Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Wilhelm Raabe · Kapitel 23 von 36

PDF-Seiten

Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Drittes Kapitel.

 

Davon sprachen wir auf der Reise; denn wir reisten wirklich. Wie ein Kind im

Sack wurde ich von diesem wilden Irländer aus dem Försterhause zu Dorf

Werden mitgenommen. Er kam und half mir beim Packen, er packte für mich,

und er packte mich selber und ließ nicht los. Hals über Kopf wurde auch ich wie

in einen Reisesack hineingestopft und in eine Droschke geworfen; wie ich es

dann und wann bereute, daß ich mich nicht schon von dem Vetter Just Everstein

hatte mitnehmen lassen, kann ich gar nicht sagen.

„Nach dem Potsdamer Bahnhofe, Kutscher, und rasch! Viele Zeit haben wir

nicht übrig.“

Mit dem Gefühle, meine Türen, meine sämtlichen Schubladen, Kisten und

Kasten unverschlossen und jeglicher Durchstöberung offen hinter mir

zurückgelassen zu haben, kam ich auf dem Bahnhofe an. Wir hatten in der Tat

nur noch fünf Minuten vor dem Abgang des Zuges übrig, und das Schicksal

benutzte dieselben, um mir einen rettenden Finger in den Wirbeln des

aufregungsvollen Tages hinzuhalten.

„Siehe da! Reisen wir in der Tat zusammen, Herr Doktor?“ fragt eine Stimme

mir gegenüber in dem Coupé, in das ich von dem raschen Freunde mehr gehoben

als geschoben worden war, und ein einige fünfzig Jahre alter korpulenter Herr

hob mit wohlwollendem Lächeln den Strohhut von einer ungemein glänzenden

Stirn, grüßte auch meinen Irländer und meinte mit etwas asthmatischem

Keuchen, das auf eine vielleicht etwas zu gute Ernährung und zu wenig

körperliche Bewegung hindeutete:

„Ja? Dies freut mich wirklich. So bleiben wir so ziemlich bis zum Ende der

Fahrt beisammen und hoffentlich möglichst unter uns. Bitte, mein Herr, lassen

Sie mich bis zum Abgang des Zuges aus dem Fenster blicken. Ich bin der

Dickste und schrecke am meisten ab.“

Mr. Sixtus sah sich den Fremden an, aber — bereits von hinten. Breit,

schwitzend und blasend lag derselbige schon im Wagenfenster, sich ganz und gar

für jetzt — dem Publikum unter der Bahnhofshalle widmend, und Ewald ließ

von den weit auseinanderklaffenden Rockschößen des Reisegenossen den Blick

fragend zu mir hinübergleiten.

„Kennst du ihn nicht mehr?… Bösenberg! — Stadtrat Bösenberg aus

Finkenrode,“ flüsterte ich.

„Ich werde mich sofort selber Ihnen wieder vorstellen, Sixtus,“ sprach der

Stadtrat, halb über die Schulter zurück sich wendend, ins Coupé hinein. „Da

gehen wir ab und bleiben fürs erste wenigstens als Provinzgenossen unter uns.

So.“

Er setzte sich, nachdem sich der Zug in Bewegung gesetzt hatte, breit und

behaglich, wischte nochmals die Stirn mit dem ziemlich provinzhaft

aussehenden Sacktuch und sagte:

„Lieber Herr, ich bin in der Tat der Stadtrat Bösenberg aus Finkenrode. Habe

hier in dem ungemütlichen Großnest die letzten Wochen hindurch meine

alljährliche, von verschiedenen Leuten sogenannte Auffrischungskur glücklich

abgemacht; — Sie kennen das ja, Langreuter; — sehne mich unendlich nach

meinem Schlafrock und meinen Pantoffeln und — Sie habe ich auf der Stelle

wiedererkannt, Sixtus, obgleich ich seit einer erklecklichen Reihe von Jahren

nicht das Vergnügen hatte, Sie zu sehen. Wo haben Sie denn eigentlich gesteckt,

junger Mann?“

Der „junge Mann“ gab willig in der Kürze die gewünschte Auskunft, und der

Finkenrodener Stadtrat sagte:

„Sieh, sieh.“

Mir, der ich ihn, abgesehen von allem übrigen, auch aus der

Literaturgeschichte kannte, war das Zusammentreffen mit ihm und seine

Reisegenossenschaft keineswegs zuwider. Und da wir von dem gewöhnlichen

Reisetumult und Gedränge in unserem Wagen ziemlich ungestört blieben,

hinderte uns nichts oder doch nur wenig, so vertrauensvoll und mitteilsam

gegeneinander zu sein, als das unter verständigen oder verständig gewordenen

Leuten nur irgend der Fall sein kann. Was den Freund Ewald anbetraf, den der

Vetter Just als einen vollständig ausgewechselten Werdener, als einen

stocktauben und stockstummen Engländer in Belfast wiedergefunden zu haben

glaubte, so war der auch jetzt derjenige, welcher das kleinste oder vielmehr gar

kein Blatt in irgendeiner Beziehung vor den Mund nahm, so daß dies mir,

wenigstens im Anfang, dem uns doch ziemlich fremden Stadtrat gegenüber ein

wenig peinlich war. Alle seine und unsere Geschichten kramte er mit einer

Unbefangenheit aus, die ganz und gar Schloß und Dorf Werden, Bodenwerder

und der Steinhof war. Wie der Poet aus dem Sumpfe der Alltäglichkeit die Perle

des Interesses für seine Zuhörer herausfischt, so ging dieser irländische

Ingenieur, wenigstens zu Anfang unserer Reise, auf den Fang aus im Bereiche

der größten Trivialität unserer Jugenderlebnisse, und die Fragen: Weißt du noch,

Fritz? Erinnerst du dich noch, Langreuter? Alter Kerl, das kannst du doch

unmöglich vergessen haben? — schienen nimmer ein Ende nehmen zu wollen.

Poetisch aber gebärdete er sich durchaus nicht bei dieser Fischerei und wurde, wie ich nicht umhin kann zu bemerken, von dem Finkenrodener städtischen

Würdenträger und früheren lyrischen Subredakteur des freilich auch schon

ziemlich lange selig in allen seinen Sünden entschlafenen „Chamäleons“ nach

dieser Richtung hin nicht im mindesten entmutigt, sondern im Gegenteil: der

Verfasser der „Heiratsgedanken“, der Dichter der „frommen Liebeslieder“ gab

nur da zum ersten Mal seine abweichende Ansicht durch ein asthmatisch

Gegrunze zu erkennen, wo mein Jugendfreund zwischen zwei abgeschmackten

Schnurren mit einem Seufzer sagte:

„Meine Herren, achten Sie dann und wann nicht auf mich! Ich sitze hier

immer doch mit einem merkwürdigen Gemisch von Gefühlen; und Rührung und

Beängstigung sind die vorherrschenden. Sie, Herr Bösenberg, haben ja aber auch

einmal Ähnliches auf dieser selben Bahnstrecke durchgemacht, darüber

geschrieben und das Geschriebene sogar drucken lassen.“

Der Stadtrat gab einen Ton von sich, der ungefähr wie: „Whu!“ klang. Dann

brummte er:

„Jawohl. Das Vergnügen habe ich mir und einigen anderen gemacht. Ich

danke Ihnen für die gütige Erinnerung, lieber Sixtus. Es ist mir freilich so, als ob

ich das alles in Ihnen und dem anderen Herrn da in der anderen Ecke jetzt zum

zweiten Mal erlebe; aber Gott sei gelobt und gepriesen! zu schreiben brauche ich

heute nicht mehr darüber! also — erzählen Sie nur ruhig weiter von sich und

dem Herrn Vetter Everstein und dem Herrn Doktor da; — von Schloß Werden,

dem Försterhause und dem Steinhofe. Die Hauptsache denke ich mir selber dann

wohl schon dazu. Ja, ich habe es mit vielem Interesse schon auf dem letzten

Ostermarkt gehört, daß Frau von Rehlen, die frühere Komtesse Everstein,

nunmehr ihren Aufenthalt bei dem Vetter Just auf dem Steinhofe genommen hat.

