Project Different
Kapitel 4
[Isabella Ray]
Zwar bin ich schon tausende Male in Emilys Zimmer gewesen, aber irgendwie fühlte es sich doch komisch an, als wir mit all diesen Leuten hier rumlungerten. Während wir alle gespannt auf Emilys herausgefundene Ergebnis warteten, machte Tyler andauernd Fotos, was echt nervte. Irgendwie konnte ich mir nicht vorstellen, dass Em in dieser kurzen Zeit etwas Sinnvolles herausgefunden hatte. Aber sie war meine beste Freundin und ich hörte trotzdem aufmerksam hin.
Emily schaute zunächst nur mich und Jane an. »Es tut mir echt leid, dass ich euch all die Jahre nie die Wahrheit gesagt habe, aber ich dachte es wäre besser so.« Verdutzt schauten wir Emily an, wobei ich mir immer noch nicht ganz schlüssig war, was das mit unserem Schulprojekt zutun haben sollte.
Nervös fuhr Emily fort: »Als Baby wohnte ich in einem Heim, bevor mich meine Mutter adoptieren wollte. Babys, die in einem Heim leben, werden oft für wissenschaftliche Versuche verwendet. Das ist zwar hart, aber es ist so. Ich und zwei andere Babys wurden für diesen Versuch verwendet. Der Professor wollte die Gehirne der beiden anderen Mädchen auf meinen Stand anpassen.« Aufgeregt unterbrach Tyler Emily: »Das habe ich in der Zeitung gelesen. Unglaublich! Du bist also dieses Baby gewesen.«
»Ja, aber dieser Versuch ist anders verlaufen als man dachte. In der Zeitung stand ja, dass die beiden anderen Babys dies nicht überlebt hatten. Das ist eigentlich nicht ganz richtig.« Wir starrten sie alle an, als würde sie versuchen uns zu erklären, dass es den Weihnachtsmann doch gibt.
»Wie gesagt: Der Versuch ging deutlich schief. Aber anders als es alle denken. Ashley Summers und Addison Havering sind nicht einfach tot. Sie wurden bei diesem Versuch in meinem Körper reingeschleust.« Avery und Ethan fingen zu lachen an und auch Chloe schloss sich an. »Und wer von euch dreien redet jetzt gerade mit mir?«, fragte Avery belustigt.
»Das ist nicht witzig! Ashley und Addison sind quasi in meinem Körper gefangen. Ich kann sie hören, aber sie können nicht eigenständig handeln.« Ich wusste zwar immer noch nicht, was ich davon halten sollte, aber ich versuchte auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren. »Und was hat das jetzt mit den verschwundenen Menschen zu tun?«
»Wir sind nicht nur alle in einem Körper gefangen. Dieser Versuch hat auch unsere Eigenschaften verstärkt. Wir sind jetzt schlauer, schneller und naja… das letzte wollt ihr wahrscheinlich nicht wissen.« »Doch! Ich finde, das bist du uns jetzt schuldig«, fauchte Jane beleidigt. »Naja, Jane. Für dich trifft das sowieso nicht zu. Bei dir geht es nicht, aber von den meisten anderen Leuten kann ich die Gedanken lesen.«
»Was? Warum kannst du meine denn nicht lesen? Was ist mit den anderen hier?«, fragte Jane hektisch. »Ich weiß nicht, warum ich deine nicht lesen kann – aber freu dich einfach. Die Gedanken der anderen kann ich lesen. Bis jetzt bin ich nur dir begegnet, deren Gedanken ich nicht lesen kann.«
Ethan zog die Luft an. »Oh mein Gott! Jetzt muss ich ja aufpassen was ich denke.« »Keine Angst, ich versuche die Gedanken um mich herum möglichst auszublenden«, murmelte Emily. »Puh, da bin ich aber erleichtert«, sagte Ethan. Avery rammte Ethan den Ellenbogen in die Seite. »Ach, komm hör auf. Du glaubst ihr das doch nicht etwa.«
Emily warf Avery einen finsteren Blick zu. »Warum sollte ich lügen? Außerdem kann ich es beweisen.« Bevor irgendjemand reagieren konnte, war Emily auch schon verschwunden und tauchte am Ende des Raums wieder auf. »Deinen Gedanken zufolge, scheinst du mir jetzt zu glauben oder wie interpretiere ich Bor krass? Sorry, das mache ich eigentlich nicht, aber du hast mir keine Wahl gelassen.«
»Heilige Scheiße!«, rief Chloe. »Das kannst du laut sagen. Aus diesem Grund wollte ich es eigentlich auch Niemanden, nicht mal meinen besten Freundinnen, erzählen. Doch jetzt muss ich es wohl oder übel, damit wir in unserem Projekt vorankommen. Im Naturepark habe ich die Gedanken von Jemandem gehört, den ich nicht sehen konnte. Ihre Gedanken erklärten mir warum. Das sind Außerirdische, die Menschen verschwinden lassen, um unsere Erde einzunehmen. Ich weiß, dass ihr mich jetzt für verrückt haltet. Aber die Polizei hat aus einem ganz einfachen Grund nichts herausgefunden: Weil Menschen diese Außerirdischen nicht mit ihren Augen wahrnehmen können und wir können sie auch nicht hören. Ich auch nicht. Ich konnte sie nur aufgrund ihrer Gedanken verstehen.« Ich wusste immer noch nicht, was ich von Emilys Gerede halten sollte. Klar, es hörte sich unglaublich verrückt an. Aber wenn das wirklich wahr war, war die gesamte Menschheit in großen Schwierigkeiten.
