Project Different
Kapitel 23
[Avery Neverson]
Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich einfach in der Vergangenheit geblieben wäre. Klar, dort bin ich zwar ein gesuchter Flüchtling gewesen, aber zumindest erwartete mich dort nicht mein wütender Vater. Die Zeitmaschine musste uns nämlich ein wenig früher zurück bringen, dann als wir gerade erst ins Weltall gestartet sind. So blieb uns genug Zeit den Untergrund mit den Gefangenen zu finden. Außerdem könnten wir nicht zufällig uns selbst begegnen, da wir gerade überhaupt nicht in Reichweite sind.
Ein Problem hatte ich jedoch nicht bedacht: Meinen Eltern hatte ich ja erzählt, dass ich für ein wichtiges Schulprojekt zum Mond fliegen musste. Somit staunten sie nicht schlecht, als ich nun schon wieder auf der Matte stand. »Ist ausgefallen«, murmelte ich nur mit gesenktem Kopf, da ich nicht in der Lage war in die funkelnden Augen meines Vaters zu gucken.
»Ach, komm. Hör doch auf. Du schwänzt doch nur. So wie du es seit Wochen schon mit dem Basketballtraining machst. Ja, ganz recht. Dein Trainer hat angerufen. Wann hattest du vor mir davon zu erzählen?« Das hatte gerade noch gefehlt.
»Ich möchte mich auf die Schule konzentrieren, deshalb habe ich aufgehört«, versuchte ich mich herauszureden, doch ich wusste sofort, dass das nicht funktionieren würde.
»Jetzt bist du auch noch so dreist zu lügen. Du willst dich doch nur mit deinen Freunden treffen und möglichst viel Freizeit haben«, brüllte mein Vater, woraufhin ich zusammen zuckte. »Du wirst morgen wieder zum Training gehen oder du kannst sehen, wo du bleibst. Du wirst enterbt und stehst dann ganz alleine da.« Ich suchte den Blick meiner Mutter, die nur stumm neben meinem Vater stand und glaubte, sie machte alles richtig. »Nein, ich werde morgen nicht zum Training gehen. Dann verschwinde ich halt, mir doch egal. Es ist eh überall besser als hier.« Solche Worte hatte ich zuvor noch nie in den Mund genommen. Ich hatte mich nie getraut. Von dem Moment an realisierte ich, dass das Projekt mich doch mehr verändert hatte als ich anfangs dachte.
Mit meinem Koffer in der Hand und den wichtigsten Sachen, die ich benötigte, irrte ich nun durch Seattle. Ich hatte echt keinen Schimmer wo ich hin sollte. Ethan wäre die mein erster Gedanke gewesen, wäre da nicht diese furchtbar schräge Freundschaft zwischen unseren Eltern. Die würden mich niemals bei ihnen wohnen lassen. Eigentlich waren Ethans Eltern ja nett, aber nicht wenn es um ihre Wahl von Freunden ging. Wie konnten sie sich nur mit meinen Eltern angefreundet haben?
Ich könnte natürlich zu Stacy, aber gemeinsam zu wohnen wäre ein großer Schritt in unserer Beziehung, den ich noch nicht bereit war einzugehen. Dann waren da ja noch die anderen Mitglieder unseres Projektes. Da Tyler und Bella jedoch wegfielen, blieben nur noch Emilys, Addisons und Ashleys Zuhause – wobei ich dort auf Grund der jüngsten Ereignisse nur ungern einquartieren würde –, und Chloes Zuhause.
Ich stöhnte. Ich hatte noch viele Freunde aus der Schule, doch ich musste überrascht feststellen, dass ich mich trotzdem Richtung Kingston Palace machte, die Straße, wo Chloe wohnte. Ich war selber überrascht, dass wir uns inzwischen so gut kannten, dass mir der Name der Adresse vertraut war.
