Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten
Sechzehntes Kapitel.
Und Ewald und Irene? Was sagten und taten die denn? Das ward nun eine
Nacht, in der viele Geister umgingen in Werden — Schloß und Dorf; doch über
miracula et portenta, von großen Wundern und „Wunderzeychen“ am
Himmel und auf Erden und auch in den Herzen der Menschen habe ich nicht das
geringste zu berichten.
Jene beiden Leute begrüßten sich zuerst, wie es sich nach der langen
Trennung und bei der ersten Gelegenheit schickte, ernst und freundlich. Zu dem,
was die Welt eine Auseinandersetzung nennt, kam es fürs erste noch nicht, denn
teilnehmende Nachbarn sprachen immer noch ab und zu vor, und auch der
jetzige Pastor des Ortes kam noch einmal und saß eine geraume Weile. Er beging
vielleicht die einzige Indiskretion an diesem Abend, indem er den irischen
Ingenieur recht lobte und seine Heimkehr „so gerade zur rechten Zeit leider!“
mit allen ihren Umständen als etwas sehr Löbliches und Verdienstliches pries,
und sich dabei stets mit seiner Rede an die Frau Irene wendete.
Doch lauter als der beste Redner in der Welt gab der stille alte Herr hinter uns
in der Stube mit den offenen Fenstern sein stummes Wort darein und half uns
auch hierüber hinweg.
Auf den Spielplätzen des Dorfes verklang allgemach der Lärm der Dorfkinder.
Es wurde Nacht, und auch der gutmütige, wohlmeinende geistliche Herr ging
nach Hause, höflich von dem Vetter Just bis zum Hoftor begleitet.
„Wir haben uns lange nicht gesehen, liebe Irene,“ sagte jetzt der Irländer leise;
doch die Frau antwortete mit merkwürdig fester und klarer Stimme:
„Ja, lieber Ewald; es ist sehr lange her, und nun führt uns eine so traurige
Gelegenheit wieder zusammen! Dir ist es aber gottlob gut ergangen auf deinem
Lebenswege, du hast vieles ausgerichtet; ich habe den Vetter Just und hier den
Doktor Fritz gern davon erzählen hören —“
Hier räusperte sich der Vetter Just ziemlich vernehmlich und brummte:
„Hm, hm, hm.“
„Mein Bruder —“ wollte Eva einfallen, doch ich faßte rasch nach ihrer Hand,
und die Frau Irene fuhr fort, und der energische Wille, sich nichts vergeben zu
haben, kämpfte bedenklich mit noch unterdrückten Tränen:
„Du hattest es aber auch viel leichter in der Welt als ich.“
„Ja, liebe Irene!“ sagte der Freund. „Ich weiß das nur zu genau. Ja, ich habe es leicht gehabt und viel Glück!“ — Seine Stimme aber wurde rauh und hart, als er
hinzufügte: „Ich habe jahrelang keine Zeit gehabt, an meines Vaters Haus zu
denken, um dir das deinige wiederzugewinnen!“
„Aus Zorn und Mitleid, Ewald Sixtus!… O Eva, Eva, liebe, liebe Schwester,
behalte mich bei dir unter deines Vaters Dache diese Nacht!… Nein, nein!…
Just, o lieber Just, wie bin ich nur hierher gekommen? wo soll ich bleiben?“
Zum ersten Mal in dieser treuen, wahren Lebensgeschichte klang die Stimme
des Vetters ärgerlich, ja fast böse, als er sich erhob und sagte:
„Bei mir — Just Everstein! Eine Nacht geht bald vorüber. Auf Schloß
Werden, Gräfin Irene Everstein! Ich schaffe dir in dem alten Spuknest als alter
amerikanischer Hinterwäldler und Baumfäller ein Strohlager und ein Bund Heu
unter den wilden Kopf. Kommt herein zu dem Vater; Eva hat zwei Lichter neben
sein Bett gestellt, wir wollen dabei den Kauf richtig machen, Ewald! Ich, Just
Everstein vom Steinhofe, bin hiermit Eigentümer und Herr von Schloß Werden!“
…
Es ist nicht die Kraft, es ist die Angst des gefangenen Edelfalken, die das
Schreckliche ist und das Publikum vor den Gittern des Käfichts am meisten
interessiert; ich aber verspüre an dieser Stelle am allerwenigsten das Bedürfnis,
die Frau Baronin Rehlen interessant zu machen durch ihr Flattern und
Flügelschlagen. Habe auch kein Recht dazu.
