Project Different

Annika Ha · Kapitel 8 von 29

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Project Different

Kapitel 8

 

[Chloe Bennett]

Als mich mein geldgeiler Vater aufgrund seines Jobs nach Seattle verschleppte, war ich alles andere als begeistert. In Washington an der Schule bin ich beliebt gewesen. Jeder mochte mich, weil ich die besten Partys gab. Der Pool im Garten des Penthauses war da immer ein Pluspunkt gewesen. Aber die Leute in Seattle würden mich nicht kennen und nicht wissen, dass ich reich bin und die besten Partys gab. Und leider wusste ich selber nur zu gut, dass meine inneren Werte nicht gerade die stärksten waren.

Ich musste zugeben, dass ich deshalb lange sauer auf meinen Dad war. Doch als ich vor ein paar Wochen meine beste Freundin Rachel anrief, hat diese mich einfach weggedrückt. Rachel war die ganze Zeit nur wegen den Partys mit mir befreundet gewesen. Richtige Freunde sind wir nie gewesen.

Auch wenn ich diese komischen sechs Personen in meiner Projektgruppe noch kaum kannte, fühlte ich mich mehr mit ihnen verbunden als ich es bei Rachel je hatte. Klar, die hielten mich alle für eine eingebildete Zicke, was ich im Prinzip ja auch war.

Aber vielleicht tat es mir auch mal ganz gut, nicht mit den It-girls der Schule abzuhängen. Selbst Ashley und Addison, die ich ja nicht mal sehen konnte, waren irgendwie interessanter als meine Mädchenclique in Washington.

Das erste Mal im Weltall würde ich sicher nicht so schnell vergessen. Auf Krenzu sah alles so anders aus als auf der Erde. Der faserige Boden klebte ständig an meinen Füßen fest. »Warum nimmst du jetzt nicht einfach dein Reagenzglas und fängst das Gas ein?«, wollte ich von Emily wissen, die daraufhin lachte.

»Das Ganze ist etwas komplizierter – leider. Auf Krenzu gibt es mehrere Bereiche, die alle unterschiedliche Gase aufweisen. Das Gas, was wir suchen, ist etwas schwerer zu erreichen. Wir müssen dazu ein Stückchen gehen. Doch seid gewarnt: der Planet ist belebt. Und so wie auf der Erde auch, sind nicht alle Lebewesen ungefährlich.«

Ich wusste nicht, ob ich mich darüber freuen sollte oder nicht. Eigentlich wollte ich hier ja so schnell wie möglich wieder weg, aber irgendwie war es auch spannend einen anderen Planeten zu erkundigen.

Bislang hatte sich ja auch noch nichts bewegt, jedenfalls nicht so, dass ich es bemerkte. Auf Krenzu war es heller als auf der Erde, jedoch nicht so hell, dass unsere Augen es nicht aushalten könnten.

»Bedenkt bitte, dass das hier ein ganz anderer Planet ist. Hier gibt es Dinge, auf die wir nicht vorbereitet sind. Deshalb bitte ich euch eindringlich, direkt hinter mir zu bleiben und genau den Weg zu nehmen, den ich auch genommen habe«, empfiehl uns Emily. Hätte Emily nicht diese Fähigkeiten, ohne die wir alle aufgeschmissen wären, würde ich sie jetzt anschnauzen, dass sie mal einen Gang runter fahren und uns auch mal selber entscheiden sollte. Da dem aber nicht so war, hielt ich einfach meine Klappe und folgte ihr einfach. Zwar hatten mich meine Eltern mal als kleines Kind auf die Venus mitgenommen, doch dies war nicht nur meine erste Reise ohne Erwachsene, sondern auch die erste, wo wir unser Sonnensystem verlassen hatten. Und hier war es definitiv anders, denn ich konnte nicht nur Steine wahrnehmen.

Da war nicht nur dieses komische Zeug auf dem Boden. Rechts von mir türmte sich eine riesige ovale Säule auf, aus der rote Blasen empor stiegen. Die Säule schien zu wackeln, als wäre sie aus Gummi. Allerdings konnte ich das nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen.

Langsam schien der Planet belebter, je weiter wir vorankamen. Obwohl das Leben, soweit ich das beurteilen konnte, nicht lebendig war. Sicher war ich mir allerdings nicht, da ich diese Gegenstände noch nie zuvor gesehen hatte. Manche Dinge konnte ich vielleicht mit Sachen auf der Erde vergleichen.

Plötzlich stoppte Emily vor einem Gegenstand, den man vielleicht mit einem Zelt vergleichen könnte - allerdings um einiges größer und es hatte keine Breite. »Was ist los?«, fragte Ethan von hinten nach Emily durch. »Ich denke wir müssen hier durch«, berichtete Emily. »Du denkst wir müssen hier durch? Ich dachte, du wärest so schlau…«, sagte Avery ein bisschen nervös und das zu guter Recht. Wir hatten schließlich keinen Schimmer was mit uns passieren könnte, wenn wir da durchgehen würden.

