Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten
Neuntes Kapitel.
Als ich am anderen Morgen erwachte, fand es sich, daß ich länger in den Tag
hinein geschlafen hatte als irgendein anderer im Hause; und sie hatten mich
ruhig schlafen lassen, und zwar mit vollem Recht, denn auf meine tätige
Teilnahme an dem, was jetzt die Zeit in der alten Heimat brachte, kam leider am
wenigsten an. Ich durfte ausschlafen und brachte dadurch höchstens die
Hausordnung ein wenig in Unordnung; aber dafür war ich ja jetzt der
Historiograph von Schloß und Dorf Werden sowie vom Steinhofe und hatte, wie
der Vater Sixtus sich ausdrückte, „von allen immer am meisten Tinte an den
Fingern gehabt“.
Und seltsam und — wie schon gesagt! es ging darob eine gewisse
Umwandlung meiner Stimmungen ins Heitere und Zufriedene in mir vor. Ich
merkte es, daß meine einsamen Lehrjahre doch ihre Frucht getragen hatten: es
verstand keiner von ihnen es so gut wie ich, sich seine Stimmungen „zurecht zu
machen“. Zurecht machen! ich finde kein besseres Wort dafür, und sämtliche
philosophische Systeme sind gleichfalls darauf erbaut.
So sah ich, hörte und schreibe ich jetzt nieder, und allesamt meinten sie ganz
verwundert:
„Nein, dieser Fritz! Nein, dieser Langreuter! Nein, dieser Herr Doktor! Dieser
Herr Doktor Langreuter! Wacht er jetzt erst so auf, oder ist er immer so
gewesen? Im Grunde ist das ja der Gemütlichste, Heiterste und Gleichmütigste
von uns allen! Wie sich doch der Mensch verändern kann!“
Lassen wir auch dieses und vorzüglich das letztere mit Gelassenheit auf sich
beruhen. Es hat noch kein Mensch wirklich ausfindig gemacht, wie weit und wie
sehr sein Nachbar im Raum und in der Zeit sich verändert habe, während man
selbst glaubte, ganz derselbe geblieben zu sein.
„Wo steckt Ewald?“ fragte ich, als ich endlich zum Kaffee herniederstieg und
nur die Sonne, die Hunde, den Förster und seine Tochter in der Wohnstube fand.
„Er ist zum Vorsteher und holt sich die Schlüssel zu seinem Schloß,“ sagte
Eva.
„Sage nur dreist: zu seinem bezauberten Schloß, Kind,“ meinte der alte Herr,
ein wenig schadenfroh lachend. „Nun laß ihn die Nuß knacken, die er sich vom
Busch heruntergeholt hat! Mein Junge Herr von Schloß Werden? ’s ist die
Möglichkeit! Kein Mensch begreift, was das heißen soll, und ich am allerwenigsten. ‚Sind Sie ganz fest überzeugt, daß er nicht verrückt ist, Herr
Förster?‘ hat mich der Doktor Spindler, der Advokat aus Bodenwerder, erst vor
acht Tagen noch gefragt.“
„Und was haben Sie dem Doktor geantwortet, Herr Oberförster?“
„Du, was habe ich ihm denn eigentlich geantwortet?“ wendete sich der Alte
an seine Tochter.
„Darf ich dir noch eine Tasse Kaffee einschenken, lieber Fritz?“ fragte Eva.
„Ach, es war ja noch vor eurer Heimkehr, daß der Herr Notar Spindler neulich
bei uns vorsprach.“
„Wie die Gräfin sich zu der Geschichte stellen wird, soll mich am meisten
wundern,“ brummte der Alte, eine gewaltige Rauchwolke in die wundervolle
Sommermorgenluft hineinblasend und einen Kohlweißling, der sich eben in das
Fenster verirrte, halb dadurch erstickend. In demselben Augenblick trat der Sohn
des Hauses, hochrot vom raschen Gange und sonstiger Aufregung und sich
bereits so früh bei seinem Tagewerk den Schweiß von der Stirn trocknend,
wieder ein.
