Project Different

Annika Ha · Kapitel 21 von 29

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Project Different

Kapitel 21

 

[Avery Neverson]

Irgendwie hatte ich schon immer befürchtet, dass ich mal hinter Gitter kommen würde. Allerdings dachte ich eher an etwas wie mit Alkohol am Steuer, aber auf keinen Fall hatte ich nach Westdeutschland fliehen in Verdacht gehabt. Um ehrlich zu sein, eigentlich hatte ich schon vergessen, dass Deutschland mal getrennt gewesen war. Warum genau wir hier waren, wusste ich immer noch nicht. Nur weil die vermuteten, dass wir in Naher Zukunft fliehen würden? Bis dahin gab es die Mauer höchstwahrscheinlich gar nicht mehr.

Ashley hatte sich inzwischen so wie Heinz in die Ecke gehockt und wartete einfach. Ich konnte das aber nicht, denn worauf sollte ich auch warten? Erneut ging ich zu dem Gitterfenster und streckte meine Hände hindurch. »Was erhoffst du dir davon, Junge?«, fragte mich Heinz. »Vielleicht sieht uns ja jemand. Befinden wir uns nicht im Erdgeschoss?«

Heinz starrte mich verwirrt an und Ashley verdrehte nur die Augen und erklärte: »Sie müssen wissen, dass er nicht der Hellste von uns ist.« Wütend entgegnete ich: »Ach, und das was ihr macht kann uns helfen?« »Nein, aus dem einfachen Grund, weil wir auch nichts machen«, sagte Ashley genervt. »Oh man, arme Emily.« Ich kniff die Augen zusammen. »Hä? Was hat denn Emily jetzt damit zu tun?« Ashley schien die gesagten Worte zu bereuen und schlug die Hände über ihren Kopf zusammen. »Ach, nichts.« Plötzlich packte mich die Neugierde und ich ließ nicht locker. Irgendwas verschwieg mir Ashley, soviel war sicher. »Wir können das auf die leichte oder die harte Tour machen. Entweder du sagst es mir einfach oder ich werde dich jetzt solange nerven bis du mir die Wahrheit sagst.«

»Na, sie ist im Moment mit deiner besseren Hälfte zusammen. Die ist sicherlich genauso schlimm zu ertragen.« »Das stimmt doch hinten und vorne nicht. Ich weiß genau, was ihr von Ethan haltet. Ich habe gehört wie du und Tyler euch unterhalten habt. Ich zitiere: Ethan ist doch ein netter Kerl. Warum gibt er sich mit einem Blödmann wie Avery ab?«

Als die Wut in meiner Stimme mitklang, schien Ashley sich schuldig zu fühlen. Sie atmete einmal tief durch. »Es tut mir echt leid. Du bist kein Blödmann.« Ashley kam zum Fenster hinüber und sprach in einem Ton weiter, sodass Heinz uns nicht hören konnte. »Du verdienst die Wahrheit. Die Wahrheit ist, dass Emily und ich deine Gedanken gelesen haben, als wir das erste Mal wieder eins wurden – in der Rakete.«

Ich verstand jetzt gar nichts mehr. »Ja, ich weiß. Ihr habt Ethans und meine Gedanken gelesen. Das hat Emily schon gesagt.« Jetzt schien auch Ashley irritiert zu sein. »Du weißt nicht mehr an was du in dem Moment gedacht hast?« »Doch, ich dachte: Oh, wo ist Ashley nur abgeblieben? Aber was hat das jetzt hier mit zu tun?« »Hast du nur das gedacht?«, fragte Ashley eindringlich. »Glaub schon. Ich weiß nicht mehr genau. Jetzt komm zum Punkt.« Mit schwacher Stimme murmelte Ashley: »Na ja, sowohl Emily als auch ich haben in deinen Gedanken gelesen, dass du anscheinend Gefühle für Emily hast.«