Fräulein Schwester befindet sich, unberufen, immer noch recht wohl, pflegt den

alten guten Papa und verkehrt dann und wann recht freundschaftlich mit meiner

alten Freundin, Frau Sidonie Mietze in Bodenwerder. Sie wissen doch, daß der

Spiritusfabrikant schon vor fünfzehn Jahren nach der Heimat des Freiherrn von

Münchhausen übersiedelte?“

Ich wußte das letztere nicht, da es mich im Grunde auch wenig interessierte;

aber seltsamerweise wußte es der Ingenieur und interessierte sich auch sehr

dafür. Seine Kenntnis der heimischen Zustände war in der Tat überraschend,

und, was mir als das Auffallendste erschien, nichts von allem hatte sich ihm

irgendwie ins Phantastische gezogen, wie das leider bei mir heute der Fall war

und im Jahre Achtzehnhundertachtundfünfzig bei dem heutigen alten, fett und

Stadtrat gewordenen Junggesellen Dr. Max Bösenberg.

Es waren dieselben Geleise, auf denen wir mit dem Eilzuge dahinglitten: ich,

der Biograph der Leute von Schloß Werden, heute, und der Doktor Bösenberg, der Biograph der Kinder von Finkenrode, damals. Ganz wunderlich sprach der

irisch-deutsche Baukünstler aus seiner Wagenecke darein; nämlich so hell,

unbefangen und vernünftig, daß ich kaum ein Wort dazwischen zu reden wagte

und dem Stadtrat dankbar war, wenn er das mit schwitzender Gemütlichkeit tat.

„Weshalb ich nicht häufiger an die lieben Angehörigen — das gute Evchen

und den alten Papa schrieb? Weshalb ich ihnen nicht von Tag zu Tag über mich

Nachricht und Rechenschaft gab?“ fragte der Ingenieur und jetzige Besitzer von

Schloß Werden. „Einfach aus dem nämlichen Grunde, aus welchem die

zärtlichsten Leute es verabsäumen, die gewöhnlichsten Pflichten der Höflichkeit

zu erfüllen, gentlemen. Heute haben sie keine Zeit, und morgen haben sie

keine Lust. Gewissensbisse lassen sich in dieser Hinsicht weit leichter verdauen

als die Ärgernisse, die an allem hängen, was in der Ferne vordem unsere

Behaglichkeit, unser Pläsier und — unsere Hoffnung war. Es quält einen in der

Fremde nichts mehr als das Schönste und Liebste, was man in der Heimat gehabt

hat und hat aufgeben müssen! Habe ich nicht recht, Herr Bösenberg?“

„Natürlich! Von Ihrem Standpunkte aus!“ brummte der Stadtrat und summte

dabei aus Zampa: Wenn ein Mädchen mir gefällt!… „Bitte um etwas Feuer,

wenn Ihre Zigarre noch brennt. Ich habe so ein Liedchen von den Zuständen und

Verhältnissen zu Werden singen hören. Bis in unsere Magistratssitzungen drang

es herüber nach dem Tode des Alten — ich meine des alten Biedermanns und

bankerotten Dynasten von Schloß Werden. Man wächst dann und wann nicht

ungestraft zusammen auf als Jüngling und Jungfrau, wenn man nicht zufällig

Bruder und Schwester ist. Kenne das! Also deshalb haben Sie nicht häufiger

nach Hause geschrieben? Aber fahren Sie nur fort! Das andere interessiert einen

nach den eigensten persönlichen Erlebnissen immer noch, selbst wenn man mehr

oder weniger durch Gunst der Götter zu den Höchstbesteuerten in seiner

Kommune gehört und es — zu einer Stellung gebracht hat wie ich.“

Wir waren diesmal mit dem Abendzuge von Berlin abgefahren und fuhren

also auch in die beginnende Nacht hinein wie der Feuilleton-Redakteur des

Chamäleons im Jahre Achtundfünfzig. Der einzige Unterschied bestand darin,

daß es Sommer war und nicht der dreißigste November wie damals. Jenes Buch

von den Kindern von Finkenrode hatte aber seinerzeit, wenigstens in unserer

Gegend, und dieses selbstverständlich, ein gewisses drolliges, mit Erstaunen

vermischtes Aufsehen gemacht, und die Figuren und Situationen hafteten mir

auch heute noch deutlich genug im Gedächtnisse, um mich ihnen, sowie dem —

gegenwärtigen Stadtrat Dr. Max Bösenberg mit vollstem Verständnis hingeben

zu können. Was ich dann und wann aus dem Buche zitiere, schreibe ich freilich,

wie das nicht anders sein kann, nachträglich ab. Auswendig wußte ich es nicht.

