Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Wilhelm Raabe · Kapitel 11 von 36

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Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Neuntes Kapitel.

 

Es war nicht der erste Everstein mit einem Nagel oder Vogel im Kopf, den der

Steinhof erzeugte. Es hatten schon mehrere des Namens die Umgegend in

Erstaunen gesetzt; und dieser Freund Just war auch nicht der erste, den die

Gegend „Vetter“ nannte und von dem sie nach jedem Nachbarschaftsbesuche mit

der Hand im Haar oder mit dem Knöchel des Zeigefingers vor der Stirn

Abschied nahm und sich auf dem Heimwege fragte:

„Ist denn das ’ne Möglichkeit?“

Der Vetter Just mußte es aber doch wohl in der Absonderlichkeit allen seinen

Ahnen zuvortun; und was zu viel ist, das ist zu viel! „Vieles hat er von seinem

Großvater und seinem Vater, aber nicht alles,“ sagte Jule Grote.

„Der verfluchte Junge. Totschlagen könnte ich ihn alle Tage ein paar Male!“

pflegte sein seliger Vater zu seufzen. „Und totgeschlagen hätte ich ihn auch

schon längst, wenn mir da nicht immer sein Großvater in das Gedächtnis käme,

Nachbar, und ich mir denken müßte, was kann er denn eigentlich dafür, wenn’s

ihm einmal im Blut steckt?! Mich hat’s wohl gottlob übersprungen! aber seinen

Großvater hättet Ihr kennen sollen, Nachbar. Na, richtig, Ihr habt ihn ja gekannt,

und so müßt Ihr doch auch sagen, daß so ’ne Weisheit, als der prästierte, auch

nicht allenthalben und immer für Geld und gute Worte zu haben ist. — So nehme

ich ihn denn am Kragen und schüttele ihn in der hellen Wut, und er sieht mich

dumm an und sagt nichts, oder sagt: Ja, Vater! und dann muß ich ihn wieder

laufen lassen; — denn, Herr Amtmann, Sie sagen wohl, das müssen Sie eben

nicht tun, Everstein, sondern Sie müssen sich und dem Bengel einen Zwang

antun! aber nun ist denn dieses wieder nicht in meiner Natur. Ich kann leider

Gottes den Grimm und die Wut über den Nichtsnutz nicht festhalten über dem

Nachdenken über ihn. Es ist eben unsere Natur! Was für die anderen Bauern der

Mist ist, das sind für uns hier auf dem Steinhofe die Hirngespinste und

Spintisierereien; und seit Olims Zeiten ist das so mit uns gewesen. — Ja, Sie

haben recht, Base, daß das nicht so weiter gehen kann, wenn der Steinhof nicht

zugrunde gehen soll, wenn ich mal die Augen zutue; aber Sie sind ein verständig

Frauenzimmer, Base, und so will ich Ihnen denn meinen letzten Trost nicht

vorenthalten. Sehen Sie mal, was hat uns auf dem Steinhofe seit mehr denn

hundert Jahren immer wieder ’rausgerissen? Die gütige Vorsehung! So ist das

bei meinem Vater gewesen und bei dem seinen und so weiter fort rückwärts. Und so hat sich noch, wenn die Not am größten war, — immer noch ein vernünftig

Weibsbild gefunden, dem das Elend jammerte und das also ein gut Werk an uns

tat und — uns nahm. Von Meiner will ich nicht reden; aber seit sie auf dem

Kirchhofe liegt, vermisse ich sie doch auch recht sehr! Aber meine Mutter, als

was Justs Großmutter nun ist, das war eine Frau! Wenn ich da an meinen seligen

Vater denke, so kann ich nur die Hände zusammenlegen und sagen: Uh

jemine!… Und sehen Sie, Base, auf so eine hoffe ich denn auch zum Besten von

meinem Strick von Jungen da, und bei allem, was nach uns kommt auf dem

Steinhofe. Die Weibsleute haben uns noch immer aus dem blauen Nebel und

allen Dummheiten herausgeholt. Denn was Sie auch sagen mögen, Base,

angewiesen seid ihr ja doch allesamt mit eurem ganzen Interesse auf uns, wenn

ihr uns mal genommen habt, eure uneigennützlichen Gefühle beim Jasagen ganz

unbesehen. Sie brauchen da nur an den Ihrigen und sich selber zu denken, wenn

Sie es mir erlauben, Frau Base.“

Für die richtige war es wohl noch ein wenig zu früh am Tage.

