührte.
Jane lachte schadenfroh. »Ich habe es dir doch gesagt. Ashleys Menschlichkeit hat sie am Ende getötet. Ich habe euch gewarnt.« Erst als ich vor lauter Tränen Jane verschwommen wahrnahm, bemerkte ich überhaupt erst, dass ich geweint habe. »Ashley war die Stärkste von uns.« Ich hielt kurz inne und fuhr mit einem Zorn in der Stimme fort, von dem ich selber überrascht war, dass ich dazu fähig war. »Du bist sowas von tot, Jane. Dafür, dass du Ashley getötet hast.«
Obwohl jeder Mensch an dieser Stelle zusammen gezuckt wäre, blieb Jane kalt. Noch ein Grund, warum sie gelogen hatte: Sie konnte ganz bestimmt nicht fühlen.
»Nur zu. Töte mich. Aber das wird nichts ändern. Einige Vodmus haben überlebt und befinden sich irgendwo vereinzelnd auf der Erde. Keine Chance sie zu finden. Es wird zwar eine Weile dauern, aber die verbliebenen Vodmus werden nicht aufgeben. Sie werden weiter machen und weitere Menschen hier runter schleppen, bis die Menschheit oberhalb so weit reduziert ist, dass die Bevölkerung der Vodmus wieder steigen kann.«
»Wir werden nicht aufgeben. Wir werden nach ihnen suchen. Außerdem kennen wir nun den Eingang und werden jeden einzelnen Menschen wieder befreien.«
»Mag sein. Aber die Vodmus leben länger als du. Selbst wenn die Menschheit zu deinen Lebzeiten verschont bleibt, deine Nachkommen wird es treffen«, erklärte mir Jane mit gehärteter Miene. Obwohl ich den Hauch von Wahrheit in ihren Worten erkannte, drängte ich sie von mir. Ich hatte Heute einfach zu viel durchgemacht.
»Mach’s gut, Jane. Weißt du, für mich war unsere Freundschaft echt gewesen.« »Aber das versuche ich dir doch die ganze Zeit zu erklären, Em. Für mich auch!« »Mag sein, dass du davon überzeugt bist. Doch das Problem ist, dass du dazu programmiert wurdest. So wie du dazu programmiert wurdest, Ashley zu töten. Tut mir ja leid, aber daraus kann sich einfach keine Freundschaft entwickeln.« Ich konnte mir einfach keine weiteren Worte anhören, die mich vom Gegenteil überzeugen sollten. Dazu hatten wir beide eine zu bedeutende Vergangenheit – oder ihr Vorgänger… wie auch immer.
Auch wenn Jane ein Roboter ist, ist sie da gewesen, als meine anderen Mitschüler es nicht gewesen sind. Streber, war eines der harmlosesten Beleidigungen gewesen. Doch das hatte sich dank Jane geändert. Denn Jane war in der Schule immer beliebt gewesen, was mich als ihre Freundin ebenfalls in der Schulhierarchie weiter nach oben brachte.
Ich hatte immer geglaubt, dass Bella sich nur deshalb mit mir angefreundet hatte, weil ich kein Loser mehr war. Jeder dachte, es wäre ich gewesen, die wegen ihres Tattoos auf Bella zugegangen ist. Aber ganz echt… was für ein Schwachsinn! Es war meine Beliebtheit gewesen. Eine Beliebtheit, die ich Jane verdankte.
Nein, stopp! Ich verdankte ihr gar nichts. Es war die ganze Zeit über ein Spiel gewesen. Sie war eine Spionin der Vodmus… sie hatte Ashley getötet! Ohne weiter nachzudenken, trat ich sie zu Boden. Sie versuchte nicht mal aufzustehen. Der Ast auf dem Boden, den ich schon länger ins Auge gefasst hatte, fand nun endlich seinen Weg in meine rechte Hand.
»Danke, Em.« Nein! Ich wollte nichts mehr hören. Ich hatte den Ast schon gehoben. Ich hatte es eigentlich nicht vorgehabt, doch ich konnte einfach nicht anders. Die Worte kamen einfach automatisch über meine Lippen: »Danke wofür?« »Das weißt du nicht? Dass du einen Teil in meinen Leben eingenommen hast. Zwar wurde ich dazu beauftragt ein Auge auf dich zu werfen, doch danke, dass du mich nicht zurück gewiesen hast. Du warst der einzige erfüllende Part in meinem Leben. Der Part, der mich wenigstens ein bisschen menschlich machte. Auch… wenn es am Ende nicht gereicht hat.«
Meine Hand zuckte und mir liefen neue Tränen aus den Augen. Die Worte, die die Vodmus für sie programmierten. Denke daran, Em, hallte Addison in mir wieder. Sie hatte mich Em genannt. Da wurde es mir klar. Ich hatte inzwischen Freunde gewonnen, die mich wirklich liebten. Nicht, weil es irgendwer von ihnen verlangte.
»Auf nimmer Wiedersehen, Jane 2.0«, murmelte ich und hatte endlich die Kraft aufgebracht, die es erforderte den Ast erneut zu heben und mit aller Kraft durch ihr Herz zu bohren. Doch da war kein Herz. Natürlich nicht…
Als Janes Körper erschlaffte ohne einen Tropfen Blut abzugeben, wurde mir eigentlich erst richtig bewusst, dass sie wirklich nur ein Roboter gewesen war… nichts weiter. Meine Beine verloren den Halt und ich sackte über Ashleys leblosen Körper zusammen.
Wir müssen sie nach oben bringen, Addison. Wir müssen alle nach oben bringen. Plötzlich löste sich Bella aus der Menge heraus und kam auf uns zu gerannt. »Oh Gott! Ich erinnere mich wieder an alles.«
Und auch der Rest der Menschenmenge fing an sich zu regen, allerdings voller Hoffnung und Erleichterung, da ihnen Bewusst wurde, dass sie diesen Ort verlassen konnten. Doch wir fühlten nicht so, denn Jane hatte mit fast allem Recht gehabt. Die Vodmus würden nie aufhören ein Problem für uns zu sein. Ashley war umsonst gestorben.