Project Different

Annika Ha · Kapitel 3 von 29

PDF-Seiten

Project Different

Kapitel 3

[Emily Tanner]

Um in unserem Projekt voran zukommen, durchwühlten wir jetzt alle Zeitungen der letzten Woche. Warum hatte ich diesem Projekt zugestimmt? Vielleicht weil es nicht langweilig war, aber in erster Linie, weil ich tatsächlich glaubte, dass wir eine Chance hatten. Die Polizei kam in diesem Fall nicht weiter. Die Polizisten waren zwar erwachsene erfahrene Leute, aber sie hatten nicht wie ich unglaubliche Fähigkeiten. Natürlich mochte das nichts heißen, doch trotzdem zog mich die Chance allein schon etwas an.

Das Wichtigste war jetzt erstmal herauszufinden, wo die letzten Personen verschwanden. Wenn wir diese Orte ausfindig machen würden, kamen wir der Sache vielleicht etwas näher.

Avery hatte sich eine Karte von Seattle geschnappt und kreuzte nun mit einem roten Stift überall die Orte an, wo Menschen verschwanden. »Letzten Dienstag verschwand eine Frau in der Gardenstreet 21«, bemerkte ich und Avery setzte das Kreuz bei der Gardenstreet, auch wenn er sich nicht sicher war, ob es die 21 war.

»Ich glaube das reicht schon. Seht euch das mal an. Wir müssen gar nicht jeden Ort einzeln abgrasen. Alle Kreuze sind in der Nähe voneinander. Sie umkreisen den Naturepark von Seattle. Da sollten wir wohl am ehesten nachschauen«, stellte Avery fest.

Ethan kratzte sich am Kopf. »Findet ihr das nicht merkwürdig? Überall auf der Welt verschwinden Menschen. Aber hier in Seattle verschwinden alle am gleichen Ort.« »Natürlich ist das merkwürdig. Bestimmt ist die Polizei da auch schon drauf gekommen. Deshalb können wir auch nichts bewirken«, schnauzte Chloe, immer noch sauer, dass ihre Idee nicht genommen wurde.

»Wir haben abgestimmt. Wir werden uns jetzt alle mit diesem Projekt beschäftigen. Wir gehen alle in den Naturepark – lass es gut sein«, meinte Bella. Denkst du wirklich, dass wir etwas bewirken könnten?, fragte Ashley. Ich hoffe es doch, antwortete ich. Und so etwas bewirken können, dass die anderen nichts von unseren Fähigkeiten erfahren, ergänzte Addison.

»Dann treffen wir uns am besten Heute nach der Schule im Naturepark – pünktlich um halb drei«, schlug ich vor. »Das geht nicht. Da habe ich Basketballtraining«, sagte Avery. »Dann musst du das eben mal streichen, wenn du in der Schule nicht durchfallen willst«, fauchte ich.

Um halb drei war der Naturepark natürlich ziemlich gut besucht. Vielleicht war das für uns ein Vorteil, möglicherweise aber auch ein Nachteil. Ich sag es ja nicht gerne, Emily, aber wir müssen vereinzelnd versuchen, die Gedanken der Personen zu lesen. Vielleicht denkt ja hier jemand etwas auffälliges, was zu den verschwundenen Personen passen könnte, meinte Ashley. Du hast Recht, doch vereinzelnd wird hier nicht reichen. Dafür sind es zu viele – das wird Jahre dauern. Auch wenn es dann Kopfschmerzen gibt, doch wir haben keine Wahl: Wir müssen alle Gedanken mit einmal auf uns zukommen lassen, stellte ich trocken fest. Als ich das tat, wäre ich fast zusammen gebrochen. In letzter Sekunde konnte ich mich noch halten. Zum Glück, sonst würde das bei den anderen sicher nur Fragen aufwerfen. Warum hast du den Hund vergessen… Ich hätte mir heute Morgen doch meine Zähne putzen sollen… Ich habe noch kein Geschenk besorgt… Was für ein schöner sonniger Tag im Park… Ich hätte Essen mitnehmen sollen… Wo sind denn nur die Kinder?

All diese Gedanken, doch keiner der mich interessierte. Ich wollte schon die Gedanken ausblenden, doch dann hörte ich Addisons Stimme in meinem Kopf. Da hinten links am Baum höre ich Gedanken, aber sehe niemanden. Ist das nicht merkwürdig?

Okay, ich konzentriere mich jetzt nur auf die Gedanken am Baum, gab ich an Addison und Ashley weiter. Es ist ziemlich witzig. Wir können machen was wir wollen und die Polizei hat keinen blassen Schimmer – kein Mensch hat das. Wie denn auch? Ihre menschlichen Augen können uns nicht wahrnehmen und auch unsere Stimme ist auf eine Ebene, die das menschliche Ohr nicht wahrnehmen kann. Wir können die Menschen verschleppen, ohne dass selbst die verschleppten Menschen nicht wissen, was mit ihnen passiert. Bald wird die Welt nur noch uns gehören. Ich schätze,…

Und dann verschwanden die Gedanken schlagartig. Sie wurden nicht mal leiser, sondern verschwanden sofort. Denkt ihr das gleiche wie ich?, fragte ich Addison und Ashley. Dass Außerirdische unsere Erde besetzten wollen?, entgegnete Addison. Und sie keiner wahrnehmen oder aufhalten kann, weil die Menschen das nicht können? Außer uns, weil wir die Gedanken von diesen Kreaturen hören können, bemerkte Ashley.

Ach du liebe Güte! Damit hatte ich echt nicht gerechnet. Auch wenn ich damit Recht hatte, dass wir mithilfe der Fähigkeiten vielleicht etwas dagegen unternehmen könnten. Aber das war immer noch ein Schulprojekt. Wir könnten es nicht bewältigen, wenn ich den anderen nicht von meinen Fähigkeiten erzählen würde.

Nein, wir dürfen den anderen nicht von unseren Fähigkeiten erzählen, warnte mich Addison, als wüsste sie was ich dachte. Was ist wichtiger? Die Bewahrung unseres Geheimnisses oder die Rettung der Welt?, fragte ich, ohne dass ich eine Antwort verlangte. Emily hat Recht, Addison. Wir haben dich überstimmt. Wir werden es den anderen sagen, sagte Ashley unterstützend.

Bei Jane und Bella hatte ich eher weniger Angst es zu sagen, denn die beiden kannte ich ja auch. Aber Blondie und die Jungs waren Fremde für mich, denen ich gleich das größte Geheimnis meines Lebens anvertrauen musste. Langsam bereute ich es, dass ich mich nicht für das Tierheim gemeldet habe. Ach quatsch, was denk ich da! Die Menschheit liegt in meinen Händen. Nur wir konnten sie retten.

»Lasst uns alle mal nach mir nach Hause gehen. Da haben wir es ruhiger und meine Adoptivmutter ist gerade nicht Zuhause«, sagte ich. »Was? Aber wir haben doch noch gar nichts herausgefunden«, sagte Bella entgeistert. »Doch, das habe ich und das würde ich euch gerne erzählen. Aber dafür brauchen wir einen ruhigen Ort.«