„Wenn die Zeit kommt, werde ich mich nach ihr schon auf die Lauer legen,

wie es mein Vater für mich getan hat und den sein Vater für ihn,“ pflegte der

Alte einer jeden solchen sorgenvollen Erörterung als Schluß anzuhängen. Leider

erging es ihm wie den meisten Erdenbewohnern: er starb an einer Erkältung in

der Heuernte, ehe er sich nach der Rechten auf die Lauer gelegt hatte; und der

Junge hatte dann auch nicht weiter nach ihr gesucht, sondern die Tage und sein

Wachstum in ihnen hingenommen, wie’s ihm kam, unter staatlicher

Obervormundschaft und unter der Pflege und Vormundschaft von Jule Grote.

Die Sommersonne scheint auf den dichtbelaubten Kirschbaum, und Licht und

Schatten halten ihren flimmernden Tanz auf dem weichen Grase unter ihm. Irene

hat ihren blonden Kopf in Evas Schoß gelegt und ist dem Schlafe näher als dem

Wachen. Ewald liegt lang ausgestreckt auf dem Bauche, hält seinen Kopf auf

beide Fäuste gestützt und starr blinzelnd auf den Vetter und zuckt mit den

Ellenbogen, als ob er die ganze Welt in die Seite stoßen und sie gleichfalls auf

ihn aufmerksam machen möchte. Auch ich halte in der grünen Kühle die Augen

nur mit Mühe offen, aber annähernd horche ich doch auf alles, was hin und

wieder gesagt wird, und gebe auch wohl mein Wort mit drein.

„Wenn du lange genug nachgedacht hast, so darfst du meinetwegen dreist

sagen, was du denkst, Just. Wenn ich satt bin und weich liege, kann ich allen

Unsinn ruhig anhören, Vetter Just,“ spricht Ewald mit einer Miene, als ob er

noch nie während seiner gelehrten Laufbahn vom Klassenlehrer einer

unverschämten Redensart wegen zur Tür hinausbefördert worden sei.

„Ich denke ja an gar nichts!“ antwortet der Vetter Just. „Was sollte ich denn

denken?“

Irene von Everstein, ihre Augen halb öffnend, murmelt:

„Solch einem dummen Jungen antwortete ich auch das nicht einmal, Just. Er

soll drei Bäume weiter gehen und uns hier unter unserem jetzt ungeschoren

lassen. Das ist meine Meinung.“

„Und meine auch!“ ruft Evchen Sixtus mit ganz ungewöhnlicher Energie.

„I sieh’ einmal, Jungfer Naseweis! bist du auch noch da? In deiner Stelle wäre

ich längst in der Küche, um Donna Julia Cichoria beim Kaffeekochen und in

ihrem Kummer um ihren dummen Jungen zu unterstützen. Was ist deine Ansicht

von der Sache, Fritzchen?“

„Halt’s Maul und laß mich wenigstens in Ruhe, Ungeheuer.“

„Und dies soll nun nicht grob sein?“ brummt das „belebende Prinzip“ in

unserer Gesellschaft, dreht sich auf die Seite und grinst: „Bist du mir böse,

Just?“

„Seit dem schönen Wetter zu Anfange voriger Woche habe ich euch hierher

schon voraufgerochen. Jetzt ist es nett von euch, daß ihr mal wieder da seid. Ne,

böse bin ich dir gerade nicht; denn Fritz und deine Schwester und Fräulein Irene

wissen es, daß man auf keinen gern wartet, auf den man nicht jeden Morgen

nach der Witterung ausguckt.“

„Sehr schön gesagt!“ brummt Ewald, jetzt wirklich sich abseits und unter

einen etwas entfernten Stachelbeerbusch wälzend. „Gute Nacht, alle

miteinander! Wenn wieder mal was Interessantes vorkommt, so weckt mich

freundlichst. In Gehörweite für euren Unsinn bleibe ich euch zuliebe. Na, das

Blech!“

Die Sonne liegt auf allen Bäumen des Grasgartens des Steinhofes; aber die

Vögel in den Bäumen haben bereits ihre Siesta beendigt und fangen von neuem

an, munter zu werden, um den trotz seiner Länge so kurzen schönen Tag so

vergnügt und glücklich als möglich auszunutzen, — gerade wie wir. Die

Komtesse sitzt wieder aufrecht und sehr helläugig da. Ihre Augen glänzen vor

mädchenhaft lustiger Mutwilligkeit, als sie sagt:

