Project Different
Kapitel 6
[Avery Neverson]
Die letzten Tage bis zu den Ferien konnten gar nicht schnell genug vergehen. Nicht nur, weil ich endlich diese dumme Nachprüfung hinter mir haben wollte. In den Ferien würden wir dann endlich ins Weltall fliegen – und mal ehrlich, wer freut sich darüber bitte nicht? Die Klausur in Geschichte hatte ich heute endlich hinter mir gelassen. Eigentlich war mein Gefühl gar nicht so schlecht gewesen, aber das dachte ich in der vorherigen Prüfung auch. Trotzdem bekam ich den Zettel mit einem dicken fetten F wieder in die Hand gedrückt. Ob die Lehrer mich einfach nicht leiden konnten? Mein Vater ist ja der festen Überzeugung, dass ich einfach zu dumm für die Schule bin.
Aber die schlimmste Prüfung stand ja erst für Dienstag auf dem Plan: Mathematik. Wie sollte ich bitte irgendwelche Kurven diskutieren können, wenn ich unzählige Lücken in den Grundrechenarten hatte? Emily war ja der festen Überzeugung, dass ich die nicht brauchte, um die Klausur zu bestehen. Dabei sollte es doch so einfach sein, wenn wir sogar einen Taschenrechner benutzen durften. Aber wenn ich nicht mal wusste, was die von mir verlangten, wie sollte ich dann den Taschenrechner bedienen können? Emily schien schon am Verzweifeln zu sein. »Man kann noch so schlau sein. Wahrscheinlich sollte man unterrichten können. Das ist nun mal nicht meine Stärke. Vielleicht solltest du dir doch einen richtigen Nachhilfelehrer suchen, auch wenn das bedeutet, dass du dann nicht weiter am Projekt weiterarbeiten kannst. Schule geht da nun mal vor.«
Ich schaute sie verwirrt an. »Aber das Projekt ist doch auch für die Schule.« »Aber doch nur für Sozialkunde. Ein Fach, welches du nicht mal zwingend belegen musst. Mathe ist da wirklich wichtiger«, meinte Emily.
Hecktisch schüttelte ich mit dem Kopf. »Aber du kannst doch wirklich gut unterrichten. Ich bin nur ein schlechter Schüler. Bei den anderen Lehrern habe ich noch weniger verstanden. Dank dir weiß ich jetzt zumindest, dass der Strich neben dem f kein Tintenfleck ist, sondern da wirklich hingehört, um die Ableitungsfunktion darstellen zu können.«
»Aber Avery, das solltest du alles schon längst wissen. Das sind alles Grundlagen! Wie willst du Integralrechnung bestehen, wenn du nicht mal ableiten kannst«, sagte Emily und schlug die Hände über den Kopf zusammen. »Inte… was?«, fragte ich verwirrt. »Nicht dein Ernst. Integralrechnung! Das ist doch dein Schwerpunkt in der Prüfung. Das Hauptthema!« Und damit schlug sie genervt das Mathebuch zu. »Wenn du mir nicht mal das Thema nennen kannst, wird mir klar, dass du nicht mal versucht hast es zu verstehen.«
Ich versuchte nicht zu lachen, da sie dann wahrscheinlich noch wütender wurde, aber ich konnte nicht anders. »Wundert dich das etwa? Was soll ich Kurven diskutieren? Wie schön die geschwungen sind, oder was? Man diskutiert über seine Mitspieler im Basketball, wenn die es einfach nicht geschissen bekommen, aber doch nicht über Kurven. Mein Vater hatte Recht: Ich muss mich auf das konzentrieren was ich kann – Basketball. Wenn ich gut genug bin, wollen sie mich vielleicht trotzdem für ein Stipendium. Aber… da ich das Team verlassen habe, werde ich wohl auf der Straße landen.«
Emily stand auf und lief den Raum auf und ab. »Das ist doch totaler Blödsinn. Dein Vater hat dir eingeredet, dass du Basketball spielen kannst. Deshalb findest du es auch interessant. Du solltest dich von ihm lösen und daran glauben, dass du auch andere Schulfächer kannst – dass auch das interessant ist, sowie Basketball spielen.«
