Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Wilhelm Raabe · Kapitel 28 von 36

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Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Achtes Kapitel.

 

„ ie süß das Mondlicht auf den Hügeln schläft!“ W

Gegen elf Uhr abends ging er auf, der Mond, und in der längst aufgegangenen

Sommersonne am Morgen unter. Um elf Uhr hatte uns der Alte gute Nacht

gewünscht und sich von seinem heimgekehrten Sohne in seine Kammer führen

lassen. Erst nach einer geraumen Weile hörten wir Ewalds Schritt wieder auf der

Treppe. Sehr schweigsam und nachdenklich nahm der Herr von Schloß Werden

wieder an unserem Tische Platz und sprach wenig mehr. Auch Eva wurde

schweigsamer, rückte aber näher zu dem Bruder und hielt von neuem

fortwährend seine Hand zwischen der ihrigen. Es war, als ob für diesen Abend

nunmehr jedes Wort zwischen uns vier ausgesprochen worden sei. Nur die Uhr

im Winkel redete weiter; als sie aber Mitternacht schlug und der weiße Schein

des Mondes plötzlich voll in die Fenster fiel, da erschraken wir alle, und der

Vetter Just stand auf und sagte:

„Nun wird’s doch wohl Zeit, daß ich reite! Was werden sie auf dem Hofe

sagen, wenn ich ihnen fast das Morgenrot heimbringe?“

„Sie liegen wohl alle in einem guten Schlafe und kümmern sich wenig darum,

wieweit es an der Zeit ist,“ meinte Eva.

„Frau Irene nicht,“ sagte der Vetter; Ewald Sixtus aber sah rasch aus seinem

trüben Sinnen empor, tat jedoch keine Frage.

„Ich habe alles versucht, sie darin zur Vernunft zu bringen,“ fuhr der Bauer

vom Steinhofe fort, „aber was hat es mir geholfen? Nichts!… Und wenn ich es

um sie verdient hätte, so wäre dies zu gut, zu lieb, zu sorglich und zu dankbar.

Was habe ich ihr denn viel helfen können in ihrer schlimmen Lebensnot und

Angst? Du, Fritz, bist ja auch dabei gewesen und kannst bezeugen, daß ich

nichts als den guten Willen gehabt habe. Und das Kind haben wir ja doch auch

begraben müssen, und hätte ich auch mein Herzblut hergegeben, — sage selbst,

Fritze, daß keine Hülfe dafür war! Jetzt aber sitzt sie gottlob auf dem Steinhofe

in Ruhe und Sicherheit, soweit beides hienieden möglich ist; aber nun ist es fast,

als sei ich ein krankes Kind und müsse gepflegt werden und süß behandelt

werden wie ein solches. Die alte Jule war darin schon arg genug, nachdem wir

von neuem auf dem Hofe beisammen waren; aber Frau Irene gibt ihr nicht das

geringste nach. Geraten sich die beiden Guten einmal in die Haare, so könnt ihr

sicher sein, daß es über mich geschieht. Sie sehen aus nach mir, sie erwarten mich bei dem schlechtesten Wetter draußen vor der Tür. Sie rücken mir den

Stuhl zurecht, und ihr einziger Jammer ist, daß ich keinen Schlafrock trage und

sie mir also mit dem nicht entgegenkommen können. Die Alte ist wohl zu alt,

um bis nach Mitternacht auf mich warten zu können; aber die beiden anderen

lieben Augen wachen, und in Irenes Stube brennt in dieser Nacht die Lampe bis

in den Morgen hinein. Ich habe es natürlich versucht, böse darüber zu werden,

aber geholfen hat es gar nichts! O, und es geht doch auch nichts über solch ein

liebes Licht aus dem Fenster des alten Heimatnestes. Wie wird sich die Frau

Irene wundern und von ihrem Buche aufsehen, wenn ich diesmal heimkomme

und ihr zur Entschuldigung die Nachricht mitbringe, wer heute hier in der

Försterei das alte Nest wiedererreicht hat. Jetzt aber im Galopp und im

Mondschein gen Bodenwerder! Nur selten hat mir der Mond so ganz zur rechten

Zeit am Himmel gestanden wie in dieser Nacht.“

Ewald Sixtus stützte den Kopf mit der Hand und beschattete die Augen mit

der Hand.