„Hört nur, er schnarcht schon, der Unmensch! Jetzt sind wir unter uns. Rückt

alle zusammen; — und nun sagen Sie, Vetter Just — es hört keiner zu als ich und

Eva, Fritz und die Spatzen im Baum, und wir meinen es alle ganz ernst — haben

Sie es hübsch weiter gebracht, seit wir zum letzten Mal hier auf Besuch waren?“

Mit seinem tölpischsten Lächeln sieht der Vetter in die Ferne:

„Wieso soll ich es denn weiter bringen, wenn ich nicht mal weiß worin?“

„Ach, verstellen Sie sich nur nicht, Vetter! Bitte, sehen Sie nicht so dumm

aus! Damit machen Sie anderen Leuten was weiß, aber uns nicht. Sie studieren

sich immer weiter hinein, bis zum Klügsten von uns allen, und das sind Sie auch

von Natur schon lange; und nun werden Sie nur nicht rot, denn das nützt Ihnen noch viel weniger als das Dummaussehen. Sie studieren ja alles rundum

verrückt, sagt Jule Grote; — sich selber — sie — den ganzen Steinhof. Und wo

das enden will, weiß sie nicht, sagt sie.“

„Es ist auch nur Ewalds Neid, weil er für das, was einem anderen soviel

Vergnügen macht, soviel Prügel von seinen Herrn Lehrern gekriegt hat,“ meint

Evchen Sixtus schüchtern, und: „Unsinniges Volk!“ klingt es von dem

Stachelbeerbusch faul und schlaftrunken her.

„Ja, es ist ein Spaß!“ sagt der lange, im nächsten Jahre mündige Vetter Just

Everstein und verzieht den Mund wie ein ausgelachtes Kind, und — heute weiß

ich genauer als damals, was das Auslachen und Ausgelachtwerden unter den

Menschen bedeutet seit den Tagen des Urvaters Noah. Ich lache viel seltener als

damals aus eigenem Antrieb, und noch viel seltener lache ich mit.

Damals lachte ich mit, und zwar in die grinsende Bemerkung von dem

Stachelbeerbusche her:

„Hu, der alte Broeder! Schlag ihn doch mit unserem Zumpt auf den Kopf,

Fritze! Uh; na, mein Junge soll’s besser haben als ich.“

Wir achten, was unsere Unterhaltung unter dem Kirschbaum anbetrifft, von

jetzt an nicht im mindesten mehr auf die Stimme vom Stachelbeerbusch her.

„Es ist die lateinische Grammatik gar nicht,“ stottert der Vetter.

„Sondern deines Großvaters ganzer Bücherschrank, den du mit dem Steinhofe

von deinem Vater geerbt hast, Just. Funkes Naturgeschichte, Blanks Geographie,

der ganze Schiller, Goethes Götz von Berlichingen und Werthers Leiden, Engels

Philosoph für die Welt, Nathan der Weise, Minna von Barnhelm, Emilia Galotti,

das Mildheimische Not- und Hülfsbuch, das Mildheimische Liederbuch, Beckers

Weltgeschichte und die Geschichte von dem Schweizer Schullehrer Pestalozzi

—“

„Hat der Kerl auch ein Buch geschrieben?“ fragt der Stachelbeerbusch. „Bis

jetzt habe ich gemeint, daß der nur den General Wallenstein nicht mit ermordet

hat.“

„Ach, das war ja ein ganz anderer!“ ruft Eva Sixtus noch einmal gutmütig,

und:

„Halt’ endlich deinen Mund, Sixtus!“ rufe ich auch noch einmal, aber

gutmütig gerade nicht, und:

„Wer spricht denn eigentlich mit euch?“ klingt es unverschämt zurück. „Nicht

einmal träumen darf man wohl mehr von euch verrücktem Volk? Natürlich, der

Herr Vetter darf ruhig am hellen lichten Tage nachtwandeln gehen, ohne daß es

einem anderen auffällt als höchstens der Jungfer Jule. Schön also — und noch

einmal gute Nacht!“

Er trifft mit seinen nichtsnutzigen Redensarten dann und wann sonderbarerweise den Nagel auf den Kopf, der gute Freund unter dem

Stachelbeerbusch. Wir betrachten uns alle von neuem den Vetter Just Everstein

unter seinem Kirschbaum und sehen ihn uns auf das Wort von dem

Nachtwandeln hin an.