Genervt schlug ich das Mathebuch wieder auf, das Emily geschlossen hatte. »Die Prüfung ist am Dienstag. Selbst wenn ich mich jetzt für Mathe begeistern könnte…« Schnell durchblätterte ich das 300-Seitenbuch. »… Ich muss jede Seite nochmal lesen. Das werde ich nie schaffen.«
»Es wird nicht einfach werden. Aber es ist nicht unmöglich. Wenn du etwas für unmöglich erklären willst, dann unser soziales Projekt. Wir können die Welt doch nicht alleine vor unsichtbare Außerirdische retten.« Ich lachte. »Doch, weil du Superkräfte hast. Ich aber nicht.«
Jetzt kam Emily endlich wieder an den Tisch, anstatt weiter durch den Raum zu marschieren. »Tja, dann werden wir dir jetzt mal Superkräfte machen. Und zwar ist das jetzt keine Kurvendiskussion mehr. Diese Linie, die du da siehst, ist der Weg, den dein Ball beim Basketball zurücklegt.« Zum ersten Mal schaute ich mir diese Linie genauer an. »So hätte ich den Ball aber nie im Leben geworfen. So würde er nicht weit genug fliegen.« »Du vielleicht nicht, aber wir diskutieren hier über deine doofen Mitspieler. Berechnen wir jetzt den gesamten Weg des Balls, damit wir kontrollieren können, ob deine Mitspieler den Ball beim nächsten Mal weiter geworfen haben.« Ich wusste nicht wie Emily es anstellte, aber das war das erste Mal, dass ich wirklich gespannt war, was wohl das Ergebnis der Aufgabe sein würde. Zwar wusste ich noch nicht wie ich vorgehen sollte, aber dieses Mal wollte ich unbedingt, dass Emily mir zeigte, wie ich es schaffen könnte.
Eigentlich wollte Emily mir nur zwei Stunden Nachhilfe geben, doch es dauerte irgendwie den ganzen Tag. Als ich dann endlich glaubte verstanden zu haben, wie ich diese eine Aufgabe lösen könnte, machte ich mich mit Begeisterung an die Arbeit. Als am Ende tatsächlich ein Ergebnis auf meinem Papier stand, rief ich mit Begeisterung: »Das Integral beträgt 231, nicht wahr?« Man liebsten hätte ich Freudensprünge gemacht, als ich Emilys begeisterte Miene sah. Meine erste richtige Lösung! Doch dann passten ihre Worte einfach nicht zu ihrem strahlenden Gesicht. »Nein, das ist leider nicht ganz richtig. Bei der Bildung des Integrals hast du einen Fehler gemacht.«
Ich schaute sie wütend an. »Und warum lachst du dann? Lachst du mich aus?« »Quatsch. Ich freue mich, weil du eine Aufgabe endlich mal fertig gerechnet hast. Außerdem war dein Ansatz richtig und das ist erstmal das Wichtigste.« Überrascht stellte ich fest, dass mir das aber überhaupt nicht genügte. Ich wollte diese Aufgabe heute noch lösen – bis auf dem Zettel das richtige Ergebnis stand. Vielleicht brauchte ich das einfach, um es meinem Vater zu zeigen. Aber ein Stück weit, wollte ich es für mich selbst.
Ich machte mich ein zweites Mal an die Aufgabe und rechnete sie durch. Als ich dann am späten Abend, nach gefühlten hundert Versuchen, endlich von Emily das langersehnte Wort richtig hörte, ließ ich erleichtert den Stift fallen und rief: »Endlich!«
Glücklich und auch total erschöpft umarmte ich Emily und brüllte begeistert: »Danke, danke! Du hast mich vor meinem Untergang bewahrt.« Emily grinste. »Da darfst jetzt aber nicht nachlassen, denn für die Prüfung bist du noch lange nicht fit. Das ist eine ganz einfache Kurve gewesen, die normalerweise in Klausuren nie verwendet wird. Die werden noch viel komplizierter.«
Ich konnte nicht leugnen, dass mir ihre Worte Angst machten, aber wenn ich an mich glaubte, würde ich das schon irgendwie hinbekommen. Schlimm war nur, dass wir unsere Ergebnisse erst zum Ende des Schuljahres gesagt bekamen. Bis dahin blieb ich ständig im Ungewissen.