Project Different

Annika Ha · Kapitel 19 von 29

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Project Different

Kapitel 19

[Ashley Summers]

Der Pub, den Avery und ich aufgesucht hatten, war eigentlich ziemlich cool. Er hatte etwas Gemütliches und Altertümliches. Lag bestimmt daran, dass wir in der Vergangenheit waren. Verrückt, ich konnte mich immer noch nicht daran gewöhnen.

»Hey, Mona. Noch zwei Bier extra, bitte. Die beiden süßen hier können nicht reden. Außerdem haben sie jemanden geliebten verloren. Da verdienen sie wenigstens ein Bier, dass ich ihnen spendiere.« Ich war stolz auf mich, wie gut ich doch Deutsch konnte. Jahrelang in Emilys Körper gefangen zu sein, hatte doch seine Vorteile gehabt.

Danke, schrieb ich auf den Zettel. »Kein Problem, Süße«, sagte der betrunkene, trotzdem sympathische ältere Herr zu mir. »Ihr beiden gibt ein echt süßes Pärchen ab«, sagte die Kellnerin Mona, wobei ich mich fast an meinem Bier verschluckte. Avery und ich? Das konnte sie doch wohl nicht ernst meinen. Ich musste immer noch an die Arme Emily denken. Ich würde nicht wissen, wie ich reagieren würde, wenn ich herausfinden würde, dass er mich liebte. Wahrscheinlich ging sie einfach davon aus, weil wir nur zu zweit waren, das gleiche Alter hatten und nicht vom gleichen Geschlecht waren. Ja, es waren wirklich andere Zeiten.

Schnell kitzelte ich die Worte Er ist nur ein Freund auf den Zettel. Mona lachte. »Ach, das sind sie am Anfang doch alle.« Ich stöhnte und gab einfach auf. Ich konnte sie bestimmt eh nicht vom Gegenteil überzeugen. Avery trank einfach sein Bier und starrte Löcher in die Luft. Natürlich, schließlich konnte er kein Wort Deutsch. Als der ältere Mann Tom mich gefragt hatte, warum Gerd nie etwas schrieb, erfand ich einfach die Ausrede, dass er schüchtern wäre.

Plötzlich setzte sich ein jüngerer Mann mit einer grauen Uniform neben uns. Ob er wohl ein Polizist war? Die Uniform sah fast so aus. Mona schien den Mann zu kennen. »Tag, Herr Offizier.« »Tag«, antwortete er und schaute Avery und mich neugierig an. »Nanu, neue Kundschaft?« Da wurde mir klar, dass dieses Lokal wohl hauptsächlich von Stammgästen aufgesucht wurde.

»Ja, das sind Gerd und Anna. Sie können beide nicht reden. Deshalb haben sie sich auch kennengelernt. Ist das nicht süß?« Der Offizier brummte nur, was ich am liebsten auch getan hätte.

Ich hielt ihm das Foto hin und hielt daneben das Schild: Kennen Sie diesen Mann vielleicht? Der Offizier schien nun interessierter. »Wieso? Was wollen sie von ihm?« Da er nicht nein gesagt hatte, schrieb ich mit Hoffnung die Worte: Er ist mein Vater. Ich habe ihn verloren und möchte zu ihm.

»Wenn das so ist, dann kommt am besten Mal mit.«

Ich war den ganzen Weg mit Glück erfüllt als wir dem Mann durch Berlin folgten. Bis wir schließlich ein Gebäude erreichten, dass mir gar nicht seriös war. »Ach, ich bin übrigens von der Stasi.« Während er das sagte, legte er uns beiden Handschellen um. »Ihr seid festgenommen, weil ihr unser Volk verraten habt.« Da ich nicht in der Lage war etwas zu schreiben, machte ich einfach nur ein lautes Hm?, da ich mir sein Vorgehen nicht erklären konnte. Schließlich erklärte er: »Dein Vater wurde wiederholt dabei erwischt, wie er nach Westberlin flüchten wollte. Du als seine Tochter bist da sicher nicht ganz unschuldig. Sei doch froh. Ihr seid dann endlich wiedervereint.«

Ich blickte Avery angsterfüllt an. Ins Gefängnis? Das war alles andere als gut. Wir könnten echt auffliegen. Langsam schien auch Avery zu begreifen, aber auch nur, weil er die Handschellen sah und wurde unruhig. Wer formte stumm die Worte mit dem Mund, die wahrscheinlich Was? bedeuten sollten. Ich ersuchte es ebenfalls mit dem Wort: Gefängnis. Allerdings war das Wort zu lang als das man es erkennen konnte. Erstrecht nicht ein Dummerchen wie Avery.

