Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Wilhelm Raabe · Kapitel 36 von 36

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Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Sechzehntes Kapitel.

 

Und Ewald und Irene? Was sagten und taten die denn? Das ward nun eine

Nacht, in der viele Geister umgingen in Werden — Schloß und Dorf; doch über

miracula et portenta, von großen Wundern und „Wunderzeychen“ am

Himmel und auf Erden und auch in den Herzen der Menschen habe ich nicht das

geringste zu berichten.

Jene beiden Leute begrüßten sich zuerst, wie es sich nach der langen

Trennung und bei der ersten Gelegenheit schickte, ernst und freundlich. Zu dem,

was die Welt eine Auseinandersetzung nennt, kam es fürs erste noch nicht, denn

teilnehmende Nachbarn sprachen immer noch ab und zu vor, und auch der

jetzige Pastor des Ortes kam noch einmal und saß eine geraume Weile. Er beging

vielleicht die einzige Indiskretion an diesem Abend, indem er den irischen

Ingenieur recht lobte und seine Heimkehr „so gerade zur rechten Zeit leider!“

mit allen ihren Umständen als etwas sehr Löbliches und Verdienstliches pries,

und sich dabei stets mit seiner Rede an die Frau Irene wendete.

Doch lauter als der beste Redner in der Welt gab der stille alte Herr hinter uns

in der Stube mit den offenen Fenstern sein stummes Wort darein und half uns

auch hierüber hinweg.

Auf den Spielplätzen des Dorfes verklang allgemach der Lärm der Dorfkinder.

Es wurde Nacht, und auch der gutmütige, wohlmeinende geistliche Herr ging

nach Hause, höflich von dem Vetter Just bis zum Hoftor begleitet.

„Wir haben uns lange nicht gesehen, liebe Irene,“ sagte jetzt der Irländer leise;

doch die Frau antwortete mit merkwürdig fester und klarer Stimme:

„Ja, lieber Ewald; es ist sehr lange her, und nun führt uns eine so traurige

Gelegenheit wieder zusammen! Dir ist es aber gottlob gut ergangen auf deinem

Lebenswege, du hast vieles ausgerichtet; ich habe den Vetter Just und hier den

Doktor Fritz gern davon erzählen hören —“

Hier räusperte sich der Vetter Just ziemlich vernehmlich und brummte:

„Hm, hm, hm.“

„Mein Bruder —“ wollte Eva einfallen, doch ich faßte rasch nach ihrer Hand,

und die Frau Irene fuhr fort, und der energische Wille, sich nichts vergeben zu

haben, kämpfte bedenklich mit noch unterdrückten Tränen:

„Du hattest es aber auch viel leichter in der Welt als ich.“

„Ja, liebe Irene!“ sagte der Freund. „Ich weiß das nur zu genau. Ja, ich habe es leicht gehabt und viel Glück!“ — Seine Stimme aber wurde rauh und hart, als er

hinzufügte: „Ich habe jahrelang keine Zeit gehabt, an meines Vaters Haus zu

denken, um dir das deinige wiederzugewinnen!“

„Aus Zorn und Mitleid, Ewald Sixtus!… O Eva, Eva, liebe, liebe Schwester,

behalte mich bei dir unter deines Vaters Dache diese Nacht!… Nein, nein!…

Just, o lieber Just, wie bin ich nur hierher gekommen? wo soll ich bleiben?“

Zum ersten Mal in dieser treuen, wahren Lebensgeschichte klang die Stimme

des Vetters ärgerlich, ja fast böse, als er sich erhob und sagte:

„Bei mir — Just Everstein! Eine Nacht geht bald vorüber. Auf Schloß

Werden, Gräfin Irene Everstein! Ich schaffe dir in dem alten Spuknest als alter

amerikanischer Hinterwäldler und Baumfäller ein Strohlager und ein Bund Heu

unter den wilden Kopf. Kommt herein zu dem Vater; Eva hat zwei Lichter neben

sein Bett gestellt, wir wollen dabei den Kauf richtig machen, Ewald! Ich, Just

Everstein vom Steinhofe, bin hiermit Eigentümer und Herr von Schloß Werden!“

…

Es ist nicht die Kraft, es ist die Angst des gefangenen Edelfalken, die das

Schreckliche ist und das Publikum vor den Gittern des Käfichts am meisten

interessiert; ich aber verspüre an dieser Stelle am allerwenigsten das Bedürfnis,

die Frau Baronin Rehlen interessant zu machen durch ihr Flattern und

Flügelschlagen. Habe auch kein Recht dazu.