Wir gingen wohl zu dem toten Vater hinein, aber nicht um einen
Handelskontrakt neben den zwei Lichtern, die sein stilles, friedliches,
freundliches Greisengesicht beleuchteten, abzuschließen. Irene stand an Ewalds
Schulter gelehnt, von seinem Arm umschlungen, und weinte leise und flüsterte:
„Kannst du mich denn noch lieb haben?“
Er war unverbesserlich, der brave Freund Ewald Sixtus! er hätte wirklich
schon von Geburt aus als Irländer in diese nüchtern-tragische Welt hineingesetzt
werden sollen.
Dem Weinen war er gleichfalls näher als dem Lachen, und seine Stimme
zitterte gleichfalls, als er an dem Sterbelager seines Vaters seine Liebe fester an
sein Herz zog; aber doch mußte es heraus und kam ganz in der alten Dummen-
Jungen-Weise:
„Ich kriege dich ja nur in den Handel, altes Mädchen! Aber — bei den ewigen
Göttern, die mir wahrhaftig den Weg bis zu dir schwer genug gemacht haben —
den Vetter Just halte ich bei seinem Worte! Wir beide, mein Herz, mein liebes,
liebes Herz, wir sehen uns nicht mehr um nach Schloß Werden; aber der Vetter
da, — der Vetter Just Everstein, der war von Gottes Gnaden allewege der
Gescheiteste von uns und hat mit unserer Schwester da allein die Gabe, alles
ruhig abzumachen. Du und ich, mein Herz, wir haben nur einmal den Versuch gemacht. Die beiden müssen für uns mit wissen, was mit Schloß Werden
anzufangen ist!“
Von Schloß Werden wurde nun nicht mehr gesprochen bis zum anderen
Morgen, und dann zwischen dem Vetter Just und mir. Wir verbrachten alle diese
Nacht unter dem nämlichen Dache; doch wohl keiner von uns in einem sehr
festen Schlaf. Auch ich nicht, der ich in jedem Augenblick vorgeben konnte daß
wichtigste, unaufschiebbare Geschäfte mich augenblicklich nach Berlin
zurückriefen und meine Gegenwart bei dem Begräbnis — bei dem Schmerz und
dem Trost der alten Heimat unmöglich machten.
Zwei Stunden nach Sonnenaufgang schon trieb es mich heraus.
Wahrscheinlich weil irgend etwas — was, kann ich nicht sagen — meinte: So
mag er doch wenigstens den Historiographen festhalten! — Im Unterstock des
Hauses traf ich nur die bleiche, traurige Eva an der Tür der Wohnstube. Sie hatte
jetzt ein weißes Laken über den toten Vater gelegt, und ich erhob das Tuch nicht
mehr. Ich wollte mir die Erinnerung an das schöne, ruhige Greisengesicht von
gestern abend unversehrt erhalten, und ich wußte es, wie der alte Maulwurf, das
Leben, in dem an der Arbeit bleibt, was der Mensch einen Leichnam nennt.
Als ich mich nach den anderen erkundigte, erfuhr ich, daß Ewald zum Meister
Dröge, dem Dorftischler, gegangen sei, und daß Irene ihn begleitet habe.
