Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten
Drittes Kapitel.
Leise sagte er etwas zu meiner Mutter, und dann bot er ihr den Arm. Wir
wurden durch die weite, kühle, mit Hirschkronen, alten Blumen-, Frucht- und
Jagdstücken gezierte Halle geführt bis zu einer dunklen Tür. Der ältere Diener
öffnete diese Tür, und wir standen in dem Sterbezimmer meines Vaters. Mich
hatten der plötzliche Übergang aus dem heißen Sonnentage in diese Kühle, die
ganz veränderte Umgebung, die fremden Gesichter vollständig betäubt. Ich ging,
den Rock meiner Mutter haltend, wie zu unserem Platze in der Kirche — es
waren ganz die nämlichen Gefühle, ein Bangen, Frösteln, Unbehagen und —
Behagen.
Ich erinnere mich auch hier noch der Äußerlichkeiten: der braunen Täfelung
dieses Gartensaales, des Grüns, das aus dem sonnigen Garten in die beiden
hohen Bogenfenster hineinsah, der offenen Glastür, die zu den Gebüschen und
Blumenbeeten führte, und des Pfaus, der wie neugierig in dieser Tür stand und
seinen schönen Schweif gravitätisch langsam im Kreis über den feinen Kies zog.
Wir haben nachher diesen Ort zu allen Jahreszeiten als Spielplatz gern gehabt,
und es hat mich wenig gekümmert, daß man einst meinen sterbenden Vater dahin
als in das nächst und bequemst gelegene Gemach bettete.
An jenem Morgen waren viele Leute darin, und wahrscheinlich darunter auch
ein Arzt. Meine Mutter warf sich jammernd über das Lager, und ich stand einen
Augenblick wie allein unter den vielen Fremden.
Es war der Herr Graf, der mich an der Hand nahm und mich gleichfalls zu
dem Bette hinführte. Die Mutter lag da bewußtlos, und der Vater war tot.
Das letztere Wort wurde im Kreise umhergeflüstert; ich aber weiß nunmehr
von jenem Tage nur noch, daß ich in ein anderes Zimmer geführt wurde und
daselbst mit Irene, Komtesse Everstein, Milch trank und Weißbrot aß. Alles
andere ist dämmerig, unbestimmt, dunkel — ist nichts. Es war mein Recht,
durstig, hungrig und schläfrig zu sein von der Fahrt durch den heißen
Sommermorgen; nachher sehe ich mich wieder um in meiner Umgebung und —
sie ist eine andere geworden, als sie war. Und hier ist die Stelle, ein weniges
mehr von meiner Mutter zu reden, und wie sie in eine hohe Verwandtschaft
gehörte und das Recht dazu von Gottes Gnaden besaß und aufweisen konnte.
Den gottlob kaum erwähnenswerten Ansatz von Buckel, den mir das
Schicksal zwischen die Schultern und, wie einige wissen wollen, in bedeutend höherem Grade auch auf die Seele gelegt hat, habe ich gewißlich nicht von ihr.
Schlank, zart, scheu-mutig steht sie mir vor der Erinnerung, und ein Licht geht
von ihr aus, das von keiner Dunkelheit und noch viel weniger von einem anderen
Licht in der Welt überwältigt werden kann. Sie trägt ihre Freuden wie ihre
bittersten, schwersten Schmerzen still und so, dem Schein nach, leicht. Ihr wurde
alles zu einem Kranze, und woher sie ihre Bildung hatte, das bleibt ein Rätsel,
und sie selber wußte vielleicht am allerwenigsten Rechenschaft darüber
abzulegen. In der „Mädchenschule“ einer kleinen Provinzialstadt hatte sie im
zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts Lesen, Schreiben, Rechnen und — Singen
gelernt, das war alles; aber wenn wo die ersten neun Worte, mit denen ich diesen
meinen Lebensbericht eröffnet habe, zur Geltung kommen, so ist das bei ihr der
Fall. Sie ist dagewesen wie das große Kunstwerk von Gottes Gnaden; sie ist
vorübergegangen. Sie sind alle bei ihr wie bei ihresgleichen gewesen; sie haben
keine Ahnung davon gehabt, daß dem nicht so war; ihr ist es nie in den Sinn
gekommen, sie zu enttäuschen; denn sie hatte ja eigentlich auch keine Ahnung
davon.
Ich bin fest überzeugt, sie hat einen argen Schrecken bekommen, als der Herr
Graf sagte:
„Meine verehrte Frau, Sie sind die Dame, die mir für die Erziehung meines
armen Kindes in seiner jetzigen Lebensepoche gefehlt hat, und die ich seit
langem vergeblich gesucht habe. Bleiben Sie bei uns. Betrachten Sie sich als zu
diesem Hause gehörig. Sie erziehen meine Tochter, und ich nehme die Erziehung
Ihres Sohnes nach besten Kräften über mich. Wir haben einen recht gelehrten
Pfarrer im Dorfe, der wird das Seinige dazu geben. Ist der Junge für das
Gymnasium herangewachsen, so wird sich ja wohl auch das Weitere finden.
Lassen Sie uns einander gegenseitig aushelfen, da uns das Schicksal in dieser
Weise zusammengeführt hat. Sie wissen nicht, wie hülflos ich in hundert
Beziehungen bin.“
Nun war auch meine Mutter, wie sich das ja eigentlich von selber verstand,
fast nach allen Richtungen und in allen Beziehungen hülflos. Außerdem aber,
wie es sich baldigst herausstellte, für ihren und meinen Unterhalt nach dem Tode
des Vaters auf eine Pension von sechzig Talern angewiesen, sonst aber auf ihrer
Hände Arbeit.
„Was soll ich Ihrem Kinde geben können?“ fragte sie in heftiger Aufregung;
aber der Herr Graf hat gelächelt, wenn auch sehr melancholisch. Er hat es sehr
genau gewußt, was die arme Frau aus ihrem Reichtum zu geben hatte.
Wir, das heißt meine Mutter und ich, siedelten im Laufe desselben Sommers
nach Schloß Werden über. Der Herr Graf hatte sich aber nicht geirrt: wenn die
Leute, die man in der Ferne aufsucht, sich stets in die Leute verwandeln, die man rundum in der nächsten Nachbarschaft wohnen hat, so ist das für seine Tochter
und für ihn selber in Hinsicht auf die Witwe des reitenden Steuerkontrolleurs
Langreuter nicht der Fall gewesen. Und ich — ich, wenn ich in die Sonne sehen
will, so hebe ich nicht das Auge zu dem öden brennenden Stern auf, sondern
denke mich in jene Tage und Jahre zurück, die da folgten.