Project Different
Kapitel 12
[Ethan Bradley]
Ich konnte die trübselige Stimmung um mich herum förmlich spüren. Jeder von uns saß in sich gekehrt und schwieg vor sich hin. Verständlich, schließlich sah unsere Zukunft nicht gerade rosig aus. Trotzdem hätte ich die letzten Momente meines Lebens natürlich lieber nicht schweigend verbracht. Als Chloe erstaunlicherweise ein Gespräch mit Addison anfing, brach zum Glück auch Avery das Schweigen: »Findest du es nicht verblüffend wie Fortgeschritten unsere Welt inzwischen ist? Ich meine, zum Mond fliegen ist jetzt so leicht wie Auto fahren. Doch trotzdem bewahrt es unsere Welt nicht vor dem Untergang.«
Eigentlich wollte ich das Gespräch mit Avery im Gange halten, doch mir fiel in dieser Situation nichts dazu ein, deshalb nickte ich nur. Ich wollte ein optimistischeres Thema anschneiden, aber mir fiel nichts ein, was nicht unpassend wäre.
Nach einer Weile kam Emily wie aus dem Nichts auf uns zu. Endlich konnte ich etwas sagen, das auch passte. »Emily, wie kommen wir zu dem Vergnügen?« Emily nahm den Platz zwischen Avery und mir ein. »Na ja, meine beste Freundin wurde von Außerirdischen entführt und meine andere beste Freundin arbeitete für diese Außerirdischen. Bei Addison und Ashley habe ich mich mein ganzes Leben schon aufgehalten – also ja, ihr habt das Vergnügen mit mir.«
Man konnte ihr ansehen, dass sie das alles noch nicht verarbeitet hatte, auch wenn sie sich inzwischen die Tränen aus dem Gesicht gewischt hatte und wieder Kontakt zu anderen Leuten suchte. Sie machte also Fortschritte.
Allerdings startete sie das Gespräch mit dem besagten Thema: »Eigentlich hätte ich es schon zu Beginn wissen müssen, als ich sie traf. Ich meine, ich kann die Gedanken von allen Lebewesen lesen – selbst von Pflanzen empfange ich Gefühle. Warum sollte Jane eine Ausnahme sein? Wie konnte ich nur so dumm sein!« »Aber das hat doch nichts mit Dummheit zu tun, Emily. Du bist das schlauste Mädchen das ich kenne. Keiner von uns hätte das ahnen können. Auch Superkräfte haben irgendwann Grenzen«, meinte Avery.
Emily beachtete Avery gar nicht. »Und dann auch noch ihr Name: Jane Doe. Ich meine, einen einfacheren Namen ist denen wohl nicht eingefallen. Werden so nicht auch Leichen genannt, die nicht identifiziert werden können?« »Trotzdem würde niemand eine real wirkende Person als Roboter bezeichnen. Unsere Technik kann noch so fortgeschritten sein, darin sind die Vodmus eindeutig besser als die Menschen«, versuchte ich ihr klar zu machen.
Endlich schien Emily uns wahrzunehmen. »Das ist lieb von euch. Allerdings fehlen uns durch meine Unwissenheit und Janes Verrat zwei Personen, die vielleicht noch verlorener sind als wir – und das mag schon was heißen.« Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte, immerhin hatte Emily mit diesen Worten Recht. Da keiner von uns beiden etwas zu sagen schien, fuhr Emily fort. »Mal abgesehen von Addison und Ashley hatte ich an der Schule nur zwei richtige Freunde. Fünfzigprozent davon basierte allerdings auf einer Lüge. Ich bin nicht nur dumm, sondern auch unbeliebt.«
»Jetzt gehst du aber zu weit. Mach deine Laune nicht unnötig schlecht!«, befahl ihr Avery mit einer leichten Note Zorn in der Stimme. »Ach, das musst du gerade sagen. Du bist doch einer der beliebtesten Jungs der ganzen Schule«, entgegnete Emily. »Das mag sein, doch eigentlich geht es mir nicht anders als dir. Klar, es gibt viele, die mich bewundern. Doch trotz alldem ist Ethan eigentlich mein einziger richtiger Freund an der Schule.« Avery machte eine kleine Pause, da er anscheinend nicht wusste, ob er die nächsten Worte noch sagen sollte, entschied sich schließlich aber dafür. »Um ehrlich zu sein hatte ich das Gefühl, dass wir uns während des Projekts angefreundet haben.« Mir war nicht genau klar, wen Avery mit wir meinte. Möglicherweise alle, obwohl es noch nicht ganz so lange her war, dass wir gemeinsam über Projektmitglieder gelästert hatten. Aber andererseits, seit dieser kurzen Zeit ist viel passiert.
Emily schien eine Weile über seine Worte nachzudenken. »Ja, wahrscheinlich hast du Recht.« Allerdings war ich mir nicht sicher, wie ernst ihre Worte waren, denn sie war eindeutig noch neben der Spur.