„Zu Hause! Jeder aufblitzende Lichtstrahl aus einem Hüttenfenster auf der nebeligen Heide erfüllte mich mit einem Gefühl der Verödung, der

Vereinsamung. Zu Hause! Wo ist mein Haus? Wo ist meine Heimat?… Mein

Blick verlor sich in dem dichter gewordenen Nebel draußen. Der Zug flog in

diesem Augenblick über ein altes Schlachtfeld, wo vor langen Jahren um

Langvergessenes Tausende und Abertausende geblutet hatten. Es schien mir, als

ob die wogenden, wallenden Dunstmassen sich in kämpfende Männer und Rosse

verwandelten, zum Kampfe um ein zerfließendes Nichts. Im wilden,

geisterhaften Getümmel drängte sich ein Chaos phantastischer Gestalten auf

beiden Seiten des dahinschießenden Dampfrosses, zerschellte an den Rädern,

ballte sich von neuem, wirbelte von neuem gespensterhaft durcheinander. Auch

ich kam ja aus einer Schlacht, wilder als je eine mit Waffen von Stahl und Eisen

gekämpft wurde. Wie manchen hatte ich an meiner Seite fallen sehen, wie

manchen hatte ich auf dem Schild mit heraustragen helfen aus dem Getümmel:

 

— at socii multo gemitu lacrimisque

Impositum scuto referunt —“

 

„Sie schnupfen wirklich nicht, Doktor?“ fragte der Stadtrat, mir von neuem die

silberne Dose, die jedenfalls auch aus der von ihm beschriebenen Erbschaft des

weiland Onkels Bösenberg zu Finkenrode stammte, anbietend. „Sie sollten sich

allgemach das doch auch angewöhnen. Ein jeglicher befindet sich auf einmal,

ganz ohne es vorher bemerkt zu haben, in den Jahren, wo er dieses beinahe zu

seinen ästhetischen Genüssen zählt. Sie sollten sich wirklich bald gleichfalls eine

Dose zulegen, Doktor Langreuter.“

Nachher holte er, während ich — sehr gestört durch ihn! — immer noch den

Wegen, Geschicken, Erleuchtungen und Verdunkelungen des Lebens

nachzusinnen versuchte, aus einem eleganten und sehr praktischen Reisefutteral

verschiedenes Trinkbare und Eßbare hervor, von dem er uns höflich anbot, an

welchem jedoch nur der Ingenieur mit unverhohlenem Wohlbehagen und

unverkennbarem Durste sich beteiligte.

Nachher sprach er, der Stadtrat:

„Weiß der Teufel, ich werde immer sofort schläfrig im Eisenbahnwagen!“ und

als der Schaffner die Lampe in unserem Coupé anzündete, tönte bereits sein sehr

gesundes und regelmäßiges Schnarchen in meine Erinnerungen an sein

liebenswürdiges Buch hinein. Ich gab es auf, mich mit ihm und seinen

jugendlichen schriftstellerischen Leistungen (als noch nicht er, sondern

höchstens Weitenweber schnupfte!) für jetzt weiter zu beschäftigen, und wendete

mich wieder dem Jugendfreunde zu.

