Project Different
Kapitel 7
[Ashley Summers]
Der zweite Ferientag war nicht nur der Tag, an dem wir mit unserer Rakete in den Weltraum starten wollten. Es war auch der Geburtstag von Emily. Während es noch am Morgen ein ausgiebiges Frühstück mit Emilys Adoptiveltern gab, trafen wir uns schon am Nachmittag, um die Rakete startklar zu machen.
Nach uns war Jane die erste, die unsere kleine abgelegene Stelle im Wald erreichte. Heute trug sie ein neonfarbiges Top mit schwarzem Minirock, was sich aber andauernd änderte. Gestern noch war sie eine graue Maus gewesen. Mit der rechten Hand zog sie einen roten Koffer, indem sie die wichtigsten Gegenstände verstaut hatte, die sie brauchte.
Als sie uns erreicht hatte, stellte sie den Koffer ab und umarmte Emily. »Alles liebe zum Geburtstag, Em.« »Dankeschön, Jane«, entgegnete Emily.
Eigentlich bin ich davon ausgegangen, dass nur Jane und Bella an ihren Geburtstag denken würden. Aber ich hatte mich in den anderen geirrt. Tatsächlich gratulierte ihr jeder, was anscheinend ein Zeichen dafür war, dass sie den sozialen Part dieses Projektes doch ernster nahmen. Zwar hatte ich mich eigentlich damit abgefunden, dass ich nicht eigenständig handeln konnte, zumindest mehr als Addison, aber mir hatten in meinem gesamten Leben nur zwei Leute zum Geburtstag gratuliert. Aus diesem Grund kann ich Addisons deprimierenden Zustand ziemlich gut nachvollziehen. Das ist sicherlich ganz normal, aber ich bin eben einfach anders. Ich verdränge die Probleme um mich herum und versuche in allem immer nur Positives zu sehen. Viele denken sicherlich, das sei eine beeindruckende Eigenschaft, aber ich bin mir da nicht so sicher. Ich denke einfach manchmal, dass ich mich meinen Problemen stellen sollte.
Irgendwann ist es dann schließlich soweit und wir betreten alle nacheinander die Rakete. Bei der Abstimmung, wer die Rakete steuern sollte, stellte ich überraschend fest, dass alle für Emily waren – selbst Avery und Chloe. Aber das war ja eigentlich auch selbstverständlich, da Emily die einzige war, die wusste wie man nach Krenzu gelangte. Zwar lebten diese außerirdischen Vodmus auf Denatri, aber um den Planeten verstören zu können, brauchten wir ja das Gas von Krenzu.
Die Fahrt würde sich sicherlich elendig lang hinziehen. Vielleicht wäre es nicht ganz so langweilig, wenn ich mich mit jemandem hier unterhalten könnte. Aber das ist ja nun mal nicht möglich. Doch dann kam mir plötzlich die Idee. Emily hatte ja schließlich allen hier erzählt, dass Addison und ich noch lebten. Emily? Kannst du mir einen Gefallen tun?
Welchen denn?, fragte sie verdutzt. Mir ist langweilig und ich würde mich gerne mal mit jemandem anderen als euch unterhalten. Die wissen hier doch alle über uns Bescheid. Kannst du für mich vielleicht den Übersetzter spielen? Emily brauchte einen Augenblick, um zu begreifen, was ich von ihr wollte.
Okay, und mit wem möchtest du dich gerne unterhalten?
Das war eine gute Frage. Bella und Jane kannte ich inzwischen ja schon ziemlich gut, da Emily sich mit denen andauernd unterhielt. Da ich mir am ehesten vorstellen konnte, dass Tyler ein Gespräch mit jemanden in Betracht ziehen würde, den er gar nicht sehen konnte, entschied ich mich auch für ihn.
