Project Different
Kapitel 9
[Emily Tanner]
Unseren ersten Zwischenstopp auf Krenzu hatten wir hinter uns gelassen, wenn auch nicht ganz ohne Probleme. Aber die Hauptsache war doch, dass wir endlich wieder unversehrt in unserer Rakete saßen. Vor uns lag unser Ziel Denatri, das nicht mehr ganz so weit entfernt war wie die Reise zum Planeten Krenzu.
»Wie lange wird es dauern, bis der Planet Denatri in die Luft gesprengt wird?«, wollte Tyler wissen. »Ich meine, wir benötigen doch etwas Zeit, um selber von dort weg zu kommen.« »Ich denke, dass wir dafür genug Zeit haben. Die Reaktion erfolgt nach einigen Minuten. Wenn ihr solange in der Rakete bleibt, wird das Ganze noch schneller möglich sein und in Nullkommanichts sind wir da wieder weg«, beruhigte ich die anderen. Ich denke nicht, dass mir die Idee gefällt, einen ganzen Planeten in die Luft zu sprengen. Macht uns das nicht eigentlich zu Massenmördern?, kam Ashley plötzlich in den Sinn. Was denkst du, werden diese Vodmus sonst mit uns machen? Glaube mir, wir sind hier die Guten, erklärte ich Ashley, obwohl ich mich dabei selbstverständlich selber nicht ganz wohl fühlte, aber uns blieb nun mal keine andere Wahl.
Langsam konnte man den Planeten von weitem wahrnehmen. Ein Planet, der ziemlich leer und unbewohnt ausschaute. Doch wahrscheinlich wimmelte es dort nur so von Leben, was unsere menschlichen Augen jedoch nicht erkennen konnten.
Vorsichtig brachte ich die Rakete zum Stehen. »Alles klar. Das muss jetzt schnell gehen, weil wir hier so schnell wie möglich wieder weg müssen, bevor uns die Vodmus entdecken«, sagte ich vollkommen in Eile, während ich mir schnell meinen Raumanzug überstülpte.
Ich war gerade dabei die Tür zu öffnen, als ich plötzlich inne hielt. Es mussten Vodmus ganz in der Nähe sein, da ich plötzlich deren Gedanken wahrnehmen konnte: Wie gut, dass wir Emilys Truppe einen Schritt voraus sind. Die werden ihr blaues Wunder erleben. Und nicht nur das. Es wird sicher schockierend sein, wenn sie herausfinden, dass sie von jemand aus ihrer eigenen Reihe verraten worden sind.
Den Rest der Gedanken konnte ich zwar noch hören, aber ich wollte es einfach nicht wahr haben. Die Sätze waren zwar richtig in meinem Kopf gebildet, aber ich verstand deren Inhalt einfach nicht – beziehungsweise wollte ihn nicht verstehen. Anstatt die Tür zu öffnen, gaben meine Beine nach und ich sackte zu Boden. »Emily? Was ist los?«, fragte Bella besorgt. »Das ist jetzt echt nicht der richtige Zeitpunkt…« Am liebsten wollte ich für immer hier unten liegen bleiben und den Rest der Welt ausblenden. Aber das würde alles nur noch schlimmer machen. Schlussendlich biss ich meine Zähne zusammen und rappelte mich hoch. »Wenn ich jetzt diese Tür öffne versteckt ihr euch bitte alle so schnell wie nur irgend möglich.«
Die anderen starrten mich zwar total verwirrt an, fragten aber nicht lange nach, sondern taten einfach das, worum ich sie gebeten hatte. Erleichtert öffnete ich die Tür der Rakete und rannte so schnell wie es meine Beine konnte hinaus, um das Reagenzglas zu öffnen und die Gase miteinander zu vermischen.
Ich konnte die Geschwindigkeit der Vodmus nicht einschätzen, doch als ich die Rakete wieder erreichte, war eindeutig keiner von ihnen anwesend. Das könnte nur zwei Gründe haben: Entweder sie waren so schnell, dass sie schon wieder weg sind oder ich war so schnell, dass sie die Rakete noch gar nicht mal erreicht hatten. »Hallo?«, rief ich den anderen zu. »Ihr könnt raus kommen.« Ethan und Avery waren die ersten, die aus ihrem Versteck kamen. Sie schienen am ganzen Körper zu zittern. »Dieses Licht…. Da war ein Licht. Es sah fast so aus, als würden diese Vodmus eine Lichtkanone verwenden«, stotterte Avery so schnell, dass ich mir nicht sicher war, ob ich ihn überhaupt verstanden hatte.