Dieser saß wach in seiner Ecke, hatte das Gesicht gegen das offene Fenster geneigt, und nur von Zeit zu Zeit fiel der Schein der trüben Laterne unter der

Decke darauf hin. Dann gefiel es mir jedesmal sehr und immer besser. Ich hatte

mich nun schon nach und nach in das Wesen des Mannes mit mehr Verständnis

hineingefunden. An die „Türme der versunkenen Julin“, wie der schnarchende

Stadtrat voreinst in seinem Buche, dachte er unbedingt nicht: er lächelte zu

heiter und hell dazu in die vorbeifliegende Sommernachtslandschaft hinein; aber

es war doch auch ein lebendiger Ernst in diesem Werdener Irländer. Er glaubte

sich unbeachtet genug in der Dämmerung, um längere Zeit auch einmal ein sehr

ernstes Gesicht machen zu dürfen, und nimmer hatte ich ein vertrackt unleserlich

Pergament-Manuskript mit größerem Interesse zu enträtseln gesucht wie jetzt im

rötlichen Schein der Wagenlaterne die männlich schönen Züge meines

Jugendfreundes.

Eine Erbschaft wie die des Onkels Bösenberg dem Redakteur des

Chamäleons, war ihm nicht in den Schoß gefallen; Ewald Sixtus kam nicht heim

wie der Bauer vom Steinhofe, der Vetter Just Everstein; aber was wir auch an

ihm noch in der nächsten Zeit auf Schloß Werden, im Dorfe, in Bodenwerder,

auf dem Steinhofe und in der Umgegend erleben mochten, ich hatte für ihn keine

Sorge mehr.

Wissen kann man es ja nicht, was die nächste Stunde bringen wird, und nur

die Narren pflegen das ganz genau vorauszusagen; aber für diesen gefesteten,

hellen, heiteren Menschen brachte sie nichts, was er nicht im Guten wie im

Schlimmen mit in seine Rechnung gezogen hatte, und das ist immer viel und

bedeutet im Bösen wie im Guten die Hauptsache und Hauptwaffe im bitteren

Kampfe der Verwirrungen dieses verzwickten Daseins auf der Erde.

Da war die berühmte Festungsstadt, die wir auch diesmal wie einst der Doktor

Bösenberg, ruhig seitwärts liegen ließen. Keine Jungfrau ließ den gehobenen

Schleier wieder sinken in unserem Coupé und schlüpfte zierlich aus dem Wagen.

Kein alter zu einem Taugenichts von Sohne reisender Herr sagte grimmig: Der

wird sich wundern! Wir hatten keine Kinder zärtlich harrenden Vätern aus dem

Wagen zuzureichen.

„Wahrhaftig, wieder mal das verdammte Nest!“ schnurrte der Finkenrodener

Stadtrat, aus dem Schlummer aufgerüttelt und verdrießlich sich dehnend und die

Augen reibend. „Jedes Mal, wenn ich hier halte, schwöre ich mir zu, daß es das

letzte mal gewesen sein soll, — und weiß der Henker, da sind wir doch wieder,

und natürlich nicht eine Idee von einem Kellner am ganzen Zuge!“ …

Wir fuhren weiter, und es war kurz vor Sonnenaufgang, als der Schaffner, von

neuem die Tür aufreißend, „Station Sauingen!“ schrie. Statt einer an einer langen

Stange schwankenden Laterne glimmte eine ganze Reihe dergleichen den breiten

„Bahnsteig“ und die stattlichen Bahnhofsgebäude entlang und in die rosige Eos hinein. Der Ort hatte sich in den letzten zwanzig Jahren fast nicht weniger als

der Dr. Max Bösenberg verändert. Wenn dieser Stadtrat, so war jener ein

lebendigster Eisenbahnknotenpunkt geworden; und die Bahn nach Finkenrode

war seit mehr denn zehn Jahren ebenfalls weiter gebaut worden. Wir erlebten

diesmal nicht die geringsten tragischen und heiteren Abenteuer zum Besten eines

erstaunten Leserkreises in Sauingen als vielleicht das Wort des Biographen der

Kinder von Finkenrode:

„Sollten Sie es für möglich halten, meine Herren, daß ich mich noch immer

nicht anders als mit aufgeklapptem Rockkragen und dem Taschentuche vor der

Physiognomie durch den Ort schleichen darf? Vor einem Jahre hatte man hier

eine Provinzial-Viehausstellung mit Preisverteilung arrangiert, und ich war als

Vertreter unseres Gemeinwesens hergeschickt worden. Ich sage Ihnen, das

nächste Mal lasse ich sicherlich einem anderen die Ehre und das Vergnügen. Sie

hatten nichts vergessen! Wohl verkorkt hatten sie ihre ganze Ranküne, wie auf

Flaschen gezogen, zur Hand, ein jeglicher von ihnen die seinige bei seinem

Teller; und was das Vergessen meinerseits anbetrifft, so ist es durchaus keine

Kunst, den vergnügten Tag, welchen ich damals unter ihnen hinzubringen hatte,

in alle Ewigkeit nicht zu vergessen. Gott sei Dank, diesmal fahren wir mit einem

Aufenthalt von fünf Minuten durch. In einer Stunde sind wir in Finkenrode; ein

wenig übernächtig fühlen wir uns doch alle; ich lade Sie hiermit

freundschaftlichst zum Frühstück. Nachher schlafe ich aus, und nichts hindert

Sie, dasselbe zu tun oder das Dampfschiff stromabwärts nach Münchhausenburg

zu benutzen. Von Bodenwerder werden Sie ja dann wohl schon ohne Führer die

alte Heimat erreichen, und wünsche ich viel Pläsier dazu. Sollte Ihnen zufällig

daselbst mein guter alter Freund Alexander begegnen, so bitte ich, ihn recht

schön von mir zu grüßen.“

Die Sonne ging auf. Wir erreichten Finkenrode und frühstückten wirklich

daselbst in dem Hause des weiland Onkels Bösenberg. Mir roch es recht moderig

und unbehaglich drin. Mit welchen modernen Gefühlen, Stimmungen und

„Meliorationsintentionen“ der heutige Inhaber vor zwanzig Jahren

hineingezogen sein mochte und, seinem Buche nach, hineingezogen war: er hatte

sich allgemach geradeso darin verpuppt wie der alte Herr, und er war noch dazu

ein recht alter Junggesell darin geworden. Das Bild der Frau mit dem Kinde auf

dem Arme sah jedoch auf einen ungemein verständnisreich besetzten Tisch

herab. Der Stadtrat war fett geworden in dem alten Hause und wurde noch

immer fetter drin; dies schien mir so ziemlich der einzige Unterschied gegen die

Tage der Vergangenheit zu sein.

Daß aber ein wohlgemeintes Wort häufig viel mehr Verdruß anrichtet als die

überlegteste Bosheit in Wort und Tat, das sollte ich auch jetzt einmal wieder erfahren.

Ganz harmlos erkundigte ich mich des näheren nach Weitenweber, und sofort

legte unser gastfreundlicher Wirt Messer und Gabel nieder, blies eine Menge

überflüssigen Atems über die breit vorgesteckte Serviette fort und keuchte:

„Uh, der alte Sünder! Außerdem daß er behauptete, längst vor der Entdeckung

des Doktors Schopenhauer durch das deutsche Publikum den

Schopenhauerianismus gründlich weg gehabt zu haben, hat er noch viel

gründlicher meinen gesamten Vorrat von Lebensidealismus mit sich hinüber

nach Berlin in das alte Leben genommen. Jawohl, das sind die Kerle, die in ihrer

Säure und Knochentrockenheit hundert Jahre lang sich konservieren und dann

sich ins Jenseits hinübergrinsen, während unsereiner in seiner —

Liebenswürdigkeit — Weichheit — Lyrik — kurz, wie Sie das nennen wollen —

— — na, verderben wir uns den Appetit nicht; und Sie, lieber Sixtus, sehen Sie

nur nicht nach der Uhr, — Sie kommen noch früh genug aufs Schiff. Der

Kapitän wartet mit Vergnügen auf jeden, der mit will, und Hannchen trägt Ihnen

die Reisetaschen an den Fluß hinunter.“

Hannchen war ein sehr hübsches und ungemein freundliches Hausmädchen

des alten Hauses Bösenberg, und nicht ungerechtfertigter Weise, wie es schien,

ein großer Liebling des einstigen Feuilleton-Redakteurs des einstigen

regnante Manteuffelio berühmten, oft konfiszierten und weit

verbreiteten Blattes:

 

Das Chamäleon.