Project Different
Kapitel 14
[Emily Tanner]
Eine ganze Weile starrte ich in die unendliche Dunkelheit und versuchte einfach an nichts zu denken. Ich wollte einfach meinen Kopf frei bekommen, doch irgendwie schaffte ich es nicht. Aber wie konnte man es mir auch verübeln? In den letzten Wochen ist in meinem Leben einfach viel zu viel passiert.
Als wir eine ganze Weile unsere Rakete in die richtige Richtung lenkten, nutzte ich die Gelegenheit, um die Gruppe herbei zu rufen. Wir hatten noch so viel zu besprechen.
»Wir sollten abklären, wie es weiter geht, wenn wir gelandet sind«, stellte ich klar. »Ist das nicht klar? Wir müssen herausfinden, wo sich die ganzen vermissten Personen, einschließlich Tyler und Bella, aufhalten«, meinte Chloe.
»Ja, aber da gibt es noch etwas, was ich euch nicht erzählt habe. Nach diesem Knall hatte ich einen Traum, dachte ich jedenfalls. Aber in diesem Traum habe ich auch gespürt, dass Addison und Ashley meinen Körper verlassen haben, was sich am Ende ja auch bewahrheitet hat. Ich denke also, dass mehr dahinter steckt. Als würde mir jemand einen anonymen Hinweis senden.« »Einen anonymen Hinweis senden mithilfe von Träumen? Das hört sich ganz schön verrückt an«, bemerkte Avery.
»Ich weiß, aber nicht weniger als jemand mit übernatürlichen Fähigkeiten und Außerirdische, die die Erde einnehmen wollen. Es gibt immer Dinge, die für uns unmöglich scheinen, es aber eigentlich gar nicht sind«, antwortete ich, wobei ich es vermied ihn direkt in die Augen zu schauen. Ich hatte nämlich bedenken, dass er dahinter kommen würde, dass ich seine Gedanken gelesen hatte, wenn er es nicht schon wusste.
Klar wusste er es, schließlich hatte ich es ihm und Ethan persönlich gesagt. Aber die meiste Zeit denken Menschen unbewusst und meistens wechselt man die Gedanken schneller als man einatmet. Wahrscheinlich hofft er einfach, dass ich es nicht mitbekommen habe. Doch das war ja das Problem – ich hatte es.
Als würde ich mit der Menschheit-Rettungsaktion nicht schon genug um die Ohren haben, hatte ich nun anscheinend auch ein Privatleben. Warum musste er so was auch gerade jetzt denken? Klar, ich könnte es einfach ignorieren, aber irgendwie konnte ich es nicht.
Gestern noch hätte ich ihn ohne Probleme kurz ansprechen können und mitteilen können, dass das leider nichts wird. Ich hatte mir bis zu dem Zeitpunkt nie wirklich Gedanken über Jungs gemacht und ob sie womöglich an mir interessiert waren. Einfach, weil es sowieso nie gehen könnte.
Plötzlich musste ich an meinen ersten Schultag an der Oberschule denken. Addison, Ashley und ich hatten ausnahmsweise die Gedanken unserer Mitschüler gelesen, um festzustellen mit wem wir es zu tun hatten. Plötzlich wurde mir klar, dass Avery nicht der erste gewesen war, der irgendwie Interesse an mir gezeigt hatte. Ich hatte es einfach nur nicht beachtet, weil es für mich eh nie in Frage kommen würde.
Verzweifelt versuchte ich mich daran zu erinnern, ob Avery vielleicht schon früher so empfunden haben könnte, doch es wollte mir einfach nicht mehr einfallen. »Hallo? Erde an Emily?«, sagte Ashley und riss mich aus meinen Gedanken.
»Hm?«, fragte ich.
»Worum es in deinem Traum ging?«, wollte sie wissen, während ich mich fragte, ob Ashley wohl auch von Averys Gefühlen für mich wusste, schließlich war auch sie in dem Moment in der Lage die Gedanken von anderen zu lesen. »Da war ein Mann, der mit einer Schaufel ein Loch gegraben hat. Es war irgendwo in Berlin, zu der Zeit wo es noch Ost und Westdeutschland gab«, berichtete ich.
