Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Wilhelm Raabe · Kapitel 29 von 36

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Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Neuntes Kapitel.

 

Als ich am anderen Morgen erwachte, fand es sich, daß ich länger in den Tag

hinein geschlafen hatte als irgendein anderer im Hause; und sie hatten mich

ruhig schlafen lassen, und zwar mit vollem Recht, denn auf meine tätige

Teilnahme an dem, was jetzt die Zeit in der alten Heimat brachte, kam leider am

wenigsten an. Ich durfte ausschlafen und brachte dadurch höchstens die

Hausordnung ein wenig in Unordnung; aber dafür war ich ja jetzt der

Historiograph von Schloß und Dorf Werden sowie vom Steinhofe und hatte, wie

der Vater Sixtus sich ausdrückte, „von allen immer am meisten Tinte an den

Fingern gehabt“.

Und seltsam und — wie schon gesagt! es ging darob eine gewisse

Umwandlung meiner Stimmungen ins Heitere und Zufriedene in mir vor. Ich

merkte es, daß meine einsamen Lehrjahre doch ihre Frucht getragen hatten: es

verstand keiner von ihnen es so gut wie ich, sich seine Stimmungen „zurecht zu

machen“. Zurecht machen! ich finde kein besseres Wort dafür, und sämtliche

philosophische Systeme sind gleichfalls darauf erbaut.

So sah ich, hörte und schreibe ich jetzt nieder, und allesamt meinten sie ganz

verwundert:

„Nein, dieser Fritz! Nein, dieser Langreuter! Nein, dieser Herr Doktor! Dieser

Herr Doktor Langreuter! Wacht er jetzt erst so auf, oder ist er immer so

gewesen? Im Grunde ist das ja der Gemütlichste, Heiterste und Gleichmütigste

von uns allen! Wie sich doch der Mensch verändern kann!“

Lassen wir auch dieses und vorzüglich das letztere mit Gelassenheit auf sich

beruhen. Es hat noch kein Mensch wirklich ausfindig gemacht, wie weit und wie

sehr sein Nachbar im Raum und in der Zeit sich verändert habe, während man

selbst glaubte, ganz derselbe geblieben zu sein.

„Wo steckt Ewald?“ fragte ich, als ich endlich zum Kaffee herniederstieg und

nur die Sonne, die Hunde, den Förster und seine Tochter in der Wohnstube fand.

„Er ist zum Vorsteher und holt sich die Schlüssel zu seinem Schloß,“ sagte

Eva.

„Sage nur dreist: zu seinem bezauberten Schloß, Kind,“ meinte der alte Herr,

ein wenig schadenfroh lachend. „Nun laß ihn die Nuß knacken, die er sich vom

Busch heruntergeholt hat! Mein Junge Herr von Schloß Werden? ’s ist die

Möglichkeit! Kein Mensch begreift, was das heißen soll, und ich am allerwenigsten. ‚Sind Sie ganz fest überzeugt, daß er nicht verrückt ist, Herr

Förster?‘ hat mich der Doktor Spindler, der Advokat aus Bodenwerder, erst vor

acht Tagen noch gefragt.“

„Und was haben Sie dem Doktor geantwortet, Herr Oberförster?“

„Du, was habe ich ihm denn eigentlich geantwortet?“ wendete sich der Alte

an seine Tochter.

„Darf ich dir noch eine Tasse Kaffee einschenken, lieber Fritz?“ fragte Eva.

„Ach, es war ja noch vor eurer Heimkehr, daß der Herr Notar Spindler neulich

bei uns vorsprach.“

„Wie die Gräfin sich zu der Geschichte stellen wird, soll mich am meisten

wundern,“ brummte der Alte, eine gewaltige Rauchwolke in die wundervolle

Sommermorgenluft hineinblasend und einen Kohlweißling, der sich eben in das

Fenster verirrte, halb dadurch erstickend. In demselben Augenblick trat der Sohn

des Hauses, hochrot vom raschen Gange und sonstiger Aufregung und sich

bereits so früh bei seinem Tagewerk den Schweiß von der Stirn trocknend,

wieder ein.

