Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Wilhelm Raabe · Kapitel 9 von 36

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Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Siebentes Kapitel.

 

Es ist, als schwände der Vetter in immer unbestimmtere, idealere Ferne. Aber

wir erreichen ihn und das Seinige doch; und wenn wir ihn haben werden, so wird

er hoffentlich um so näher zu Sinn und Herzen wirken und also in der einzig

wahren Weise ganz realistisch da sein. Mein Wort darauf, wir wissen Bescheid

und stehen mit den echten Wirklichkeiten oder Realien in dieser Welt auf ganz

gutem Fuße und verkehren miteinander nicht bloß in Schlafrock und Pantoffeln

— denn das will nicht viel bedeuten! — sondern auch dann und wann im Fest-

und Feiertagskleide, und das will viel sagen!

Nun quer landein durch die Sommerglut! Wir haben jedoch glücklicherweise

nur noch eine kleine halbe Stunde zu marschieren, bis wir den Steinhof

erreichen, und wir legen den Weg nunmehr rasch genug zurück, denn jetzt hält

uns nichts mehr auf demselbigen auf. Die Mädchen wollen zwar anfangen, ihre

Füße nachzuziehen; aber Ewald, im kurzen Trabe sich zu mir wendend, meint

grinsend:

„Jetzt ist es ein wahres Glück, daß sie ihren Magen gerade so gut als wir

spüren, sie drehten sonst richtig noch um und gingen nach Hause. — Alle

Donner, Rührei und Schinken, Kinder, ich sage euch, so fressig wie jetzt ist’s mir

— seit gestern mittag noch nicht im Leibe zumute gewesen! Ho, jetzt will ich

nur wünschen, daß dem Vetter diese letzte Nacht recht lebendig von mir

geträumt hat und er sich wenigstens annähernd anständig auf die Visite

eingerichtet hat. Nun, Leute, im Notfall steigen wir ihm selber in die

Rauchkammer und brechen ihm wie Schillers ganze Bande in seine Würste ein.

Die anderen Stücke von ihm, ich meine Schillern — kann er ja dann derweilen

mit euch herdeklamieren. Von mir weiß ich Bescheid und sage, erst essen, und

zwar ordentlich, und dann meinetwegen soviel Poesie und Geschichte und

Philosophie und Ästhetik, als ihr wollt und leisten könnt. Was sagst du, Fräulein

Gräfin?“

„Nach dem Essen! In dem Grasgarten im Grase und im Schatten. Laß aber

jetzt nur das lange Reden, die Sonne sticht zu arg. Evchen, ach Gott, am besten

ist’s, man macht die Augen zu und läuft zu und denkt sich lang hin in das Gras in

dem Grasgarten unter den großen Birnbaum.“

„Siehst du! Und heute abend müssen wir auch wieder nach Haus. O, ihr habt

ja nicht auf mich hören wollen!“

„Mit einer Mamsell wie du drei Schritte über die Gartenhecke hinaus

spazieren zu gehen, ist wirklich ein Pläsier,“ brummt Ewald halb höhnisch, halb

verdrießlich.

Wäre der Weg noch eine Viertelstunde länger, so ist nicht abzusehen, wie tief

unsere Stimmung noch sinken könnte. Das ist die gewichtige Viertelstunde, auf

die es in so vielen Erdenlagen und Stimmungen ankommt zu unserem Behagen

oder Elend. Wir haben diesmal glücklicherweise nur noch fünf Minuten in einem

steinigen, holprichten, ausgefahrenen Feld- und Hohlwege zurückzulegen, um

wieder auf allen Höhen unseres jungen, taufeuchten Sommer- und

Sonnenrausches festen Fuß zu fassen.

„Hurra, der Steinhof!… Vivat der Vetter Just Everstein!“ — — —

„I, i, wat kümmt mi denn da?“ sagte der Vetter. „Das ist aber schön! I, siehst

du wohl, hier sitze ich nun schon den halben geschlagenen Morgen und warte

auf Trost. Da kommt er mir vierspännig, gerade als ich denke: Just, jetzt gehst du

zum Essen, ohne daß sie Dich suchen, sonst gibt es noch mehr Spektakel und

Unfrieden auf dem Hofe, und du hast gerade genug für heute davon.“

Er saß wirklich auf einem Stein am Wege unter einem Dornbusch, außerhalb

seines Erbsitzes, dieser kuriose Vetter; und als er damals aufsteht und gähnt und

grinst und sich reckt und dehnt, ist er ein lang aufgeschossener Junge von nicht

ganz zwanzig Jahren. Ein vollkommener, aber aus allem rund um ihn und an ihm

herausgewachsener Junge. Daß also alles, was aus ihm noch werden kann,

augenblicklich noch in ihm steckt, ist sicherlich etwas, was nur sehr wenige

meiner fraglichen Leser vermuteten. So einer, der etwas selber erlebt und

erfahren hat, ist immer klüger als derjenige, welchem er nachher davon erzählt.

