Project Different

Annika Ha · Kapitel 18 von 29

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Project Different

Kapitel 18

[Chloe Bennett]

Insgeheim konnte ich eigentlich besser Deutsch, als wahrscheinlich der Rest der Gruppe vermutete. Ich hatte hier schon des Öfteren Urlaub gemacht. Eigentlich müsste ich mich gar nicht als stumm ausgeben, denn den deutschen Akzent hatte ich inzwischen ziemlich gut drauf. Aber wahrscheinlich würde man mir sowieso nicht glauben. Wenn ich auch stumm bin, sind wir nämlich auf der sichereren Seite. Doch obwohl ich nicht das erste Mal in Berlin war, erkannte ich gar nichts wieder. 1989 war einfach alles so anders.

Und die Sache mit dem Foto hatte ich mir auch anders vorgestellt. Die Menschen zu dieser Zeit, zumindest in Ostberlin, waren nicht so hilfsbereit wie zu unserer Zeit. Die meisten schauten sich unser Foto nicht mal an und beachteten uns gar nicht. Wenn sie es wie durch ein Wunder dann doch taten, erkannten sie die abgebildete Person jedoch nicht.

»Das wird doch nie was. Was ein Glück, dass wir unbegrenzte Zeit haben«, stieß ich hervor. Addison nickte nur und hielt ihren Zettel gleich dem nächsten vor die Nase. Vielleicht waren die Menschen so verschlossen, weil sie der Meinung waren, dass wir Geld von ihnen wollen. Und spenden will hier natürlich niemand. Langsam machte ich mir darüber Gedanken, ob ich den Obdachlosen in Seattle vielleicht mehr Beachtung schenken sollte. Ich hätte zwar nie gedacht, dass ich das mal denken würde: Aber ich verstand langsam wie sich die Obdachlosen fühlen mussten.

»Ich will nicht eine halbe Ewigkeit auf der Erde schlafen«, sagte ich. »Denkst du ich? Wir dürfen einfach nicht aufgeben und müssen weiter fragen.« »Wir hätten bestimmt mehr Erfolg, wenn wir den Leuten nicht einfach Schilder hinhalten würden. Ich kann Deutsch – wie gesagt.« »Und was ist mit deinem amerikanischen Akzent?«, fragte mich Addison. »Den kann ich abstellen. Ich war schon ziemlich oft in Deutschland. Meine Tante wohnt hier. Vertrau mir einfach.«

Addison schien hin und her gerissen zu sein. Einerseits hatten wir mit Emily etwas anderes vereinbart. Würden wir auffliegen, gäbe es von ihr richtig Ärger. Andererseits kamen wir kein Stück voran und das war vielleicht unsere einzige wirkliche Chance.

»Na schön. Dann überlass ich jetzt dir das Kommando. Aber wenn was schief geht, geht das auf deine Kosten.« Ich grinste sie an. »Dann sehe zu und lerne. Wir müssen außerdem die richtige Altersgruppe ansprechen. Alte Knacker beachten uns doch eh nicht. Guck dir den an.« Ich zeigte auf einen Jungen mit Regenjacke. »Der ist süß und eher in unserem Alter.«

Addison verdrehte die Augen. »Wir wollen hier niemanden aufreißen, sondern einen Typen finden, der bestimmt zehn Jahre älter ist als der da.« »Nur weil der Altersunterschied größer ist, heißt das nicht automatisch, dass er ihn nicht kennt. Außerdem frage ich mich, warum wir keine Amerikaner sein können. Berlin ist doch voll von Touristen.« »Ja, aber keiner von denen ist obdachlos.« »Dann hätten wir uns vielleicht einfach bessere Kleidung kaufen sollen«, harkte ich nach.