„Und Vetter Just?“
„Just wirst du wohl im Garten finden. Ich habe den Kaffeetisch dort
hergerichtet. O Gott, es ist ein so schöner Morgen — o Fritz, ich kann es mir
noch immer nicht denken!… Er war so vergnügt und gut, als er gestern in diese
nämliche Morgensonne hinein wegging! Er holte sich noch bei mir in der Küche
Feuer für seine liebe alte Pfeife, und ich sah ihm nicht einmal nach und gab ihm
das Geleit wie sonst bis ans Hoftor, und nun muß ich ihn in alle Ewigkeit mit
seinem weißen Haar und seinem guten freundlichen Gesicht bei mir am Herde
stehen sehen!… Ein paar Stunden später, in denen ich nicht einmal an ihn
dachte, brachten sie ihn zurück!“ …
Ich fand den Vetter Just nicht an dem Kaffeetische im Garten, und ich hielt es
auch nicht lange allein daran aus, in dem schönen Licht und Schatten, unter den
Sommerblumen ringsum, dem Bienensummen, Käfer- und Schmetterlingsflug.
„Der Herr Vetter Just spaziert auf der Chaussee,“ sagte ein Dorfkind, das in
die kleine Pforte in der grünen Hecke guckte; und auch ich trat aus diesem
Gartentürchen auf die Landstraße.
„Er ist nach dem Schlosse zu,“ meinte die kleine barfüßige, flachshaarige
Ostfalin, und ich kannte den Weg, der auch von hier aus quer über die
Landstraße nach Schloß Werden führte, und so ging ich dem Vetter Just
Everstein nach, — wohl tief in Gedanken wie er, und in ähnlichen, wenn auch nicht ganz in den gleichen.
In dem letzten Hause des Dorfes nach dieser Seite hin, wohnte der Meister
Dröge, der Tischler. Die helle, staubige Landstraße führte an seinem Eigentum
und dem Wiesenfleck, auf dem er seinen Vorrat von glatten Brettern und Balken
aufgeschichtet hatte, vorüber und ließ es zur Linken. Rechts aber führte ohne
Steg durch den mit Gras, Sternblumen und Kletten, Brennesseln und Thymian
ausgefüllten Chausseegraben der Schlupfweg durch jetzt noch im Tau
funkelndes, wirres Gestrüpp und Gebüsch, untermischt mit einzelnen höheren
Bäumen, nach dem verwünschten Schloß, dem alten, teuren Nest, in dem auch
ich flügge geworden war.
In seiner Werkstatt war der Meister Tischler an der Arbeit; ich hörte seinen
Hammer laut und deutlich genug. Eines seiner Kinder war’s gewesen, das mir
den Weg angedeutet hatte, auf dem ich den Vetter Just finden konnte.
Aber ich zögerte, ehe ich ihm folgte. Auf dem sonnigen Wiesenflecke, auf
einer Lage jener glatten, weißen Tannenbretter, von denen der Meister Schreiner
eines oder zwei zu seiner Arbeit die halbe Nacht hindurch verwendet hatte und
an denen jetzt sein Hammer zur Vollendung des Werkes klang, saßen Ewald und
Irene, dem Dorfe Werden und mir den Rücken zuwendend.
Sie saßen Hand in Hand, doch nicht dicht beisammen. Tief niedergebeugt, das
Haupt in der Hand, saß der Freund; und ob sie auch miteinander gesprochen
hatten, jetzt redeten sie nicht miteinander. Sie saßen still und horchten auf den
Hammer, der die Nägel scharf und hell und doch auch wieder melodisch in das
weiche Holz trieb. Kein Glockengeläut konnte feierlicher in einen Brautmorgen
hineinklingen, und ich wagte es wahrlich nicht, diese zwei Verlobten anzureden.
— — —
Der Pfad durch das taufunkelnde Gebüsch nahm mich auf und hinter mir
verhallte dieser ernste, bedeutungsvolle Hammerschlag. Durch hohes, gelbes
Kornfeld zog sich der enge Weg, die Lerchen hingen unsichtbar — fröhlich
darüber; und — seltsam! gerade in diesem Augenblick drängten sich die Bilder
und Gewohnheiten meines so lange gewohnten Daseins — die bekannte
Umgebung meines ruhigen Einsiedlerlebens durch mein Gedächtnis. Meine vier
Wände in Berlin, die Bücher an den Wänden und der Blick durchs Fenster in die
bunte lärmende Gasse. — Du träumst, Friedrich Langreuter? Was aber ist nun
ein Traum?… Besinne dich! — —
„Wo bist du eigentlich, Fritz?“ fragte der Vetter Just. „Du stiegest über den
Hof weg wie ein Nachtwandler. Wie siehst du denn aus, Doktor? Wie stolperst
du her?… Freilich, Steine des Anstoßes liegen hier genug im Wege!“
Da stand ich wieder in dem verwahrlosten Schloßhofe von Werden, und der
Vetter nickte mir von der mehrfach beschriebenen Steintreppe und Rampe zu.
