Project Different
Kapitel 13
[Isabella Ray]
Eine ganze Zeit lang konnte ich gar nichts sehen. Allerdings war ich nicht weggetreten – sowie in Ohnmacht fallen. Das war ja gerade das Problem, denn ich konnte alle Geräusche um mich herum wahrnehmen. Da waren Schreie und Gekeuche, aber am meisten spürte ich die Hitze auf meiner Haut. Mein ganzer Körper brennte wie Feuer und mein ausgetrockneter Mund schrie nach Wasser.
Vorsichtig versuchte ich blind von der Stelle weg zu krabbeln, wo ich mich zurzeit befand. Allerdings kam ich nicht weit, da ich ständig irgendwo gegen stieß, jedoch nicht wusste um was es sich genau handelte. Ich konnte zwar menschliche Stimmen hören, aber diese schienen gar nicht auf mich einzugehen. Ich konnte unterschiedliche Sprachen heraushören, darunter Spanisch und Englisch, die einzigen Sprachen, die ich beherrschte. Allerdings musste ich zugeben, dass mein Spanisch grauenvoll war.
Plötzlich bemerkte ich Tritte gegen meine Hüfte, die zum Glück nur ganz sachte waren. »Hey, du hast deine Augen jetzt aber genug geschont. Ich weiß, dass es weh tut, aber es wird Zeit aufzuwachen«, sagte eine männliche Stimme mit einem südländischen Akzent.
Ich blinzelte, doch da war wieder dieses furchtbare Stächen in meinen Augen. »Es geht nicht«, keuchte ich. »Versuch es weiter«, entgegnete der Mann. Wie der Mann es gesagt hatte, tat es zwar höllisch weh, aber nach einigen Versuchen nahm ich dann endlich das Bild eines gebeugten Mannes war. Seine Körperhaltung und verdreckte Kleidung ließen ihn furchtbar alt wirken. Aber als ich einen genaueren Blick auf sein Gesicht warf, musste der Mann gerade mal in seinen Dreißigern sein.
»Hi, mein Name ist Rick. Und Herzlich Willkommen in der Hölle«, begrüßte mich der Mann namens Rick und bot mir seine Hand an, um vom Boden aufzustehen. »Ich bin Bella.« Neugierig schaute ich mich um. »Wo sind wir?«
»Sagte ich doch bereits: in der Hölle«, antwortete er. Krampfhaft versuchte ich mich daran zu erinnern, was passiert war. Doch meine Erinnerungen waren wie weggeblasen. Das letzte, woran ich mich erinnern konnte, war mein achter Geburtstag. Doch ich musste eindeutig älter als acht Jahre alt sein, als ich an mir herunter sah. »Was ist passiert? Ich meine, ich kann mich an vieles aus meinem Leben überhaupt nicht mehr erinnern. Ich habe nur noch Erinnerungen an meine Grundschulzeit. Das kann doch nicht sein, oder?«, fragte ich den Mann. Ob ich ihn wohl persönlich kannte? Es könnte gut möglich sein.
»Ich weiß. So ging es uns allen hier so. Wir suchen die ganze Zeit einen Weg hier raus, doch es gibt anscheinend keinen. Deine Erinnerungen werden von Zeit zu Zeit wieder kommen. Die jüngsten Ereignisse ganz zum Schluss. Doch obwohl ich inzwischen alle Erinnerungen wieder habe, kann ich dir nicht sagen wo wir sind oder wie ich hier her gekommen hin. Mach dir da also keine allzu großen Hoffnungen.«
Ängstlich schaute ich die Leute um mich herum an, die hier drinnen anscheinend langsam verrückt wurden. Verständlich: Wir waren eingesperrt und hier drinnen ist es so warm wie in einer Sauna. »Kennen wir uns denn irgendwie?«, fragte ich Rick. Doch dieser schüttelte den Kopf. »Ne, ich kenne hier niemanden. Ich habe dich nur hier unten am Boden liegen sehen und wollte helfen. Aber wenn du mich entschuldigst, ich muss weiter arbeiten. Wir brauchen einen Ausgang, wenn wir hier alle lebend rauskommen wollen.«
Schockiert beobachtete ich, wie die Leute hier versuchten mit ihren Händen Löcher zu graben. Das konnte doch nie funktionieren. Aber in der Not taten die Leute wohl irgendwann verrückte Dinge.
Ängstlich und irritiert schaute ich mich um. Was sollte ich denn nun machen – ebenfalls Löcher graben? Als ich mich gerade dazu überwinden wollte, entdeckte ich jemanden, der es anscheinend auch nicht für nötig hielt Löcher zu graben. Nachdem ich ein paar Schritte auf ihn zu ging, bemerkte ich wie er etwas vor sich hin murmelte: »Oh Gott… oh Gott.«
Er schien zwar genauso verrückt zu sein wie der Rest hier unten. Dabei war er ja noch nicht mal produktiv, doch ich sprach ihn trotzdem an. »Hi, kann ich dir irgendwie helfen?« Ich dachte kurz über meine Worte nach, woraufhin sie mir schwachsinnig vorkamen. »Ich meine, der Typ namens Rick hat mir gerade auch weiter geholfen. Ich dachte, vielleicht kann ich mich ja auch nützlich machen.«
Er lief immer noch wie verrückt im Kreis. »Mein Papi wird bestimmt total sauer auf mich sein. Jetzt bekomme ich bestimmt Fernseherverbot.« Da wurde mir klar, dass auch er erst gerade hier her gekommen sein musste. Allerdings kam er mit der Situation noch schlechter zurecht als ich. Er hatte womöglich noch nicht mal bemerkt, dass er kein acht jähriger Junge mehr war.