»Hätte uns aber jemand abends schlafend auf der Straße entdeckt, könnten Fragen aufkommen.« Ich stöhnte. Ich hatte langsam das Gefühl, dass wir es uns schwerer machten als es eigentlich war. »Na schön, ich spreche den Typen jetzt jedenfalls an.«

Schon etwas nervös tippte ich den Jungen auf die Schulter. Wobei die deutsche Sprache nicht das war, was mich nervös machte. »Entschuldigen Sie mich, kennen Sie zufälligerweise diesen Mann?« Ich kramte das Foto aus meiner Jackentasche und hielt es ihm vor die Nase. Er schaute mich etwas verwirrt an, da er anscheinend bemerkt hatte, dass meine Kleidung nicht zu meinem Aussehen passte. Außerdem schaute er, wie alle anderen, auf das ekelige Grüne auf meiner Hand. Aber wem konnte ich etwas vorwerfen? Es fiel nun mal auf.

»Nein, tut mir leid. Ich habe keine Ahnung. Warum sucht ihr ihn denn?«, wollte er wissen. »Er ist der große Bruder meiner Freundin. Nachdem die Mauer errichtet wurde hat sie ihn nicht mehr gesehen. Sie ist von Zuhause abgehauen, wegen ihren Eltern – genau wie ich. Inzwischen leben wir zusammen auf der Straße.« »Auf der Straße? Aber das ist ja furchtbar.« »Ja, und dazu kommt auch noch, dass meine Freundin nicht reden kann. Echt tragisch. Aber danke, dass du dir das Foto wenigstens angeschaut hast.«

Ich wollte gerade wieder gehen, da packte mich der Typ am Arm. »Wartet. So zwei hübsche Mädchen wie ihr sollten doch nicht auf der Straße leben. Ich hätte noch ein Zimmer frei. Wenn ihr wollt, könnt ich dort wohnen – solange bis ihr ihren Bruder gefunden habt.«

Addison, die von dem Gespräch anscheinend genug verstanden hatte, schrieb hektisch etwas auf das Papier: Klar, er ist süß. Aber wir brauchen kein Zuhause! Wir müssen abends zurück nach Emily. Als Antwort schrieb ich: Dann schleichen wir uns eben raus. Ich könnte ein weiches Bett echt gebrauchen. Außerdem habe ich das Kommando.

»Warum nicht? Ein Bett kann schließlich jeder gut gebrauchen.« »Ich bin übrigens Oliver. Und ihr?« »Ich bin Erna und das ist Frieda.« Oliver musste lachen. Warum, wusste ich nicht. Hatten wir uns vielleicht komische Namen ausgesucht?

Olivers Haus war ziemlich schlicht und erinnerte eher an ein Gefängnis als an eine Wohnung. Es waren einfach andere Zeiten. Auch das Bett war viel zu kurz. Da würden wir unmöglich beide reinpassen. Ich fragte mich, wie er nur die ganze Zeit so leben konnte.

Er klopfte sich die Füße auf einer Matte ab und wir taten es ihm nach. Als wir drinnen waren, schloss er einmal um und steckte den Schlüssel ein. »Willkommen in meinem bescheidenen Heim.« »Warum schließt du denn ab?«, wollte ich wissen. Er grinste. Es war ein süßes Lächeln. »Na wegen Frieda.« Er zeigte auf Addison und setzte dabei Frieda in Anführungszeichen in die Luft.

Ich verstand nicht ganz. »Was?« »Ich weiß genau, dass das nicht ihr wirklicher Name ist. Ja, Jennifer. Du hast richtig gehört. Dachtest du ich würde dich nicht wiedererkennen? Dieses Mal entkommst du mir nicht so einfach.«

Addison starrte mich nur irritiert an, da sie wohl nicht ganz folgen konnte und nur mitbekommen hatte, dass Oliver auf sie gezeigt hatte. Ich wurde nervös. »Ich glaube hier liegt ein Missverständnis vor. Das ist nicht Jennifer. Sie müssen sie verwechseln.«

Plötzlich verschwand Oliver ins Hinterzimmer und kam kurze Zeit später wieder. In seiner Hand hielt er ein Foto, das er uns zeigte. Es war schwarzweiß und zeigte Oliver wie er ein Mädchen im Arm hielt, dass Addison wirklich zum Verwechseln ähnelte. Auch ich war der festen Überzeugung, dass das Addison sein musste, wenn ich es nicht besser wusste.