Wir gingen wohl zu dem toten Vater hinein, aber nicht um einen

Handelskontrakt neben den zwei Lichtern, die sein stilles, friedliches,

freundliches Greisengesicht beleuchteten, abzuschließen. Irene stand an Ewalds

Schulter gelehnt, von seinem Arm umschlungen, und weinte leise und flüsterte:

„Kannst du mich denn noch lieb haben?“

Er war unverbesserlich, der brave Freund Ewald Sixtus! er hätte wirklich

schon von Geburt aus als Irländer in diese nüchtern-tragische Welt hineingesetzt

werden sollen.

Dem Weinen war er gleichfalls näher als dem Lachen, und seine Stimme

zitterte gleichfalls, als er an dem Sterbelager seines Vaters seine Liebe fester an

sein Herz zog; aber doch mußte es heraus und kam ganz in der alten Dummen-

Jungen-Weise:

„Ich kriege dich ja nur in den Handel, altes Mädchen! Aber — bei den ewigen

Göttern, die mir wahrhaftig den Weg bis zu dir schwer genug gemacht haben —

den Vetter Just halte ich bei seinem Worte! Wir beide, mein Herz, mein liebes,

liebes Herz, wir sehen uns nicht mehr um nach Schloß Werden; aber der Vetter

da, — der Vetter Just Everstein, der war von Gottes Gnaden allewege der

Gescheiteste von uns und hat mit unserer Schwester da allein die Gabe, alles

ruhig abzumachen. Du und ich, mein Herz, wir haben nur einmal den Versuch gemacht. Die beiden müssen für uns mit wissen, was mit Schloß Werden

anzufangen ist!“

Von Schloß Werden wurde nun nicht mehr gesprochen bis zum anderen

Morgen, und dann zwischen dem Vetter Just und mir. Wir verbrachten alle diese

Nacht unter dem nämlichen Dache; doch wohl keiner von uns in einem sehr

festen Schlaf. Auch ich nicht, der ich in jedem Augenblick vorgeben konnte daß

wichtigste, unaufschiebbare Geschäfte mich augenblicklich nach Berlin

zurückriefen und meine Gegenwart bei dem Begräbnis — bei dem Schmerz und

dem Trost der alten Heimat unmöglich machten.

Zwei Stunden nach Sonnenaufgang schon trieb es mich heraus.

Wahrscheinlich weil irgend etwas — was, kann ich nicht sagen — meinte: So

mag er doch wenigstens den Historiographen festhalten! — Im Unterstock des

Hauses traf ich nur die bleiche, traurige Eva an der Tür der Wohnstube. Sie hatte

jetzt ein weißes Laken über den toten Vater gelegt, und ich erhob das Tuch nicht

mehr. Ich wollte mir die Erinnerung an das schöne, ruhige Greisengesicht von

gestern abend unversehrt erhalten, und ich wußte es, wie der alte Maulwurf, das

Leben, in dem an der Arbeit bleibt, was der Mensch einen Leichnam nennt.

Als ich mich nach den anderen erkundigte, erfuhr ich, daß Ewald zum Meister

Dröge, dem Dorftischler, gegangen sei, und daß Irene ihn begleitet habe.

„Und Vetter Just?“

„Just wirst du wohl im Garten finden. Ich habe den Kaffeetisch dort

hergerichtet. O Gott, es ist ein so schöner Morgen — o Fritz, ich kann es mir

noch immer nicht denken!… Er war so vergnügt und gut, als er gestern in diese

nämliche Morgensonne hinein wegging! Er holte sich noch bei mir in der Küche

Feuer für seine liebe alte Pfeife, und ich sah ihm nicht einmal nach und gab ihm

das Geleit wie sonst bis ans Hoftor, und nun muß ich ihn in alle Ewigkeit mit

seinem weißen Haar und seinem guten freundlichen Gesicht bei mir am Herde

stehen sehen!… Ein paar Stunden später, in denen ich nicht einmal an ihn

dachte, brachten sie ihn zurück!“ …

Ich fand den Vetter Just nicht an dem Kaffeetische im Garten, und ich hielt es

auch nicht lange allein daran aus, in dem schönen Licht und Schatten, unter den

Sommerblumen ringsum, dem Bienensummen, Käfer- und Schmetterlingsflug.