Als die Tür zu unserer Zelle ins Schloss fiel und der Offizier verschwand, sagte Avery sofort: »Wie können die uns verhaften? Was haben wir denn getan?«

Ich funkelte ihn wütend an, da er nicht bemerkt hatte, dass wir nicht alleine waren. Doch es war schon zu spät: »Sperrt die Stasi jetzt neuerdings auch Touristen ein?«, fragte der Mann, der eindeutig der vom Foto war, in Englisch. Dass wir Kleidung für Obdachlose trugen, war ihm wohl gar nicht aufgefallen. Doch zum Glück ging er gar nicht weiter auf dieses Thema ein: »Willkommen. Ich bin Heinz.«

»Ashley«, antwortete ich wahrheitsgemäß, da er ja bereits von meiner amerikanischen Identität wusste. »Avery. Und zurück zum Thema, Ashley.« »Wegen meinem Vater. Er wollte in den Westen fliehen und anscheinend denken die, ich bin deshalb genauso schuldig.«

»Dein…?«, setzte Avery an und ich wollte ihm wegen seiner Dummheit am liebsten schon eine Klatschen, doch an schwang er doch in die richtige Richtung um. »Ach, verstehe. Okay, dann haben wir jetzt wohl ein riesen Problem.« Endlich mal Worte, die wirklich sinnvoll waren.

»Dann willkommen im Club. Ich sitze auch, weil ich fliehen wollte. Aber der Club ist inzwischen wahrscheinlich schon unendlich groß.« »Wie haben Sie denn versucht zu fliehen?«, fragte ich, da mir natürlich bewusst war, wen ich da vor mir hatte. »Ich hatte mehrere Sachen ausprobiert. Nicht zuletzt habe ich ein Loch gegraben. Und…« Er verstummte. »Ach, das wird mir eh keiner glauben. Echt gruselig.«

Während ich überlegte, wie ich jetzt wohl am besten reagieren könnte, kam Avery mir schon zuvor: »Lass uns einen Deal machen. Wenn die uns hier rauslassen zeigen sie uns das Unglaubliche und Gruselige. Dann können wir uns selber eine Meinung bilden.«

Seine Worte waren so einfach gewesen – zu einfach, doch sie waren anscheinend effektiv. Ich musste grinsen. »Na schön«, sagte Heinz. Dann hatten wir schließlich doch Glück im Unglück gehabt.

»Danke, dass du es geschafft hast, dass er uns den Eingang zeigt«, flüsterte ich Avery zu. »Naja, das Eigentliche hast du ja gemacht. Ich fühlte mich dazu verpflichtet wenigstens ein bisschen beizusteuern«, antwortete er flüsternd und grinste.

Eigentlich war er ja gar nicht so dumm. Ich erinnerte mich an unseren Flug ins All zurück. Auch da gab es ein paar Momente wo ich ziemlich beeindruckt von ihm war. Aber manchmal… wie zum Beispiel erst das Kommentar, als er mit mir eine Gruppe bilden musste – auch wenn es nur ein Scherz sein sollte.

Trotzdem wurde mir nach und nach bewusst, dass ihm gegenüber unfair wäre, wenn Emily ihm verschweigen würde, was sie in seinen Gedanken gelesen hatte. Er hatte vielleicht nicht die tiefgründigste Persönlichkeit. Aber das machte ihn nicht automatisch zum Arschloch. Ich musste mit Emily reden. Denn irgendwie kam in mir das Bedürfnis hoch, dass Emily ihm eine liebgemeinte Abfuhr erteilte. Schließlich hatte er uns die Chance ermöglicht den Eingang zu den verschwunden Menschen zu finden. Auch wenn er immer nur kleine Beiträge zu unseren Projekt hatte. Mir wurde klar, sie waren bedeutend. Wie zum Beispiel die Tatsache, dass wir ohne ihn gar nicht erst die Idee zu diesem Projekt gehabt hätten.