Addison, die sich nun auch auf dem Foto erkannte, stieß einen Schrei hervor. »Oh Gott!« »Ha, ich wusste es doch. Sie ist gar nicht stumm.« »Nein, aber …«, ich wollte Addison verteidigen, doch mir fiel keine Ausrede ein. Unsere Karten standen einfach nicht gut.

»Okay, ich kann sprechen. Aber nicht Deutsch. Sondern Englisch. Ich kann das nicht sein. Ich komme aus Amerika«, versuchte sich Addison in letzter Not in perfektem Amerikanisch herauszureden.

»Du bist also nach Amerika ausgewandert nachdem wir Schluss gemacht haben?«, konfrontierte er sie unglücklicherweise. Er konnte anscheinend ziemlich gutes Englisch, weshalb unser Gespräch nun ins Englische schwankte. »Nein. Ich schwöre, ich habe dich noch nie in meinem Leben gesehen.«

Er fing an zu lachen, allerdings war sein Lachen jetzt nicht mehr so süß, eher unheimlich. »Das würde ich auch sagen nachdem was du mir angetan hast.« Er ging langsam um den Tisch. »Ich warte auf diesen Tag schon so lange.«

Addison versuchte es jetzt anscheinend auf eine andere Tour. »Hör zu. Ich werde schon einen Grund gehabt haben mit dir Schluss zu machen. Ich sage es noch mal: Das mit uns wird nichts.« »Als ob ich nach allem was mit uns passiert ist noch etwas mit dir anfangen wollte. Nein, ich warte auf diesen Tag schon so lange, weil ich mir Rache geschworen habe.«

Okay, das wurde mir jetzt eindeutig zu viel. Schuldgefühle überrollten mich, weil ich Addison das Kommando entzogen hatte. »Bitte. Sie kann nie im Leben deine Exfreundin sein. Ich weiß doch auch nicht, warum sie da auf dem Foto ist«, versuchte ich es verzweifelt. »Möchte-gern-Erna, sei still. Sie hat doch gerade schon zugegeben, dass sie Jennifer ist.«

Ich musste schlucken. »Was hast du jetzt vor?« Obwohl ich den Gedanken bizarr fand, musste ich es einfach fragen: »Sie etwa töten?« Er lachte erneut. »Töten? Nein, das wäre nicht gerecht. Ich werde sie quälen, sie wird Schmerzen erleiden – so wie sie es mit mir getan hat.« Urplötzlich packte er Addison am Arm und zerrte sie auf den Stuhl. Mit dickem Klebeband, das auf seiner Kommode lag, fesselte er sie auf den Stuhl. Jetzt ging er auch auf mich zu, doch anders als Addison war ich darauf vorbereitet und flüchtete. Doch ich kam nicht weit, denn das gesamte Haus war kleiner als mein Zimmer. Ich musste allerdings feststellen, dass er mich nicht mehr verfolgte. Wo sollte ich denn auch hin?

Mit Entsetzten musste ich feststellen, dass er ein Messer gezückt hatte, mit dem er Addison durchs Gesicht fuhr. Sie versuchte zu schreien, doch Oliver hielt ihr die Hand vor den Mund. »Na, na. Das ist doch erst der Anfang. Du musst dir deine Stimme noch aufheben.«

Ich versuchte mich von hinten an ihn heranzuschleichen. In meiner Hand hielt ich eine Blumenvase, die ich auf der Fensterbank entdeckt hatte. Doch bevor ich ihm die Vase auf den Kopf schmettern konnte, hatte er mich schon bemerkt. »Ich möchte nicht unhöflich sein, aber du störst echt, möchte-gern-Erna.«

Da fiel mir plötzlich mein Handy ein. Emily hatte mir zwar verboten es mitnehmen, doch natürlich hatte ich nicht auf sie gehört – zum Glück. Bevor Oliver irgendwas machen konnte, kramte ich es hervor. Mir war bewusst, dass wir auffliegen könnten, doch das war ein Notfall. Ich drehte mich von Addison und Oliver weg, weshalb Oliver auch wieder das Interesse an mir verlor.

