Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Wilhelm Raabe · Kapitel 32 von 36

PDF-Seiten

Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Zwölftes Kapitel.

 

Der Fluß hatte es eilig wie immer; aber er, der mir in meiner Kindheit den

einzigen klaren Eindruck von dem Vorbeigleiten der Erscheinung gegeben hatte,

dessen schnelle Wasser mich in der Phantasie stets unwiderstehlich mit sich in

die Ferne gerissen hatten, er war von allen Dingen in der Heimatgegend allein

derselbe geblieben. Unsere Nester in den großen Nußbüschen waren

verschwunden, die Wiese, über die sonst der Weg nach dem Walde führte,

zerstückelt und zum Teil zu Ackerfeldern gemacht. Auch die Wälder selbst

waren nicht mehr die nämlichen wie sonst. Den Hochwald hatte man teilweise

gelichtet, teilweise ganz niedergeschlagen; das Unterholz war aufgeschossen,

und Heidestrecken hatten sich mit dichtem Gebüsch bedeckt. Wo man sonst von

einem Berggipfel die freieste Aussicht in die Ferne gehabt hatte, suchte man nun

nach einem Blick auf den Sommerhimmel zwischen dem dicht verschlungenen

Gezweig. Nicht alle Pfade liefen noch wie in unserer Jugendzeit durch den Forst,

aber der Fluß — der Fluß ging noch seinen alten Weg; ich aber ging diesmal

über die Brücke bei Bodenwerder und verließ mich nicht mehr auf den Kahn,

welchen vordem der Vater Klaus stets so mürrisch-wohlgefällig zu unserem

Dienst aus dem Uferschilf und Röhricht hervorzog. Auch das war sehr fraglich,

ob ich den guten Alten, seine Fischerhütte, sein lustig romantisch Herdfeuerchen

und sein morsches Fahrzeug noch am Rande der Weser finden würde. Über

sechzig Jahre war er schon zu unserer Zeit alt gewesen, aber unterwegs tat es mir

doch leid, daß ich mich nicht nach ihm erkundigt hatte, und fast wäre ich noch

umgekehrt.

Wie andere gelassene Leute gelangte ich über die Brücke bei Bodenwerder

von einem Ufer auf das andere und auf den Weg nach dem Steinhofe.

Der zog sich noch durch die Felder wie sonst. Mir war es, als müsse ich jeden

Dornbusch an seinem Rande wiedererkennen und dürfe ruhig auf seine Identität

schwören; doch dies war wohl ein Irrtum. Ich habe es beschrieben, wie wir als

Kinder auf diesem Pfade an heißen Sommertagen müde wurden und uns nach

dem Baumschatten, dem kühlen Grase im Grasgarten und nach der guten

Verpflegung des Hofes sehnten; ich habe es geschildert, wie wir den Vetter auf

einem Steine am Wege auf Menschenschicksale wartend fanden, und — auf den

Stein durfte ich dreist schwören: es saß wiederum jemand darauf, in seine

Träume verloren, auf Menschenschicksale wartend und die Schritte, die sich auf dem heißen, sonnigen, steinigen Wege näherten, überhörend.

Auf dem Feldquarz, unter den Disteln und Nesseln, zwischen die einst der

Vetter Just Everstein verlegen greinend seine lateinische Grammatik versteckt

hatte, als wir ihn nach unserer Art jubelnd anschrien, saß unter dem wolkenlosen

blauen Sommerhimmel, ihr schönes müdes Haupt mit der Hand stützend, der

Gast des Vetters Just, Irene von Everstein.

Ich sah sie niedergleiten am frühen frischen Morgen aus unseren

schwankenden Märchennestern im Grün, hinab auf die tauige, blitzende Wiese;

ich sah sie elfenhaft uns vorangleiten durch das Waldesdunkel; ich hörte sie

lachen auf dem Fluß und sah sie ihre Hand in die rinnenden Wellen tauchen:

erzählte uns nicht einmal vor langen Jahren der Vater Klaus auf der Überfahrt

von einer, die wohl weit von oben her zugereist sein mußte, weil sie, nachdem er

sie aus dem Schilf ans Land geholt hatte, niemand kannte im Lande?

„Lassen Sie das Schaukeln lieber auf dem Wasser, junge Herrschaften! Die

alten Bretter unter uns sind doch wohl allgemach ’n bißchen brüchig geworden,

und das dreht sich gerade hier in Wirbeln, und der Untiefe ist nicht gut zu trauen.

Ich möchte um alles nicht, daß die Herrschaft zu Hause es mir zuschieben

könnte, wenn ich die jungen Herrschaften nicht heil ans Land brächte.“

Ich sprach sie leise an:

„Guten Tag, liebe Irene.“

Sie fuhr zusammen und empor; doch als sie mich erkannt hatte, stand sie nicht

auf, sondern blieb sitzen auf dem Stein am Wege und reichte mir mit einem

traurigen Lächeln die Hand in die Höhe.