„Sieh da bist du ja auch, Langreuter! Guten Morgen, old boy. Hoffentlich

hast du gut geschlafen und angenehm geträumt in der ersten Nacht zu Hause.“

„Ich habe erst ziemlich gegen Morgen zu den Versuch gemacht, lieber

Freund,“ erwiderte ich lächelnd. „Zum wenigsten freue ich mich gegenwärtig

unendlich, endlich einmal wieder hier zu sein und solche Versuche, wie du sagst,

zu Hause anstellen zu können.“

Der Freund setzte sich zu uns; er versuchte es, gleichmütig auszusehen und

heiter in das Gespräch mit dreinzureden, doch es gelang ihm schlecht. Man sah

wohl, daß der erste schöne Morgen in der Heimat nicht leicht auf ihm lag. Von

Zeit zu Zeit schüttelte er leise den Kopf, kaute an dem Schnurrbart und summte

eine seiner lustig-melancholischen irischen Weisen vor sich hin. Es arbeitete

etwas in ihm, dem er noch auf keine Weise eine rechte Handhabe abzugewinnen

vermochte. Jetzt sprang er, von innerlicher Unruhe getrieben, von neuem auf,

schritt einige Male durch das Gemach, kam zu uns zurück, stützte beide Hände

auf den Tisch, sah uns der Reihe nach an, als wolle er für ein schwer abgehendes

Geständnis vor allen Dingen sich unserer gutmütigen Teilnahme versichern,

klopfte sodann mit dem Zeigefinger der Rechten scharf auf, um unsere ganze

Aufmerksamkeit noch mehr wachzurufen, und ächzte:

„So dumm — so verloren, verraten und verkauft wie in diesem Moment bin

ich mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen! Hätte ich in meiner

Jugend mehr Prügel bekommen, so wär’s mir jetzt vielleicht wohler, Herr Vater.

Ob der Katzenjammer vorübergehend oder von Dauer ist, beste Schwester, kann

ich gegenwärtig natürlich noch nicht wissen; aber für den Augenblick bin ich fest überzeugt, daß ich mich — gründlich verspekuliert und all meine Trümpfe

vergeblich ausgespielt habe. Herrgott, da kommt das Dorf, um uns zu begrüßen

zu unserer Heimkehr, Fritze! Evchen, ich bitte dich um alles in der Welt, geh hin

und sag ihnen, wir wären schon wieder abgereist und ließen sämtliche gute

Nachbarn und liebe Freunde herzlichst grüßen.“

„Was sich wohl schwer tun lassen möchte,“ meinte der Vater Sixtus

aufstehend und seinem Sohne jetzt ganz zärtlich auf die Schulter klopfend. „Ja,

ja, mein Söhnchen, es ist mancher Papst geworden, dem der heilige Stuhl

nachher ziemlich heiß geworden ist. Kommt nur ’rein, Gevatter Timme! ja, ’s ist

richtig, hier sind die jungen Leute aus der Fremde zurück, und mein Junge da ist

Herr von Schloß Werden, … soviel noch davon übrig ist. Und da ist ja auch der

Vorsteher! Alle herein, herein! Wir haben eben noch nach allen vier Wänden hin

nach gutem Rat gewittert. Räume die Kaffeekanne ab und die Tassen, Mädchen;

der Doktor ist item fertig. Jetzt nehmen wir einen Jägerschluck auf die vergnügte

Gelegenheit, nicht wahr, Kantor Dröneberg? Dem Pastor warten die Insel Irland

und die allmächtige gelehrte Stadt Berlin nachher freundlich und persönlich auf.

Kannst auch auf die Rauchkammer steigen, Evchen, wenn du aus dem Keller

glücklich wieder herauf bist. Wir hatten eben allesamt doch eine kleine Stärkung

der Seele und des Leibes notwendig; nicht wahr, Ewald? nicht wahr, Fritze

Langreuter? Vivat Dorf Werden und das Schloß dazu! Nur schade, daß wir den

Vetter Just aus Neu-Minden jetzo nicht bei uns in unserer angenehmen Mitte

haben. Setzt euch, Nachbarn und liebe Freunde, wenn ihr mit dem

Händeschütteln endlich zu Rande seid und euch die zwei — Herren da genug

und andächtig beguckt habt. Ei ja freilich, liebe Freunde, so was kommt

wahrhaftig nicht alle Tage nach Hause, und es verlohnt sich wohl, daß man

darum ausnahmsweise mal seine eigene Arbeit hinlegt, um das bei einem guten

Stück Schinken und einem echten alten Korn sich genauer zu betrachten.

