Adolpho Lutz: febre amarela, malária e protozoologia

Jaime Larry Benchimol · Capítulo 9 de 56

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Adolpho Lutz: febre amarela, malária e protozoologia

Febre amarela

 

1889

 

Charge alusiva à epidemia de febre amarela em Santos e

Campinas, no ano de 1889. Publicada na Revista Illustrada, ano

14, n.545, 1889, p.4-5. Arquivo Geral da Cidade do Rio de

Janeiro.

Cartoon aluding to the 1889 yellow fever epidemic in Santos

and Campinas. Published in Revista Illustrada, year 14, n.545,

1889, p.4-5. Arquivo Geral da Cidade do Rio de Janeiro.

 

Zur Frage nach der Wirksamkeit der

Gelbfieberimpfung *

 

I.

Um die Frage nach der Wirksamkeit der Gelbfieberimpfung sachgemãss beantworten zu kõnnen, ist es unerlãsslich, kurz auf das Wesen der Schutzimpfung im allgemeinen einzugehen. Dieselbe stützt sich auf zwei fundamentale Erfahrungssätze, welche nach langjãhrigen Beobachtungen und Experimenten als sicher erwiesen gelten kõnnen, nãhmlich:

1) Zahlreiche Krankheiten befallen denselben Organismus in

der Regel nur einmal und hinterlassen jedenfalls zeitweilig einen

Zustand der Unempfãnglichkeit (Immunitãt) für einen

gleichgearteten Krankheitsprocess.

2) Dieselbe Krankheit kann in verschiedenen Intensitãtsgraden

auftretren, welche in der Natur des übertragenen

Krankheitsstoffes (nicht in derjenigen des befallenen

Individuums) begründet sind.

Als dritter Grundsatz kommt dann der folgende hinzu:

3) Leichtere Erkrankungen kõnnen Immunitãt für einen

gleichartigen, aber intensiveren Krankheitsstoff verleihen.

Die Immunitãt ist in solchen leichten Fãllen weder so sicher, noch so lange dauernd, wie bei einer intensiven Erkrankung. (Dies gilt u. a. nach zahlreichen Erfahrungen auch für das Gelbfieber.) Durch eine wiederholte Übertragung eines schwãcheren Krankheitsstoffes in grõsseren Zwischenrãumen wird schliesslich dauernde Immunitãt erlangt (Schutzpockenimpfung).

Die Ehrfahrungen beziehen sich nur auf Infectionskrankheiten, d. h. solche Processe, welche durch nachgewiesene oder sicher anzuhnehmende kleinste Lebewesen hervorgerufen werden, wãhrend sie in dem befallenen Organismus leben und sich vermehren. Zu den Krankheiten, bei welchen eine Immunisirung in hohen Grade besteht, gehõren ausser mehreren nur bei Thieren beobachteten Seuchen in erster Linie: Pocken (Variola), Windpocken (Varicellen) und Milzbrand, deren Parasiten durchweg bekannt und mehr oder weniger genau studirt sind, ferner Masern, Scharlach, RÖtheln, Keuchhusten, bei denen das Gegentheil der Fall ist. In zweiter Linie kommen Krankheiten, wie der auch in Brasilien hãufige Abdominaltyphus, dessen Parasit bekannt ist, und das Gelbe Fieber; hier scheint der Schutz zwar zweifellos vorhanden, aber doch weit weniger zuverlãssig. Keinen andauernden Schutz verleihen wohl in der Regel die chronischen Infectionskrankheiten, ferner unter den acuten Lungenentzündungen, Diphtheritis, Gesichtsrose, Malariafieber und die verschiedenen Eiterungsprocesse (deren Erreger bis auf die problematischen Befunde bei Malaria und Diphtheritis als bekannt gelten dürfen). Manche derselben scheinen sogar eine erhõhte Empfãnglichkeit zu hinterlassen.

Worauf beruht nun eine solche, nach Zeit und Ort verschiedene, Wirkungsintensitãt von Krankheitserregern, welche sich vor der Hand durch ãussere Eigenschaften nicht unterscheiden lassen? Offenbar doch nur darauf, dass von denselben mehrere Varietãten existiren, welche wir mit den verschiedenen früh oder spãt, reichlich oder spãrlich, blühenden (resp. tragenden) Sorten einer und derselben Gemüse- oder Obstart vergleichen kõnnen. (Solche Varietãten verãndern sich bei der Cultur leicht weiter und lassen sich nur schwer durch eine Reihe von Generationen cultiviren, wenn sie in ganz andere Verhãltnisse gebracht werden.) Am gefãhrlichsten sind nach neueren Untersuchungen wahrscheinlich diejenigen Varietãten oder Rassen der Krankheitserreger, welche, in den Kõrper gebracht, sich am raschesten vermehren, die Gewebe am leichtesten durchsetzen und so ein mõglichst schrankenloses Gedeihen zeigen. Der thierische (resp. menschliche) Kõrper verfügt zwar in einzelnen seiner Bestandtheile über physikalische und chemische Krãfte, welche diesen Eindringliger entgegenwirken, da dieselber aber verbrau [-] und nur allmãhlich [-] ersetzt so kõnnen sie nur den [-] gedeihenden Rassen obsiegen, bevor der Lebenprocess des Individuums selbst unterbrochen wird.