„Du bist es, Fritz? Wie kann man die Leute so erschrecken!… Aber es ist

wohl nicht deine Schuld, sondern meine und meine Torheit. Wie kann man sich

so ins freie Feld setzen und sich die blendende Sommersonne auf den Scheitel

und in die Augen scheinen lassen, ohne für seine besten Freunde blind und taub

zu werden? Das ist aber gut von dir, daß du gekommen bist, der Vetter wird sich

sehr freuen; — er kam gleich in der Nacht mit glänzenden Augen, um es zu

verkünden, daß — du wieder im Lande seist.“

Sie sprach die letzten Worte nur zögernd; ich hielt ihre Hand noch fest und

sagte:

„Ich bin aber nicht allein in die alte Heimat zurückgekommen, Irene.“

Da zog sie mir die Hand weg, erhob sich nun und erwiderte erst nach einer

geraumen Weile:

„Ich weiß durch den Vetter Just Bescheid über alles.“

„Über alles?… Über alles doch wohl nicht!“

„Doch!“ sagte sie, und das Wort kam kurz und hart heraus. „Wir stehen hier

jetzt in der hellen heißen Sonne des Mittags, und es ist mir lieb so und ganz recht. Wir wollen nicht den Schatten und das freundliche Dach des Freundes

suchen, um uns behaglicher und langatmiger über Schicksal und Schuld

auszulassen —“

„Irene?!“

„Ich höre gern einmal wieder meinen Namen mit so freundlicher besorgter

Stimme auch von dir rufen, Friedrich; — o, ich weiß es wohl, ihr alle meint es

sehr gut mit mir und habt so viel Geduld; ich aber habe nichts für euch, als daß

ich euch sage, wie es mir zumute ist; und — um das Herz ist’s mir, als hätte ich

weiter nichts in der Welt, als daß ich mich gegen euch wehre, … gegen euch

alle!“ …

Wie verstohlen hatte der Vetter Just den alten Broeder, die Grammatik, in der

er alle Weisheit der Welt vermutete, einst unter dem Stein da und zwischen den

Disteln und dem Wegelattich versteckt; — wie hatten Ewald und Irene gelacht,

als sie das zerlesene Buch doch hervorzogen: nun hielt mir heute Irene Everstein

das Blatt für Blatt mit Tränen getränkte Buch, über welchem ich sie jetzt

überrascht hatte, offen hin.

Ganz nahe beugte sie sich zu mir und flüsterte mehr, als daß sie sprach:

„Sage ihm, daß ich alles weiß, was er für mich getan hat, um mich getan hat!

Er hat sein Leben daran gesetzt, und er hat nicht nach rechts und nach links

gesehen, sondern nur rückwärts nach der Stunde, in der wir, ich und er, Abschied

voneinander nahmen. Ich bin das Weib eines anderen Mannes geworden, und er

hat seinen Willen durchgesetzt, um mich zu demütigen und zu dem Geständnis

meiner Schuld gegen ihn zu bringen …“

„Nein, nein! Das ist nicht so! Irene Everstein, das ist wahrhaftig nicht so!“ rief

ich.

„Das ist doch so!“ antwortete sie kopfschüttelnd, aber ganz sanft. „Sieh,

Freund, er und ich haben uns immer zu gut gekannt, um nicht besser als all ihr

übrigen zu wissen, wie es um uns steht. Es ist auch ganz das Richtige, was er

getan hat, und ich gönne ihm seinen Sieg und seinen Triumph; — ich freue

mich, daß er so stark und so tapfer gewesen ist und im Stillschweigen! wäre ich

seine Schwester, wie unsere liebe Eva, so wäre mein Glück vollkommen! Aber

ich bin nicht seine Schwester — ich bin nicht sein Weib geworden — sieh, Fritz

Langreuter, die Sonne steht uns klar und hell über den Köpfen, und in ihrem

Scheine spreche ich zu dir klar und hell, und eine alberne frauenzimmerliche

Närrin bin ich nie gewesen: ich gehörte ihm zu, und er gehörte zu mir von Gottes

und Rechts wegen, seit wir unseren Kinderhaushalt im Spiel in den grünen

Büschen von Schloß Werden aufschlugen! Er aber weiß das, und jetzt, da meine

Jugend dahin ist, und da ich als Bettlerin bei dem guten, barmherzigen, weisen

Mann, dem Vetter Just, hier auf dem Steinhofe sitze, da ich bin, was ich bin, kommt er — der Unbarmherzige, und ich fühle seine tapfere treue Hand wie mit

einem bösen zornigen Griff und Schütteln an meiner Schulter! Mir gehört heute

deines Vaters Haus, deinetwegen gehört es mir; ich habe in der Fremde, im

Stillschweigen, in der Arbeit, die lange, lange Zeit durch, dich keinen

Augenblick aus meinen Sinnen und Gedanken freigelassen, nun nimm deine

Kraft zusammen und vergiß und sei glücklich; wir wollen uns von neuem

einrichten in den Ruinen, mit keinem Wort und keinem Blick will ich dich je

daran erinnern, daß wir in Ruinen wohnen! Und nun — rede du mir dagegen,

Fritz, und sage, es hat keinen Sinn, was du sprichst, Irene, du sprichst nur aus

deinem kranken, verwirrten Gemüte in den hellen, gesunden, lichten, stillen Tag

hinein, weil du in deiner Unruhe und Angst eine Stimme — deine Stimme hören

möchtest.“

Sie hatte recht; es war recht schwer, ihr etwas zu erwidern. Während ich nach

Formeln, Phrasen suchte und für hundertfältiges Ja und Nein ein erlösendes Wort

suchte, schritt ich wieder mit Ewald Sixtus durch die Gänge, Stuben und

Kammern von Schloß Werden, rüttelte an verrosteten Türgriffen, drückte mit

dem Knie die verquollenen, widerspenstigen Türen auf und sah scheu auf die

Fußtapfen, die wir hinter uns zurückließen in dem Staube, der den Boden

bedeckte.

