Project Different
Kapitel 20
[Emily Tanner]
Der leichte Sommerregen war aufgezogen und ließ meine rotbraunen Haare auf unschöne Weise kräuseln. Ein Regenschirm wäre jetzt echt praktisch gewesen, aber sowas konnten sich Leute von der Straße natürlich nicht leisten. »Wir sollten vielleicht ein Lokal oder ähnliches aufsuchen«, meinte Ethan.
Doch irgendwie sah diese Gegend nicht so aus, als würde hier bald ein Geschäft erscheinen. Zwar waren wir erst im Zentrum, aber irgendwie sind wir vom Kurs abgewichen. Hier befanden sich jetzt mehr Bäume und Felder. »Gerne, wenn du etwas findest. Aber ich habe irgendwie das Gefühl, das wird noch eine Weile dauern.«
Ethan nickte, denn er wusste, dass ich Recht hatte. »Aber wir können uns doch zumindest irgendwo unterstellen. Vielleicht da hinten, ist das eine Scheune?« Ich beäugte das Gebäude, das zwar ländlich wirkte, nach meiner Meinung aber keine Scheune war. Schlussendlich spielte es ja keine Rolle, was das genau war. Das Dach hatte eine Überdachung – das war alles was zählte.
Kaum standen wir auch schon unter dem Dach, schien das Schauer mehr zu werden. Da hatten wir ja noch mal Glück gehabt. »Also unter Sommer verstehe ich etwas anderes«, murrte Ethan. »Ja, echt ätzend. Aber wir konnten ja schon einige Leute befragen, bevor es so zu schütten angefangen hat.« »Stimmt, aber genützt hat es nicht wirklich etwas. Ich hoffe, dass die anderen mehr Glück gehabt haben. Eigentlich sollten wir uns ja langsam zurück zum Wald begeben. Die Sonne geht unter. Aber bei dem Wetter setzte ich keinen Fuß vor die Tür.«
Ich nickte. »Ja, aber ich denke, dass wir nicht die einzigen sind, die so denken.«
Ethan und ich standen nun schon eine ganze Weile unter dem Dachvorsprung ohne etwas zu machen. Das Wetter wollte einfach nicht besser werden. So langanhaltende Sommerschauer hatte ich schon lange nicht mehr erlebt.
Plötzlich bemerkte ich in der Ferne eine Gestalt, die durch den Regen auf uns zu sprintete. Womöglich die Besitzerin dieses Gebäudes? Auch Ethan schien sie bemerkt zu haben und stupste mich in die Taille. Als ich die Frau dann genauer wahrnehmen konnte, stellte ich fest, dass sie schon im fortgeschrittenen Alter war, da sich ihr Haar grau färbte.
Sie stellte sich zu uns unter das Dach. »Hallo«, begrüßte sie uns in Englisch. Eine Touristin? Dann lag ich wohl falsch und sie war nicht die Besitzerin des Hauses. Glück gehabt. Ich war mir nämlich nicht sicher, ob diese es gut heißen würde, wenn Fremde auf ihrem Grundstück waren, damit sie nicht nass wurden. Aber anscheinend stellten sich mehrere Leute unter – naja, zumindest diese alte Frau hier. »Hallo«, murmelten Ethan und ich zurück. Die alte Dame lächelte uns zu. »Ätzend das Wetter, nicht wahr?« Ich nickte nur. Da fiel mir wieder das Foto ein. Wenn wir hier schon zusammen warteten, konnte ich ihr wenigstens das Foto zeigen. Alte Menschen kannten ja bekanntlich immer einen Haufen Leute.
»Endschuldigen Sie, aber kennen Sie zufälliger Weise diesen Mann auf dem Foto?« Ich hielt es ihr hin, doch die Frau beachtete das Bild in meiner Hand gar nicht und lachte nur über beide Backen – wie unfreundlich. Doch obwohl sie dem Bild keinen Blick gewürdigt hatte, antwortete sie zu meiner Überraschung: »Tut mir leid, aber da kann ich euch nicht helfen, Emily.«
Ich schien aus allen Wolken zu fallen. Woher kannte sie meinen Namen. Auch Ethan war vollkommen sprachlos. »Woher kennen Sie meinen Namen?«, wollte ich wissen. »Vielleicht sind wir uns ja schon mal begegnet und du kannst dich nur nicht mehr daran erinnern.« Ich schüttelte hektisch den Kopf. »Aber das kann nicht sein. Sie müssen mich mit jemanden verwechseln.«
»Dann ist dein Name nicht Emily?«, fragte sie, doch ich sah in ihrem Gesicht, dass sie die Antwort bereits kannte. »Doch, aber…« Mir fiel kein aber ein. Woher kannte mich diese Frau. »Wir können uns einfach nicht kennen. Ich komme nicht von hier.« »Wer sagt, dass ich dich von hier kenne?«
Die Sache wurde mir langsam echt unheimlich. Ich packte Ethan am Ellenbogen und murmelte: »Wir sollten jetzt wahrscheinlich weiter. Es ist schon spät.« Die Frau stöhnte. »Wenn du jetzt gehst, wirst du nie erfahren warum ich dich kenne. Bist du denn gar nicht neugierig?«
Trotz ihrer Worte zog ich Ethan Richtung Regen, doch der schien sich zu wehren. »Emily, warte. Also ich bin schon neugierig.« »Danke, Ethan«, sagte die Frau, die anscheinend nicht nur meinen Namen kannte. »Wer sind Sie?«, fragte Ethan mit zitteriger Stimme.
