Project Different
Epilog
[Tyler Williams]
Meine Mutter hatte mich immer vor so etwas gewarnt. Wahrscheinlich war das auch mein Problem. Ich bin zu naiv, traue irgendwelchen Fremden und zack – sitze ich im Schlamassel. Ich konnte mich ja nicht einmal erinnern, wie ich überhaupt hier her gekommen bin, so sehr mussten mich meine Entführer zugerichtet haben. Eben war ich noch Zuhause bei meinen Eltern. Wir hatten wieder einen Spieleabend, den ich so sehr liebte. Dann waren wir einfach nur zu dritt und es war, als wäre die Welt vollkommen in Ordnung. Aber was machte ich mir vor: Das war sie ganz und gar nicht.
Im nächsten Moment musste ich an meine Eltern denken. Was haben die Entführer nur mit denen gemacht? Höchstwahrscheinlich haben sie die bereits getötet. Obwohl mein Körper mit Angst erfüllt war, stieß ich hervor: »Wo sind meine Eltern?«, weil ich es einfach wissen musste. Auch wenn ich die Reaktion der Entführer nicht verkraften könnte.
»Sie sind tot«, sagte eine ältere Frau mit grauen Haaren. Zwar hatte meine Mutter immer vermutet, dass ich von jüngeren Jungs entführt werden würde. Aber die Zeit hat sich nun mal geändert. Heutzutage sind Omis und Opis so fit, dass sie locker einen noch nicht ganz ausgewachsenen Jungen entführen könnten. »Ich verstehe. Und jetzt werdet ihr mich als nächstes töten.«
Ein älterer Mann erwiderte: »Was ist das denn jetzt für eine verrückte Phase? Man, wir…«, doch die Frau unterbrach den Mann: »Nicht. Hast du denn gar nichts gelernt? Das hat doch alles keinen Sinn.«
Die Unterhaltung des Mannes und der Frau waren in meinen Ohren nur Bahnhof. Langsam begann das Band, mit dem sie mich an den Stuhl gefesselt hatten, zu brennen. Als hätte der Mann seine Gedanken gelesen, fragte er die Frau: »Ist das Band wirklich nötig?«
Langsam wurde ihm bewusst, dass der Mann nur wegen der Frau bei dieser Sache mit machte. Sie war also das eigentliche Problem. Vielleicht würden sie ihn gehen lassen, wenn der ältere Mann die ältere Frau überreden könnte. Sie schien ihm zumindest zu vertrauen. Da sie ungefähr gleich alt waren, war es gut möglich, dass sie verheiratet waren.
Als die Frau sich erhob, stellte er fest, dass sie ein Blümchenkleid trug. Vielleicht sollte das eine Tarnung sein, genau wie ihr fortgeschrittenes Alter. Denn so stellte man sich die Täter unter keinen Umständen vor – eher die Opfer. Vielleicht würden sie mich sogar als Täter darstellen, immerhin entsprach ich eher der Norm. »Es ist nötig«, antwortete die Frau im Blümchenkleid. »Aber Gestern…«, setzte der alte Mann an, doch die Frau unterbrach ihn erneut. »Gestern ist nicht Heute. Es ist jedes Mal anders und das weißt du. Würde ich das Band lösen, wäre er schneller über alle Berge als ich Ich-habe-es-dir-ja-gesagt sagen könnte.
»Bitte, ich will doch nur Nachhause«, flehte ich die beiden an, doch diese schienen mich gar nicht zu beachten. Der Mann atmete verzweifelt aus. »Ich frage mich jedes Mal, wie du das nur immer wieder schaffst. Ich könnte es nicht.«
»Wenn du es nicht kannst, dann überrede sie bitte! Sage ihr einfach wie falsch das alles ist und lasst mich einfach gehen!«, schrie ich ihn an, da ich irgendwie die Kontrolle verloren hatte. »Weißt du, was dieses Mal in seinem Kopf herum schwirrt?«, fragte der Mann die Frau, die daraufhin den Kopf schüttelte und dann aus meiner Sichtweite verschwand.
»Hör zu, mach dieses Mal bitte schnell – bevor die anderen da sind am besten«, sagte der Mann, der eigentlich die Frau gemeint haben musste, doch er sah mich direkt an als er diese Worte aussprach. Jetzt verstand ich wirklich gar nichts mehr.
