Project Different

Annika Ha · Kapitel 2 von 29

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Project Different

Kapitel 2

[Tyler Williams]

Nachdem Mrs. Backer uns zu unseren Gruppen zugeteilt hatte, sollte jede Gruppe sich einen ruhigen Platz in der Bibliothek nehmen und alles für das Projekt besprechen. Die meisten meiner Gruppenmitglieder kannte ich, bis auf das pinke, blonde Mädchen, das anscheinend Chloe hieß. Ich wollte ja keine Vorurteile gegenüber anderen haben, aber sie wirkte auf mich ziemlich eingebildet.

Die beiden anderen Jungs in meiner Gruppe waren Avery und Ethan. Avery war wahrscheinlich der beliebteste Junge an unserer Schule – kein Wunder, dass sein Freund Ethan ihm immer alles nachmachte und wie er sein wollte. Avery war groß und hatte einen ziemlich trainierten Körper, während ich eher klein und zierlich dagegen wirkte. Auch sein Kleidungsstil war immer modern und bei den Mädchen sicherlich angesehener als meine Karohemden.

Ethan und Avery könnten vom Klamottenstil wie Zwillinge sein, auch wenn sie sonst ganz klar unterschiedlich ausschauten. Avery hatte kurze schwarze Haare, war dunkelhäutig und hatte blaugraue Augen. Ethan war eindeutig heller, denn seine Haare waren dunkelblond und er hatte klare blaue Augen. Zwar war Ethan kleiner als Avery, aber sicherlich besuchte er das Fitnessstudio genauso oft.

Und die anderen drei Mädchen aus meiner Gruppe klebten immer zusammen wie Kletten. Ich habe sie noch nie alleine gesehen. Aber wenigstens sind sie alle, anders als bei Avery und Ethan, von Grund auf unterschiedlich.

Ich habe das Gefühl, dass die beiden Jungs und die drei Mädchen nur mit sich beschäftigt waren, während das neue Mädchen Chloe und ich nur Löcher in die Luft starrten. Sollte das hier nicht eigentlich eine Gruppenarbeit sein? Verzweifelt versuchte ich, auf mich aufmerksam zu machen: »Hallo? Sollten wir uns nicht langsam mal ein Projekt überlegen?«

Die beiden Gruppen hielten für einen kurzen Moment inne, dann fing Avery aber an zu lachen. »Du hast hier gar nichts zu melden, Fotoboy«, sagte er spöttisch und stieß gegen meine Kamera, die um meinen Hals baumelte. »Ich bin der Anführer unserer Gruppe.«

»Sagt wer?«, fragte das Mädchen namens Emily. »Hallo? Ich bin immer der Anführer – in allem. Man hat mich nicht umsonst zum Kapitän unserer Basketballmannschaft gewählt. Und darum sage ich jetzt: Dieses Projekt muss echt gut werden. Es macht zweidrittel unserer Gesamtnote aus. Wenn ich eine gute Note in Sozialkunde habe, falle ich vielleicht nicht durch. Meine Noten in Englisch sind dieses Jahr echt nicht die besten… und naja, Mathe könnte auch besser sein.«

»Na dann hör doch auf den Fotoboy und lass uns endlich mit diesem Projekt anfangen«, sagte Emily sauer. Ich ahnte schon, dass jetzt der nächste ach-so-coole Spruch kommen würde, doch dieses Mal schien er die Situation zu bewältigen, indem er einfach aufstand und wegging – ganz klasse.

»Den brauchen wir nicht. Wir sagen Mrs. Backer einfach, dass er nicht mitgearbeitet hat und bekommt dann eine schlechte Note verpasst – Zack, durchgefallen! So einfach geht das«, meinte Jane. Ethan schien Avery jetzt etwas verunsichert hinterher zu gucken. Anscheinend wusste er nicht, ob er bleiben oder Avery nachlaufen sollte. Aber am Ende entschied er sich doch für die gute Note und blieb.