»Was genau ist passiert? Ich möchte, dass du ruhig sprichst.« Da Avery dazu anscheinend noch nicht in der Lage war, übernahm Ethan für ihn. »Es ging alles so schnell. Wir sind uns selber gar nicht sicher, was passiert ist. Wahrscheinlich benutzten die Vodmus eine Art Lichtkanone, was bestimmt auch ihr Werkzeug ist, um die ganzen Menschen verschwinden zu lassen.«
Ich schaute ihn irritiert an, während nach und nach auch die anderen aus ihren Verstecken kamen. »Warum glaubst du, dass sie eine Lichtkanone verwenden, um die Menschen verschwinden zu lassen?« »Na ja, anscheinend können sie uns nichts anhaben. Aber sie können Hilfsmittel entwickeln, die wir sehen können, die uns etwas anhaben können. Und darum konnten wir diese Lichtkanone auch sehen, wie sie sich auf Bella und Tyler gerichtet hat«, murmelte Ethan ohne selber richtig zu wissen, was er da von sich gab.
Ungläubig schaute ich mich in der Rakete um. »Du meinst Bella und Tyler sind nicht mehr bei uns?«, fragte ich Ethan in einer Tonlage, die Ethan zusammenzucken ließ. Er nickte mit gesenktem Kopf, während ihm eine Träne über die Wangen rollte.
Für einen kleinen Moment reagierte keiner von uns, obwohl das wahrscheinlich besser gewesen wäre, da der Planet neben uns immerhin in einigen Minuten in die Luft gehen würde. Aber in diesem Moment ging es einfach nicht.
Jane war die erste, die das Wort ergriff und mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholte. »Oh Gott, was machen wir denn jetzt?« Das war der Moment, an dem bei mir alles hoch kam. Die Gedanken der Vodmus, die ich zuvor verdrängt hatte. Obwohl die anderen vermutlich Angst vor mir bekommen könnten, hielt ich mich nicht zurück und schrie alles heraus, was in mir vorging: »Sei du bloß still! Das ist doch alles deine Schuld. Was fällt dir ein jetzt noch so scheinheilig zu tun? Glaubst du, ich hätte mir die Gedanken der Vodmus nicht angehört?«
Janes Gesicht war vollkommen leer, als könnte sie endlich ihr wahres Gesicht zeigen und all ihre gespielten Gefühle plötzlich abschalten. »Um ehrlich zu sein, dachte ich, du wärest schon viel früher darauf gekommen. Immerhin bist du ja so schlau, aber anscheinend sind die Vodmus trotzdem schlauer.«
Mit geballter Wut in mir, schupste ich Jane, zwar nicht stark, aber doch so stark, dass die anderen um mir die Luft anhielten. »Das war alles von Anfang an geplant? Von dem Augenblick als du auf mich zu kamst und dich mit mir anfreunden wolltest?«, fragte ich, obwohl ich keine Antwort benötigte, da ich diese bereits kannte.