Als das Blümchenkleid wieder meine Sichtweite erreichte, zuckte ich zusammen. Sie kam in Begleitung. »Hättet ihr nicht noch ein bisschen warten können?«, fragte der Mann die anderen, die den Raum betreten hatten. »Ich wüsste nicht warum. Es ist ja nicht so als würden wir das zum ersten Mal sehen«, entgegnete eine blondierte Frau, die trotz ihres vielen Makeups wahrscheinlich nicht jünger als die anderen war.
»Aber dieses Mal ist es glaube ich besonders schlimm«, sagte der Mann neben mir. »So ein Quatsch. Es ist immer schlimm, dieses Mal ist es nur anders«, entgegnete die Frau im Blümchenkleid.
»Aber hey, du kriegst das doch wieder hin, oder?«, fragte eine Frau, die sich anscheinend noch ziemlich gut für ihr Alter gehalten hatte oder einfach jünger als die anderen war. Wobei ihre grauen Haare etwas anderes verrieten. »Ich bin mir nicht sicher«, antwortete die Frau im Blümchenkleid. »Das werden wir gleich sehen.«
Als sie immer näher auf mich zukam, merkte ich wie meine Hand zitterte. In ihrer Hand hielt sie etwas, das ein Buch sein musste. »Ich werde mit dir einen Deal machen. Ich lasse dich frei, wenn du dir dieses Buch Wort für Wort und Seite für Seite durchliest.«
Wollte sie mich etwa manipulieren? Würde ich darin womöglich auf etwas stoßen, was ich eigentlich gar nicht wollte? Da es jedoch meine einzige Chance von hier weg zu kommen zu sein schien, ließ ich mich auf den Deal an. Ich dürfte die Worte einfach nicht an mich ran lassen.
Als ich das Buch entgegen nahm, zitterte meine Hand immer noch. Vorsichtig schlug ich das Buch auf. Vorne stand geschrieben: Zur Erinnerung an Tyler Williams. Hatten diese Entführer etwa ein Abschiedsbuch für mich angefertigt, jetzt wo sie mich töten wollten? Die mussten doch psychisch nicht mehr ganz gesund sein. Trotzdem begann ich schließlich zu lesen:
Hey Idiot, ja du hast schon richtig gehört. Idiot. Und nein, es ist keine Beleidigung, wenn man es gegen sich selber richtet. Ganz recht, du hast dieses Buch selbst geschrieben. Ist noch nicht lange her. Für dich mag es aber in der Zukunft liegen, da dein doofes Gehirn ja immer noch denkt, es wäre in der Blüte seiner Jugend. Aber ich verrate dir mal was: dein Leben ist eigentlich schon fast vorbei. Und jetzt sei nicht traurig oder so, denn dein Leben war echt klasse. Nein, ich werde dir jetzt nicht mitteilen, was alles so spannendes in deinem Leben passiert ist. Das muss ich auch gar nicht, denn das wichtigste im Leben sind nicht die Augenblicke, wie viele immer denken. Das, was sich nie ändern wird, ist das woran du wirklich festhalten kannst.
Na schön, um dich etwas zu beruhigen: Dein Leben war alles andere als langweilig. Aber das ist wahrscheinlich auch kein Wunder, wenn man drei Mädchen mit Superkräften kennt. Ja, du hast schon richtig gehört: Superkräfte.
Da haben wir einmal Emily. Vielleicht siehst du sie ja gerade. Sie hat rotbraune Haare, die inzwischen wahrscheinlich eher grau sein mögen, aber vielleicht nimmst du noch ihre Sommersprossen wahr. Unsere Gruppe, bestehend aus acht Leuten, hat sich bereits zu Schulzeiten kennengelernt. Ich glaube die drei Mädchen – Emily, Addison und Ashley – sind der Grund warum wir alle miteinander befreundet sind und uns kennengelernt haben.