Er hatte recht, der Freund: es war nicht dasselbe, wenn er Schloß Werden

gewann und Just Everstein den Steinhof wiedergewann! Schlafendes Leben läßt

sich wieder aufwecken, aber Totes läßt sich nicht lebendig machen; und Schloß

Werden war tot, war tot auch für das Kind des Hauses und für den, der sein

Herzblut darum gegeben hätte und seinen ganzen Willen gegeben hatte, das Rad

zurückzudrehen und der Frau auf dem Steinhofe zu sagen:

„Komm und sieh, was ich für dich und mich habe tun können“ …

Das war nichts; aber in dieser heißen, blendenden Mittagsstunde, nach dem

letzten Worte Irenes zuckte es mir eben durch Hirn und Herz: „Aber das ist ja

auch nichts, und die Hauptsache ist es ja einzig und allein, daß sie es wissen und

es deutlich sagen können, wie es ihnen zumute ist. Alles andere bedeutet nichts,

und die Nester, die sie in die Zweige der Nußbüsche an der Hecke bauten, gelten

ebensoviel wie die Mauern von Schloß Werden. Auf schwankendem Gezweige,

zwischen Himmel und Erde schaukeln wir alle; aber am meisten dann, wenn wir

am tiefsten in die Erde graben, um einen festen Grundstein für die Burg zu

legen, in der wir mit unserem Glück zu wohnen wünschen.“ Irene kämpfte

mühsam mit ihren Tränen; mich aber überkam allgemach immer mehr die

Gewißheit, daß hier doch noch nicht alles aus und zu Ende sei; wie es aber sich

zuletzt schicken mochte zwischen diesen zwei stolzen, widerspenstigen Seelen,

wer konnte das sagen?!

Wie aber schickte es sich, daß die Jugendfreundin gerade in diesem

Augenblick meine Hand fester nahm und mir zuflüsterte:

„Nicht wahr, Fritz, es ist doch auch gut so, wie sich das Verhältnis zwischen

dem Vetter Just und unserer Eva gestaltet hat?“

„Ja!“ sagte ich, und ich sprach keine Unwahrheit, wenn ich hinzufügte, daß

ich meinesteils vollkommen damit einverstanden sei. Habe ich es nicht schon

gesagt, daß ich der größte Egoist von allen diesen Menschenkindern geworden

war und mir am meisten die Fähigkeit gewonnen hatte, allein zu bleiben und —

dann und wann auf Verlangen ruhig den anderen ihre Ansicht zu bestätigen oder

gar sogenannten guten Rat zu geben?…

Vielleicht hätte ich aber doch nicht so klar und gelassen bejahend auf diese

zwischen Tränen hervorspringende Frage geantwortet, wenn es nicht die

Hauptperson in diesen Lebensgeschichten gewesen wäre, welcher gegenüber ich

mein Recht, nein zu sagen, aufgegeben hatte.

Ihre Augen hastig trocknend, rief Irene:

„Da kommt der Vetter!“ und wir wendeten beide uns ihm rasch zu, beide froh,

daß er dieser kurzen, bitteren, schmerzensreichen Unterhaltung auf dem

schattenlosen Feldwege ein Ende machte.

Er kam von seinem Gehöft, von seinem in so ganz anderer Weise als Schloß

Werden wiedergewonnenen Erbsitz auf dieser Erde. Auch ihn sah ich jetzt zum

ersten Mal in der hellen Mittagssonne der Heimat, und sie änderte nichts daran,

sie stellte es nur in ein helleres, freudigeres und sozusagen verständigeres Licht:

in seinen gemütsruhigen, gesunden Jahren paßte und gehörte er ganz und gar zu

Eva Sixtus, und ich änderte nichts an dem Faktum!

Es lag in jedem seiner Schritte etwas wie eine Bürgschaft für den ferneren

guten, stillen, hülfswilligen Lebensweg der beiden Leute. Mit den buntfarbigen

Phantasmagorien, mit den Schmerzen und Tränen der Jugend hatte die lächelnde

Sonne, die auf seiner Stirn und seinem Hausdache lag, freilich schon längst

nichts mehr zu schaffen; aber nichtsdestoweniger ist und bleibt sie etwas sehr

Gutes und Wünschenswertes in dieser Welt der Verwirrung, des Nebels und des

Landregens.

„Das ist gut, daß du wenigstens da bist,“ sagte der Vetter Just Everstein.