Da die anderen nichts weiter taten, als Löcher in die Luft zu starren, ergriff ich das Wort: »Da ich deine unglaublichen Fähigkeiten ja selber miterlebt habe, werde ich dir mal in allem glauben. Ich meine, hey. Wir müssen unser Projekt beenden, eine gute Note einkassieren und die Menschheit retten.«
Zu meiner Überraschung war Tyler der erste, der zustimmend nickte. Doch Emily schüttelte den Kopf. »Ich wollte euch damit nur klar machen, mit was wir es zu tun haben. Jetzt wo ihr es wisst, werden wir uns ein anderes Thema für unser Projekt suchen. Dieses hier ist einfach zu Wahnsinn.«
Ich schaute sie entgeistert an. »Hast du sie noch alle? Jetzt ist es doch wohl erst recht klar, dass wir dieses Projekt durchziehen werden. Ich meine, die gesamte Menschheit könnte aussterben.« »Ich sage ja nicht, dass ich das an den Nagel hängen werde. Es ist nur etwas, was ich alleine bewältigen muss. Ich meine, ihr könnt doch sowieso nichts ausrichten.«
Avery war aus seiner Trance erwacht und richtete sich nun auf. »Kommt nicht in Frage. Auch wenn wir vielleicht nicht viel tun können, etwas Unterstützung kann nie schaden. Außerdem finden wir keine bessere Idee für unser Projekt.« »Es könnte aber gefährlich werden«, versuchte Emily uns zu warnen.
Nun schien auch Chloe die Sache ernst zu nehmen. »Na und? Scheiß drauf. Manchmal muss man in seinem Leben Risiken eingehen, wenn es lebenswert und spannend sein soll.« Mit diesem Satz stand sie auf und kramte einen Zettel mit Stift hervor. »Was ist der Plan, Emily? Jetzt, wo wir wissen, dass du so schlau bist, wirst du doch sicher einen haben, oder?«
»In der Tat, ich habe natürlich einen Plan. Die meisten dieser Außerirdischen befinden sich noch auf ihrem Heimatplaneten, denn sie haben noch etwas Zeit, bis dieser nicht mehr ist. Als ich diesen Außerirdischen begegnet bin, wurde mir sofort klar, mit wem ich es zu tun habe. Sie nennen sich Vodmus und kommen vom Planeten Denatri. Wir müssen zu diesem Planeten fliegen und ihn zerstören.«
Alle in diesem Raum fingen zu lachen an. Jane hatte sich als erste wieder gefangen. »Schätzchen, ich weiß, dass der technische Fortschritt inzwischen enorm ist. Ich bin mir auch sicher, dass du eine Rakete bauen kannst und zu Denatri fliegen wirst – alles möglich. Obwohl Menschen aus dem einundzwanzigsten Jahrhundert darüber gelacht hätten. Aber die Technologie scheint nun mal ungebremst. Aber trotzdem – du kannst doch keinen ganzen Planeten zerstören.« »Das klingt echt unmöglich, aber das ist es nicht. Auf Denatri gibt es ein anderes Gas, keine Luft. Und dieses Gas reagiert hoch explosiv auf ein komisches Kraut, das es auf dem Planeten Krenzu gibt«, sagte Emily leichtweg, als wäre es so logisch wie das kleine Einmaleins.