»Es tut mir leid. Ich meine, ich bin mir sicher wir müssen hier durch. Es könnte vielleicht etwas heiß beim Durchqueren werden, aber euch wird nichts passieren.«

Eigentlich sollten uns diese Worte ja beruhigen, aber wie lange kannte ich Emily schon? Es war ja nicht so, dass ich ihr mit meinem Leben vertraute. Anscheinend war ich nicht die einzige, die so dachte. Lediglich ihre beiden kleinen Freunde schienen bereit dafür zu sein.

»Ihr könnt auch hier warten«, schlug Emily vor. Diese Worte waren es, bei mir und auch bei den anderen, die die Sorgen vergessen ließen. »Quatsch. Das ist ein Schulprojekt bei dem wir alle mitwirken müssen«, meinte ich, während die anderen zustimmend nickten.

Erst als Emily durch das dreieckige Ding trat, stellte ich fest, dass der Gegenstand eigentlich flüssig war. Und Emily verschwand einfach und war nicht mehr zu verkennen. Nach und nach gingen auch die anderen hindurch. Zum Schluss blieben nur noch Ethan und ich übrig.

Als ich die flüssige Masse schon auf meiner Hand brennen spürte, hörte ich noch wie Ethan mir nachrief: »Viel Glück!« Doch antworten konnte ich ihm nicht mehr. Ich konnte mir nicht erklären, warum das Zeug bis auf meine Haut durchdrang, wenn ich doch einen Raumanzug trug. Eigentlich war ich mir im Nachhinein gar nicht mehr so sicher, ob es meine Haut überhaupt berührt hatte. Vielleicht brannte meine Haut nur so von dieser unerträglichen Hitze.

Zum Glück dauerte dieser Zustand nur wenige Sekunden, bis ich die anderen auch schon wieder vor meinen Augen sah und kurz danach tauchte auch Ethan durch das Dreieck.

Der Bereich wo wir uns nun befanden, sah vollkommen anders aus – als wären wir auf einem anderen Planeten gelandet. Vor uns befand sich etwas, das ich, wenn ich es nicht besser wüsste, für Kot angesehen hätte. Dahinter wiederrum war eine große Mauer, die jedoch wieder nicht ganz fest zu sein schien. Anders als bei dem Dreieck fiel es dieses Mal auch wirklich auf. Als ich genauer hinschaute, könnte es auch schon beinahe gasförmig sein.

Emily bestätigte meine Gedanken: »Da hinten ist es! Wir haben es so gut wie geschafft.« Glücklich lief Emily auf die hellorange Mauer zu. Doch als sie ihre Füße auf diese kotähnliche Masse gesetzt hatte, stoppte sie. Wie sich herausstellte war es unbeabsichtigt. »Das habe ich ja total vergessen. Oh Gott, nein. Dieses Zeug, Leute. Berührt es ja nicht. Es wird euch verschlucken.«

»Verschlucken? Aber was bedeutet das jetzt für dich?«, fragte Isabella entsetzt. »Sie hat doch Fähigkeiten. Du bist schnell. Kannst du nicht ganz schnell wieder von da weg?«, fragte Avery. Emily schluckte. »Nein, das geht nicht. Schnelligkeit hilft da nicht. Ich muss hier herausgezogen werden.«

Jane hüpfte nervös von einem Bein auf das andere. »Kannst du meine Hand greifen?«, fragte sie und reichte Emily ihre Hand. Doch als diese die ergreifen wollte, war die Entfernung zu lang.

Wenn wir es nicht schon hatten, kam spätestens jetzt bei allen die Panik. Tyler schluchzte: »Aber wir brauchen dich doch. Wie sollen wir ohne dich wieder nach Hause finden?« »Das klingt vielleicht blöd, aber ihr müsst jetzt ruhig bleiben. Angst hilft nicht wirklich weiter«, meinte Emily, die anscheinend noch ziemlich ruhig war, dafür dass sie gleich von Kot verschluckt werden würde.

»Entschuldigung, aber wir sind nun mal nur normale Menschen, die in solchen Situationen nun mal normal reagieren«, rief Avery wütend. Auch wenn ich am liebsten so wie Avery ausgerastet wäre, versuchte ich Emilys Vorschlag zu befolgen. Hecktisch schaute ich mich hier ein wenig genauer um. Hinter uns und dem Dreieck war noch mehr.