Irgendwann gesellte sich dann Ashley zu uns, die sich nun anscheinend auch nach Gesellschaft sehnte. Ihre braunen Haare hatte sie inzwischen mit einer Spange hochgesteckt. Ihre Laune hatte sich anscheinend auch etwas gebessert. Vielleicht war sie sogar die Bestgelaunteste unter uns und das obwohl ich mich daran erinnerte, dass sie sich in den letzten Tagen gut mit Tyler angefreundet hatte. Emily hatte also Recht gehabt: Sie versuchte wirklich krampfhaft das Negative aus ihrem Leben zu verdrängen.
Sie lächelte uns zu. »Und? Über was wird hier so schönes erzählt?« »Na ja, hauptsächlich meckert Emily darüber, dass das alles ihre Schuld ist. Kannst du ihr klar machen, dass sie sich für nichts schuldig fühlen muss?«, fragte ich Ashley.
Ashley kam nun einige Schritte auf uns zu und stand nun direkt hinter Emily. Sie atmete einmal lang und tief durch, bevor sie sagte: »Emily, das ist natürlich nicht…«, setzte sie an, während sie ihr die Hand auf die Schulter legte. Doch weiter kam Ashley nicht, denn ohne jeglichen Grund verschwand sie plötzlich vor unseren Augen. Sie war wie vom Erdboden verschluckt.
Panisch schaute ich mich um, da mich die Situation an das Verschwinden von Tyler und Bella erinnerte – nur dass dieses Mal kein grelles Licht aufleuchtete. Doch dieses Mal konnte die Vodmus einfach nicht dahinter stecken. Schließlich waren wir vollkommen alleine im Weltall. »Wo ist sie hin?«, fragte ich panisch ohne eigentlich eine Antwort zu erwarten, doch tatsächlich bekam ich trotzdem eine.
»Sie ist wieder in mir!«, schrie Emily beinahe, nicht ganz schlüssig, ob sie sich darüber freuen sollte oder nicht. Avery und ich starrten sie ungläubig an. »Und Addison? Ist sie auch wieder in dir drin?«, fragte ich. »Nein, wir sind alleine«, erklärte sie und drehte sich dabei zu Chloe und Addison um, um sicher zu sein. Diese hatten anscheinend nichts mitbekommen und unterhielten sich immer noch.
»Und was ist mit deinen Fähigkeiten? Sind die auch wieder da?«, wollte Avery wissen. Daraufhin schaute Emily beschämt auf den Boden. »Es tut mir leid. Ich war nicht darauf vorbereitet gewesen. Sonst hätte ich eure Gedanken natürlich nicht gelesen.«
Da ich in diesem Moment nur panische Angst vor weiteren Vodmus gehabt hatte und ich mich für nichts zu schämen brauchte, erwiderte ich: »Aber das spielt doch keine Rolle! Hauptsache sie sind wieder da und wir können hier wieder raus«, meinte ich. Emily nickte Gedanken versunken. »Ich kann Gedanken lesen und meine übernatürliche Schlauheit scheint auch wieder da zu sein. Ich frage mich nur, ob wir ohne Addison auch noch so schnell rennen können.«
»Na dann probiere es doch mal aus«, schlug ich vor. Nach einem kurzen Nicken tat sie das, worum ich sie gebeten hatte. Wie ich schon vermutet hatte, glich ihre Schnelligkeit, die eines durchschnittlichen jungen Erwachsenen.
Inzwischen waren auch Chloe und Addison auf uns aufmerksam geworden. Nachdem Addison verdutzt »Wo ist Ashley?« gefragt hatte, erklärte Emily ihr was passiert war. Auch die beiden konnten es kaum fassen. »Aber wie ist das denn auf einmal passiert? Und muss Ashley da jetzt drin bleiben oder kann sie auch irgendwie wieder heraus?«, fragte Chloe, worauf natürlich keiner eine Antwort wusste. »Ashley glaubt, dass das passierte, weil sie mich gerührte«, sagte Emily, während sie angestrengt nach einer Lösung suchte. Zwar war die ganze Sache für sie eher positiv als negativ, aber ich wusste inzwischen, dass Emily nicht selbstsüchtig war. Für Ashleys Wohl wollte sie, dass sie wieder ihren eigenen Körper bekam. Außerdem wäre ihr ein bisschen Privatsphäre sicher auch Recht.
Eine Zeit lang herrschte vollkommenes Schweigen, bis sich plötzlich Ashley vor unseren Augen manifestierte. »Wie hast du das jetzt hinbekommen?«, stieß Emily erstaunt vor.
»Es war einfach. Vielleicht sogar wieder zu einfach, um darauf zu kommen. Ich habe versucht mich innerlich wieder von Emily zu lösen. Es war nicht ganz einfach, aber nach ein paar Ansätzen hat es dann ja schließlich geklappt.«
Erleichtert legte Emily den Arm um Ashley, die daraufhin wieder verschwand bevor Emily sagen konnte: »Dann lasst uns endlich in Richtung Erde steuern.«