Verwechselt sie nur nicht! Dies hier ist der Berliner Doktor, und das da — na,

das ist denn wirklich mein Junge, der Ewald Sixtus, der sich als ausländischer

Baumeister kurioserweise wirklich ein Vermögen gemacht hat und sich nachher

doch noch kuriosererweise an seinen alten Vater erinnert hat und gestern abend

angekommen ist, um hier bei uns, wie er eben sagt, seinen höchsten Trumpf

auszuspielen. So dumm von wegen dessen, was die nächste Zeit hier bei uns

passieren wird, bin ich auch noch niemals in meinem Leben gewesen. Da sitzt

der Junge, und ich denke immer, ich sehe noch unseren seligen Herrn Grafen da

sitzen und nach seiner Gewohnheit seine Schnupftabaksdose auf dem Tische hin

und her drehen.“

„No, so’n alter Spuk!“ meinte der Vorsteher, der auch noch ein Junge gewesen

war, als den Herrn Grafen der Schlag rührte und mit ihm das alte adelige Haus Everstein so tief zu Falle kam. „Da vermeine ich doch, daß wir jetzo einen neuen

Hahn auf den alten Mist gekriegt haben. Zeit ist Zeit, und was paßt, paßt, und

was nicht paßt, paßt nicht; wenn das Dorf den alten Kasten hätte brauchen

können, so hätte ihn einer von uns längst um ein Butterbrot; aber wir haben dem

Herrn — Ewald, dem Herrn Ingenieur Sixtus, am Ende gern die Vorhand

gelassen. Was er herausschlägt, soll gerne ihm gehören; es wird keiner in der

Gemeinde sein, der es ihm mißgönnt. Als er heute morgen die Schlüssel bei mir

abholte, habe ich sie ruhig hergegeben; denn ich weiß ja, daß das Schriftliche

darüber ebenso ruhig in Bodenwerder beim Notar Spindler liegt. Da brauchte ich

keine weitere Sicherheit. Herrje, nun guck aber einer, jetzt haben wir bald das

halbe Dorf, als ob es der Hirte zusammengetutet hätte, hier auf dem Försterhofe

zur Gratulation versammelt.“

Dem war in der Tat so. Was in der Stube keinen Platz mehr fand, das drängte

sich wenigstens vor der Haustür und versuchte in die Fenster zu sehen. Alte und

Ältere erneuerten frühere gute Bekanntschaft. Was wir als hübsche junge

Werdener Schulmädchen gekannt hatten, das wurde uns als mehr oder weniger

wohlgediehene Hausfrauen zugeschoben.

„Na, ziere dich nur nicht, Hanne; bist ja früher ganz vertraulich mit den

Herren gewesen!“

Kinder, die während unserer Abwesenheit das Licht der Welt erblickt hatten,

wurden uns zu Dutzenden vorgeführt, oder auf den Armen hingehalten. Wir

vernahmen von ortseingeborenen Taugenichtsen beiderlei Geschlechts, die

gleich wie wir in die Fremde gegangen waren, aber sich „Gott sei Dank bis

anjetzt noch nicht wieder im Dorfe hatten blicken lassen“. Zutunlich, —

verschämt-zutraulich waren sie allesamt; das Reichlichste aber, was wir von

ihnen bekamen, das war guter Rat; — freilich, wenn ich hier sage wir, so ist das

wohl nicht ganz richtig. Da lief ich nur so beiläufig mit, und die Hauptperson

war selbstverständlich Freund Ewald Sixtus, und der hatte bald alle seine Geduld

und Liebenswürdigkeit zusammenzusuchen, um nicht mit den Ellenbogen sich

Raum zu machen durch die Freundschaft und Bekanntschaft der Mannen von

Dorf Werden.

