Project Different
Kapitel 16
[Chloe Bennett]
»Kann mir jetzt noch Mal bitte jemand erklären, warum Emily und Addison nicht mitgekommen sind?«, fragte ich, während wir auf dem Weg zum Theaterladen waren. »Addison möchte in Sachen Sport und Kampf ein wenig trainieren. Trotz ihrer Fähigkeit kann man einfach alles noch ein bisschen verbessern. Tja, Emily ist eben Mittel zum Zweck, um übernatürlich zu werden«, erklärte mir Mrs. Sunshine alias Ashley Summers höchstpersönlich.
»Ach was. Das erklärt aber nicht, warum ich dieses Mal nicht mein Talent zum Klamotten schneidern einsetzen darf«, murmelte ich missmutig, da ich ihnen diese Frage jetzt bestimmt schon tausend Mal gestellt hatte und immer noch keine Antwort erhalten hatte. Wäre Addison jetzt hier, hätte sie mir bestimmt geantwortet.
Als ich erneut zur Frage ansetzten wollte, hielt es Avery anscheinend nicht mehr aus und maulte genervt: »Weil du unsere Kleidung nicht authentisch hinbekommst. Emily will, dass wir zu der Zeit auf der Straße leben – als Penner eben. Da passt ein pinkes Prinzessinnenkleid leider nur sehr schlecht.«
Ich schlug meine Arme über der Brust zusammen. Pah, Prinzessinnenkleid. Natürlich kann ich auch Mode für Straßenpenner entwerfen. Doch ich hielt meine Wut jetzt einfach zurück, weil hier eh alle gegen mich waren. »Weiß jemand noch, wo Emily vorhatte die Zeitmaschine hinzustellen?«, fragte Ethan neugierig. »Wie der Ort genau hieß weiß ich auch nicht mehr. Ich weiß nur, dass es irgendwo in Seattle ist, wo keine Leute weit und breit vorbei schauen«, antwortete Ashley.
»Wie weit seid Ethan und du eigentlich mit dem rollenden Gefäß?«, fragte Avery Ashley. »Fertig. Jetzt fehlen nur noch die Rollen und Emily, Addison und ich können euch drei damit nach Deutschland schieben.«
»Ich weiß ja, wie unglaublich eure Kräfte sind, aber ich kann mir immer noch nicht vorstellen, wie ihr so schnell sein könnt, dass wir über den Ozean fahren können«, sagte ich. »Tja, können wir aber«, sagte Ashley lachend, während sie die Tür zum Theaterladen öffnete.
Als wir den Laden betraten, war wirklich alles chronologisch geordnet. Im rechten Gang thronte ein riesiges Schild mit der Aufschrift: historische Stücke. Und auch dieser Bereich war noch mal in die einzelnen Zeitabschnitte unterteilt. Emily hatte Recht gehabt, dieser Laden war echt gigantisch.
»Dann lasst uns Mal anfangen mit der Suche. Komm Ethan, wir schauen mal da runter«, sagte Avery und schleifte Ethan mit sich. Ashley drehte sich zu mir um und meinte in ihrem üblichen aufheiternden Ton: »Dann haben wir beiden wohl das Vergnügen miteinander.«
Ich konnte einfach nicht anders als meine Augen zu verdrehen. Wahrscheinlich könnte die Welt untergehen und Ashley würde immer noch strahlen. »Würde es dir was ausmachen, mal ein wenig betrübter zu sein? Ich meine Tyler und Bella sind schließlich wer weiß wo.«
Überraschender Weise senkte sie wirklich den Blick. »Ich weiß. Ich kann einfach nicht anders. Wahrscheinlich bin ich in meinem inneren einfach zu gefroren, um irgendwelche problematischen Dinge an mich ran zu lassen.«
»Zu gefroren? Rede doch keinen Unsinn. Das ist ganz sicher nicht der Grund – glaube mir, ich kenne mich da aus. Früher war ich mit tausenden von dieser Sorte von Mädchen befreundet. Du bist das genaue Gegenteil von denen. Du bist glücklich, weil du es nicht haben kannst, wenn es den Menschen um dich herum schlecht geht und du sie aufheitern möchtest. Sicher nicht, weil du in deinem Inneren gefroren bist.«
»Woher weißt du das, wenn ich mir da nicht Mal selber sicher bin?«, fragte mich Ashley verwirrt. »Weil eigentlich nur die wenigsten Menschen sich selber am besten kennen.« Während Ashley über meine Worte nachdachte, wühlte sie nach den passenden Kleidungsstücken. Ich machte einige Schritte auf sie zu. »Aber hey, ich gehöre zu der Sorte, die das wirklich nicht braucht. Du kannst das also ruhig lassen.«
Eigentlich hatte ich etwas wie ein Okay erwartet. Stattdessen bemerkte ich, wie sie ganz plötzlich zu Boden sank und die Hände in ihr Gesicht grub. Leise fing sie an zu schluchzen. Ich seufzte. »Okay, so war das jetzt nicht gemeint. Wir sind hier schließlich in einem öffentlichen Geschäft.« Ich schaute mich im Laden um, doch anscheinend hatte uns keiner bemerkt. Ich hielt ihr meine Hand entgegen und zog sie vorsichtig an meine Schulter. »Schon okay, lass alles für einen kurzen Augenblick raus.«
Und dann schluchzte sie auch schon los: »Ich muss einfach die ganze Zeit an Emilys Worte denken. Sie meinte, dass Tyler und Bella inzwischen wahrscheinlich schon tot wären, da sie immerhin unter der Erde sind. Ich weiß, wir haben vor mit der Zeitmaschine nicht zu dem Zeitpunkt zurückzukehren, wann wir auch gestartet sind. Sondern früher, wenn Bellas und Tylers Verschwinden noch nicht so lange her ist und sie noch leben. Aber sie mussten doch trotzdem sterben! Das ist grausam.«
Ja, daran hatte ich auch schon gedacht. Ich hatte Emily deswegen auch schon gefragt, warum wir nicht einfach noch früher zurückkommen könnten. Dann, wenn Tyler und Bella noch gar nicht von den Vodmus gefangen genommen worden wurden. Aber wie sollten wir das verhindern? Das Gruselige war ja: Uns gab es dann in doppelter Fassung. In einer Rakete konnten wir ja schlecht irgendwas verhindern. Aber kurz nach dem Verschwinden der beiden, waren unsere anderen Ichs noch auf dem Rückweg zur Erde. Eine gute Möglichkeit also, um Tyler und Bella zu retten.
