Project Different
Kapitel 27
[Ethan Bradley]
Während der letzten Nacht träumte ich von unserer Begegnung mit der alten Emily aus der Zukunft. Mir gingen ihre Worte einfach nicht mehr aus dem Kopf: Du kannst natürlich auch einen anderen Weg einschlagen, der sicherlich angsteinflößender ist, wenn auch besser. Aber seien wir mal ehrlich: Ich kenne mich natürlich am besten. Du wirst diesen Weg nicht wählen. Du wirst denken, dass dieser Weg gegen die Grundsätze spricht. Ich weiß natürlich, dass du ein Mensch bist, der viel Wert auf Regeln legt. Du nimmst den leichten und sicheren, wenn auch schlechteren Weg. Aber egal.
Ich hatte jetzt schon eine ganze Weile über diese Worte nachgedacht und was sie wohl bedeuten könnten. Vielleicht kannte Emily die Antwort ja bereits und wollte sie einfach nicht wahr haben. Und da ich der einzige war, der sonst noch davon wusste, schien ich es irgendwie als meine Aufgabe anzusehen.
Plötzlich fielen meine Augen zu meinem Schreibtisch, auf dem das Gedicht lag, das Emily für jeden von uns aufgeschrieben hatte. Wir hatten es uns alle zur Aufgabe gemacht, die Bedeutung davon zu finden. Ich hatte es mir schon eine ganze Weile nicht mehr angeguckt, immerhin hatten wir einen Plan wie wir die Gefangenen aus dem Untergrund befreien konnten. Das Gedicht verlor somit an Bedeutung.
Mir kam in den Sinn, jetzt wo alles vorbei war, müssten wir doch auch die Bedeutung dieses Gedichtes kennen. Ich nahm mir vor es noch ein letztes Mal durchzulesen, bevor es in den Papierkorb landete: Die Zeiten sind noch zu ändern. Wird’s je ein Ende nehmen? Doch einer wird’s beenden müssen. Eh das Ende niemals kommt.
Verschließ den Schlüssel in das Grauen, der in die Tiefe führt. Auch wenn du dich selbst gerettet hast, deine Nachfolger wird’s wieder plagen.
Drum schlage alle Warnung in den Wind. Verschließ das Grauen der Wiederholung. Und helfe dir selbst, deinen Nächsten. Vergangenheit am längsten eilt.
Und plötzlich machte alles klick in meinem Kopf, als wäre es schon immer logisch gewesen. Hektisch griff ich zu meinem Telefon und scrollte zum Buchstaben E in meiner Kontaktliste. Es klingelte drei Mal bevor Emily an ihr Handy ging.
Bevor sie sich überhaupt melden konnte, rief ich in den Hörer: »Wir brauchen sofort ein aller letztes Projekttreffen!« »Was? Warum das?«, fragte Emily verdattert. »Siehst du dann. Kannst du bitte Addison und Bella Bescheid geben? Ich informiere den Rest.« Obwohl Emily noch immer vollkommen perplex wirkte, antwortete: »Na schön. Um drei Uhr treffen wir uns bei mir.«
Ich war der Erste, der Emilys Haus erreichte. Bis auf Addison und Emily war noch keiner da. Allerdings dauerte es auch nicht lange, bis der Rest eintrudelte. Kein Wunder, mein Haus war Emilys Zuhause am dichtesten dran.
»Was gibt es denn jetzt noch zu besprechen?«, fragte mich Emily als wir vollzählig auf ihrem Bett und Sofa lungerten. »Ihr wisst ja alle nur zu gut, dass es noch nicht vorbei ist. Ein paar Vodmus sind immer noch da draußen.« Chloe schaute mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Ach? Und du hast die restlichen jetzt gefunden? Ich dachte das wäre eher Emilys Part.«
Ich ignorierte ihre Bemerkung einfach. »Es gibt nur eine Möglichkeit, wie das alles je ein Ende finden kann. Es darf gar nicht erst geschehen. Wir müssen das Loch direkt danach schließen, nachdem Heinz es gegraben hat. Dann werden die Vodmus den Untergrund nie entdecken und jede Rasse wird auf natürliche Weise aussterben. Wir müssen deren Planeten nicht zerstören und die Vodmus braucht nicht die halbe Menschheit zu töten.«
Eine Weile war es ruhig, bis Emily laut auflachte. »Wenn es doch so einfach wäre… die ganze Sache einfach ungeschehen zu machen. Denkst du, das wäre mir noch nicht in den Sinn gekommen? Spätestens als wir diese Zeitmaschine gebaut haben, auf jeden Fall. Doch das geht nicht. Man darf die Vergangenheit nicht so massiv ändern, Ethan. Ohne die verschwundenen Personen wären viele Dinge in der Zukunft anders gelaufen. Wie zum Beispiel unser Schulprojekt… es hätte niemals existiert. Wir hätten uns nie kennengelernt.«
»Aber, Emily. Das sagt doch das Gedicht: Drum schlage alle Warnung in den Wind. Verschließ das Grauen der Wiederholung. Das sagte übrigens auch dein älteres Ich. Du wirst es nicht tun, weil es gegen die Regeln ist. Auch wenn es der richtige Weg ist, auch wenn es das ist, was wir laut diesem Gedicht machen sollten, wirst du es nicht tun, weil du Angst hast. Angst vor deinem plötzlich vollkommen anderen Leben. Nur das steht der ganzen Sache im Weg.«
»Es hört sich so an, als wäre ich der einzige Grund, warum wir es nicht tun werden. Ich wette ihr habt alle Angst.« »Klar haben wir das, Emily. Es gibt einen Grund, warum wir dieses Projekt gemacht haben. Warum dein zukünftiges Ich dein junges Ich warnen muss.« Bei diesen Worten starrten mich alle entgeistert an, da ich vergessen hatte unser Geheimnis zu wahren. Aber das war mir jetzt auch egal. »Wir werden es nicht tun. Wir werden die Vergangenheit nicht ändern. Denn würden wir das, sehe unser Leben sicherlich wesentlich entspannter aus. Es könnte besser sein.«
»Du solltest das Könnte betonen, Ethan. Mein Leben zum Beispiel, wäre garantiert schlechter verlaufen«, murmelte Avery. Obwohl die meisten hier sicherlich nicht wussten, wovon er sprach, wusste ich es ganz genau. Er ist der Meinung, dass er ohne dieses Projekt in der Schule durchgefallen wäre.
»Ich verstehe, warum wir die Vergangenheit nie geändert haben. Auch ich würde es nicht wollen… Wir sind nun Mal alle Menschen. Uns interessiert nicht wie es der nachfolgenden Generation geht, die wir eh nicht kennen. Solange es uns nur gut geht. Und dank dieses Projektes geht es mir ehrlich gesagt besser. Ich bin irgendwie kein Außenseiter mehr«, sagte Tyler. »Doch ich denke, es hat sich etwas geändert. Es ist ein Ereignis eingetreten, das die Male davor nicht eingetreten ist. Ich spreche von Ashleys Tod. Würden wir die Vergangenheit ändern, wäre sie mit aller Wahrscheinlichkeit noch am Leben.«
»Die Zukunft wird sich immer ändern, Leute. Aber auch wenn sich unser Leben von Grund auf ändern wird, ist es immer noch unser Leben. Wir treffen die Entscheidungen darüber. Also ich finde, wir sollten es wagen. Für die Menschheit!«, sagte ich noch abschließend, bevor die Abstimmung beginnen würde.