Project Different

Annika Ha · Kapitel 17 von 29

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Project Different

Kapitel 17

 

[Emily Tanner]

Die Arbeiten an der Zeitmaschine in den Sümpfen von Seattle waren alles andere als angenehm. Wir befanden uns auf einer kleinen Insel, auf der wir nur mit Mühe alle drauf passten und das auch nur, wenn Addison und Ashley in meinem Körper waren. Um uns herum war überall Moor, indem man superschnell versinken könnte. Was tat man nicht alles, um sicher zu gehen, dass wirklich keiner diese Zeitmaschine finden würde?

Das Schlimmste war es ja gewesen, die drei ohne Superkräfte auf diese Insel zu bekommen. Es war nicht schwierig, immerhin konnte ich super weit springen und war so stark, dass ich sie ohne Probleme tragen konnte. Aber ich fühlte mich trotzdem etwas unbehaglich ausgewachsene Menschen auf den Arm zu nehmen, als wären sie Babys. Besonders bei Avery spannte sich mein Körper ungewollt nervös an, woraufhin mich Addison gleich ansprach als sie es bemerkte. Was ist denn los?

Frag besser nicht, antwortete Ashley für mich, wodurch mir klar wurde, dass sie seine Gedanken damals sehr wohl gehört hatte. Ist eine ziemlich private Sache. Doch als Ashley das Wort privat sagte, verstand Addison sofort. Oh, spannend. Ich will mehr Details. Die gibt es nicht, antwortete ich schlicht. Da Addison bemerkte, dass ich dieses Thema jetzt nur ungern diskutieren wollte, hielt sie einfach ihren Mund. Allerdings war mir klar, dass das für sie noch lange nicht abgeharkt war. Sie würde mich irgendwann wieder darauf ansprechen. Es war nur noch eine Frage der Zeit.

»Ich kann es immer noch nicht glauben, dass es heute schon los gehen soll«, sagte Ethan ganz aufgeregt. Währenddessen zwängte ich das rollende Gefäß in die Zeitmaschine. »Und ich kann nicht glauben, dass ich diese Kleidung trage«, murmelte Chloe und schaute angewidert an sich herunter.

Die Kleidung für Addison und Ashley hatte ich in meinen Rucksack gepackt, der für das 20. Jahrhundert angemessen war. Nacheinander betraten wir jetzt schließlich alle die Zeitmaschine. Nervös tippte die das Datum und die Uhrzeit ein: 15.07.1989, 10:00. »Bereit?«, fragte ich.

Als die drei nickten und auch Addison und Ashley mit Bereit antworteten, legte ich endlich den Schalter um. Die Moorlandschaft um uns herum löste sich in Luft auf und alles war nur noch schwarz. Wie ich schon vermutet hatte, bekamen wir Druck in den Ohren und verloren das Bewusstsein.

»Emily?« Irgendjemand schüttelte mich schließlich wach und als ich die Augen öffnete, nahm ich Chloes lange blonde Mähne wahr. »Gut, du bist wach.«

Ethan war anscheinend immer noch weggetreten. Aber Avery oder Chloe hatte die Tür zur Zeitmaschine schon geöffnet. Diese Gegend hatte sich anscheinend über die Jahre kaum verändert. Wir standen immer noch in einer Landschaft voller Sümpfe. Jetzt erblickte auch Ethan das Tageslicht wieder.

»Die Insel ist weg. Wir können ohne Probleme von hier verschwinden«, bemerkte ich als ich das rollende Gefäß nach draußen schob. »Dann wollen wir mal«, sagte Avery und stieg als erster in das Gefäß, gefolgt von Ethan und schließlich auch Chloe. »Das dauert doch jetzt sicher ein wenig, oder?«, fragte Chloe, die sich nicht mit den Gedanken anfreunden konnte, für längere Zeit in diesem Holzgestell zu sitzen. »Also es geht auf jeden Fall schneller als fliegen. Wie schnell genau, kann ich dir leider nicht sagen. Aber eins weiß ich: Wir sind so schnell da, dass dir ganz sicher nicht langweilig wird«, antwortete ich ihr.

Und ich hatte Recht behalten. Während ich die drei über die Staaten von Amerika fuhr, hörte ich ununterbrochen Worte wie: Wahnsinn oder Cool. Ich erinnerte mich daran, wie ich das erste Mal so richtig gerannt bin. Die Worte waren schon irgendwie zutreffend. Zwar waren wir so schnell, dass man kaum etwas um sich herum erkennen konnte – aber das tat auch nichts zur Sache. Es war einfach ein unbeschreibliches Gefühl.

In einem verlassenden Wäldchen von Ostberlin kam ich schließlich zum Stehen. »Wie jetzt? Wir sind schon da?«, fragte Chloe verdutzt. Ich musste lachen. »Jap. Versteckt in Wagen hinter den Bäumen. Hier kommt zwar normalerweise niemand her, aber ich will auf Nummer sicher gehen. Ich habe keine Lust erst noch einen neuen Wagen zu bauen. Wisst ihr noch die Rolle, die ich für euch geschrieben habe?«

»Die, wo ich eine Jugendliche namens Erna bin, die von Zuhause weggelaufen ist? Kann ich gut nachvollziehen. Würde ich manchmal auch gerne«, sagte Chloe. »Genau, wir sind alle weggelaufen und sind so auf der Straße Freunde geworden. Denkt daran, ich heiße jetzt Paula.«

Dürfen wir jetzt vielleicht wieder raus?, fragte Addison.