Ich erblickte wieder diese ovale Säule, die von langen grasartigen Schlangen umgeben war. Das könnte gehen! Ohne länger nachzudenken lief ich zu der Säule und versuchte die Schlange aus der Erde zu reißen, in der Hoffnung, dass das auch wirklich ein Gegenstand war. Es fühlte sich komisch und glibberig an meinen Händen an, aber zumindest konnte ich es von dem Boden lösen.

»Chloe, was zum Teufel…«, fluchte Avery, doch verstummte als er sah, was ich damit vorhatte. Emily schaute mich mit großen Augen an. »Chloe warum nur…?«, fragte sie mich verzweifelt, obwohl sie erkannte, dass ich sie damit herausziehen wollte.

»Halt dich doch einfach fest, oder was stimmt nicht?«, fragte ich sie. Emily ergriff die Liane, die anscheinend auch ziemlich stabil zu sein schien, denn der Kot löste sich von Emilys Beinen und befreite sie.

Als sie wieder bei uns stand und alle mir erleichtert um die Arme fielen, hatte sich Emilys Gesichtsausdruck nicht verändert. »Was ist denn los?«, fragte ich sie. »Du hättest deine Aktion überdenken sollen. Das ist ein anderer Planet und du kennst die Dinge nicht, die du berührst. Du hättest sterben können.«

Ich grinste kurz, weil sich noch nie jemand solche Sorgen um mich gemacht hatte. »Ja, aber es ist doch nichts passiert. Hätte ich nichts gemacht, wären wir bald alle tot.« »Aber du hättest noch genug Zeit gehabt, das kurz mit mir zu besprechen. Ich hätte dir sagen können, was passieren wird, und was ihr am besten hättet nehmen können.«

Jane schaute Emily jetzt skeptisch an. »Wieso? Ist denn etwas passiert?« »Wohl kaum. Sonst hätte Emily nicht nach der Liane gegriffen«, meinte ich. »Meine Entscheidung war richtig.« »Ja, das war vielleicht unsere beste Option, doch das heißt nicht, dass nichts passiert ist. Schau dir deine Hand an, Chloe«, bat mich Emily. Auf meiner Hand befand sich noch der grüne Schleim, den die Liane abgegeben hatte. Angewidert versuchte ich den Schleim von meiner rechten Hand zu wischen – ohne Erfolg. »Das meine ich. Das wird nie wieder abgehen«, sagte Emily. »Dieses Zeugs war zwar unsere beste Option gewesen – wie gesagt. Aber hättest du das vorher gewusst, wäre es besser gewesen, ein anderer hätte das gemacht. Ich meine… Tyler vielleicht? Jemand der eben weniger Wert auf sein Aussehen legt.«

Ich wusste nicht, ob ich auf diese Bemerkung wütend sein sollte, denn im Prinzip hatte Emily Recht. Ich wollte nicht für den Rest meines Lebens mit grünem Schleim rumlaufen. So würde ich doch nie einen Freund finden. Andere in dieser Gruppe würden das auch ohne Schleim nicht. »Ich habe überstürzt gehandelt – ich weiß. Genau wie du übrigens. Du bist einfach in diesen Mist hinein gerannt und das obwohl du wusstest, was dann mit dir passieren würde. Wir haben beide Fehler gemacht und müssen jetzt beide mit den Folgen leben, immerhin hast du den Schleim jetzt auch an den Händen.«

Eine ganze Zeit starrte sie mich einfach nur an und sagte dann irgendwann schließlich. »Ein dreifaches Dankeschön.« Ich brauchte eine Weile, bis mir klar wurde, dass ich ja nicht nur Emily, sondern auch Ashley und Addison gerettet habe. Ich hatte zwar schon mit ihnen geredet, aber es kam mir einfach komisch vor, weil ich immer das Gefühl hatte, ich würde trotzdem mit Emily reden. Wahrscheinlich ein Zeichen dafür, dass ich wirklich nur von außen wahrnahm. Würde Emily für mich wohl je mehr als nur eine Person werden? Ich konnte es mir kaum vorstellen, auch wenn ich es gerne wollte. Ich wollte Ashley und Addison kennenlernen. Aber ich konnte nicht, weil ich nun mal so erzogen wurde. Vor mir stand nun mal Emily – und nicht Ashley oder Addison. »Wartet hier«, befahl uns Emily, wobei der Befehl wahrscheinlich nicht ganz erst war, immerhin war keiner von uns Lebensmüde und wollte in Kot versinken.

Mit einem Satz sprang Emily gute fünfzig Meter weit zur orangen Mauer rüber – in eins durch selbstverständlich. Für Emily, dank ihrer Superkräfte, überhaupt kein Problem. Ich konnte sie erst wieder erkennen, als sie mit dem Reagenzglas, gefüllt mit orangem Gas, zu uns zurück gesprungen kam.