Er läßt die Knie fahren, reibt sich die langen Beine eine Weile sehr

nachdenklich, windet sich sozusagen an sich selber langsam und mühselig in die

Höhe, hat mich dabei, ohne daß ich den geringsten Widerstand zu leisten

imstande bin, mit emporgezogen und sagt:

„Komm’ du mal mit, Fritz. Ihr anderen könnt uns rufen, wenn der Kaffee

fertig ist.“

Er hält mich mit eisernem Griffe am Oberarm, tritt über den Kameraden unter

dem Stachelbeerbusche weitbeinig hinweg und nimmt mich mit sich, und ich

weiß schon wohin; denn es ist nicht das erste Mal, daß er mich in dieser oder

doch einer ganz ähnlichen Weise abseits führt. Und ich weiß auch schon wozu;

denn es ist nicht das erste Mal, daß er sich an mich hält, wenn die anderen und

die Welt ihm und er selber sich zuviel werden. Damals lachte ich ebenfalls;

heute sehe ich sehr ernsthaft aus, wenn Leute Vertrauen in mich setzen, Rat von

mir haben wollen und sich auf mich mehr als auf andere verlassen zu dürfen

glauben. Ich habe im Laufe der Zeiten allzuviel von meinem Grundvermögen an

Selbstvertrauen ausgegeben und eingebüßt, um das Ding jetzt noch bequem,

leicht und vergnüglich nehmen zu können: — ach, armer Vetter Just, und wie

fest und angsthaft verließest du dich an jenem Sommertage auf meine

Schülerweisheit und wolltest Licht daraus für deinen ganzen tapferen, guten,

großen Lebensweg! Mein bester Trost ist da heute, daß dir damals noch viel

weniger damit geholfen gewesen wäre, wenn ich dir mit der vollen Summe

meiner jetzigen Weisheit hätte aufwarten und zu Hülfe springen können!

Es befindet sich in einem Erker im Dache des Wohngebäudes auf dem

Steinhofe ein einfenstriges Gemach, von dem aus man eine weite Aussicht hat

über Wälder und Felder, ferne und nahe Hügel und Berge, eine Aussicht, so gut

sie eben ein Blick dem Lande Westfalen zu liefern mag. Die Wände sind vor

fünfzig Jahren vielleicht zum letzten Mal geweißt worden. Der Gipsfußboden ist

in den kuriosesten Mustern nach allen Richtungen hin gesprungen und senkt sich

ziemlich schräg von dem Fenster der Tür zu. Urväterhausrat ist der Ofen, der

Tisch und die zwei Stühle. Urväterhausrat ist der Schrank, der des Großvaters

Bücherei enthält. Ein gut Drittel alles Raumes nimmt des Vetter Justs Bettsponde

ein, in welcher der Vetter, ganz entgegen der landesüblichen Gewohnheit, auf

Stroh schläft und auch nicht unter dem gewohnten Federgebirge und

kugelartigen Deckbett.

„Er ist ein Monster in allem, was er tut und läßt!“ stöhnt Jule Grote jedesmal, wenn sie den Schlüssel in der Tür steckend findet oder ihn sich mit Gewalt

erobert.

Der Vetter, der meinen Arm auch auf der Treppe nicht losgelassen hat,

befördert mich mit einem plötzlichen Schub und Stoß in die Mitte seines

Heiligtums. Hastig verschließt und verriegelt er die Pforte von innen, dann

wendet er mir ein von verschämtem, aber glückseligstem Lächeln verklärtes

Gesicht zu und seufzt aus tiefster Brust:

„So! Nun laß sie kommen!… Willst du eine Zigarre, Fritz?“

Ich weiß, obgleich ich selber nichts weiter als ein „dummer Junge“ bin, womit

ich dem alten wundervollen Jungen in diesem Raume zu Gefallen sein kann, wie

niemand sonst in der Welt. Und die Luft in diesen engen vier Wänden muß von

sonderbaren Sporen und Keimen erfüllt sein: Dschinnistan ist für uns beide da;

die träge Verdauungsstunde unter den Bäumen des Grasgartens, aus dem wir

eben die Treppe heraufgekommen sind, ist wie in ein fern vergangenes

Jahrhundert entrückt. Ich sitze auf dem Bette des Vetters, und er hält mir das

brennende Schwefelholz an den dargebotenen Glimmstengel und flüstert

glänzenden Auges:

