Project Different
Kapitel 22
[Emily Tanner]
Die Flucht aus dem Gefängnis war anfangs echt anstrengend, aber als wir alle wieder normal gingen, packte ich mich Ashley beiseite und fragte sofort: »Du hast es ihm erzählt?« »Ja, ich hab’s ausversehen angedeutet. Außerdem, was ist schon dabei? Er verdient doch die Wahrheit.«
Okay, da hatte sie irgendwie schon Recht. »Na schön. Ich hätte es nur gerne selber gemacht. Sonst kommt es so rüber als wäre es mir peinlich.« »Aber es ist dir peinlich«, sagte Ashley lachend. »Sollte es aber nicht. Gerade jetzt, wo es doch alles nur ein Missverständnis gewesen ist.«
Ashley schnaubte. »Vielleicht ist er nicht an dir interessiert, aber es war sicher kein Missverständnis. Unsere Fähigkeiten lügen doch nicht.« Ashley überlegte einen Moment. »Ich glaube es liegt daran, dass Avery sich auf eine Sorte von Mädchen festlegt. Die, die zu ihm passt und eine realistische Zukunft hat. Wahrscheinlich ist es dann normal, wenn er Phantasien entwickelt, die außerhalb seiner Reichweite sind.«
»Außerhalb seine Reichweite? Avery ist der beliebteste Junge an unserer Schule.« »Ach, was heißt schon beliebt. Er ist dumm wie ein Straßenköter. Du eben nicht«, sagte Ashley.
»Hey, jetzt übertreibst du aber.«
»Du hast Recht, es gibt auch jede Menge intelligente Hunde«, sagte sie und lachte. Während ich die Augen verdrehte, murmelte sie: »Spaß beiseite. Ich denke dein Nachhilfeunterricht hat einen guten Einfluss auf ihn.« Langsam schlossen wir wieder zu den anderen auf. Der warme Sommerwind zerzauste meine Haare, war aber angenehm. Während unserer Reise, die etwas länger dauerte als erwartet, erzählten Chloe und Addison schließlich was passiert war. Mir blieb echt der Atem weg. Und ich dachte schon, Ethan und ich hätten etwas Aufregendes erlebt. Auf die erwartende Frage, woher wir von Ashleys und Averys Gefangennahme wussten, sagte ich einfach, dass wir sie zufällig erblickt haben, als Männer mit Uniform sie festnahmen. Zum Glück konnte ich lügen ohne rot zu werden.
Irgendwann erreichten wir einen verlassen und ruhigeren Teil von Berlin. Einen Teil, der mit jede Menge Kraut, ziemlich schwierig zu betreten war. »Tja, ich habe eben diesen Ort ausgesucht, damit mich niemand von der Stasi bemerkt«, erklärte uns Heinz.
Mitten im Gestrüpp erblickte ich zwei Löcher, die einen guten Meter voneinander entfernt waren. Als ich näher auf die Löcher zuging, bemerkte ich, dass das eine der beiden so weit in die Tiefe reichte, dass ich kein Ende erkennen konnte. Das andere hingegen hörte nach einigen Metern auf und das Ende war deutlich abzusehen.
»Geht da bloß nicht runter«, warnte uns Heinz. »Ich hatte Glück, dass mein Freund Diether dabei war und oben gewartet hatte. Er konnte mich nur mit Mühe wieder herausziehen. Das ist da unten Sau tief. Aber diese Tiefe habe nicht ich mit meiner Schaufel erreicht. Ich habe lediglich etwas Erde weggeschaufelt. Eigentlich glaube ich ja nicht an übernatürliche Sache, aber das ist echt magisch. Der Raum da unten zieht sich nämlich auch unendlich in die Länge, aber wenn ich ein paar Meter daneben grabe, passiert nichts.«
Ich musste es einfach fragen: »Bist du hier noch oft? Ich meine, du machst nicht den Eindruck, wenn du da nicht mehr runter willst.« Er schüttelte hektisch den Kopf. »Natürlich nicht. Nur das eine Mal als ich da runter fiel – und jetzt, nur um es euch zu zeigen, aber auch gleichzeitig um euch zu warnen.«
»Keine Sorge, wir gehen da ganz sicher nicht runter. Da ist es sicherlich total dreckig«, maulte Chloe und ich war überrascht, dass auch sie so ausgezeichnet lügen konnte. »Okay, war schön euch kennengerlernt zu haben. Aber ich muss jetzt echt wieder weiter. Leider bin ich immer noch auf der Flucht und ihr jetzt anscheinend auch. Zumindest zwei von euch komischen Käuzen.« Er warf Ashley und Avery noch mal einen Blick zu und verschwand dann auch schon in der Dunkelheit der Nacht.