Tief in meinem Herzen glaubte ich, dass Ethan eigentlich ein ganz netter Junge war. Er wollte nur so unbedingt beliebt sein, dass er sich beliebte Idioten wie Avery zum falschen Vorbild machte. Vielleicht waren Ethan und ich ja doch gar nicht so verschieden, wie es auf den ersten Blick aussah.

»Na schön. Hat irgendwer eine gute Idee für unser Projekt?«, fragte Bella. »Ich habe nämlich keine Lust mich freiwillig beim Altenheim anzumelden. Das macht so gut wie jede Gruppe und ist total langweilig.« »Wir könnten Geld für ein Tierheim spenden«, schlug ich vor. »Ich weiß, dass wir dann vielleicht nicht allzu viel bei der Präsentation zu sagen hätten. Aber ich könnte Fotos machen und wir zeigen dann, wie die Tiere dort leben und was unser Geld alles bewirken könnte.«

»Eigentlich gar keine so schlechte Idee«, meinte Jane, doch das neue Mädchen Chloe grinste nur amüsiert. »Ihr seid echt unglaublich. Von allen Sachen die wir machen könnten, es ist uns ja quasi vollkommen freigestellt, wollt ihr echt Geld spenden? Total langweilig und uncool.«´

»Ein Schulprojekt ist nun mal langweilig und uncool«, entgegnete ich.

»Wir sollen etwas tun, was gut für die Welt ist und das kann vieles sein. Ich persönlich fände es cool, wenn wir Klamotten entwerfen und sie anschließend den Kindern aus Afrika zukommen lassen. Dann können auch die gut gekleidet sein«, sagte Chloe. Ethan sagte das, was ich dachte, schließlich laut: »Ach und das kannst du? Kleidung anfertigen? Ich jedenfalls nicht und ich finde bei einer Gruppenarbeit sollte sich jeder der Mitglieder einbringen können.«

Ich nickte nur und spielte gelangweilt mit meiner Kamera, während ich überlegte, welches Projekt alle gut fänden würden. Plötzlich flog von hinten über meinen Kopf eine Zeitung und landete auf dem Tisch. Ich drehte mich um und sah, dass Avery zurückgekehrt war. »Ich habe eine Idee für unser Projekt. Lest einfach die Titelstory, wenn ihr sie nicht schon kennt. Man hört das ja inzwischen überall in den Nachrichten. Außer natürlich, ihr kommt von einen ganz anderen Stern. Dabei schaute er Chloe und mich besonders eindringlich an. Zwar ahnte ich schon, worauf er hinaus wollte, las mir den Artikel aber trotzdem nochmal durch, da mir nicht klar war, wie das für unser Projekt von Bedeutung sein könnte.

Immer mehr Personen verschwinden

Schon seit letzter Woche verschwinden in Seattle immer mehr Personen von der Bildfläche, ohne dass man sie ausfindig machen konnte. Neuerdings wird jedoch bewusst, dass dies nicht nur in Seattle der Fall ist. Auf der ganzen Welt verteilt verschwinden Menschen. Eins ist klar: So kann das nicht weitergehen, denn irgendwo müssen die ganzen vermissten Menschen doch sein. Die Ermittlungen der Polizei laufen weiter – bisher jedoch ohne Erfolge.

»Was hat das jetzt mit unserem Projekt zu tun?«, fragte ich verdutzt. »Du kommst also wirklich von einem anderen Stern. Das ist das Thema überhaupt! Überleg doch mal, wenn wir diesen Fall aufdecken, haben wir ja wohl etwas Wunderbares getan – vielleicht sogar die Welt gerettet. Das wird dann bestimmt eine Eins plus mit Sternchen«, sagte Avery stolz.

Jetzt lachte ich ihn genauso aus, wie er erst mich ausgelacht hatte. Auch wenn ich nicht ganz so selbstbewusst klang wie er. »So was können doch keine siebzehnjährigen Schüler übernehmen. Das ist eine Sache für die Polizei!« »Aber die versagt ja anscheinend. Ich finde, wir sollten es wenigstens versuchen«, meinte Avery.