»Was?«, fragte ich etwas zu laut, sodass auch Heinz auf uns aufmerksam wurde. »Das ist ja totaler Bullshit.« »Aber wir haben es doch beide …« Energisch unterbrach ich sie: »Ihr geht mir langsam wirklich auf den Keks mit euren bescheuerten Fähigkeiten. Kann sein, dass ich vielleicht mal kurz positiv über Emily gedacht habe. Warum auch nicht? Sie hat mir schließlich in Mathe weitergeholfen. Und dann wird einem etwas an den Hals geworfen, was man selber noch nicht mal weiß. Ihr seid ein Haufen Verrückter, sage ich nur. Ich freue mich schon, wenn dieses bescheuerte Schulprojekt endlich vorbei ist.«

»Wenn ich mich richtig erinnere, warst du die Person, die die Idee zu diesem Projekt hatte.« »Und wenn ich mich richtig erinnere, habt ihr zugestimmt.« Ashley schüttelte den Kopf. »Emily hat zugestimmt. Ich war schon immer für das Katzenprojekt. Klar, dann würden wir vielleicht nicht Zeitreisen können. Aber zumindest wären Tyler und Bella noch bei uns. Okay, und Jane. Das kann man sehen wie man möchte.«

»Aber dann würde es uns irgendwann alle nicht mehr geben«, antwortete ich. Ashley lachte. »Erwischt. Du bereust das Projekt also doch nicht.« »Natürlich nicht. Das habe ich auch nicht gesagt. Ich sagte, die Mitglieder des Projektes gehen mir auf den Keks.«

Irgendwie war mir schon klar, dass ich das eigentlich gar nicht so meinte, aber im Moment hatte ich einfach einen so großen Groll auf Ashley und Emily. »Aber ohne unsere bescheuerten Fähigkeiten hätten wir doch überhaupt keine Chance.« Ich stöhnte. »Ich weiß. Ihr seid trotzdem verrückt. Man sollte euch echt meiden.« Es entstand eine längere Pause, in der sich die Situation etwas entspannte. Ashley ergriff als erste wieder das Wort: »Dann bist du also nicht in Emily verliebt?« »Um Gottes Willen, nein! Sie passt doch überhaupt nicht zu mir. Ich meine, das schlauste Mädchen der Welt und – na ja, ich weiß selber das ich nicht der schlauste Junge der Welt bin.«

Ashley musste lachen. »Das fände ich gar nicht mal schlimm. Dumm und Schlau ergibt Normal. Aber egal. Ich meine, natürlich haben wir schon öfter mal solche Gedanken gelesen. Aber wir haben es immer ignoriert, weil etwas wie Beziehungen für uns eh nicht möglich wäre. Aber das hat sich ja jetzt geändert. Da sehe ich eher das Problem: Emily ist schließlich noch total unerfahren und du – kannst du deine Freundinnen überhaupt noch zählen?«

Ich schaute sie grimmig an. »Wenn die Mädchen, mit denen ich zusammen war eben alles Dumpfbacken waren? Okay, ich finde Stacy ist eine Ausnahme. Sie ist total toll. Stacy ist übrigens meine Freundin schon seit fast einen Monat. Noch ein Grund, warum das alles ein Missverständnis sein muss. Ich bin glücklich vergeben.« »Schon gut, ich hab’s ja verstanden.«

»Ist Emily jetzt wohl sehr verletzt über meine Abfuhr? Immerhin geht es hier um mich.« Ashley geriet in einen Lachanfall. »Als ob. Wir hatten die ganze Zeit nur Bedenken, dass du am Boden zerstört sein würdest.« »Dann ist ja alles geklärt. Viel Spaß bei eurer weiteren Jungssuche.« »Haha«, sagte Ashley gedehnt, wobei mir klar wurde, dass wohl weniger eine Suche sein wurde. Mädchen mit Superkräften sollten es nicht allzu schwer haben. Schnell verdrängte ich den Gedanken, dass es auch Mädchen gäben könnte, die für mich unerreichbar sind. Und ich verdrängte den Gedanken, dass es etwas Offensichtlich war, dass Emily mich nicht anziehend fand – ich bin schlichtweg nicht auf ihrem Intelligenzniveau. Auch wenn ich nicht an sie interessiert war, fühlte es sich mies an. Mir war es eben vorher bestimmt mit einer dummen Blondine glücklich zu werden und in einer Bruchbude zu hausen. Das war mir schon so lange klar… Wahrscheinlich suchte ich mir deshalb auch immer die gleiche Sorte Frauen.