»Die Vodmus sind schlauer als du denkst. Sie wussten schon immer, dass wenn ihnen jemand gefährlich werden könnte, dann wärest du das. Ich sollte aus diesem Grund ein Auge auf dich haben und ihnen von deinen Vorhaben berichten.«
Chloe, die sich inzwischen anscheinend auch wieder gefangen hatte, fragte jetzt verwirrt: »Verstehe ich das richtig? Ist Jane so etwas wie ein Spion der Vodmus? Ist ihr denn nicht bewusst, dass sie auf der falschen Seite steht? Die Vodmus wollen doch die Menschen töten – und sie ist ein Mensch. Oder verspürt sie einen innigen Todeswunsch?«
»Nicht ganz«, erklärte ich. »Die Vodmus sind in der Lage Roboter anzufertigen. Roboter, wie sie Menschen nie hinbekommen hätten. Sie sehen so menschlich aus, dass man nie darauf kommen würde, dass sie es eigentlich nicht sind. Aus diesem Grund konnte ich auch nicht Janes Gedanken lesen. Ich kann nur die Gedanken von Lebewesen lesen und das ist sie nicht. Sie ist ein Roboter der Vodmus.«
Da mir nur allzu gut bewusst wurde, dass wir nicht mehr viel Zeit hatten, startete ich schnell die Rakete. Kurz bevor wegfahren wollte, öffnete ich die Tür schnell ein zweites Mal und zog Jane Doe dabei so schnell mit mich, dass sie gar nicht schalten konnte, was ich vorhatte. Mit aller Kraft stieß ich sie, sowohl mit Hand als auch mit Fuß, von unserer Rakete.
Obwohl Jane nicht menschlich war, hörte ich trotz alldem einen grellen Schrei, als sie in die Tiefe stürzte. Kaum hatte ich die Tür wieder geschlossen, ertönte ein riesen Knall. Unsere ganze Rakete bebte und ich konnte nichts mehr sehen – nur helles Licht. Irgendwann wurde mir dann klar, dass ich in Ohnmacht gefallen war – oder tot war, ich konnte es nicht genau sagen.
Als ich wieder klar sehen konnte, konnte ich nicht ganz genau sagen wo ich mich befand. Vor mir befand sich ein Mann mittleren Alters, der in seiner Hand eine Schaufel hatte. Während er ein Loch in die Erde grub, murmelte er ständig die gleichen Zeilen vor sich hin:
Die Zeiten sind noch zu ändern. Wird’s je ein Ende nehmen? Doch einer wird’s beenden müssen. Eh das Ende niemals kommt.
Verschließ den Schlüssel in das Grauen, der in die Tiefe führt. Auch wenn du dich selbst gerettet hast, deine Nachfolger wird’s wieder plagen.
Drum schlage alle Warnung in den Wind. Verschließ das Grauen der Wiederholung. Und helfe dir selbst, deinen Nächsten. Vergangenheit am längsten eilt.
Er wiederholte die Worte immer wieder und wieder. So oft, dass ich mir sicher war, sie bald auswendig zu können.
Ich entfernte mich langsam von diesem Mann, doch seine Worte verschwanden trotzdem nicht. Ich wollte mir die Ohren zu halten, doch auch das half nichts. Da ich jetzt nicht mehr nur den Mann erkennen konnte, bekam ich einen besseren Überblick über meinen Aufenthaltsort. Anscheinend befand ich mich in Berlin, da ich das Brandenburger Tor erblicken konnte. Aber obwohl ich schon mal in Berlin gewesen bin, kam mir das alles so fremd vor.
Mit genauerem Blick wurde mir klar warum. Ich musste mich in einer anderen Zeit befinden, denn der Westen und Osten Berlins war noch von einer Mauer getrennt. Hundertprozentig sicher war ich mir aber erst, als ich eine Zeitung erblickte, die auf dem Boden lag: 15.07.1989. Es würde also nicht mehr allzu lange dauern, bis die Mauer fallen würde.
Während ich weiter die Zeilen des grabenden Mannes hörte, spürte ich plötzlich ein Stechen in meinem Magen. Krampfhaft sank ich zu Boden und kämpfte dagegen an, mich nicht sofort auf der Stelle übergeben zu müssen. Diese nervigen Zeilen in meinem Kopf waren dabei nicht gerade eine Hilfe.
Die Fülle in meinem Magen wurde immer stärker, bis ich irgendwann das Gefühl hatte, mein Körper würde explodieren. Irgendetwas drückte von innen gegen meinen Körper und wollte heraus. Ob das eine Folge der Explosion unserer Rakete war? Würde dieses Gefühl nie weggehen? Ich stellte mir die schlimmsten Szenarien vor.
Dann kam irgendwann der Punkt, an dem ich glaubte, dass es schlimmer nicht mehr werden könnte. Und tatsächlich: Danach klangen meine Schmerzen langsam ab. Von irgendwoher hörte ich plötzlich eine vertraute Stimme: »Ich bin frei!«