„Sieh da bist du ja auch, Langreuter! Guten Morgen, old boy. Hoffentlich
hast du gut geschlafen und angenehm geträumt in der ersten Nacht zu Hause.“
„Ich habe erst ziemlich gegen Morgen zu den Versuch gemacht, lieber
Freund,“ erwiderte ich lächelnd. „Zum wenigsten freue ich mich gegenwärtig
unendlich, endlich einmal wieder hier zu sein und solche Versuche, wie du sagst,
zu Hause anstellen zu können.“
Der Freund setzte sich zu uns; er versuchte es, gleichmütig auszusehen und
heiter in das Gespräch mit dreinzureden, doch es gelang ihm schlecht. Man sah
wohl, daß der erste schöne Morgen in der Heimat nicht leicht auf ihm lag. Von
Zeit zu Zeit schüttelte er leise den Kopf, kaute an dem Schnurrbart und summte
eine seiner lustig-melancholischen irischen Weisen vor sich hin. Es arbeitete
etwas in ihm, dem er noch auf keine Weise eine rechte Handhabe abzugewinnen
vermochte. Jetzt sprang er, von innerlicher Unruhe getrieben, von neuem auf,
schritt einige Male durch das Gemach, kam zu uns zurück, stützte beide Hände
auf den Tisch, sah uns der Reihe nach an, als wolle er für ein schwer abgehendes
Geständnis vor allen Dingen sich unserer gutmütigen Teilnahme versichern,
klopfte sodann mit dem Zeigefinger der Rechten scharf auf, um unsere ganze
Aufmerksamkeit noch mehr wachzurufen, und ächzte:
„So dumm — so verloren, verraten und verkauft wie in diesem Moment bin
ich mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen! Hätte ich in meiner
Jugend mehr Prügel bekommen, so wär’s mir jetzt vielleicht wohler, Herr Vater.
Ob der Katzenjammer vorübergehend oder von Dauer ist, beste Schwester, kann
ich gegenwärtig natürlich noch nicht wissen; aber für den Augenblick bin ich fest überzeugt, daß ich mich — gründlich verspekuliert und all meine Trümpfe
vergeblich ausgespielt habe. Herrgott, da kommt das Dorf, um uns zu begrüßen
zu unserer Heimkehr, Fritze! Evchen, ich bitte dich um alles in der Welt, geh hin
und sag ihnen, wir wären schon wieder abgereist und ließen sämtliche gute
Nachbarn und liebe Freunde herzlichst grüßen.“
„Was sich wohl schwer tun lassen möchte,“ meinte der Vater Sixtus
aufstehend und seinem Sohne jetzt ganz zärtlich auf die Schulter klopfend. „Ja,
ja, mein Söhnchen, es ist mancher Papst geworden, dem der heilige Stuhl
nachher ziemlich heiß geworden ist. Kommt nur ’rein, Gevatter Timme! ja, ’s ist
richtig, hier sind die jungen Leute aus der Fremde zurück, und mein Junge da ist
Herr von Schloß Werden, … soviel noch davon übrig ist. Und da ist ja auch der
Vorsteher! Alle herein, herein! Wir haben eben noch nach allen vier Wänden hin
nach gutem Rat gewittert. Räume die Kaffeekanne ab und die Tassen, Mädchen;
der Doktor ist item fertig. Jetzt nehmen wir einen Jägerschluck auf die vergnügte
Gelegenheit, nicht wahr, Kantor Dröneberg? Dem Pastor warten die Insel Irland
und die allmächtige gelehrte Stadt Berlin nachher freundlich und persönlich auf.
Kannst auch auf die Rauchkammer steigen, Evchen, wenn du aus dem Keller
glücklich wieder herauf bist. Wir hatten eben allesamt doch eine kleine Stärkung
der Seele und des Leibes notwendig; nicht wahr, Ewald? nicht wahr, Fritze
Langreuter? Vivat Dorf Werden und das Schloß dazu! Nur schade, daß wir den
Vetter Just aus Neu-Minden jetzo nicht bei uns in unserer angenehmen Mitte
haben. Setzt euch, Nachbarn und liebe Freunde, wenn ihr mit dem
Händeschütteln endlich zu Rande seid und euch die zwei — Herren da genug
und andächtig beguckt habt. Ei ja freilich, liebe Freunde, so was kommt
wahrhaftig nicht alle Tage nach Hause, und es verlohnt sich wohl, daß man
darum ausnahmsweise mal seine eigene Arbeit hinlegt, um das bei einem guten
Stück Schinken und einem echten alten Korn sich genauer zu betrachten.