Noch ein Grund mehr warum Emily und Ashley sich verhört haben mussten. Emily war sowieso nicht mein Typ, denn sie war nun mal weder blond noch war sie blöd.

Während ich so angelehnt am Fenster kauerte und mit meinen Armen wackelte, spürte ich, wie diese jemand ergriff. Erschrocken drehte ich mich um und entdeckte Emily, Ethan, Chloe und Addison. »Was zum Teufel macht ihr denn hier?«, fragte ich verdutzt. Vor allem alle zusammen. Wir hatten uns doch getrennt.

»Also wir haben eine Säge dabei. Wonach sieht es wohl aus?«, fragte Emily mit einem Hauch Ironie in der Stimme. »Dann hat mein bescheuertes Hände aus dem Fenster halten doch geholfen?«, fragte ich hoffnungsvoll. »Nein, wie wir wussten, dass ihr euch hier befindet ist eine lange Geschichte. Aber etwas haben deine Hände uns am Ende geholfen, damit wir wissen konnten, in welchem Verließ ihr genau seid.«

Ich warf Ashley einen Blick zu, der ihr sagen sollte: Ich hab’s dir doch gesagt. Doch diese ignorierte mich einfach. »Das ist unmöglich«, murmelte Heinz und brachte damit das auf dem Punkt, was ich schon die ganze Zeit während dieses Projektes dachte.

Ethan hatte schon die Säge angesetzt, als ich plötzlich bemerkte: »Warte, hören die hier nicht die Geräusche der Säge?« »Ja, glücklicherweise haben die zwei vor ihrer Mission Addison und mich getroffen. Ich habe gegen Emilys Willen ein paar Souvenirs von Zuhause mitgenommen. Aber ratet Mal, das rettet uns schon wieder den Arsch«, sagte Chloe.

»Was heißt denn wieder?«, wollte Ashley, die nun auch neugierig zum Fenster rüber trat. »Lange Geschichte, für die wir leider erst später Zeit haben«, erklärte Addison kurz. Natürlich wusste ich, was Chloe von Zuhause mitgenommen hatte. Eine Flasche mit Tropfen, die Geräusche dimmen konnten.

Heinz schaute fasziniert zu, wie die Säge die Gitterstäbe geräuschlos zerteilte. »Ihr seid ein komischer Haufen. Aber solange ihr mich mit hier rausholt, ist mir das vollkommen Recht.«

»Klar doch. Du wolltest uns schließlich noch was Unglaubliches zeigen«, erinnerte ich ihn – hoffnungsvoll, dass wir nun endlich den Eingang finden würden. Er lachte. »Ja genau, das ist noch verrückter als ihr alle zusammen und das will was heißen. Aber gerade weil ihr so verrückt seid, könnte es jemanden ausnahmsweise echt mal interessieren.«

Die vier schauten mich verdutzt an, da sie ja noch nicht wussten, dass Heinz uns bereits versprochen hatte, uns zum Eingang des Versteckes zu führen. Ich grinste breit. »Ashley, Heinz. Ich würde Mal sagen nichts wie raus hier.« Um mein Selbstbewusstsein noch ein wenig höher zu puschen, flüsterte ich Emily, während ich die Wand hinab sprang, zu: »Ach, übrigens. Du brauchst keine Bedenken zu haben. Ich bin nicht an dich interessiert.«