Jetzt mischte sich Chloe ein. »Und wenn wir scheitern, was passieren wird, was haben wir dann zur Vorstellung? Nichts. Wir könnten höchstens noch mit unserem Arbeitsklima punkten, aber das sieht auch nicht gerade glänzend aus. Das war’s dann wohl mit deinem Traum von der Eins.«

»Aber manchmal zählt allein der Versuch. Wir könnten immerhin unsere Ermittlungen vorstellen – auch wenn sie erfolglos waren. Wenn Fotoboy will, kann er auch bei dieser Idee seine Fotos machen«, sagte Avery. »Aber das ist vollkommen verrückt. Mit aller Wahrscheinlichkeit haben wir es mit einer Entführung von Menschen zu tun. Das bedeutet kriminelle erwachsene Männer, gegen die wir niemals eine Chance hätten«, antwortete ich bestimmt.

Zu meiner Überraschung ergriff Emily plötzlich für dieses Projekt Partei. »Aber die Menschen verschwinden überall auf der Welt. Wenn es eine kriminelle Gruppe wäre, würde es nur in Seattle passieren. Eigentlich finde ich Averys Idee gar nicht so schlecht. Wir können uns zumindest sicher sein, dass das keine andere Gruppe als Thema hat.«

Jetzt starrten sie alle – bis auf Avery, der nur triumphierend und selbstbezogen grinste – verdutzt an, selbst ihre beiden besten Freundinnen. »Ist das dein Ernst, Em? Da ist ja selbst die Tierheim Idee besser«, sagte Jane. »Obwohl das bestimmt das spannendste Thema ist, was wir finden können«, überlegte nun auch Bella. Jetzt schien Jane aus allen Wolken zu fallen. »Sag mal, wer seid ihr? Avery ist doch nur auf eine Eins versteift. Klar, das Projekt kann eine Eins werden, aber genauso gut auch eine Sechs. Mit dem Tierheim wären wir auf der sichereren Seite. Das kann vielleicht keine Eins werden, aber eine nette Zwei ist doch auch schön.« »Aber eine Zwei reicht mir nicht, um zu bestehen«, maulte Avery. »Schön, uns anderen aber schon. Deshalb verstehe ich nicht, warum Emily und Bella für diese Idee sind«, sagte Jane irritiert.

»Uns geht es nicht um die Note, Jane. Aber das Tierthema ist nun mal wirklich ziemlich langweilig. Und gerade weil es nicht um die Note geht, könnten wir uns eine Sechs erlauben. Hauptsache wir haben endlich mal wieder Spaß an einem Schulprojekt, oder?«, erklärte Bella für Jane.

»Wir können ja abstimmen«, schlug ich vor. »Na schön, wer das coolere Projekt mit den verschwundenen Personen machen möchte, hebt die Hand«, sagte Avery – ganz der Anführer. Er, Emily und Bella hieben die Hand, Ethan zögerte noch kurz, hob sie dann aber auch hoch. Ich hatte das Gefühl, dass er eigentlich auch das Projekt mit dem Tierheim machen wollte, doch er konnte Avery natürlich nicht enttäuschen.

»Vier zu drei – das bessere Projekt gewinnt halt«, sagte Avery mit arroganter Stimme. In was für eine Gruppe bin ich hier nur geraten? Ich sah es schon kommen: Wenn wir bei der Präsentation jeder über das Arbeitsklima reden sollten, fällt mir nur ein wie bescheuert jeder einzelne dieser Gruppe ist. Okay, die einzige Normale war vielleicht noch Jane. Wie kann man nur diese bescheuerte Idee in Betracht ziehen? Am liebsten hätte ich all das laut ausgesprochen, doch so schüchtern wie ich war, hielt ich meinen Mund und schwieg vor mich hin.