»Jemand aus der Zukunft«, antwortete die Frau. »Aber das ist nicht möglich… Die Menschen sind nicht in der Lage Zeitmaschinen zu bauen und werden es auch nie sein«, sagte ich. »Ach, aus welcher Zeit seid ihr denn?«, wollte sie wissen. Ich antwortete nicht. Warum auch? Ich wusste genau, dass sie die Antwort bereits kannte.
»Okay, bitte falle jetzt nicht in Ohnmacht. Ich vertraue dir, weil ich weiß, dass dir schon weit aus verrücktere Sachen passiert sind. Aber ich bin du. Ich bin in diese Zeit zurückgereist, als ich schon weit älter bin, wie du siehst.« Ethan schluckte. »Heilige Mutter Gottes.« Ich war einfach sprachlos.
Deshalb redete mein zukünftiges Ich einfach weiter: »Keine Angst. Ich bin nicht hier, um dir irgendwelche Geheimnisse aus deiner Zukunft preiszugeben. Außerdem musst du wissen: Die Zukunft kann sich natürlich immer ändern. Egal, ich bin wegen dem hier und jetzt gekommen.«
Ethan hatte sich anscheinend langsam entspannt und wollte wissen: »Kennst du mein Opa-Ich?« »Ja, Ethan. Aber auch wenn du deine Zukunft gerne wissen willst, werde ich sie dir trotzdem nicht sagen. Wie gesagt, ich bin wegen was anderem hier. Es geht um Avery und Ashley. Ihr müsst sie befreien, denn sie sitzen im Gefängnis.«
Woher wusste sie beziehungsweise ich das? Auch wenn sie das damals auch von mir erfahren hatte… irgendwann musste ich es doch mal erfahren haben, oder? Oh, Hilfe. Das war zu kompliziert für mich. Ich glaube selbst mit meinen Fähigkeiten wäre es das.
»Es wäre natürlich gut, wenn du mich wieder warnen würdest, wenn du alt und grau bist. Ist nur zu unserem eigenen besten. Und nein, ich verstehe es immer noch nicht.« Sie grinste. »Du kannst natürlich auch einen anderen Weg einschlagen, der sicherlich angsteinflößender ist, wenn auch besser. Aber seien wir mal ehrlich: Ich kenne mich natürlich am besten. Du wirst diesen Weg nicht wählen. Du wirst denken, dass dieser Weg gegen die Grundsätze spricht. Ich weiß natürlich, dass du ein Mensch bist, der viel Wert auf Regeln legt. Du nimmst den leichten und sicheren, wenn auch schlechteren Weg. Aber egal. Solange du mich warnen wirst, wenn du alt bist, werde ich dir verzeihen.«
Ich hatte nie gedacht, dass ich so kompliziertes Zeug von mir geben konnte. Mir schwirrte der Kopf. »Moment, welchen komplizierteren Weg meinst du?« »Das wirst du schon noch früh genug erfahren, denn zum dritten Mal: Ich bin nicht wegen der Zukunft hier, sondern wegen dem hier und jetzt. Avery und Ashley. Das Gefängnis neben den Reichstag – und nimmt was mit, womit ihr sie auch unbemerkt befreien könnt.« Und so schnell wie sie erschienen war, verschwand sie dann auch wieder im Regen, der zum Glück langsam nachzulassen schien.
»Okay, das war schräg«, sagte Ethan lachend. Meine Haltung lockerte sich langsam und ich grinste ebenfalls. »Das kannst du laut sagen. Aber würde es dir etwas ausmachen, wenn das unter uns bleiben würde?«
»Unser kleines Geheimnis?«
»Unser kleines Geheimnis«, sagte ich zustimmend. »Cool, ich hatte noch nie ein Geheimnis mit jemandem. Da ist natürlich das mit deinen Fähigkeiten, aber ich meine jetzt so eins, was man nur zu zweit hat.« »Erzählt Avery und du euch denn keine Geheimnisse?« Er überlegte einen kurzen Moment. »Nicht wirklich. Das ist wahrscheinlich eher ein Mädchending.«
Ich seufzte. Ja, ein Mädchending. Das ist wahrscheinlich das Problem mit Jungs: Sie behalten alles für sich.
Der Regen war endlich verzogen und die Sonne kam zum Vorschein – mehr oder weniger. Immerhin nahte der Abend. Aber ich hatte mir vorgenommen Ashley und Avery noch heute Nacht aus dem Gefängnis zu holen. Koste es was es wolle.