Adolpho Lutz: febre amarela, malária e protozoologia
Anexo/Annex
Einen gelbes Fieber verdächtigen Fall:
klinische Anmerkungen *
Es handelt sich um ein Mädchen von circa 12 Jahren. Am Tage züvor fühlte es sich unwohl, nahm wenig Nahrung zu sich und spielte wenig mit den Mitschülerinnen, ohne jedoch ein bestimmtes Leiden anzugeben. Am nächsten Morgen erwachte es unruhig, mit Fieber, unbestimmten Schmerzen am Körper und Kopfschmertz. Man gab ihr salinisches Abfuhrmittel (Rubinatwasser) und während des Morgens wurde der Dr. M. gerufen.
Der College constatirte das Folgende: Temperatur circa 39°, Puls 100, leicht belegte Zunge, Leber deutlich vergroessert, wie auch die regio epigastrica. Nichts abnormes in den anderen Organen und Systemen.
Mit Rücksicht darauf, beschrängte er sich den Effect des Abführmittels abzuwarten.
Da die Temperatur mittags über 40° aufstieg, machte er eine subcutane Injektion von 25 centigramm Chinin.
Da die Temperatur abends hoch blieb und die Patientin sich aufgeregt und etwas delirirend zeigte, liess er laue Bäder geben.
Da der Fall sich nachts verschlimmerte, wurde ich zur oben angegebene Stunde (9 Uhr abends) zum Consilium gerufen.
Als ich die Patientin untersuchte, zeigte sie ziemlich ausgesprochene ataxo-adynamische Symptome: Zittern der Hände, [-] intensive Unruhe. In der [Leistenlage]
[—], bald rechts, bald links, mit leichten Krisen von Opisthotonus, setzte sich manchmal plötzlich im Bette auf, indem sie beklommen atmete oder blieb dann unbeweglich und schien mit leicht geschlossenen Augenlieder in Coma verfallen zu wollen.
Sie zeigte nicht das hyperämische, gedunsene Gesicht des gelben Fiebers und ebenso wenig die eingefallenen (grippé) facies hippocratica gewisser Abdominalaffektionen. Der Ausdruck der Physionomie war der der Stupor.
Die Funktionen des Sensoriums sind vollständig aufgehoben. Die Patientin antwortet nicht, auf was man sie fragt, noch beachtet sie, was um sie vorgeht. Temperatur 39,8°.
Keine verdächtige Adenitis in der Leisten- oder Achselgegend, noch am Halse. Ueber beide Lungen normaler heller Schall und vesiculäres Geräusch.
Puls 130, erstes Herzgeräusch abgeschwacht, zweites normal.
Die Untersuchung der Mundhöhle ist geschwert wegen der Contractur der Masseteren, aber die Zunge ist trocken und belegt.
Tympanismus des Abdomens nicht vorhanden. Die Palpation ergiebt keine Abnormität weder in der rechten, noch in der linken Fossa iliaca. Höchst gesteigerte Druckempfindlichkeit in der regio hepatica und epigastrica.
Die Patientin hat nicht urinirt, weswegen Dr. M. keine Harnanalyse vornehmen konnte.
Für die Nacht combinirten wir folgende Medication: Caffeinmixtur, subcutane Injektionen von Strychnin und Sparteïn, Fortsetzung der lauwarmen Bäder.
Am nächsten Tage, um 8 Uhr morgens, befand sich die Patientin in [completem] Collapse: facies hippocratica, kalte Extremitäten, profuser Schweiss, [-] und unzählbarer Puls. In der ganzen Nacht entleerte sie nicht einen Tropfen Urin. Dagegen erbrach sie zweimal, nicht sehr reichlich, schwarzes Erbrechen, von Kaffeersatzfarbe. Trotz dem das selbe in einem Gefässe, der eau de Labarraque enthielt, aufbewahrt war.
Die Form und der rapide verlauf der Krankheit machten den Fall ziemlich verdächtig, umsomehr als die Patientin vor wenigen Tagen aus Ribeirão Preto angekommen war, der im vorigen Jahre unter gelben Fieber gelitten hatte und wo, der öffentlichen Meinung zufolge, in diesem Jahr[e] bereits sporadische Fälle jener Krankheit vorgekommen sind.
Deßwegen und als Vorsichtsmaßregel, in Berücksichtigung, daß das Mädchen in einer Erziehungsanstalt wohnte, wo über 100 Schülerinen waren, riethen Dr. M. und ich die Ueberführung zum Isolierspital an.
Ich sah die Patientin nicht wieder.
Ich hörte später, dass die Ueberführung nicht stattgefunden hatte, weil kurze Zeit nach diesem Besuche der Tod eingetreten war.
Gestützt auf den geschilderten Befund wurde als Todesursache Verschluß der Mesenterialgefäße angenommen und zuerst gelbes Fieber etwa auch andere ansteckende Infectionskrankheiten ausgeschlossen.
Daraufhin stellte der behandelnde Arzt die Behauptung auf, daß sich [sic] zwischen dem anatomischen Befund und der klinischen Beobachtung eine Uebereinstimmung nicht leicht zuzugeben sei und sprach später direct aus, daß weder Infarct noch Verschluß von Darmarterien [resp.] Mesenterialarterien vorgelegen habe und die Sachverständigen das Opfer einer Täuschung geworden seien, indem sie die Läsionen des gelben Fiebers für die eines Darminfarctes angesehen hätten.
Es handelt sich nun um Beantwortung folgender Fragen:
1) Ist die Krankengeschichte des behandelnden Arztes mit der
anatomischen Diagnose unvereinbar [?]
2) Ist die an der Leiche festgestellte Diagnose durch den Befund
gerechtfertigt [?]
3) Kann gelbes Fieber unter Abwesenheit von Icterus und
allgemeinen Leberveränderungen eine [scharfabgeschnittene]
Hyperaemie eines Darmschadens mit Mesenterialschwellung,
peritonalem Exsudate und kleinen septischen Leberabscessen
erzeugen?
4) Legten die klinischen Leberstörungen nicht die Annahme
einer schweren Abdominalaffection nahe [-] mit der Möglichkeit
zu rechnen war, daß [hier] ein Verschluß von
Mesenterialgefäßen vorliege [?]
* Manuscript, undated, found amongst yellow fever documents in Lutz’ Archives at the Museu Nacional, Rio de Janeiro. The fact that it is in German seems to indicate that it was written in the beginning of Lutz’ career as a doctor, in the 1880-90s (BR. MN. Fundo Adolpho Lutz, Caixa 06, pasta 2l2A, maço 01).