Dass die Variabilitãt bei den kleinsten Organismen sich schon in kurzer Zeit zeigen kann, erklãrt sich leicht, wenn wir bedenken, dass dieselbe im Verhãltniss zu Zahl und Grõsse der erzeugten Generationen steht, und wãhrend bei unseren Culturgewãchsen eine solche an die Stelle der anderen tritt, bei den Spaltpilzen eine zehn-bis hunderttausendfache Succession stattgefunden haben kann.

Die der Wirkung nach verschiedenen Varietãten der krankheitserregenden (pathogenen) Organismen werden theils zufãllig, theils absichtlich erzielt. Gesteigert wird ihre Wirksamkeit u. a. dadurch, dass sie in empfãnglicheren Thierarten oder auf geeignetem Nãhrboden, in passender Atmosphãre, bei günstigen Temperatur- und Feuchtigkeitsverhãltnissen gezüchtet (cultivirt) werden; Abschwãchung erfolgt durch Verimpfung auf weniger empfãngliche Thierspecies, Austrocknung, ungünstige (namentlich zu hohe) Temperaturen, Zusatz schãdlich wirkender Substanzen zum Nãhrboden etc. Letztere Methoden kamen bei den zahlreichen Versuchen über die Seuchen der Hausthiere (namentlich die auch auf den Menschen übertragbaren: Hundswuht und Milzbrand) zur Verwendung; natürlich werden ãhnliche Vorgãnge [auch] unbeabsichtig zu Stande kommen. So ist die Vaccina (Schutzpocke) eine durch zufãlliges Ueberimpfen auf das wenig empfãngliche Rindvieh abgeschwãchte Varietãt des Pockenstoffes (richtiger der Pockenorganismen).

Bei der Cholera finden sich regelmãssig im Anfange der Epidemien sehr intensive, (d. h. im Menschen rasch und leicht gedeihende), gegen das Ende derselben schwãchere (d. h. weniger entwicklungsfãhige) Varietãten des Koch'schen Kommabacillus. Bei lãngerer Züchtung auf todten Nãhrboden scheint derselbe viel von seiner Gefãhrlichkeit einzubüssen. Wir kõnnen wohl im ganzen annehmen, dass ein pathogener Organismus durchschnittlich um so intensiver und gefãhrlicher wirkt, je mehr seine Rasse durch ãhnliche Existenzbedingungen vorangehender Generationen den Verhãltnissen des befallenen Tierkõrper angepasst ist. Eine geringere Wirkung kann auch erstellt werden, wenn bei einer Ansteckung oder Einimpfung nur sehr [schwache] Krankheitserreger in den Kõrper [eindri]gen, dasselber [-] einer grõsseren […] tung seiner Schutzkrãfte gebo[…] […]rd, [das] Gegentheil ist bei Massenübertragung der Fall. Die Immunitãt gegen Gelbfieber als Folge einer sogen. Acclimatisation, die aber nur an einem Infectionsherde stattfinden kann, lãsst sich daher hypothetisch so erklãren, dass wiederholt kleine Mengen der Krankheitserreger ohne Schaden dem Kõrper einverleibt wurden. Aehnliche Verhãltnisse sind in Abdominaltyphusherden anzunehmen.

(Auch die Einimpfung in weniger empfãngliche Organe ergiebt eine abgeschwãchte Wirkung. So erliegen Kühe dem mõrderischen Rauschbrande nicht, wenn sie an der Schwanzspitze geimpft werden; das hemmende Moment liegt hier wohl in der niedrigeren Temperatur des Organs.)

 

* Article published by Lutz, during the Yellow Fever epidemic in Campinas, in Freie Presse. Zeitung für Deutsche in Brasilien [Free Press. Paper for Germans in Brazil], São Paulo, year 1, n.66, May 11, 1889 (Saturday). The periodical, founded in the same year of the proclamation of Brazilian Republic, was issued three times a week and had several representatives in the province of São Paulo, in Curitiba, in Joinville and also in Leipzig, the city of the greatest publishing houses in Germany (W. Diebener's bookstore).