„Es ist mir übrigens lieb, daß du kommst,“ brummte er. „Komm nur dreist
herauf, ich werde dich nicht mehr auslachen, wenn du behauptest, daß es hier
umgehe. Jedenfalls gehe ich nun seit einer Viertelstunde um dies alte Gemäuer
herum, und immer ist’s mir, als schleiche etwas hinter mir drein oder sehe gar
aus dem Fenster auf mich herunter. Die Sache ist mir nun doch außer allem
Spaß!… Der Vetter Just Everstein vom Steinhofe Herr von Schloß Werden!…
Den Irländer kenne ich. Der Strick hält mich am Wort, wenn ich es selber nicht
zurücknehme. Und er hat auch recht! Was will er mit seinem Weibe hier?… In
die Försterei setzt die Regierung einen neuen Mann in Grün; — alles für uns
ausgeflogene Nester!… Mein Weib nehme ich mit nach dem Steinhofe; das wäre
mir wirklich eine Burgfrau hier, die Bäuerin vom Steinhofe, mit Jule Grote als
Stewardess!… Sahst du auch die beiden — ich meine Ewald und Irene —
auf der Wiese des Meisters Dröge? Das ist mir nun ganz klar und deutlich, als
flösse schon das Weltmeer zwischen ihnen und Schloß Werden. Es weiß keiner
etwas anzufangen mit Schloß Werden und — ich auch nicht! Doktor, was meinst
du, wenn du es von mir in Pacht nähmest?“
Ich glaube fest, daß ich damals den Vetter ziemlich starr und mit etwas
weitgeöffnetem Munde angesehen habe; es war aber nur eine Schulmeister-
Reminiszenz aus Neu-Minden von ihm, wie sich gleich auswies.
„Ländereien nicht vorhanden,“ sagte er, „aber genügend Gartenland zu
Spielplätzen und Turnanstalten und was sonst dazu gehört. Ausgezeichnetes
Trinkwasser — gesunde Lage, frische Luft. Wald ringsum. Fritz, so ’ne
Erziehungsanstalt für unverbesserliche Jungen aus den besten Familien!… Mit
der Miete würde ich dich nicht drängen, zum Inventar würde ich zuschießen; wir
behielten dich hier in der Nähe, gut zahlende junge Engländer schickte Ewald,
deine Berliner brächtest du dir selber mit. Gekommen ist mir diese Idee freilich
eben erst, seit du hier bei mir stehst: aber — überlege dir mal die Sache!“
Von diesem Vorschlage hatte ich mir wahrlich nichts träumen lassen, als ich
mich eben auf dem Wege nach der alten Jugendheimat aus den bewegten,
wunderlichen, traurigen und doch so von der Sonne überglänzten und vom Grün
umrauschten gegenwärtigen Tagen plötzlich und ohne daß ich es wußte, wie es
zuging, in mein einsames großstädtisches Gelehrtendasein zurückverloren hatte.
Es war seltsam, aber wegleugnen ließ es sich nicht; ein gewisses leises,
unbestimmtes Heimwehgefühl hatte sich bemerkbar gemacht: Wohin gehst du,
Friedrich Langreuter, wenn sich nun in der allernächsten Zeit dieser Kreis, der
sich hier so schicksalsvoll geschlossen hatte, wieder auflöst? Sie sind nun am
Ende doch alle geborgen. Aber du, Fritz Langreuter, wenn du nun morgen
mitgegangen bist zu der letzten friedlichen Ruhestätte des guten, alten, treuen
Freundes? Wohin gehst du, wenn ihr morgen vom Kirchhofe zurückgekommen seid und für die übrigen das Lebensrad mit erneutem Schwunge sich wieder
aufwärts drehen wird? Was bleibt dir in den Händen als Gewinn von dieser
melancholisch-süßen Reise nach Schloß und Dorf Werden — der Fahrt in die
Jugend zurück?