„Langreuter, ich habe ihn heraus!“

Es ist ein süßes Blatt, das ich da verqualme; aber ins Husten gerate ich doch

darüber und zwischen dem Husten frage ich:

„Wen hast du heraus, Just?“

Ein Schlag auf die Schulter wirft mich zurück auf den Strohsack und mit dem

Hinterkopf an die Wand.

„Den Magister matheseos!… Es ist, weiß Gott, richtig! Das Quadrat

der Hypotenuse ist wahrhaftig so groß wie die Summe der Quadrate der beiden

Katheten am rechtwinkeligen Dreieck!“

Ich reibe mir wohl den Hinterkopf ein wenig; aber so betäubt haben mich der

körperliche Puff und die geistige Überraschung doch nicht, daß ich nicht mit

Herz und Seele, mit Armen und Beinen und vor allem mit einem Hurra aus

gesunder Lunge an der wissenschaftlichen Errungenschaft des Vetters

teilnehmen könnte.

„Das ist famos! das ist brillant! Just, das ist großartig!… Und ganz allein aus

dir selber; — das ist riesig —“

„Ich habe dich auch bloß dazu mit hier heraufgenommen. Jetzt brauchst du

nur noch zu brüllen: das ist borstig! das ist haarig! — und wir können wieder zu

Ewald und den Mädchen in den Garten hinuntergehen, Fritz!“

Es kommt einem gewöhnlich erst lange, nachdem man alle seine Examina

hinter sich hat, wie schwer es ist, mit den wirklichen großen Herren aus

Dschinnistan umzugehen, und — den meisten kommt es gar nicht. Die lobwürdigsten Examina in sämtlichen Brotfächern tun da nicht das geringste zur

Sache. Mit wahrer Subtilität will nur immer das behandelt sein, was hinter dem

berühmten Kanzler Oxenstierna steckt, nicht der wenige Verstand in ihm — nach

seinem eigenen Wort —, der dazu gehört, um die Welt militärisch und ziviliter

zu verwalten.

„Du hast recht, Vetter,“ sage ich kleinlaut zurück; „vergib mir nur noch mal

das Dumme-Jungen-Betragen. Na, alter Kerl, gib mir die Hand. Daß ich mich

riesenhaft freue, wenn es dir gut geht, weißt du ja. Und daß du ein nobler Kerl

bist und zwanzigmal mehr wert als wir anderen alle miteinander, das weiß ich.

Und jetzt komm’ hierher an den Tisch und beweise mir das nichtsnutzige Untier

von Lehrsatz gleichfalls. Was die verdammte Bestie mich an Schweiß und Blut

gekostet hat, das wissen die Götter. Und frage nur Ewald. Mathematik ist seine

Force, aber drei Glatzköpfe könnten sich Perücken aus den Haaren machen

lassen, die er sich darüber ausgerauft hat, und vom Oberlehrer Dr. Grimme weiß

ich es fest: er trägt eine aus dem Busche, der auf Ewalds Kopfe gewachsen ist,

und hat sich das Material selber mit den Wurzeln ausgezogen.“

„Den Witz habe ich schon einmal anderswo in Büchern gelesen, Fritz,“ meint

der Vetter.

„Dann kannst du dich fest darauf verlassen, daß es gar kein Witz ist, sondern

eine richtige, schreckliche Wahrheit, Just. Frage nur Ewald danach.“

Nun hängen wir über dem Tische, und der Vetter Just Everstein beweist mir

den Magister. Es müßt ein gut Stück vom einstürzenden Himmel dem Erben und

Meister des Steinhofes auf den Kopf fallen, um ihn zum Aufgucken zu

veranlassen. Er verwickelt sich und gerät auf falsche Fährten und gerät auch sich

mit der Faust in den blonden Haarwulst. Er findet sich wieder zurecht, und es

wird licht und immer lichter vor und in seinen Augen. Endlich ist er siegreich

durch und sein autodidaktischer Triumph vollständig.