„Der Herr Vetter Just spaziert auf der Chaussee,“ sagte ein Dorfkind, das in

die kleine Pforte in der grünen Hecke guckte; und auch ich trat aus diesem

Gartentürchen auf die Landstraße.

„Er ist nach dem Schlosse zu,“ meinte die kleine barfüßige, flachshaarige

Ostfalin, und ich kannte den Weg, der auch von hier aus quer über die

Landstraße nach Schloß Werden führte, und so ging ich dem Vetter Just

Everstein nach, — wohl tief in Gedanken wie er, und in ähnlichen, wenn auch nicht ganz in den gleichen.

In dem letzten Hause des Dorfes nach dieser Seite hin, wohnte der Meister

Dröge, der Tischler. Die helle, staubige Landstraße führte an seinem Eigentum

und dem Wiesenfleck, auf dem er seinen Vorrat von glatten Brettern und Balken

aufgeschichtet hatte, vorüber und ließ es zur Linken. Rechts aber führte ohne

Steg durch den mit Gras, Sternblumen und Kletten, Brennesseln und Thymian

ausgefüllten Chausseegraben der Schlupfweg durch jetzt noch im Tau

funkelndes, wirres Gestrüpp und Gebüsch, untermischt mit einzelnen höheren

Bäumen, nach dem verwünschten Schloß, dem alten, teuren Nest, in dem auch

ich flügge geworden war.

In seiner Werkstatt war der Meister Tischler an der Arbeit; ich hörte seinen

Hammer laut und deutlich genug. Eines seiner Kinder war’s gewesen, das mir

den Weg angedeutet hatte, auf dem ich den Vetter Just finden konnte.

Aber ich zögerte, ehe ich ihm folgte. Auf dem sonnigen Wiesenflecke, auf

einer Lage jener glatten, weißen Tannenbretter, von denen der Meister Schreiner

eines oder zwei zu seiner Arbeit die halbe Nacht hindurch verwendet hatte und

an denen jetzt sein Hammer zur Vollendung des Werkes klang, saßen Ewald und

Irene, dem Dorfe Werden und mir den Rücken zuwendend.

Sie saßen Hand in Hand, doch nicht dicht beisammen. Tief niedergebeugt, das

Haupt in der Hand, saß der Freund; und ob sie auch miteinander gesprochen

hatten, jetzt redeten sie nicht miteinander. Sie saßen still und horchten auf den

Hammer, der die Nägel scharf und hell und doch auch wieder melodisch in das

weiche Holz trieb. Kein Glockengeläut konnte feierlicher in einen Brautmorgen

hineinklingen, und ich wagte es wahrlich nicht, diese zwei Verlobten anzureden.

— — —

Der Pfad durch das taufunkelnde Gebüsch nahm mich auf und hinter mir

verhallte dieser ernste, bedeutungsvolle Hammerschlag. Durch hohes, gelbes

Kornfeld zog sich der enge Weg, die Lerchen hingen unsichtbar — fröhlich

darüber; und — seltsam! gerade in diesem Augenblick drängten sich die Bilder

und Gewohnheiten meines so lange gewohnten Daseins — die bekannte

Umgebung meines ruhigen Einsiedlerlebens durch mein Gedächtnis. Meine vier

Wände in Berlin, die Bücher an den Wänden und der Blick durchs Fenster in die

bunte lärmende Gasse. — Du träumst, Friedrich Langreuter? Was aber ist nun

ein Traum?… Besinne dich! — —

„Wo bist du eigentlich, Fritz?“ fragte der Vetter Just. „Du stiegest über den

Hof weg wie ein Nachtwandler. Wie siehst du denn aus, Doktor? Wie stolperst

du her?… Freilich, Steine des Anstoßes liegen hier genug im Wege!“

Da stand ich wieder in dem verwahrlosten Schloßhofe von Werden, und der

Vetter nickte mir von der mehrfach beschriebenen Steintreppe und Rampe zu.