Ich hatte ja gewusst, dass Chloes Eltern ziemlich viel Asche hatten, doch wie viel wurde mir erst bewusst, als ich vor dieser Villa stand. Um Gottes Willen, hier würde ich ohne Ausweis doch niemals reinkommen. Ich wunderte mich schon, dass ich vor dem Eingang noch keine Wachen erblickte. Es ist nur ein Versuch. Schlimmstenfalls gehst du wieder, redete ich mir wieder und wieder ein, während ich an einem Pavillon, Springbrunnen und ähnlichem vorbei kam, die Mal eben im Vorgarten standen.
Als ich die vergoldete Klingel mit dem Schild Bennett betätigte, zitterten nicht nur meine Hände. Mir öffnete eine Frau die Tür, die Chloe sein könnte, wenn diese Frau nicht schon ein paar Falten im Gesicht hatte. Außerdem lächelte sie freundlich, was Chloe fast nie tat. »Kann ich ihnen irgendwie helfen?« Okay, vielleicht standen meine Chancen doch nicht so schlecht.
»Es tut mir leid, aber ich weiß nicht wo ich hin soll. Ich habe mich mit meinen Eltern gestritten und die haben mich quasi rausgeschmissen. Könnte ich vielleicht nur für eine Weile hier wohnen? Ich würde auch versuchen etwas zu zahlen.« Auch wenn sie das Geld wahrscheinlich nicht nötig hätten, würde es vielleicht besser rüber kommen. Da fiel mir plötzlich ein, dass ich noch etwas Wichtiges vergessen hatte. »Ich bin übrigens ein Freund von Chloe.«
Das Lächeln der Frau wurde noch breiter. »Wird aber auch mal Zeit, dass ich Chloes Freunde kennenlerne. Komm nur rein. Wir essen gerade.« Der Essensaal erinnerte mich fand an das Innere eines Schlosses. Man, hatte Chloe es gut. Als ich meinen Koffer hereinzog, starrte Chloe mich mit großen Augen an, die fast so groß wie die von ihrem Vater waren. »Wer ist denn das?«, fragte er ohne jegliche Emotionen in der Stimme. »Ein Freund von Chloe«, sagte Chloes Mutter lachhaft und zwinkerte dabei. Mit gesenkter Stimme flüsterte sie: »Chloe, da hast du dir ja echt ein Sahneschnittchen ausgesucht.« »Nein, ich bin nicht…«, setzte ich an, doch Chloe unterbrach mich: »Was zur Hölle tust du hier, Avery?«
Ich stellte meinen Koffer ab und setzte mich mit an den Tisch, da meine Füße von meinem Spaziergang schmerzten. »Ich habe Probleme mit meinen Eltern. Kurz gesagt: Ich musste von Zuhause weg.« Ihre Augen verengten sich. Sie war eindeutig verwirrt. »Und jetzt willst du hier wohnen? Warum? Weil ich die geilste Wohnung habe?«
»Nein, deshalb eigentlich nicht«, murmelte ich. »Aber Chloe«, setzte ihre Mutter an. »Du darfst so hübsche Jungs doch nicht vergraulen. Die sind deine Zukunft, das habe ich dir doch schon tausend Mal gesagt.« Da wurde mir plötzlich klar, dass bei Chloe, anders als bei mir, Chloes Mutter anscheinend das Sagen hatte. Chloe warf mir einen bösen Blick zu, anscheinend, weil ich einfach so hier aufgetaucht war. Jetzt wo ich ihre Mutter kannte, hätte ich dies vielleicht doch überdenken sollen. Aber immerhin lächelte sie ständig und wollte nur das Beste für ihre Tochter, anders als meine Eltern.