„Hurra!… Weiß Gott, er hat den Pythagoras unter sich und kniet ihm auf der

Brust!… Vetter, du bist ein Riese! Und auch dies hast du alles aus dir selber?…“

„Und aus Büchern!“ sagt der Vetter Just Everstein viel verschämter als ein

junges Mädchen, dem man zum ersten Mal sagt, daß es hübsch sei. Die junge

Dame auf dem Ball erfährt da natürlich nichts, als was sie sich schon längst

selber mitgeteilt hat; der Vetter Just aber weiß von nichts, was ihn selber angeht,

und glaubt am meisten noch der Mamsell Jule Grote, die ihm jeden Tag von

neuem zu hören gibt, daß er der größte Nichtsnutz, Unverstand und Tagedieb sei,

den der liebe Herrgott in seinem Zorn zu ihrem Elend in die Welt und auf den

Steinhof habe hinsetzen können.

Von den „Büchern“ kommen wir natürlich auf des Großvaters Bücherschrank.

Dschinnistan — Genieland, Geisterland öffnet seine Pforten immer weiter. Wir haben längst alle Berechnung darüber verloren, was es in Bodenwerder

geschlagen haben mag auf dem Kirchenturme. Wir kümmern uns nicht im

geringsten darum, daß es auch auf dem Steinhofe eine Uhr gibt, die ziemlich

richtig die Zeit anzeigt und von Jule Grote gewissenhaft immer von neuem

aufgezogen wird.

Wir sind zum Kaffee gerufen worden und haben nur geantwortet:

„Ja, gleich. Im Augenblick!“

Irene hatte Freund Ewald die Augen mit ihrem Taschentuch verbunden, und er

hat den Blinden im Blindekuhspiel recht gut zu spielen gewußt. Wir haben das

helle Lachen und Kreischen wohl vernommen und dabei aufgeguckt und gefühlt,

daß es in dieser engen Kammer unter dem Dache an diesem Julinachmittage

ziemlich schwül sei trotz dem offenen Fenster; aber wir haben auch diesen

Lockungen nicht Folge geleistet, sondern nur wiederholt:

„Ja, gleich! Wir kommen ja schon!“

Damals brummte mir der Kopf, als Ewald Sixtus zuletzt eine Leiter mit Hülfe

des Hofjungen vom Schafstall herüberschleppte, sie am Hause emporrichtete

und plötzlich durch jaches Erscheinen in der Fensterbank und unbändig Geschrei

uns mit roten Köpfen und offenen Mäulern aus Traumland und der Literatur vom

Ende des achtzehnten und Anfang des neunzehnten Jahrhunderts in die Welt der

Wirklichkeit und in die Gegenwart zurückriß. Heute weiß ich ganz genau, wie

das Schicksal, wahrscheinlich mit dem Finger an der Nase, über den Vetter Just

Everstein dachte, nämlich:

„Höre, lieber Sohn, Dich kenne ich wie alles übrige gut genug, um dich wie

alles übrige auswendig zu wissen. Du würdest mir ein netter Hahn geworden

sein, wenn ich dich von deinen Eierschalen an auf den Mist gesetzt hätte, der dir

heute dein Ideal ist. Dich hätte ich wohl verbrauchen sollen als dyspeptischen

Professor der Philologie und dysoptischen Doktor der Philosophie, — nicht

wahr?! Ne, ne, nicht rühran! Hier wächst du mir mit deinen Spinnen im Kopfe

auf deinem angeerbten höchst realen väterlichen Dünger und in der Gesellschaft

von Jule Grotes Ferkeln und Küken auf. Nachher werden wir weiter sehen und

den Kerlen mit ihren Systemen beweisen, daß doch auch in unserem

Durcheinander und Kopfüber Kopfunter ein gewisses System vorhanden ist!

Bitte, geniere dich ja nicht, du Tropf! rede mir nur drein und zappele dich ab, um

dir und mir meine Widersinnigkeit zu beweisen. Es haben mich schon ganz

andere Völkerschaften und Herrschaften für absolut ungereimt erklärt und das

mir sogar auch schriftlich gegeben; ich habe aber zuletzt immer doch noch einen

ziemlich passenden Reim auf sie zu finden gewußt. Nur schade, daß ich nicht

wie ihr sagen kann: Wer zuletzt lacht, lacht am besten.“