Ohne Emily hättest du wahrscheinlich nie Avery, ihren Mann, kennengelernt. Obwohl Avery der beliebteste Junge der Schule war, hat er sich mit einem Loser wie dir angefreundet. Ich weiß noch, dass das früher ein ziemliches Problem gewesen ist, als Avery sich mit Emily treffen wollte, da zu dieser Zeit Ashley und Addison noch in ihrem Körper waren. Als Emilys Körper dann jedoch mit ungefähr achtzehn Jahren vollkommen ausgewachsen war und jeder seinen eigenen Körper bekam, hatte sie endlich die Möglichkeit ein Privatleben zu führen – genau wie die anderen beiden auch.
Ab dem Moment ist diese Gruppe eigentlich entstanden. Addison brachte Chloe in die Gruppe, was ziemlich verwunderlich ist. Chloe ist auf dem ersten Blick nämlich eine ziemliche Tussi, doch Addison konnte mehr sehen – frei von jeglichen Vorurteilen. Und obwohl sie manchmal etwas eigen ist, hast du dich doch mit ihr angefreundet. Bella kam durch Emily in diese Gruppe, da sie schon ziemlich lange beste Freunde sind. Ich meine, seit ihrer Kindheit. Und du brachtest Ethan in die Gruppe, deinen besten Freund seit der Oberschule. Aber ich glaube, dass sich das inzwischen geändert hat und du jeden in dieser Gruppe als deinen besten Freund bezeichnen kannst. Okay, manche vielleicht etwas mehr als andere.
Ich könnte dir jetzt sagen, wie du in diese Gruppe gekommen bist, schließlich warst du schon immer ein ziemlicher Außenseiter und hattest nur Ethan als deinen Freund. Aber ich tue es nicht, denn das ist deine Strafe! Ich weiß, dass es eine Krankheit ist und du nichts dafür kannst. Aber kämpfe gegen dein verdammtes Gehirn an! Kämpfe so wie es deine Ehefrau jeden Tag für dich macht, denn du kannst dich glücklich schätzen sie zu haben. Nur sie schafft es, dass du dich jeden Tag aufs Neue wieder erinnerst. Ich kann dir nicht sagen, ob du dich dieses Mal erinnern wirst, denn das entscheidet das verdammte Alzheimer. Doch tu mir einen Gefallen: Selbst wenn du dich mal nicht erinnern solltest, tu einfach so als würdest du es. Denn sonst würde es ihr das Herz brechen, da sie denkt, dass der Alzheimer inzwischen so weit fortgeschritten ist. Dann denkt sie, dass sie dich weggeben muss – ins Heim.
Aber es ist sicher besser für dich, wenn du bei dir Zuhause bist mit den Menschen, die dich lieben. Da ich mich nun Mal am besten kenne, weiß ich, dass du Worte schon immer gehasst hast. Deshalb bitte ich dich jetzt umzublättern.
Mit zitterigen Händen starrte ich auf die folgenden Seiten, die nur mit Fotos gefüllt waren. Fotos, die mich mit fremden Personen zeigten. Es fühlte sich an, als wären diese Fotos bearbeitet worden, da ich mich an keins dieser Bilder erinnern konnte. Ich hatte schon seit ich denken kann einen Fotoapparat, den mein Vater mir zu meinem Geburtstag geschenkt hatte, denn er hatte mir schon früh mitgeteilt, dass ich womöglich Alzheimer kriegen könnte.
Langsam hob ich meinen Blick von dem Buch und schaute die wunderschöne Frau in dem Blümchenkleid an. »Ashley«, murmelte ich und lächelte sie an. Erleichtert atmete sie aus. »Du erinnerst dich.« »Natürlich erinnert er sich. Er erinnert sich immer. Fast schon etwas unheimlich, aber im positivem Sinne. Freundschaft ist eben die beste Medizin«, antwortete die sommersprossenübersäte Emily.
Und Avery, der den Arm um sie gelegt hatte, fragte sich: »Ob wir wohl auch alle miteinander befreundet wären, wenn Addison und Ashley in Emilys Körper geblieben wären?« »Natürlich wären wir das. Vielleicht wären manche Dinge anders abgelaufen, aber das Wichtigste im Leben ändert sich nie. Ich denke, dass unsere Freundschaft Schicksaal gewesen ist. Nur deshalb bin ich noch bei euch anstatt in einem Heim bei völlig Fremden zu hocken«, entgegnete ich.
Tag der Veröffentlichung: 21.06.2015
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Annika Ha