„Durch das Dorf führst du doch noch deinen Gaul am Zaum, Just,“ sagte ich.

„Durch das Dorf Werden begleite ich dich bis auf die Straße nach Bodenwerder.

Es ist freilich eine helle Nacht, und ein segensreicher Zauber liegt hoffentlich

über uns allen. Ich begleite dich noch ein Stück Weges, Vetter Just. Es ist lange

her, seit ich zum letzten Mal die Heimat im Mondenschein liegen sah.“

Im Mondenschein sattelte der Vetter auf dem Hofe der Försterei seinen Fuchs.

An den hohen Ulmen des Hofes, denen es so viel besser geworden war als den

stolzen Bäumen um Schloß Werden, regt sich kein Blatt. Schatten und Licht

lagen still auf dem Boden. An dem Hoftor gaben Ewald und Eva noch einmal

dem Bauer vom Steinhofe die Hand, — die des lieben Mädchens hielt er eine

geraume Weile fest und sagte dann nur zögernd:

„Nun, so komm, Fritz Langreuter. Nach einer Reise wie die deinige solltest du

freilich schon längst im Bett liegen —“

„Und recht angenehm von euch hier und euren Zuständen träumen! O, du

Egoist, und du willst wachend hoch zu Roß währenddem durch die Mondnacht

jagen und mit kitzelndem Behagen deinen Spaß über den Berliner Doktor

haben?“

„Ganz gewiß nicht, Fritze“ meinte der Vetter ehrlichst. „Solange du willst,

führe ich den Gaul am Zügel hier an deiner Seite. Vielleicht wäre es sogar recht

gut, du gingest den ganzen Weg mit mir und erzähltest an meiner statt der Frau

Irene, wen du heute nach Schloß Werden begleitet hast. Ach, Fritz, du weißt zu

sprechen und deine Worte zu stellen, ich aber nicht! Mir muß alles abgefragt

werden, und mir ist dann stets, als wäre alles, was dann herauskommt, als sei es

durch Zufall gekommen. Sieh, alter Kerl, das Gegenteil hiervon ist’s eben, was ihr Gelehrten alle Zeit vor uns voraus habt, die wir zum Nachdenken kommen so

wie ich, heute bei Regen, morgen bei Sonnenschein, heute hinter dem Pfluge und

morgen auf dem Stoppelfelde bei den letzten Erntegarben. Es ist gar keine Logik

darin, und dann am wenigsten, wenn man sie am nötigsten braucht. Und daß

man fast zehn Jahre lang in den Vereinigten Staaten den Schulmeister gespielt

hat, hilft gar nichts dazu. Und Fritz, Fritz, lieber Fritz, da wir jetzt wieder

zwischen uns beiden allein sind — ich habe das Schwabenalter längst hinter mir

und — und Eva Sixtus will meine Frau werden! Du hast es wohl schon lange

gemerkt, aber — gottlob — jetzt habe auch ich es dir gesagt!“ …

„Und ich wünsche dir von ganzem Herzen Glück dazu,“ sagte ich, des

Mannes brave, starke Hand nehmend und drückend. Er aber sah mich im

Mondlicht noch einmal einen kürzesten Augenblick so an, als ob er ganz und gar

das Gegenteil von diesem meinem Wunsche zu hören erwartet habe, und dann

tat er einen Seufzer wie aus befreiter Brust und rief:

„Und das ist mir das Liebste, was mir nach ihrem Jawort begegnen konnte,

daß auch du mir Glück wünschest. Ich bin nun leider schon so ein zerzauster

alter Kerl, und sie ist immer noch jung, und du bist auch noch jung, Fritzchen —

wenigstens — wenigstens recht viel jünger als ich; und wenn ich in meiner

jetzigen Ruhe und meinem Glück und Behagen an die alten Tage denke, wo ihr

junges Volk zum Besuch nach dem Steinhofe kamt, so — — ach, Fritz, Fritz

Langreuter, du mußt es doch wohl dir selber sagen, was ich in diesem Moment

dir sagen möchte! Aber die Frau Irene weiß es auch und hat Eva geküßt und —

mich auch, wirklich und wahrhaftig! Wenn du sie gleichfalls fragen willst: sie

billigt auch unser Vorhaben, unsere alten Tage in Friede und Glück und in der

alten Freundschaft mit der ganzen alten Heimat zu verleben. Sie hat nicht

gemeint, daß es zu spät sei; — sie, die soviel mehr als wir alle übrigen

zusammen in der boshaften, stürmischen Welt erlebt hat, und es also auch wohl

am besten verstehen muß.“

„Sie hat vollständig recht, Just! Aber von uns allen bist auch du nur der

einzige, der nie etwas zur unrichtigen Zeit erleben kann, dem alles recht und

richtig gekommen ist im Leben, Segen wie Ungemach. Ja, so gnädig waren dir,

und dir von uns allen allein, die Götter, als sie dir deine Wiege auf den Steinhof

stellten und dich nachher an den Weg setzten —“

„Mit offenem Munde und um Maulaffen feil zu halten! Ei ja, es wundert mich

freilich heute noch, wieviel Abenteuer der Mensch erleben kann, ohne daß er

etwas dazu tut. Manchmal ist das gar mein Kummer und Gewissensbiß

sozusagen; dann fühle ich es, wie als ob ich eine Stelle in mir hätte, wo ich im

größten Tumult wie ein Stück Holz werde, während die anderen sich weiter

abängsten.“

Das stille Licht des Mondes lag über uns und um uns, und der Vetter Just

sprach, ohne es zu wissen, von dem Unterschied zwischen den vornehmen

Naturen innerhalb der Menschheit und den gewöhnlichen. Er drückte sich eben

nur schlecht aus, wenn er da von einem ton- und klanglosen Stück Holz sprach,

wo er von der Stelle in seiner Seele hätte erzählen sollen, wohin keine Welle des

vorbeifließenden Tages schlagen konnte.

„Ihr werdet ein schönes Leben haben, und mich laßt ihr — alle dann und

wann an eurem Herde als euren Historiographen niedersitzen,“ sagte ich leise

und tief gerührt. „Für Kinder, wie wir waren, als wir zu dir auf den Steinhof zu

Besuche kamen, werdet ihr freilich nicht erzählen und werde ich nicht wieder

erzählen.“

In und an dem Dorfe Werden hatte sich in den Jahren, während ich es nicht

sah, nichts verändert. Es dehnte sich genügend weit in die Länge aus, daß wir

vollkommen Zeit hatten, während wir es durchwanderten, uns alles das

mitzuteilen, was ich eben hier niedergeschrieben habe. Von den Bewohnern

störte uns auch niemand dabei; sie lagen sämtlich im tiefen Schlafe. Es saß

keiner bei der Lampe wach, — selbst der Pastor und der Kantor nicht. Der

Mondenschein hatte das Reich für sich allein, und das war gut; für mich sowohl

wie auch für den Vetter Just Everstein. Wären wir bei hellem Tage und unter

dem Zudrängen alter Bekanntschaft durch das alte Nest im Grünen gewandelt, so

würden wir sicherlich mehr Mühe und Plage gehabt haben, mit unseren

Gefühlen und Stimmungen ins Reine gegeneinander zu kommen.

Sonderbarerweise aber dachte ich in dieser hellen, schönen Nacht, auf dieser

Wanderung durch das friedliche vergessene Heimatdorf, nicht ohne ein Gefühl

stiller Sicherheit an die große Stadt Berlin, meine kleine Stube und meine

Tätigkeit, kurz an das Dasein, das mir dort zuteil geworden war. Es lag ein

Gefühl von Wehmut darin, aber doch zugleich eine innerlichste Beruhigung: sie,

die anderen alle konnten und durften heimkehren in das alte Leben, wann sie

wollten, sie waren da zu Hause; ich aber nicht oder doch nie mehr so, wie sie

noch zu jeder Zeit sein konnten. Resignation nennt man das mit einem

Fremdwort, das wir wohl nicht so leicht aus dem deutschen Sprachgebrauch

loswerden. Die deutsche Welt darf manchmal noch so süß in Mondenlicht und in

weiche Redensarten gebettet liegen: wir wollen das scharfe, aber gesunde Wort

festhalten und es uns durch kein anderes zu ersetzen suchen.