Natürlich war er gerade dabei Fotos zu schießen, als Emily ihn auf die Schulter tippte. »Vielleicht klingt das jetzt blöd, aber würde es dir etwas ausmachen, dich mit Ashley zu unterhalten. Sie meckert die ganze Zeit rum, dass ihr so langweilig sei.«
Er starrte Emily verdutzt an. »Hä? Geht das denn?« »Ne, aber ich kann dir ja sagen, was sie gesagt hat.« »Ashley? War das die Pessimistin oder die Optimistin?« »Die Optimistin«, entgegnete Emily. Tyler atmete erleichtert aus. »Puh, zum Glück.« Emily musste lachen, während Addison wütend Pah, was denkt der sich von sich gab. »Ich finde es beeindruckend, dass sie anscheinend so glücklich ist, obwohl sie ja quasi kein eigenes Leben hat.« Sag ihm, dass ich vielleicht optimistisch bin, aber alles andere als glücklich.
Nachdem Emily übersetzt hatte, antwortete er: »Es ist aber trotzdem beeindruckend.« Frag ihn, ob er noch andere Hobbys als fotografieren hat und warum er das so toll findet. »Naja, ich angele zum Beispiel auch gerne, aber am liebsten fotografiere ich. Zu meinem zehnten Geburtstag hat mir mein Vater meine erste Kamera geschenkt. Er sagte mir, dass es wichtig sei, die schönsten Momente im Leben in Erinnerung zu behalten, weil wir Menschen nun mal alles so schnell vergessen. Ich habe nie so richtig verstanden, was er damit meinte, aber seit zwei Jahren ist es mir klar. Mein Vater wusste, dass er das Alzheimergen in sich trägt. Wenn er mal wieder nicht weiß, dass ich sein Sohn bin, zeige ich ihm einfach die Bilder, die ich gemacht habe.«
Mit solch einem tiefgründigen Grund hatte ich nicht gerechnet. Hast du dich auch auf das Gen testen lassen? Daraufhin schüttelte er langsam den Kopf. »Ich bin mir nicht sicher, ob ich das wissen will. Ich habe Angst, dann alles pessimistisch zu sehen. Ich weiß nicht, ob ich so stark wie du sein kann. Ich genieße lieber mein jetziges Leben und halte mit meiner Kamera so viele schöne Momente wie möglich fest.«
Dann sind wir uns wahrscheinlich gar nicht mal so verschieden. Auch er versucht die Krisen einfach zu verdrängen. Irgendwann in ferner Zukunft solltest du dich aber testen lassen. Daraufhin nickte Tyler nur langsam und senkte den Kopf. Durch Tyler wurde mir endlich klar, warum ich alles in meinem Leben so optimistisch wie möglich sah. Ich hatte Angst vor der Wahrheit.
Ich redete mir meine Superkräfte, die ich dank dieses Versuchs besaß, immer wieder schön. Aber brauchte man wirklich Superkräfte, wenn man kein normales Leben führen konnte? Ich konnte niemals in meinem Leben heiraten, Kinder kriegen oder einfach einmal alleine sein und vor mich hin singen – keiner von uns dreien. Dabei wollte ich so gerne einmal wissen, wie sich meine Stimme anhörte.
Plötzlich fühlte ich nur noch diese Leere, vor der ich mich immer so gefürchtet hatte – diese unendliche Traurigkeit. Da sich das aber gar nicht gut anfühlte, verdrängte ich es wieder, da ich das ja am besten konnte. Ich lebe noch und habe unglaubliche Fähigkeiten! Und Emily und Addison sind so tolle Menschen. Außerdem kann ich mich jetzt auch noch mit anderen Leuten unterhalten, wie zum Beispiel mit Tyler.
Er soll das wieder vergessen. Es ist seine Entscheidung und manchmal ist es besser, wenn man nicht mit Problemen konfrontiert ist.
Während der Reise unterhielt ich mich nicht nur mit Tyler, sondern überraschenderweise auch mit den anderen – selbst mit der Zicke, die doch gar nicht so zickig zu sein scheint, wie ich anfangs dachte. Ich hätte es zwar nicht gedacht, aber diese Reise schweißte uns alle ganz schön zusammen. Das erste Mal fühlte ich mich, als würde ich zu einer richtigen Familie dazugehören.
Somit konnte ich es gar nicht glauben, als Chloe uns zurief: »Es wird Zeit die coolen Raumanzüge anzuziehen.« Mit einem Ruck landete unsere Rakete auf dem komischen faserigen Boden des Planeten Krenzu.