Das einzige was ich nun noch wahrnehmen konnte, waren Addisons entsetzlichen Schreie. Während ich über den Display fuhr, zitterten meine Hände am laufenden Band. Ja, ich hatte das erste Mal in meinem Leben richtige Angst. Klar, da war auch noch der Vorfall mit den Vodmus. Aber das ging alles so schnell, dass ich gar nicht richtig die Möglichkeit gehabt hatte, Angst zu verspüren. Als ich die richtige Applikation gefunden hatte, drehte ich mich und richtete mein Handy auf Addisons Hände und Füße. Kurz darauf löste sich das Klebeband von ihrer Haut, die Oliver in der kurzen Zeit ziemlich zugerichtet hatte. Ich konnte nicht anders als kurz aufzuschreien.

Ich hatte ganz vergessen, dass Addison, obwohl sie nicht in Emilys Körper war, trotzdem ziemlich sportlich war. Sie realisierte schnell was passiert war und war blitzschnell auf den Beinen. Oliver war zu verwirrt und verstand nicht, was gerade passiert war. Kaum war sie hoch, tritt sie Oliver mit aller Kraft in den Magen, sodass er einige Meter nach hinten flog. Sie stürmte zu ihm und verpasste ihn noch ein paar Tritte und Schläge extra. »Addison, stopp!«, sagte ich und packte sie am Arm. »Wir sollten verschwinden. Du bist schließlich keine Mörderin.« Man konnte merken, dass sie nur zu gern noch einmal zugeschlagen hätte. Sie schaute mich an und atmete langsam aus. »Na schön. Weg hier.«

Sie hob einen Hammer vom Boden auf, den ich zuvor noch gar nicht bemerkt hatte. Um Gotteswillen, hatte er den etwa auch benutzt? Was war das bitteschön für ein Psychopath?

Voll von Adrenalin hob Addison den Hammer und schlug auf die verschlossene Haustür ein. Als ein Loch entstanden war, das groß genug war, rief sie mir zu: »Kommst du?« »Einen Moment noch«, sagte ich und trat ihm ins Gesicht. »Gerechtigkeit muss halt sein. Er ist nicht tot, aber wenn er aufwacht, hat er mindestens genauso viel Schmerzen wie du jetzt.«

Auf Addisons Gesicht erschien kurz ein Grinsen, bevor wir nacheinander durch den Türrahmen krabbelten. Obwohl wir Hochsommer hatten, erzitterte mein ganzer Körper als wir im Freien waren.

»Addison, es tut mir ja so unendlich leid.«

»Dir muss gar nichts leidtun. Du warst schließlich nicht diejenige, die mich verletzt hat. Du konntest ja nicht wissen, dass der Typ verrückt ist. So bist du nun mal: Du machst nie das was man dir sagt. Aber nur deshalb konnten wir entkommen, weil du entgegen Emilys Willen dein Handy mitgenommen hast.«

Trotzdem wollte ich den Gedanken nicht loswerden, dass wir überhaupt nur wegen mir in diese Situation geraten waren. Während wir durch die herannahende Nacht gingen, fragte Addison plötzlich: »Glaubst du an Wiedergeburt?« Ich starrte sie verwirrt an. »Wie kommst du denn jetzt darauf?«

»Naja, eigentlich glaube ich da nicht dran. Aber dieses Mädchen auf dem Foto sah mir ziemlich ähnlich. Und da ich in diese Zeitepoche eigentlich nicht hingehöre…« Sie stockte kurz. »Ach, egal. Da sieht mir jemand wahrscheinlich nur verblüffend ähnlich.«