Emilys Plan war ohne Zweifel der Bestmöglichste. Natürlich, immerhin war sie superschlau. Trotzdem konnte ich Ashley verstehen. In diesem Leben mussten die beiden sterben – und das sicher nicht auf angenehme Weise. »Ich weiß«, erwiderte ich nur.
Als wir da so rumstanden, hatte ich gar nicht bemerkt, dass uns nun doch Leute bemerkt hatten. Die Stimme, die sich neben uns räusperte, schien männlich zu sein. »Ist hier alles in Ordnung?«
Ich wollte gerade erwidern, dass er sich keine Gedanken machen brauchte, da hob Ashley den Kopf und fragte verdutzt: »Professor Conner?« Erstaunlicherweise brauchte ich nicht lange, um darauf zu kommen, dass das der Professor sein musste, dem Ashley, Addison und Emily ihre Fähigkeiten verdankten.
Als er sie nur verwirrt anstarrte, weil Ashley ihn erkannte, erklärte Ashley nicht ganz wahrheitsgemäß: »Sie sind doch der Professor, der an den drei Babys diesen Versuch durchgeführt hat. Ich erinnere mich an ihr Gesicht aus den Zeitungen, weil ich selber an der Wissenschaft interessiert bin. Was machen sie denn in diesem Theaterladen?«
Dem Professor schien Ashleys Frage unangenehm zu sein, denn er brauchte ziemlich lange, bis er die passende Antwort parat hatte. »Nachdem mein Versuch schief gegangen ist… und diese beiden Babys sterben mussten… habe ich der Wissenschaft den Rücken gekehrt. Der Lohn im Theaterladen ist zwar nicht sonderlich vielversprechend, aber wenigstens töte ich durch diesen Beruf keine kleinen, unschuldigen Babys.«
Man konnte merken, dass Ashley Professor Conner eigentlich die Wahrheit sagen wollte. Sie wollte ihm sagen, dass sie und Addison gar nicht tot waren und noch lebten. Sie wollte ihn ermutigen, der Wissenschaft treu zu bleiben. Aber würde sie ihr Geheimnis der Öffentlichkeit Preis geben, wäre das Leben der drei sicher alles andere als normal. Sie müssten bestimmt ständig an Versuchen teilnehmen. Ashley schien dem Risiko bewusst und sagte deshalb nur: »Ich habe selber auch schon schlimme Fehler in der Wissenschaft durchgeführt, aber aufgegeben habe ich trotzdem nicht.«
»Aber warum? Was in aller Welt kann Menschenleben Wert sein? Der Spaß? Nur weil ich gerne neue Dinge erschaffen möchte?«, fragte er provokant. »Nein, das nicht. Nur eines ist die Wissenschaft Wert und das ist auch der Grund warum es sie gibt. Vielleicht haben sie das nur vergessen. Der Fortschritt, der irgendwann vielleicht so groß ist, dass er dutzende von Menschen das Leben retten kann.«
Professor Conner dachte eine Weile darüber nach. »Aber es gibt so viele Risiken, die es bestimmt gar nicht mal Wert sind. Vielleicht werde ich gar nichts erreichen.« »Manchmal muss man aber Risiken eingehen, um sein Ziel zu erreichen«, sagte Ashley als würde sie jemanden zitieren.
Nun kamen auch Avery und Ethan wieder auf uns zu. In ihren Händen hatten sie einen Haufen altertümlicher Kleidung, die alles andere als schön aussah. Aber wahrscheinlich genauso, wie Emily sie haben wollte. »Wir haben für jeden was gefunden«, verkündete Ethan.
Professor Conner beäugte Avery und Ethan, die auf uns zukamen. »Ich nehme Mal an, dass diese beiden Jungs zu euch gehören. Dann kann ich euch ja zur Kasse begleiten.« Ashley unterdrückte einen Seufzer, da sie sich wahrscheinlich erhofft hatte, Professor Conner würde noch so etwas sagen wie: Du hast Recht. Ich widme mich wieder der Wissenschaft.
Als er die Kleidung über den Sensor zog, schien er mit den Gedanken nicht ganz bei der Sache zu sein. Den Preis sagte er uns nicht Mal, denn Ashley griff von alleine ins Portemonnaie und drückte ihm das Geld in die Hand.
Während er die Kleidung in Tüten packte, sagte er schließlich: »Danke, dass du mich ermutigt hast es mit der Wissenschaft nicht aufzugeben.« »Heißt das, sie kündigen hier und eröffnen ihr Labor wieder?«, fragte Ashley hoffnungsvoll. »Das habe ich nicht gesagt. Aber ich ziehe es, dank ihnen, nun zumindest wieder in Erwägung.« Anscheinend schien Ashley diese Aussage zu genügen, denn als sie den Laden verließ, hatte sie wieder ihr typisches Mrs. Sunshine-Grinsen im Gesicht.