Fast drollig klang nun in alle diese Fragen an das eigene Geschick der
treffliche Rat des Freundes, aus Schloß Werden ein Erziehungsinstitut zu
machen, hinein. Ich mußte auch lachen, aber heiter kam das gerade nicht heraus;
und dabei stand der Vetter Just mit seinem heitersten Lächeln auf dem ehrlichen,
breiten Gesicht weitbeinig, die Hände auf dem Rücken, vor mir:
„Na?! Was sagst du zu meinem Vorschlag?“
„Daß dies ganz der richtige Just Everstein ist. Neu-Minden, wie es leibt und
lebt. Ja, wenn nur ein jeder am Wege gesessen hätte wie dieser Mensch hier, und
Weisheit aus dem Wind und den Wolken wie aus dem alten Broeder gezogen
hätte! Ich danke dir herzlich, Vetter Just; aber — für mich wäre das wirklich das
letzte.“
„Dann ist mir Schloß Werden nur auf den Abbruch hin auf den Hals geladen
worden,“ seufzte Just Everstein vom Steinhofe und legte die Hand auf eines der
Bretter, mit denen die hohen Fenster des Unterstocks des Gebäudes teilweise
vernagelt waren. „Es wird wieder mal allerlei von einer festen Brücke bei
Bodenwerder geschwatzt und geschrieben. Da könnte ich vielleicht einen Teil
der Steine los werden. Schade, daß unser Landsmann, der Freiherr von
Münchhausen, sein Wort bei den maßgebenden Behörden nicht mehr dazu geben
kann! Über das Gartenland wollte ich mich schon mit den Bauern von Werden
verständigen, Gewissensbisse mache ich mir nicht darüber, wenn du auch nicht
gerade jetzt mit Irene Everstein darüber zu sprechen brauchst. — Everstein?
Everstein? Was würde der Herr Graf dazu sagen? und was mein seliger Vater —
von meinem Großvater gar nicht zu reden?!“
„Es geht alles in der Welt mit rechten Dingen zu, Vetter Just,“ erwiderte ich.
„Freilich die große, trostvolle Wahrheit, daß hinter jedem Ding als solches eben
die Welt als solche steht, wird einem meistens nur bei einer solchen Gelegenheit
wie diese klar. Das ist ein Gedanke: aus Schloß Werden eine Brücke zu bauen!
Ein trefflicher Gedanke, der einen selbst in der Vorstellung schon mit Kindern
und Kindeskindern sicher und fest in die Zukunft hineinführt!“
„Ein kurioses Ende vom Liede, würden die Werdenschen Bauern sagen,“
brummte der Vetter kopfschüttelnd.