»Denkst du, dass sich die ganzen Menschen, die vermisst sind, unter der Erde befinden?«, wollte Ethan wissen. »Es wäre naheliegend.« »Und der Eingang ist irgendwo in Berlin? Aber Berlin ist zu groß. Es wäre unmöglich zu finden, außer du weißt den genauen Ort«, stellte Addison fest. »Nein, den weiß ich nicht.« Ich machte eine kurze Pause, denn das was ich nun vorschlagen würde, ist einfach Wahnsinn – selbst für meine Verhältnisse. »Auch wenn es noch verrückter kling, aber ich habe das jetzt schon eine ganze Weile durchdacht. Ich denke, unsere einzige Möglichkeit ist es, wenn wir uns an diese Person halten. Ich habe sie genau vor Augen und weiß wie sie aussieht. Wir könnten ein Foto mit dem PC erstellen, was diese Person darstellt. Jetzt das Verrückte: Wir müssen eine Zeitmaschine bauen und das Foto den Leuten von früher zeigen, um zu dieser Person und somit schließlich zum Eingang zu gelangen.«
»Eine Zeitmaschine? Ich dachte immer, so etwas könnte man nicht entwickeln«, sagte Ashley. »Ja, weil es so unglaublich kompliziert ist, dass es schon fast unmöglich ist. Aber ich bin der Meinung, wenn ich mich konzentriere, schaffe ich das. Jetzt gerade kann ich es zwar schlecht beurteilen, aber ich habe mir bereits als Ashley in mir war, ein Bild von der Sache gemacht.«
»Heißt das also wir werden in der Zeit reisen? Wann war Deutschland denn geteilt? Das ist doch schon ewig her. Hatten die da denn schon Fotos?«, fragte Chloe. »Was? Ich habe in Geschichte nicht so gut aufgepasst.« »1989 gab es schon Fotos. Wir dürfen es eben nicht in High Quality ausdrucken, sondern authentisch. Wir dürfen dann natürlich unter keinen Umständen auffallen und nichts verändern. Veränderungen könnten im schlimmsten Fall bewirken, dass wir in der Zukunft gar nicht mehr geboren werden«, warnte ich die anderen. »Weißt du denn wenigstens, ob wir in den Osten oder in den Westen müssen? Zu der Zeit war es ja nicht so einfach die Seiten zu wechseln«, bedachte Addison. »Nein, ich gehe schwer davon aus, dass wir im Osten suchen müssen. Es ist naheliegend im Osten ein Loch zu graben, um in den Westen zu flüchten«, sagte ich. »Puh, das ist alles so lange her. Bist du da ganz alleine drauf gekommen? Ich weiß ja, dass du schlau bist, aber es scheint mir trotzdem etwas weit hergeholt«, meinte Chloe. »Naja, in meinem Traum hat der Mann ständig etwas vor sich hingemurmelt. Warte, ich habe die Zeilen aufgeschrieben, da er sie so oft wiederholt hat, dass ich sie inzwischen auswendig kann.« Ich kramte den Zettel aus meiner Hosentasche hervor und überreichte es den anderen. Währenddessen ging ich automatisch abermals den Text in meinem Kopf durch:
Die Zeiten sind noch zu ändern. Wird’s je ein Ende nehmen? Doch einer wird’s beenden müssen. Eh das Ende niemals kommt.
Verschließ den Schlüssel in das Grauen, der in die Tiefe führt. Auch wenn du dich selbst gerettet hast, deine Nachfolger wird’s wieder plagen.
Drum schlage alle Warnung in den Wind. Verschließ das Grauen der Wiederholung. Und helfe dir selbst, deinen Nächsten. Vergangenheit am längsten eilt.
»Das Grauen der Wiederholungen? Ist das irgendwann in der Vergangenheit denn schon Mal passiert?«, fragte sich Ethan. »Gut möglich. Deswegen müssen wir es endlich beenden. Der Planet ist zerstört – die Vodmus sollten also kein Problem mehr darstellen. Haben wir die verlorenen Menschen erst Mal gefunden, sollte die Sache erledigt sein«, sagte ich.
»Ich weiß zwar immer noch nicht, wie du darauf gekommen bist eine Zeitmaschine bauen zu wollen, nur um diesen dummen Eingang zu finden. Aber du hast wahrscheinlich Recht – es ist unsere einzige Chance«, sagte Chloe, überlegte kurz, bevor sie fortfuhr: »Außerdem ist die Sprache des Textes ziemlich komisch geschrieben, als wäre er aus der Vergangenheit. Okay, das alles handelt von der Vergangenheit. Zeitmaschine ist vielleicht doch naheliegender als ich am Anfang dachte.«
Wir schauten Chloe alle verdutzt an. »Äh, ich weiß ja, dass ich nicht der Hellste bin und du wahrscheinlich einen besseren IQ als ich besitzt. Aber selbst ich könnte ohne irgendwelche Superkräfte darauf kommen, eine Zeitmaschine zu bauen – wenn es denn möglich wäre. Und da es das ist verstehe ich nicht, was dein Problem ist«, sagte Avery irritiert zu Chloe, die nun verlegen grinste und flüsterte: »Mann, vergesst es einfach.«