»Du musst dich beruhigen. Dann schau an dich runter. Du bist Erwachsen, weshalb dein Vater dir sicherlich kein Fernseherverbot geben wird. Ich musste gerade das Selbe durchmachen. Ich weiß es ist beängstigend, aber deine Erinnerungen wurden gelöscht. Aber laut Rick kommen sie nach und nach zurück.«
Er starrte mich an, atmete tief durch und hörte auf Kreis zu laufen. »Du weißt bestimmt auch nicht wo wir sind, oder?«, fragte er. »Nein. Aber wenn du magst können wir uns beide gegenseitig dabei helfen, unsere Erinnerungen wieder zu bekommen. Ich werde dir erzählen, woran ich mich an meinem Leben erinnere und dann du. So lernen wir uns auch ein bisschen besser kennen. An so einem Ort will man schließlich nicht alleine sein.«
Der Typ stellte sich als weniger verrückt raus, als er zunächst gewirkt hatte. Er nickte mir sogar freundlich zu. Und so begann ich mich an meine Lebensgeschichte zu erinnern: »Das letzte was ich weiß, ist mein achter Geburtstag. Ich habe von meiner Mum eine wunderschöne Geburtstagtorte bekommen. Das war in der Grundschule. Ich war eine ziemlich durchschnittliche Schülerin, weil ich immer nur das machte, was sein musste. Wahrscheinlich hätte ich es besser hinbekommen. Genau… ich erinnere mich wieder. Dann kam die Oberschule, wo ich dann endlich wach wurde und mich in der Schule anstrengte. Ich entwickelte mich quasi zu einer kleinen Streberin. Aber … warte Mal.«
»Was ist?«, fragte der Junge. Seine langen braunen Haare und diese Karohemden kamen mir plötzlich bekannt vor. »Ich glaube ich kenne dich.« »Stimmt. Jetzt wo du es sagst. Sind wir nicht in der Oberschule in einer Klasse gegangen?« Ich musste lachen. »Ja, aber obwohl wir beide zu den Außenseitern gehörten, haben wir uns kaum gekannt. Was für ein Zufall, dass wir beide jetzt hier unten sind.«
Der Junge, an dessen Namen ich mich jedoch nicht mehr erinnern konnte, schaute zu Boden. »Eigentlich glaube ich nicht an Zufälle.« Plötzlich stockte mir der Atem, als weiter Fetzen meines Lebens auf mich zu strömten. »Was ist?«, fragte der Junge besorgt.
»Mein Leben… es hat sich komplett geändert. Wie konnte ich das nur vergessen! Meine Eltern… ich habe keine mehr. Ich lebe doch bei meiner scheußlichen Tante.« Vorsichtig schob ich den linken Ärmel meines T-Shirts hoch und erblickte mein keep on Tattoo auf meiner Schulter.
»Oh, das tut mir leid«, murmelte er mitfühlend. Ich schüttelte den Kopf. »Ich wurde dadurch stärker. Ich … ich wünschte, dass meine Eltern mich zu diesem Zeitpunkt sehen könnten. Klar, sie waren auf meine guten Noten ziemlich stolz. Aber ich wurde nicht nur gut in der Schule … ich habe mich für wichtigere Dinge eingesetzt … Organisationen gegen Hunger. Ich wurde zu der Person, die ich sein wollte. Ich habe Freunde gefunden – Emily und Jane.«
Der Junge lächelte, aber wirkte gleichzeitig auch ein wenig traurig. »Ich denke, dass sich mein Leben nicht so geändert hat. Ich erinnere mich nicht daran Freundschaften geschlossen zu haben.«
Erschöpft setzte ich mich. »Ich weiß gar nicht, ob ich mich an weitere Dinge erinnern will. Ich mag mein Leben wie es jetzt ist. Da meine Eltern in der Zukunft wahrscheinlich nicht von den Toten auferstehen werden, habe ich Angst, dass es nur noch schlimmer werden wird.« Doch natürlich konnte ich nichts dagegen machen und die Erinnerungen kamen trotzdem.
Bis sie schließlich wieder vollkommen hergestellt wurden und ich schlucken musste. Ich starrte den Jungen vor mir überrascht und erleichtert an, dessen Namen mir nun wieder in den Sinn kam. »Tyler. Oh mein Gott.« »Du erinnerst dich jetzt doch an meinen Namen?«, fragte er, da seine Gedanken anscheinend noch nicht wieder hergestellt wurden.
»Und wie ich dich kenne! Und keine Angst – du hast Freunde. Schätze ich mal, mich zumindest. Du musst dich schnell erinnern! Denn wenn du dich erinnerst, können wir den Leuten hier vielleicht erklären, was hier vor sich geht. Die anderen wissen es nicht, aber Tyler, wir wissen es! Und wenn wir das gemacht haben, müssen wir unbedingt diese Gegend absuchen, ob wir noch mehr von uns hier finden. Und umso weniger wir finden, desto besser stehen unsere Chancen, dass wir hier alle wieder lebendig rauskommen. Anscheinend hofft jetzt die gesamte Menschheit, einschließlich uns beiden, auf ein Schulprojekt aus Sozialkunde.«