„Es ist mir übrigens lieb, daß du kommst,“ brummte er. „Komm nur dreist

herauf, ich werde dich nicht mehr auslachen, wenn du behauptest, daß es hier

umgehe. Jedenfalls gehe ich nun seit einer Viertelstunde um dies alte Gemäuer

herum, und immer ist’s mir, als schleiche etwas hinter mir drein oder sehe gar

aus dem Fenster auf mich herunter. Die Sache ist mir nun doch außer allem

Spaß!… Der Vetter Just Everstein vom Steinhofe Herr von Schloß Werden!…

Den Irländer kenne ich. Der Strick hält mich am Wort, wenn ich es selber nicht

zurücknehme. Und er hat auch recht! Was will er mit seinem Weibe hier?… In

die Försterei setzt die Regierung einen neuen Mann in Grün; — alles für uns

ausgeflogene Nester!… Mein Weib nehme ich mit nach dem Steinhofe; das wäre

mir wirklich eine Burgfrau hier, die Bäuerin vom Steinhofe, mit Jule Grote als

Stewardess!… Sahst du auch die beiden — ich meine Ewald und Irene —

auf der Wiese des Meisters Dröge? Das ist mir nun ganz klar und deutlich, als

flösse schon das Weltmeer zwischen ihnen und Schloß Werden. Es weiß keiner

etwas anzufangen mit Schloß Werden und — ich auch nicht! Doktor, was meinst

du, wenn du es von mir in Pacht nähmest?“

Ich glaube fest, daß ich damals den Vetter ziemlich starr und mit etwas

weitgeöffnetem Munde angesehen habe; es war aber nur eine Schulmeister-

Reminiszenz aus Neu-Minden von ihm, wie sich gleich auswies.

„Ländereien nicht vorhanden,“ sagte er, „aber genügend Gartenland zu

Spielplätzen und Turnanstalten und was sonst dazu gehört. Ausgezeichnetes

Trinkwasser — gesunde Lage, frische Luft. Wald ringsum. Fritz, so ’ne

Erziehungsanstalt für unverbesserliche Jungen aus den besten Familien!… Mit

der Miete würde ich dich nicht drängen, zum Inventar würde ich zuschießen; wir

behielten dich hier in der Nähe, gut zahlende junge Engländer schickte Ewald,

deine Berliner brächtest du dir selber mit. Gekommen ist mir diese Idee freilich

eben erst, seit du hier bei mir stehst: aber — überlege dir mal die Sache!“

Von diesem Vorschlage hatte ich mir wahrlich nichts träumen lassen, als ich

mich eben auf dem Wege nach der alten Jugendheimat aus den bewegten,

wunderlichen, traurigen und doch so von der Sonne überglänzten und vom Grün

umrauschten gegenwärtigen Tagen plötzlich und ohne daß ich es wußte, wie es

zuging, in mein einsames großstädtisches Gelehrtendasein zurückverloren hatte.

Es war seltsam, aber wegleugnen ließ es sich nicht; ein gewisses leises,

unbestimmtes Heimwehgefühl hatte sich bemerkbar gemacht: Wohin gehst du,

Friedrich Langreuter, wenn sich nun in der allernächsten Zeit dieser Kreis, der

sich hier so schicksalsvoll geschlossen hatte, wieder auflöst? Sie sind nun am

Ende doch alle geborgen. Aber du, Fritz Langreuter, wenn du nun morgen

mitgegangen bist zu der letzten friedlichen Ruhestätte des guten, alten, treuen

Freundes? Wohin gehst du, wenn ihr morgen vom Kirchhofe zurückgekommen seid und für die übrigen das Lebensrad mit erneutem Schwunge sich wieder

aufwärts drehen wird? Was bleibt dir in den Händen als Gewinn von dieser

melancholisch-süßen Reise nach Schloß und Dorf Werden — der Fahrt in die

Jugend zurück?

Fast drollig klang nun in alle diese Fragen an das eigene Geschick der

treffliche Rat des Freundes, aus Schloß Werden ein Erziehungsinstitut zu

machen, hinein. Ich mußte auch lachen, aber heiter kam das gerade nicht heraus;

und dabei stand der Vetter Just mit seinem heitersten Lächeln auf dem ehrlichen,

breiten Gesicht weitbeinig, die Hände auf dem Rücken, vor mir:

„Na?! Was sagst du zu meinem Vorschlag?“

„Daß dies ganz der richtige Just Everstein ist. Neu-Minden, wie es leibt und

lebt. Ja, wenn nur ein jeder am Wege gesessen hätte wie dieser Mensch hier, und

Weisheit aus dem Wind und den Wolken wie aus dem alten Broeder gezogen

hätte! Ich danke dir herzlich, Vetter Just; aber — für mich wäre das wirklich das

letzte.“

„Dann ist mir Schloß Werden nur auf den Abbruch hin auf den Hals geladen

worden,“ seufzte Just Everstein vom Steinhofe und legte die Hand auf eines der

Bretter, mit denen die hohen Fenster des Unterstocks des Gebäudes teilweise

vernagelt waren. „Es wird wieder mal allerlei von einer festen Brücke bei

Bodenwerder geschwatzt und geschrieben. Da könnte ich vielleicht einen Teil

der Steine los werden. Schade, daß unser Landsmann, der Freiherr von

Münchhausen, sein Wort bei den maßgebenden Behörden nicht mehr dazu geben

kann! Über das Gartenland wollte ich mich schon mit den Bauern von Werden

verständigen, Gewissensbisse mache ich mir nicht darüber, wenn du auch nicht

gerade jetzt mit Irene Everstein darüber zu sprechen brauchst. — Everstein?

Everstein? Was würde der Herr Graf dazu sagen? und was mein seliger Vater —

von meinem Großvater gar nicht zu reden?!“

„Es geht alles in der Welt mit rechten Dingen zu, Vetter Just,“ erwiderte ich.

„Freilich die große, trostvolle Wahrheit, daß hinter jedem Ding als solches eben

die Welt als solche steht, wird einem meistens nur bei einer solchen Gelegenheit

wie diese klar. Das ist ein Gedanke: aus Schloß Werden eine Brücke zu bauen!

Ein trefflicher Gedanke, der einen selbst in der Vorstellung schon mit Kindern

und Kindeskindern sicher und fest in die Zukunft hineinführt!“

„Ein kurioses Ende vom Liede, würden die Werdenschen Bauern sagen,“

brummte der Vetter kopfschüttelnd.

„Aber die Quadern würden sie dir doch herzlich gern abfahren zu dem Werk.“

„Das würden sie! Und das Fell würden sie mir dabei über die Ohren ziehen,

wie es kein Everstein auf seinem alten Raubnest dort weiter ins Land hinein

seinerzeit besser verstand. Ja, auch das Lied hat kein Ende! Na ja, und wenn ein Stern zerspringt, so werden die Planetoiden daraus; — verwerten kann ich das

Material schon. Der Herr Graf! der Herr Graf! was würde der Herr Graf dazu

sagen, wenn er den Bauer vom Steinhofe sagen hörte: Das hat ja aber Zeit, ich

aber habe heute keine mehr, mich um das alte leere Nest zu kümmern! —?—

Über Jahr und Tag kannst du mir immer noch deinen guten Rat schriftlich geben,

Fritz; oder du bringst mir ihn mündlich, oder ich hole mir ihn und zeige meiner

Eva dabei zu gleicher Zeit die Stadt Berlin. — Dann werden Ewald und Irene

jenseits des Kanals sitzen, und wir können doch noch ein wenig unbefangener

über Schloß Werden und sein letztes Schicksal zu Rate sitzen. Jetzt habe ich

schon allzu lange um das öde Gemäuer mein armes, betrübtes Mädchen bei dem

toten Vater allein gelassen. Komm nach Hause, Doktor!“

Wir gingen, und — nun sind wir im letzten Akt, und da ich noch ganz und gar

zur alten Komödie gehöre, so hätte ich nunmehr das vollkommenste Recht,

meinen Oberrock aufzuknöpfen, meinen Stern und — mich als Serenissimus zu

zeigen. Als der Serenste, der Heiterste?… Wenn ich sagen wollte, als derjenige,

welchem doch von allen das bequemlichste Los zuteil geworden sei, so würde

ich damit wohl das richtigere treffen. Ich habe Zeit, wie ich es hier tue, den

Geschichtsschreiber von Dorf und Schloß Werden, den Biographen des

Steinhofes zu spielen. Habe ich meine Sache erträglich gemacht, so ist’s gut; ist

das Ding unter aller Kritik ausgefallen, so habe ich im Grunde ja doch nur für

den alten Vetter Just Everstein vom Steinhofe geschrieben, und der wird gottlob

nur lächelnd sagen:

„Ja, unser Berliner Doktor! Lesen mußt du’s, Evchen; mir ist mehr als einmal

die Pfeife drüber ausgegangen, und auf dein Gesicht dazu bin ich auch nicht

wenig gespannt. Mittelalterliche Geschichtsquellen hat der alte Junge auch in

unserem Falle gut studiert — na, laß ihn; während der Universitätsferien rückt er

wieder ein auf dem Hofe, und dann hoffe ich mündlich von ihm zu erfahren, ob

er mir in seiner Chronik mehr Schmeicheleien oder mehr Grobheiten gesagt

haben will. Nach England muß jedenfalls eine Kopie hinüber; denn das sehe ich

doch gar nicht ein, weshalb Ewald und Irene nicht gerade so gut wie wir über

diesen wunderbaren Historien den Kopf zwischen beide Hände nehmen sollen!

Es ist wirklich die Möglichkeit, was ein Mensch in der Einbildung des anderen

an Glück und Geschick und dem Gegenteil davon befahren kann! Ja, ja, mein

Herz, von Rechts wegen müßten wir nun, ich und du und Freund Ewald und

Frau Irene, uns hinsetzen und zu Papiere bringen, wie wir dies alles angesehen

haben, als wir es erlebten. Sollen wir, Herz?“

„Mir bleib damit vom Leibe,“ wird dann Frau Eva Everstein sagen. „Irene

wird auch keine Zeit dazu haben. Die ist froh, wenn sie meines Bruders

Korrespondenz besorgt hat. Also fällt es einzig und allein auf dich, Just, wenn wirklich in dem dicken Bündel Schriften (und was für eine Hand schreibt das

Menschenkind dazu!) was drin steht, was von einem von uns beantwortet

werden muß.“

„Ja, wenn man nur nicht zu behaglich in dem alten Neste säße, und wenn

einem nur der Tag Ruhe ließe!“ wird der Vetter Just die Unterredung mit seinem

Weibe über das Manuskriptum des „Doktors in Berlin“ fürs erste zu einem

behaglichen Ende bringen. — — —

Nun wird es natürlich wieder Leute geben, die nie zufrieden sind, wo es sich

um den Schluß einer Geschichte, die man ihnen erzählt, handelt; die alles immer

noch genauer und ausführlicher zu wissen wünschen, als der Erzähler es

vortragen kann oder — will. Wo es sich um eine Hochzeit handelt, wollen sie die

Zahl der Musikanten kennen, wo eine Taufe das Ende ist, soll ihnen nicht ein

einziger Gevatter unterschlagen werden, und im vorliegenden Falle (o, ich kenne

sie!) möchten sie mit „zur Leiche“ gehen, das heißt den guten alten Vater Sixtus

mit begraben, und dann ganz genau in Erfahrung bringen, ob Schloß Werden

wirklich ebenso vom Erdboden verschwunden sei wie die Nester, die wir aus

dem Schlosse einst in die Luft und das grüne Gezweig hingen, oder was

eigentlich zu allerletzt der Vetter Just Everstein damit angefangen habe. Ich für

mein Teil hätte nun wohl noch mancherlei von Ewald und Irene zu berichten;

aber sonderbarerweise würde ich dafür die wenigsten aufmerksamen Ohren

finden, denn „Das kann sich ja ein jeder leicht denken“.

Und so sage ich nur, daß Irene mir die Instandhaltung eines Kindergrabes auf

einem Berliner Kirchhofe anvertraut hat, und daß es mir, unberufen, sonst nach

Wunsch geht. Was das übrige anbelangt, z. B. auch Jule Grote und Mademoiselle

Martin (Schloß Werden nie zu vergessen!), so weiß nur der Vetter Just Everstein

das Allergenaueste. Wer also noch eine Frage auf dem Herzen hat, der wende

sich an ihn. Von Bodenwerder, wo der Freiherr von Münchhausen geboren

wurde, führt der Feldweg nach dem Steinhofe an jenem Steine vorbei, auf

welchem er — der Vetter Just — den Kopf in den Händen und die Arme auf die

Kniee stützend und so in das Blaue hineinstarrend — einst saß und wartete auf

menschliche Schicksale.

Anmerkungen zur Transkription

 

Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Im Original g e s p e r r t hervorgehobener

Text wurde in einem anderen Schriftstil markiert. Fremdsprachige Textstellen, die im

Original in Antiqua gesetzt sind, wurden in einer anderen Schriftart markiert.