»Also du fällst in der Schule wohl nicht durch«, sagte Avery, vielleicht etwas eifersüchtig. »Und lernen brauchst du wahrscheinlich auch nie.« Emily grinste breit und wollte gerade zu Wort ansetzten, doch Ethan kam ihr zuvor. »Leihen wir uns eine Rakete? Ne oder? Die sind ja erst ab achtzehn erlaubt.«
»Ich kann uns eine bauen, die sogar noch besser und schneller ist. Ihr könnt auf meine Anweisungen hin sogar helfen«, sagte Emily. Doch Tyler bemerkte, wie ich, den Fehler. »Aber das können wir doch später nicht vorstellen. Das ist illegal, weil wir erst in einem Jahr achtzehn werden.«
»Mach dir nicht ins Hemd, Fotoboy. Dann fällt der Teil eben raus. Du kannst schon noch genug andere Fotos machen. Lass einfach die Rakete aus dem Bild«, sagte Avery. Jane bemerkte, dass unser Plan noch Lücken hatte. »Aber wenn der Planet verstört ist, gibt es immer noch ein paar die hier sind.«
Emily atmete langsam aus. »Ich weiß. Ich habe noch nicht für alles einen Plan. Die müssen wir dann auf der Erde einzeln bekämpfen. Außerdem müssen wir noch herausfinden, wo sie die ganzen Menschen verstecken. Dann haben wir noch den Punkt Eltern. Wir können ihnen ja sagen, dass wir wegen einem Schulprojekt zum Mond fliegen – nur eben nicht, dass es ohne Erwachsene stattfindet und illegal.«
»Leider habe ich größere Probleme als ihr anderen. Ich muss noch in die Nachprüfungen und wie habe ich dann Zeit zum Lernen, wenn ich die Welt retten muss?«, warf Avery wütend ein. »Das kriegen wir schon hin. Ich kann dich unterrichten. Ich meine, ich bin ja sogar schlauer als die Lehrer an unserer Schule«, sagte Emily. Verwirrt beobachtete ich, wie Chloe die ganze Zeit etwas auf das Blatt Papier niederkritzelte. »Was schreibst du da, Chloe«, wollte ich wissen. »Ich erstelle einen Plan für den morgigen Plan.« »Hey! Du kannst das nicht einfach ohne unsere Zustimmung entscheiden«, fauchte Jane Chloe an.
»Doch, weil ich die besten Pläne mache. Also folgendes: Emily arbeitet mit Ethan an der Rakete. Avery und ich werden die Raumanzüge designen. Jane und Isabella machen den Einkauf, das heißt Proviant, aber auch lebenswichtiges – wie eine Sauerstoffflasche. Was Ethan macht ist ja wohl klar, oder? Ich sage nur Fotos.« »Das kommt nicht in Frage. Ich mache doch nicht den ganzen Tag nur Fotos von euch, wenn ich nicht mal die Rakete fotografieren darf«, schnauzte Tyler. »Und ich werde sicher nicht mit dir Raumanzüge entwerfen. Ich arbeite mit Ethan, der ist der einzige normale hier«, fuhr Avery Chloe an.
Emily hob die Hand. »Stopp! Ethan und ich müssen auch erstmal einkaufen, bevor wir mit bauen anfangen können. Tyler wird nicht die ganze Zeit nur Fotos machen. Wenn er damit fertig ist, hilft er Ethan und mir. Der Rest des Planes ist gar nicht mal so schlecht. Avery, du musst auch mal mit anderen Leuten arbeiten. Das wird uns sicher eine bessere Endnote einbringen.«
Avery bedachte sie mit einem finsteren Blick, wollte etwas sagen, entschied sich jedoch dazu es nicht zu tun. Ich ahnte schon, was er hätte sagen wollen. Jane und ich dürfen zusammen arbeiten. Wahrscheinlich wusste er nicht, dass Jane und ich zwar Freunde waren, aber eigentlich nur, weil Emily unsere Freundin war. Ich hatte schon so oft alleine Zeit mit Emily verbracht, doch noch nie war ich mit Jane alleine gewesen. Vielleicht war Chloes Plan ja doch nicht so schlecht durchdacht. Jane und ich mussten uns mal untereinander besser kennenlernen. So wie die anderen auch, die sich noch nicht so gut kannten. Obwohl ich das Gefühl nicht loswurde, dass Chloe die Gruppen nur so eingeteilt hatte, weil sie mit Avery zusammen arbeiten wollte. Er war nun mal ein Frauenschwarm, genau richtig für Leute wie Chloe, die nur Wert auf das Aussehen legten. Meiner Meinung nach war er viel zu eingebildet und oberflächig.
»War’s das denn für heute?«, fragte ich, weil meine Schwester mit dicker Erkältung zu Hause saß und sie sicher etwas Gesellschaft gebrauchen könnte. Emily nickte, so wie auch Avery und Chloe, die immer noch verzweifelt versuchten, eine Führungsperson in dieser Gruppe darzustellen. Aber uns anderen war schon lange klar geworden, dass dieser Job an Emily ging, aufgrund ihrer besonderen Fähigkeiten.