Ich muß ihn aber loben, den Herrn von Schloß Werden. Er hielt all dieser

Weisheit, Klugheit und Schlauheit gegenüber so sanft und sanftmütig still, daß er

jedweder anderen kochenden Ungeduld als ein wahres Muster von

Selbstbeherrschung und Ergebung hingestellt werden durfte. Jedwedem

einzelnen, der ihn mehr oder weniger vertraut am Knopf nahm und ihm verblümt

auseinandersetzte, wie dumm er gewesen sei, und was er eigentlich an Schloß

Werden erhandelt habe, versprach er aufs glaubwürdigste, ihn sobald als möglich

auf seinem Kothofe in der Abenddämmerung zu besuchen, um das Genauere über die Sache zu vernehmen. Der Vater Sixtus schenkte mit immer

unverhohlenerem Wohlbehagen fortwährend im Kreise am Tische ein und sah

immer mehr aus, als kitzele ihn jemand. Der Tabaksqualm wurde ungeachtet der

offenen Fenster und Tür immer dichter, und Eva Sixtus — zog mich auf einmal

in den Winkel dicht an die alte Wanduhr, die der Vetter Just so vortrefflich

wieder in Gang gebracht hatte, und flüsterte:

„Fritz, es ist auch aus meinem Bruder — aus Ewald ein guter und vornehmer

Mann geworden. O, wie es auch kommen wird, lieber Fritz; wir kommen alle

noch zurecht im Dorfe und auf dem Steinhofe und mit dem verzauberten Schloß

da drüben. Ich muß gleich wieder die Treppe hinauf, um noch ein paar Würste

aus dem Rauche zu holen; aber es ist doch wie ein Märchen, und ich sehe klar

wie in einem Spiegel mich und uns alle! O, es ist schön, daß ihr nach Hause

gekommen seid, und vor allem, daß mein Bruder seinen Herzenswillen

durchgesetzt hat (wenn er sich derweile auch nicht um uns kümmern konnte!),

und daß Irenes Heimatshaus keinem Fremden mehr gehört. Sie kann nun darüber

entscheiden, und ich könnte wohl sagen, wie ich es mir denke, wie es kommen

wird; aber du siehst selber, ich habe wirklich in diesem Tumult keine Zeit dazu,

und was ich dir da eben gesagt habe, weiß ich selber kaum; aber du kannst dir

wohl denken, daß ich den Bruder seit gestern abend keinen Augenblick aus den

Gedanken frei gegeben habe, und ich bin so sehr glücklich über ihn, und ich bin

fest überzeugt, der Vater freut sich auch!“

Nach und nach verlief sich der freundschaftliche Schwarm der Dörfler wieder,

und nur ein paar gänzlich beschäftigungslose Leibzüchter blieben fest sitzen, da

sie einmal saßen; aber die Unterhaltung zwischen ihnen und dem Förster geriet

doch wieder in das gewohnte Geleise. Der Tabaksqualm verzog sich ein wenig,

Eva räumte den Tisch ab, und Ewald seufzte, reckte und dehnte sich, packte

mich plötzlich stumm am Arme, führte mich vor die Haustür, wo ich auch

seufzte und mehr als einen befreienden Atemzug tat, und wo er sagte:

„Komm mit, honey! Was haben wir denn heute eigentlich für ein Wetter?“

Ich sah den wunderlichen Freund ziemlich erstaunt ob dieser Frage an; er aber

meinte:

„Mir tanzen alle Farben vor den Augen. Rot, grün und gelb schwimmt es mir

vor dem Gesichte; und ich habe eine bittere Ahnung, daß ein recht trübseliges

Grau aus alle dem bunten Wirrwarr werden wird. O Doktor, wie einfach blau sah

ich einmal das alles — nämlich dieses alles hier um uns herum! Ach, Fritz, ich

fürchte, ich fürchte, es war eine Täuschung, es war eine Dummheit von mir! Sie

wird sich nicht hinsetzen wollen an dem Herde, den ich ihr in ihres Vaters Hause

wieder aufbauen wollte! Dammy, Langreuter, wie ganz anders sieht sich so was

aus der Ferne an als in nächster Nähe! Komm mit nach dem alten Neste! Den Schlüssel habe ich im Schlosse stecken lassen.“