Als wir ungestört und vollkommen alleine waren, meinte ich direkt: »Ich finde, dass wir uns in der Vergangenheit schon mal einen Eindruck von dem Untergrund machen sollten. Jetzt, wo es da unten vielleicht noch nicht so gefährlich ist. Dann sind wir besser vorbereitet.« »Ja, wir. Das heißt: Du, Ashley und ich – als eine Person.« Ethan schaute Addison verwirrt an. »Ach, und wir sollen den Untergrund etwa nicht kennenlernen?« »Na, da unten ist es nicht sonderlich schön, denke ich. Es reicht, wenn wir euch später einfach darüber informieren«, sagte Addison. »Ganz deiner Meinung. Warum etwas tun, was nicht nötig ist?«, stimmte Chloe zu. »Du musst auch in der Zukunft nicht mit runter kommen, Chloe. Ich will euch nur noch mal daran erinnern«, sagte ich.
Doch Chloe schüttelte den Kopf. »Doch, muss ich. Jetzt ist es unnötig, aber in der Zukunft sicher nicht. Wir sind immerhin ein Team.« Ich stöhnte. Warum hatte ich dieses Thema überhaupt angefangen? Ich kannte die Einstellung meiner restlichen Gruppenmitglieder genau. Auch wenn uns diese Einstellung bereits Bella und Tyler gekostet hatte. Ich musste schlucken. Ich brauchte gerade dringend etwas von Ashleys positivem Optimismus. Wir werden Bella und Tyler schon retten, hätte sie sicher gesagt.
»Na schön. Dann ergreift mal meine Hand«, sagte ich zu den beiden, was sie daraufhin taten.
Mir stockte der Atem, als wir einige Meter in der Tiefe sprangen. Nicht, weil es so tief ist, sondern einfach wegen der unerträglichen Hitze. Hier unten konnte man es wirklich nicht lange aushalten.
Die Gänge hier unten hatten ziemlich viele Abzweigungen, einige davon unheimlich schmal, sodass man kaum in der Lage wäre hindurchzugehen. Allerdings gab es auch welche, die so breit waren, dass man sie auch schon als Raum bezeichnen könnte. Habt ihr das gehört?, fragte Addison plötzlich. Was gehört?, fragte ich. Addison hat Recht. Ich habe auch was gehört. Hier unten ist jemand. Ich höre Gedanken.
Verwundert ließ ich die Gedanken auf mich wirken und musste feststellen, dass die beiden sich nicht getäuscht hatten. Da waren tatsächlich Gedanken, keine gewöhnlichen Gedanken. Ich weiß nicht genau. Hier unten kann man wirklich nicht lange überleben. Ich konnte nun auf Gedanken wahrnehmen, die von jemand anderen stammen mussten. Sei nicht albern. Natürlich können wir hier nicht lange überleben. Das hier unten ist ja auch für die Menschen. Dann können wir oben leben.
Aber das ist doch nicht fair. Die Menschen werden hier unten auch sterben. Der andere Vodmus schien anderer Meinung zu sein. Wenn wir aber nichts unternehmen, werden wir auch sterben. Und zwar jeder einzelne von uns. Denatri wird es irgendwann nicht mehr geben. Ich will nicht sterben, du etwa? Außerdem müssen nicht alle Menschen sterben. Nur ein paar, sodass Gerechtigkeit herrscht. Die Hälfte der Menschen wird mit der Hälfte der Vodmus zusammen auf der Erde leben. Zufrieden?
Die Antwort auf diese Frage würde ich nie erfahren, da die Gedanken sich in meinem Kopf auflösten. Denkt ihr nicht, dass es etwas gemein war, ihren Heimatplaneten in die Luft zu jagen? Immerhin haben sie vor mit uns zusammen auf der Erde zu leben, überlegte Ashley mit betrübter Stimme. Er hat sicherlich gelogen. Ein paar Menschen zu töten wird den Vodmus nicht reichen, da wir den Planeten irgendwann wieder so mit Menschenleben füllen, dass für sie kein Platz bleibt, meinte Addison. Außerdem kann man nicht einfach einen neuen Planeten einnehmen, nur weil der eigene es nicht mehr macht. Das ist nicht der natürliche Lauf des Lebens.
Ach, und einen Planeten in die Luft zu sprengen ist es?, fragte Ashley etwas gereizt. Ich atmete einmal kurz durch. Nein. Das war einfach eine Aktion, die Wohl oder Übel getan werden musste. Mit diesem Satz verdrängte ich nur meine Schuldgefühle, die ich schon hatte, seitdem Denatri in die Luft gegangen ist. Immerhin hatten wir da mehr als nur einen Massenmord ausgelöst. Ohne länger einen Gedanken daran zu verschwenden, sprang ich mit einem Satz zurück an die Oberfläche.