„Aber die Quadern würden sie dir doch herzlich gern abfahren zu dem Werk.“
„Das würden sie! Und das Fell würden sie mir dabei über die Ohren ziehen,
wie es kein Everstein auf seinem alten Raubnest dort weiter ins Land hinein
seinerzeit besser verstand. Ja, auch das Lied hat kein Ende! Na ja, und wenn ein Stern zerspringt, so werden die Planetoiden daraus; — verwerten kann ich das
Material schon. Der Herr Graf! der Herr Graf! was würde der Herr Graf dazu
sagen, wenn er den Bauer vom Steinhofe sagen hörte: Das hat ja aber Zeit, ich
aber habe heute keine mehr, mich um das alte leere Nest zu kümmern! —?—
Über Jahr und Tag kannst du mir immer noch deinen guten Rat schriftlich geben,
Fritz; oder du bringst mir ihn mündlich, oder ich hole mir ihn und zeige meiner
Eva dabei zu gleicher Zeit die Stadt Berlin. — Dann werden Ewald und Irene
jenseits des Kanals sitzen, und wir können doch noch ein wenig unbefangener
über Schloß Werden und sein letztes Schicksal zu Rate sitzen. Jetzt habe ich
schon allzu lange um das öde Gemäuer mein armes, betrübtes Mädchen bei dem
toten Vater allein gelassen. Komm nach Hause, Doktor!“
Wir gingen, und — nun sind wir im letzten Akt, und da ich noch ganz und gar
zur alten Komödie gehöre, so hätte ich nunmehr das vollkommenste Recht,
meinen Oberrock aufzuknöpfen, meinen Stern und — mich als Serenissimus zu
zeigen. Als der Serenste, der Heiterste?… Wenn ich sagen wollte, als derjenige,
welchem doch von allen das bequemlichste Los zuteil geworden sei, so würde
ich damit wohl das richtigere treffen. Ich habe Zeit, wie ich es hier tue, den
Geschichtsschreiber von Dorf und Schloß Werden, den Biographen des
Steinhofes zu spielen. Habe ich meine Sache erträglich gemacht, so ist’s gut; ist
das Ding unter aller Kritik ausgefallen, so habe ich im Grunde ja doch nur für
den alten Vetter Just Everstein vom Steinhofe geschrieben, und der wird gottlob
nur lächelnd sagen:
„Ja, unser Berliner Doktor! Lesen mußt du’s, Evchen; mir ist mehr als einmal
die Pfeife drüber ausgegangen, und auf dein Gesicht dazu bin ich auch nicht
wenig gespannt. Mittelalterliche Geschichtsquellen hat der alte Junge auch in
unserem Falle gut studiert — na, laß ihn; während der Universitätsferien rückt er
wieder ein auf dem Hofe, und dann hoffe ich mündlich von ihm zu erfahren, ob
er mir in seiner Chronik mehr Schmeicheleien oder mehr Grobheiten gesagt
haben will. Nach England muß jedenfalls eine Kopie hinüber; denn das sehe ich
doch gar nicht ein, weshalb Ewald und Irene nicht gerade so gut wie wir über
diesen wunderbaren Historien den Kopf zwischen beide Hände nehmen sollen!
Es ist wirklich die Möglichkeit, was ein Mensch in der Einbildung des anderen
an Glück und Geschick und dem Gegenteil davon befahren kann! Ja, ja, mein
Herz, von Rechts wegen müßten wir nun, ich und du und Freund Ewald und
Frau Irene, uns hinsetzen und zu Papiere bringen, wie wir dies alles angesehen
haben, als wir es erlebten. Sollen wir, Herz?“
„Mir bleib damit vom Leibe,“ wird dann Frau Eva Everstein sagen. „Irene
wird auch keine Zeit dazu haben. Die ist froh, wenn sie meines Bruders
Korrespondenz besorgt hat. Also fällt es einzig und allein auf dich, Just, wenn wirklich in dem dicken Bündel Schriften (und was für eine Hand schreibt das
Menschenkind dazu!) was drin steht, was von einem von uns beantwortet
werden muß.“
„Ja, wenn man nur nicht zu behaglich in dem alten Neste säße, und wenn
einem nur der Tag Ruhe ließe!“ wird der Vetter Just die Unterredung mit seinem
Weibe über das Manuskriptum des „Doktors in Berlin“ fürs erste zu einem
behaglichen Ende bringen. — — —
Nun wird es natürlich wieder Leute geben, die nie zufrieden sind, wo es sich
um den Schluß einer Geschichte, die man ihnen erzählt, handelt; die alles immer
noch genauer und ausführlicher zu wissen wünschen, als der Erzähler es
vortragen kann oder — will. Wo es sich um eine Hochzeit handelt, wollen sie die
Zahl der Musikanten kennen, wo eine Taufe das Ende ist, soll ihnen nicht ein
einziger Gevatter unterschlagen werden, und im vorliegenden Falle (o, ich kenne
sie!) möchten sie mit „zur Leiche“ gehen, das heißt den guten alten Vater Sixtus
mit begraben, und dann ganz genau in Erfahrung bringen, ob Schloß Werden
wirklich ebenso vom Erdboden verschwunden sei wie die Nester, die wir aus
dem Schlosse einst in die Luft und das grüne Gezweig hingen, oder was
eigentlich zu allerletzt der Vetter Just Everstein damit angefangen habe. Ich für
mein Teil hätte nun wohl noch mancherlei von Ewald und Irene zu berichten;
aber sonderbarerweise würde ich dafür die wenigsten aufmerksamen Ohren
finden, denn „Das kann sich ja ein jeder leicht denken“.