Ach, klar. Worauf wartet ihr?, antwortete ich. »Ich bin die Anna«, sagte Ashley lächelnd. »Kann man sich gut merken. A und A.« »Schön für dich. Ich vergesse Frieda aber immer wieder«, maulte Addison.

»Warum hast du dir den Namen dann ausgesucht?«, fragte ich sie. »Weil die anderen deutschen Namen noch blöder waren.« »Gerd hört sich doch cool an, oder?«, fragte Avery. »Ja, fast so cool wie Heinrich«, antwortete Ethan. »Der ist bestimmt reich.« Chloe schnaufte. »Rich? In Deutschland heißt das aber nicht reich. Außerdem bist du ein Penner, Ethan. Aber warum wir alle nicht sprechen können – außer dir, Emily –, verstehe ich immer noch nicht.«

»Was gibt es daran nicht zu verstehen? Oder kannst du etwa so gut deutsch sprechen, dass das nicht auffällt, dass du gebürtig aus Amerika kommst?«, fragte ich sie. »Ne, aber können wir uns nicht gleich einfach als Amerikaner ausgeben? Warum die deutsche Identität?« »Weil es ziemlich auffällig wäre, wenn Amerikaner nach Ostberlin auswandern.« Chloe wollte immer noch nicht locker lassen. »Ach, und ein Haufen Leute, die nicht sprechen können, ist weniger auffällig?« »Na ja, vielleicht ist das der Grund, warum wir uns auf der Straße miteinander angefreundet haben. Weil wir alle die gleichen Probleme haben«, erklärte ich. »Aha. Und du hast dich zu einer Truppe von Stummen gesellt, weil du sie so faszinierend findest«, sagte Chloe sarkastisch.

Ich stöhnte. »Na fein. Dann bin ich halt mit einem von euch verwandt. Du hast Recht, dann ist es weniger auffällig.« »Warum kannst du überhaupt so gut deutsch sprechen, wenn weder Addison noch Ashley in dir drin sind?«, wollte Ethan wissen.

Ich zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Vielleicht weil mich die deutsche Sprache schon immer interessiert hat und sie mir einfach im Gedächtnis geblieben ist.« Chloe brachte uns wieder zum eigentlichen Thema zurück. »Ich würde sagen, dass wir Emily als Ethans Schwester ausgeben. Die beiden sehen sich irgendwie am ähnlichsten. Aber ich halte es immer noch für unwahrscheinlich, dass sich fünf stumme Leute auf der Straße anfreunden. Zwei vielleicht, aber doch nicht fünf Stück.«

Chloes Kritik ging mir irgendwie auf die Nerven, aber ich musste mir eingestehen, dass sie Recht hatte. »Dann bilden wir eben drei Gruppen mit zwei Personen und teilen uns auf. Abends treffen wir uns dann wieder genau hier und tragen unsere Ergebnisse zusammen. Zufrieden?«

Chloe nickte etwas verlegen. »Wenn ich mit Addison ein Team bilden darf.« Avery lachte. »Ich glaube, dass das eher bei Addison als bei Emily liegt und ob sie so lange mit dir durchhält.« Auf Addisons Gesicht bildete sich zwar ein kleines Grinsen, doch sie meinte trotzdem: »Klar, willkommen in meinem Team.«

»Da ich ja Ethans Scheinschwester bin, sollte ich wahrscheinlich auch mit ihm gehen«, sagte ich. Avery schnaubte. »Wow, das erste Mal, dass ich als letztes ins Team gewählt werde. Dann muss ich wohl mit dem zufrieden sein, was ich bekomme.« Ashley verdrehte die Augen und murmelte: »Genau. Ich freu mich auch mit dir in einem Team zu sein.«

Avery begann zu lachen. »Haben wir es dann endlich? Ich will nämlich endlich unter Leute und das 20. Jahrhundert kennenlernen.«

»Gleich«, sagte ich, während ich Zettel und Stifte aus meinen Rucksack holte. »Ich habe für jedes Team Sätze angefertigt, die ihr den Leuten zeigen könnt, wenn ihr ihnen auch das Foto zeigt. Hier steht zum Beispiel auf Deutsch: Ich suche diese Person. Haben Sie die gesehen? Ich habe aber auch: Ich lebe auf der Straße und kann nicht sprechen. Ich hoffe, dass euer Deutsch so gut ist, dass ihr im Notfall selbst etwas aufschreiben könnt. Dazu bekommt ihr auch leere Zettel mit Stiften.«

»Also ich kann ganz gut Deutsch«, sagte Chloe mit einer Stimme, die leicht eingebildet rüber kam. Aber so kannten wir sie ja. »Ich kann nur Ja und Nein. Hallo und Tschüss vielleicht noch, aber mein Wortschatz ist dann doch eher begrenzt«, sagte Avery mit gesenktem Blick.

»Tja, aber dein notgedrungen gewähltes Teammitglied ist dafür besser«, sagte Ashley und man sah ihr an, dass sie es richtig genoss diesen Satz zu sagen.

Nachdem ich allen ihre Unterlagen ausgehändigt hatte, machten wir uns dann endlich auf den Weg Richtung City. Gut, dass ich alles in mehrfacher Ausfertigungen mitgenommen hatte. Sachen konnten immer verloren gehen oder man entschied sich halt spontan getrennte Wege zugehen. Alles möglich.