Am Ausgange des Dorfes nahmen der Vetter und ich für diesmal von neuem

Abschied voneinander und trennten uns gottlob im besten Einvernehmen. Er

schwang sich ein wenig schwerfällig auf seinen Fuchs und ritt gen Bodenwerder;

ich wandelte langsamen Schrittes und unter einigem Selbstgespräch nach der

Försterei zurück.

Hier saßen Ewald und Eva wieder bei der Lampe am Tische und hatten wohl

das Ihrige gesprochen während meiner Abwesenheit. Das gute Mädchen mochte

auch wohl wieder einige Tränen vergossen haben, doch schmerzhafte waren es

nicht gewesen. Ein wenig befangen lächelnd sah sie aus ihren lieben Augen zu

mir auf; doch ich reichte ihr schnell die Hand und sagte:

„Ich habe dem Vetter Just schon Glück gewünscht, Eva, nun laß du es auch dir

von mir wünschen. Du weißt es auch schon, Freund Ewald, was für eine neue

Freude dem Steinhofe von unserem Geschick zugedacht ist?“

„Ja, sie hat es mir so ruhig gesagt, wie sie uns immer alles ruhig sagte. Darin

hat sich an ihr nicht das mindeste geändert. Aber sie passen nur desto besser

zueinander, und die Jahre, die sie gebraucht haben, sich zu finden, sind ihnen ja

ebenfalls nur etwas ganz Selbstverständliches gewesen. Nicht wahr, mein Herz,

mein Herzensmädchen, um ein Glück, das aus den Wolken fiele, würdet ihr eine

geraume Zeit herumgehen, ehe ihr es vom Boden aufhöbet. Doch ob ihr nicht

darum gerade die Glücklichen seid, gewesen seid und sein werdet, das ist an

dem heutigen Abend für mich eine Frage, die einen sein wüstes, wirres

Lebenswerk noch einmal wie im Fluge von neuem tun läßt. Och arrah,

arrah, komme ich noch einmal auf die Welt, so tue ich vielleicht auch meine

Arbeit, ohne auf das Glück zu zählen, das aus den Wolken fällt! Selbst auf die

Gefahr hin, daß man in Bodenwerder und Dorf Werden samt Umgegend

selbstverständlich sagen wird: Auf das Glück, das aus den Wolken fällt, hat der

Schlingel immer einzig und allein gerechnet, — ja, da sieht man’s nun!“

„Mir ist das Herz so voll, daß ich gar nichts zu sagen weiß,“ flüsterte Eva.

„Lieber Friedrich, — lieber Bruder Ewald, wir müssen alle, alle glücklich und

zufrieden sein. Das Schicksal kann es ja nicht böse mit uns meinen, es hätte uns

sonst wohl nicht diesen Abend geschenkt. Wir sind wieder alle zu Hause, und

das ist doch die Hauptsache! Morgen wollen wir von dem Schloß Werden und

von Irene sprechen — wir haben ja eigentlich noch von nichts vernünftig

geredet. Nimm es nur nicht übel, Fritz: im Grunde bist du doch der einzige von

uns gewesen, der alle seine fünf Sinne ordentlich beieinander halten konnte!“

„Und da kräht wirklich und wahrhaftig der erste Werdener Hahn den Morgen

an,“ sagte ich, um doch etwas zu erwidern. „Glück auf in der Heimat, Freund

Ewald!“

Ich hatte ihn durch einen Schlag auf die Schulter von neuem aus seinem

nachdenklichen Hinbrüten zu wecken.

„Was hast du gesagt?“ fragte er zerstreut.

„Wir wollen doch noch den Versuch machen, vor Sonnenaufgang unter dem

alten Heimatsdache einen glücklichen Traum zu träumen.“

„Ich habe alles oben in Ordnung für euch gebracht; aber geht leise auf der Treppe, daß ihr den Vater nicht stört,“ bat Eva Sixtus.