Verwechselt sie nur nicht! Dies hier ist der Berliner Doktor, und das da — na,
das ist denn wirklich mein Junge, der Ewald Sixtus, der sich als ausländischer
Baumeister kurioserweise wirklich ein Vermögen gemacht hat und sich nachher
doch noch kuriosererweise an seinen alten Vater erinnert hat und gestern abend
angekommen ist, um hier bei uns, wie er eben sagt, seinen höchsten Trumpf
auszuspielen. So dumm von wegen dessen, was die nächste Zeit hier bei uns
passieren wird, bin ich auch noch niemals in meinem Leben gewesen. Da sitzt
der Junge, und ich denke immer, ich sehe noch unseren seligen Herrn Grafen da
sitzen und nach seiner Gewohnheit seine Schnupftabaksdose auf dem Tische hin
und her drehen.“
„No, so’n alter Spuk!“ meinte der Vorsteher, der auch noch ein Junge gewesen
war, als den Herrn Grafen der Schlag rührte und mit ihm das alte adelige Haus Everstein so tief zu Falle kam. „Da vermeine ich doch, daß wir jetzo einen neuen
Hahn auf den alten Mist gekriegt haben. Zeit ist Zeit, und was paßt, paßt, und
was nicht paßt, paßt nicht; wenn das Dorf den alten Kasten hätte brauchen
können, so hätte ihn einer von uns längst um ein Butterbrot; aber wir haben dem
Herrn — Ewald, dem Herrn Ingenieur Sixtus, am Ende gern die Vorhand
gelassen. Was er herausschlägt, soll gerne ihm gehören; es wird keiner in der
Gemeinde sein, der es ihm mißgönnt. Als er heute morgen die Schlüssel bei mir
abholte, habe ich sie ruhig hergegeben; denn ich weiß ja, daß das Schriftliche
darüber ebenso ruhig in Bodenwerder beim Notar Spindler liegt. Da brauchte ich
keine weitere Sicherheit. Herrje, nun guck aber einer, jetzt haben wir bald das
halbe Dorf, als ob es der Hirte zusammengetutet hätte, hier auf dem Försterhofe
zur Gratulation versammelt.“
Dem war in der Tat so. Was in der Stube keinen Platz mehr fand, das drängte
sich wenigstens vor der Haustür und versuchte in die Fenster zu sehen. Alte und
Ältere erneuerten frühere gute Bekanntschaft. Was wir als hübsche junge
Werdener Schulmädchen gekannt hatten, das wurde uns als mehr oder weniger
wohlgediehene Hausfrauen zugeschoben.
„Na, ziere dich nur nicht, Hanne; bist ja früher ganz vertraulich mit den
Herren gewesen!“
Kinder, die während unserer Abwesenheit das Licht der Welt erblickt hatten,
wurden uns zu Dutzenden vorgeführt, oder auf den Armen hingehalten. Wir
vernahmen von ortseingeborenen Taugenichtsen beiderlei Geschlechts, die
gleich wie wir in die Fremde gegangen waren, aber sich „Gott sei Dank bis
anjetzt noch nicht wieder im Dorfe hatten blicken lassen“. Zutunlich, —
verschämt-zutraulich waren sie allesamt; das Reichlichste aber, was wir von
ihnen bekamen, das war guter Rat; — freilich, wenn ich hier sage wir, so ist das
wohl nicht ganz richtig. Da lief ich nur so beiläufig mit, und die Hauptperson
war selbstverständlich Freund Ewald Sixtus, und der hatte bald alle seine Geduld
und Liebenswürdigkeit zusammenzusuchen, um nicht mit den Ellenbogen sich
Raum zu machen durch die Freundschaft und Bekanntschaft der Mannen von
Dorf Werden.