Und so sage ich nur, daß Irene mir die Instandhaltung eines Kindergrabes auf
einem Berliner Kirchhofe anvertraut hat, und daß es mir, unberufen, sonst nach
Wunsch geht. Was das übrige anbelangt, z. B. auch Jule Grote und Mademoiselle
Martin (Schloß Werden nie zu vergessen!), so weiß nur der Vetter Just Everstein
das Allergenaueste. Wer also noch eine Frage auf dem Herzen hat, der wende
sich an ihn. Von Bodenwerder, wo der Freiherr von Münchhausen geboren
wurde, führt der Feldweg nach dem Steinhofe an jenem Steine vorbei, auf
welchem er — der Vetter Just — den Kopf in den Händen und die Arme auf die
Kniee stützend und so in das Blaue hineinstarrend — einst saß und wartete auf
menschliche Schicksale.
Anmerkungen zur Transkription
Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Im Original g e s p e r r t hervorgehobener
Text wurde in einem anderen Schriftstil markiert. Fremdsprachige Textstellen, die im
Original in Antiqua gesetzt sind, wurden in einer anderen Schriftart markiert.
Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
... unsterblichen Göttern sei Dank, daß dem so war! das wir einmal ...
... unsterblichen Göttern sei Dank, daß dem so war! daß wir einmal ...
... Sixtus und Irene Everstein!“ ...
... Sixtus und Irene Everstein! ...
... Warnungsruf von dorther nicht mehr zu erreichten vermöchte. ...
... Warnungsruf von dorther nicht mehr zu erreichen vermöchte. ...
... schlimmen Shylok mit Messer und Wagschale seine Existenz ...
... schlimmen Shylock mit Messer und Wagschale seine Existenz ...
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... Was hatten Schloß Werden und der Steinhof und die Gärten ...
... Was hatten Schloß Werden und der Steinhof und die Gärten, ...
... worden sein?“ ...
... worden sein? ...
... Ich sagte nichts, denn ich hatte nichts zu sagen. Die Wunder ...
... Ich sagte nichts, denn ich hatte nichts zu sagen. Die Wunder, ...
... „Sieh,“ sieh.“ ...
... „Sieh, sieh.“ ...
... nimmer hatte ich ein vertrakt unleserlich Pergament-Manuskript ...
... nimmer hatte ich ein vertrackt unleserlich Pergament-Manuskript ...
... ich lade sie hiermit freundschaftlichst zum Frühstück. Nachher ...
... ich lade Sie hiermit freundschaftlichst zum Frühstück. Nachher ...
... und komm ruhig und behaglich nach Werden. Ich aber gehe. ...
... und komm ruhig und behaglich nach Werden. Ich aber gehe.“ ...
... widerspiegeln, und er wendete sich, zuckte die Achseln und sagte. ...
... widerspiegeln, und er wendete sich, zuckte die Achseln und sagte: ...
... Es ist ein gar nicht angenehmes Gefühl, und einen rechten ...
... „Es ist ein gar nicht angenehmes Gefühl, und einen rechten ...
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Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of electronic works in formats readable by the widest variety of computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks of life.
Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will remain freely available for generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit 501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information can be found at the Foundation's web site and official page at http://pglaf.org
For additional contact information:
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Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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International donations are gratefully accepted, but we cannot make any statements concerning tax treatment of donations received from outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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