»Na schön, du kannst im Poolhaus schlafen. Ich zeig’s dir«, maulte Chloe und zog ich praktisch mit sich mit. Als wir den Speisesaal verlassen hatten und ihre Eltern außer Sicht- und Hörweite waren, blieb sie abrupt stehen. »Okay, jetzt mal Karten auf den Tisch. Warum bist du wirklich hier?« »Das sagte ich doch bereits und es ist die Wahrheit.«
Chloe dachte eine Weile nach. »Aber warum bist du dann zu mir? Ich hätte ernsthaft geglaubt, ich wäre deine letzte Wahl gewesen.« »Naja, ich konnte nicht wirklich wählen. Ethans Eltern wären echt ein Problem und bei den dreien … naja, sagen wir mal ich habe dein Haus ihrem doch irgendwie vorgezogen.«
Ich hatte das Gefühl, dass Chloe noch weiter mit mir diskutieren wollte, doch schließlich hielt sie doch inne und ging weiter Richtung Poolhaus. Erst jetzt bemerkte ich, die riesig das Haus wirklich war. Bis wir das Poolhaus erreicht hatten, mussten wir noch ein ganzes Stückchen gehen.
Als Chloe mir die Tür aufhielt, entfuhr es mir: »Wir sind uns ziemlich ähnlich.« »Was?«, fragte sie verdutzt. »Wir haben beide Eltern, die … naja, etwas eigen sind. Aber lass dich glücklich schätzen, dass sich deine wenigstens um dich sorgen.« »Ja, wenn es um meine Zukunft geht vielleicht. Aber ich bin hier ziemlich oft alleine.« »Hm… ich wünschte, dass ich öfter alleine zu Hause wäre«, murmelte ich, denn dann hätte ich dieses ganze Problem überhaupt nicht.
»Aber du hast wahrscheinlich Recht. Wir sind uns ähnlich. Deshalb wollte ich anfangs auch mit dir zusammen an den Raumanzügen arbeiten. Du gehörst zu der Sorte, mit denen ich mich auch auf meiner alten Schule angefreundet hätte.«
»Was soll das jetzt bedeuten? Sind wir jetzt Freunde, oder wie?« Auch wenn wir mit unserem Projekt schon so viel zusammen erlebt hatten, dass wir uns eigentlich alle als Freunde bezeichnen sollten, war ich mir bei manchen immer noch nicht sicher. Chloe gehörte auch zu dieser Sorte.
»Ich denke schon«, murmelte Chloe.
»Weil es Sinn macht und wir uns so ähnlich sehen? Weil du dich früher immer mit jemanden wie mir angefreundet hast?« »Das dachte ich immer, aber eigentlich stimmt das nicht. Man kann Menschen nicht in bestimmte Schubladen stecken und sagen, dass wir zu derselben Sorte gehören. Jeder Mensch ist schließlich unterschiedlich.«
Wow, diese Worte hätte ich nie und nimmer aus Chloes Mund erwartet. Sie klangen so gebildet. Eigentlich hasste ich weise Worte von anderen Menschen, aber ich stellte überraschend fest, dass mir Chloe jetzt sympathischer wurde. Ich schob meinen Koffer ans Bett und ließ mich anschließend darauf nieder. Hilfe, mir wurde erst jetzt klar, wie kaputt ich war. »Ich sollte etwas schlafen. Morgen ist schließlich der große Tag.«
Fasziniert schaute ich aus dem Fenster und bemerkte den gigantischen Pool im Hintergarten. »Wow, darf ich den auch benutzen?« Chloe seufzte. »Ich dachte du wolltest schlafen.« Da kam mir eine Problematik in den Sinn, die wir zuvor noch gar nicht angesprochen hatten. »Ähm … Chloe? Ich denke, dass ich in Kürze nicht zu meinen Eltern zurückkehren kann. Und…«
Zum Glück unterbrach Chloe mein Gestotter. »Bleib solange wie nötig. Ich meine, das Haus ist groß genug… und meine Mutter scheint dich anscheinend auch zu mögen. Aber den Pool kannst du nur benutzen, wenn du ihn auch wieder sauber machst.« Ich wusste doch, dass die Sache einen Haken hatte. Aber der war wahrscheinlich berechtigt.
Schließlich verließ Chloe das Poolhaus und ich sank kurz darauf in einen tiefen traumlosen Schlaf.