Ich muß ihn aber loben, den Herrn von Schloß Werden. Er hielt all dieser
Weisheit, Klugheit und Schlauheit gegenüber so sanft und sanftmütig still, daß er
jedweder anderen kochenden Ungeduld als ein wahres Muster von
Selbstbeherrschung und Ergebung hingestellt werden durfte. Jedwedem
einzelnen, der ihn mehr oder weniger vertraut am Knopf nahm und ihm verblümt
auseinandersetzte, wie dumm er gewesen sei, und was er eigentlich an Schloß
Werden erhandelt habe, versprach er aufs glaubwürdigste, ihn sobald als möglich
auf seinem Kothofe in der Abenddämmerung zu besuchen, um das Genauere über die Sache zu vernehmen. Der Vater Sixtus schenkte mit immer
unverhohlenerem Wohlbehagen fortwährend im Kreise am Tische ein und sah
immer mehr aus, als kitzele ihn jemand. Der Tabaksqualm wurde ungeachtet der
offenen Fenster und Tür immer dichter, und Eva Sixtus — zog mich auf einmal
in den Winkel dicht an die alte Wanduhr, die der Vetter Just so vortrefflich
wieder in Gang gebracht hatte, und flüsterte:
„Fritz, es ist auch aus meinem Bruder — aus Ewald ein guter und vornehmer
Mann geworden. O, wie es auch kommen wird, lieber Fritz; wir kommen alle
noch zurecht im Dorfe und auf dem Steinhofe und mit dem verzauberten Schloß
da drüben. Ich muß gleich wieder die Treppe hinauf, um noch ein paar Würste
aus dem Rauche zu holen; aber es ist doch wie ein Märchen, und ich sehe klar
wie in einem Spiegel mich und uns alle! O, es ist schön, daß ihr nach Hause
gekommen seid, und vor allem, daß mein Bruder seinen Herzenswillen
durchgesetzt hat (wenn er sich derweile auch nicht um uns kümmern konnte!),
und daß Irenes Heimatshaus keinem Fremden mehr gehört. Sie kann nun darüber
entscheiden, und ich könnte wohl sagen, wie ich es mir denke, wie es kommen
wird; aber du siehst selber, ich habe wirklich in diesem Tumult keine Zeit dazu,
und was ich dir da eben gesagt habe, weiß ich selber kaum; aber du kannst dir
wohl denken, daß ich den Bruder seit gestern abend keinen Augenblick aus den
Gedanken frei gegeben habe, und ich bin so sehr glücklich über ihn, und ich bin
fest überzeugt, der Vater freut sich auch!“
Nach und nach verlief sich der freundschaftliche Schwarm der Dörfler wieder,
und nur ein paar gänzlich beschäftigungslose Leibzüchter blieben fest sitzen, da
sie einmal saßen; aber die Unterhaltung zwischen ihnen und dem Förster geriet
doch wieder in das gewohnte Geleise. Der Tabaksqualm verzog sich ein wenig,
Eva räumte den Tisch ab, und Ewald seufzte, reckte und dehnte sich, packte
mich plötzlich stumm am Arme, führte mich vor die Haustür, wo ich auch
seufzte und mehr als einen befreienden Atemzug tat, und wo er sagte:
„Komm mit, honey! Was haben wir denn heute eigentlich für ein Wetter?“
Ich sah den wunderlichen Freund ziemlich erstaunt ob dieser Frage an; er aber
meinte:
„Mir tanzen alle Farben vor den Augen. Rot, grün und gelb schwimmt es mir
vor dem Gesichte; und ich habe eine bittere Ahnung, daß ein recht trübseliges
Grau aus alle dem bunten Wirrwarr werden wird. O Doktor, wie einfach blau sah
ich einmal das alles — nämlich dieses alles hier um uns herum! Ach, Fritz, ich
fürchte, ich fürchte, es war eine Täuschung, es war eine Dummheit von mir! Sie
wird sich nicht hinsetzen wollen an dem Herde, den ich ihr in ihres Vaters Hause
wieder aufbauen wollte! Dammy, Langreuter, wie ganz anders sieht sich so was
aus der Ferne an als in nächster Nähe! Komm mit nach dem alten Neste! Den Schlüssel habe ich im Schlosse stecken lassen.“