 

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):

 

... unsterblichen Göttern sei Dank, daß dem so war! das wir einmal ...

... unsterblichen Göttern sei Dank, daß dem so war! daß wir einmal ...

... Sixtus und Irene Everstein!“ ...

... Sixtus und Irene Everstein! ...

... Warnungsruf von dorther nicht mehr zu erreichten vermöchte. ...

... Warnungsruf von dorther nicht mehr zu erreichen vermöchte. ...

... schlimmen Shylok mit Messer und Wagschale seine Existenz ...

... schlimmen Shylock mit Messer und Wagschale seine Existenz ...

... an den Magister Matheseos, Fritze Langreuter? und an meine ...

... an den Magister matheseos, Fritze Langreuter? und an meine ...

... davon, das es sehr süß ist, eine junge Geliebte vom Wagen zu ...

... davon, daß es sehr süß ist, eine junge Geliebte vom Wagen zu ...

... wieder; wenn du Lust hat, male dir alles übrige dazu oder ...

... wieder; wenn du Lust hast, male dir alles übrige dazu oder ...

... Da mußt du dich lieber an Mamsel Martin wenden; die war, ...

... Da mußt du dich lieber an Mamsell Martin wenden; die war, ...

... fing das Kind leise an zu wimnern, und der Vetter, die Mutter ...

... fing das Kind leise an zu wimmern, und der Vetter, die Mutter ...

... Was hatten Schloß Werden und der Steinhof und die Gärten ...

... Was hatten Schloß Werden und der Steinhof und die Gärten, ...

... worden sein?“ ...

... worden sein? ...

... Ich sagte nichts, denn ich hatte nichts zu sagen. Die Wunder ...

... Ich sagte nichts, denn ich hatte nichts zu sagen. Die Wunder, ...

... „Sieh,“ sieh.“ ...

... „Sieh, sieh.“ ...

... nimmer hatte ich ein vertrakt unleserlich Pergament-Manuskript ...

... nimmer hatte ich ein vertrackt unleserlich Pergament-Manuskript ...

... ich lade sie hiermit freundschaftlichst zum Frühstück. Nachher ...

... ich lade Sie hiermit freundschaftlichst zum Frühstück. Nachher ...

... und komm ruhig und behaglich nach Werden. Ich aber gehe. ...

... und komm ruhig und behaglich nach Werden. Ich aber gehe.“ ...

... widerspiegeln, und er wendete sich, zuckte die Achseln und sagte. ...

... widerspiegeln, und er wendete sich, zuckte die Achseln und sagte: ...

... Es ist ein gar nicht angenehmes Gefühl, und einen rechten ...

... „Es ist ein gar nicht angenehmes Gefühl, und einen rechten ...

... Baden-Baden, Homburg oder Aix-la-chapelle! Wir wohnen ...

... Baden-Baden, Homburg oder Aix-la-Chapelle! Wir wohnen ...

... um uns her ist nur, wie Mr. Viktor Hugo sagt in den Orientales: ...

... um uns her ist nur, wie Mr. Victor Hugo sagt in den Orientales: ...

... Ein halbe Stunde später befanden wir uns bereits auf dem ...

... Eine halbe Stunde später befanden wir uns bereits auf dem ...

... Pastor der Ortes kam noch einmal und saß eine geraume Weile. ...

... Pastor des Ortes kam noch einmal und saß eine geraume Weile. ...

 

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Wilhelm Raabe

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License. You must require such a user to return or

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and discontinue all use of and all access to other copies of

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Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of electronic works in formats readable by the widest variety of computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will remain freely available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.

 

Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit 501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information can be found at the Foundation's web site and official page at http://pglaf.org

For additional contact information:

Dr. Gregory B. Newby

Chief Executive and Director

gbnewby@pglaf.org

 

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide spread public support and donations to carry out its mission of increasing the number of public domain and licensed works that can be freely distributed in machine readable form accessible by the widest array of equipment including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating charities and charitable donations in all 50 states of the United States. Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these requirements. We do not solicit donations in locations where we have not received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make any statements concerning tax treatment of donations received from outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including checks, online payments and credit card donations. To donate, please visit: http://pglaf.org/donate

 

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be freely shared with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

 

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

 

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, including how to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.