„Holla, was schiebst du in die Tasche, Vetter? Richtig, da sitzt er in der Sonne

und verstudiert sich weiter! Zeig gutwillig oder ich ziehe dir mit der Jacke das

Fell vom Leibe!“ ruft Ewald. „Kinder, jetzt macht er auch Verse!…

Gedankenspiele beim Pflügen!… Als Hannchen in die Flachsrotte fiel!… Und

da hat er den alten Urlateiner, Vater Broeder, auf dem Feldsteine warm gesessen.

Ei, guck mal, Fritze, gerade wie wir auf dem dummen Gymnasium! Was nicht

von oben in den Kopf will, dem kommt man viel bequemer mit einem anderen

Körperteile bei. Hat jemals jemand so einen verrückten Kerl erlebt? Es ist doch

reinewegs nicht zu glauben, was die Menschheit alles leisten kann. Und dann

möchte man sich da nicht die Haare darüber ausraufen, daß man nicht die Häute

mit seinem Nebenmenschen austauschen kann? O ihr gottverdammten Götter

von Rom und Griechenland, was gäbe ich dafür, wenn ich der Bauer auf dem

Steinhofe wäre und dieses urverbohrte Monstrum mit seiner lateinischen

Grammatik hier ich!“

„Jetzt höre auf, oder du wirst langweilig, Ewald!“ rief Irene Everstein. „Kommen Sie, Vetter Just, und hören Sie nicht auf den albernen Bengel —“

„Und du bist doch nicht böse, daß wir schon wieder da sind, lieber Just?“ fragt

Eva. „Die beiden Jungen sind schuld daran, ich wollte eigentlich nicht mit —“

„Und wenn sie alle im Grasgarten im Grase liegen und schnarchen, dann

sitzen wir beide wach zusammen, Just!“ sage ich; und der Vetter, blöde,

freundlich, seelenvergnügt und nicht „urverbohrt“, sondern urverschämt sein

glänzend Gebiß im Kreise herum zeigend, steht in unserer Mitte; und es hat

gewiß selten einen anderen Menschen gegeben, der sich so wenig wie er um

diese Lebenszeit gegen Güte und Bosheit der Welt zu wehren wußte.

Gottlob kommt ihm auch jetzt ein Trost und eine Hülfe aus der Ferne her,

nämlich vom Zaun des Steinhofes.

„Da ruft sie zum Essen! und wir haben gestern ein Rind — ich will lieber

nicht sagen gegen meinen Willen, sondern wegen Futtermangel, wie sie sagt,

geschlachtet. Und jetzt kommt nur rasch; ihr kennt sie ja!“

In Bodenwerder wird es wahrscheinlich gerade zwölf Uhr schlagen. — — —

Es ist ein schlechter Boden, sagten die Leute, die sich darauf verstanden, von

dem Steinhofe und der dazu gehörigen Länderei, und sie konnten nichts dafür,

wenn sie es nicht ahnten, was für Prachtgewächse dieser schlechte Boden

hervorzubringen vermochte. Es war Jule Grote, die über den Zaun rief, und zwar

mit einer Stimme, in die der Himmel alles Gift, was er eben vorrätig hatte gegen

die irdischen Zustände, hineingelegt zu haben schien.

Ich kenne es heute viel besser als damals, das gute alte Mädchen nämlich, und

weiß, was der Vetter an ihr hatte. Er weiß es ebenfalls heute besser als damals.

Damals, das heißt an jenem Tage, schob er uns sich voran auf dem Feldwege

durch den kärglichen Haferacker und brummte:

„Ich komme mit; aber, Kinder, ich sage euch, gerne wäre ich heute allein nicht

nach Hause gegangen! Es ist alles mal wieder vom frühen Morgen an kopfüber

kopfunter gegangen, und ich bin an allem schuld gewesen. Ach Gott, ach Gott,

wo ich meine Hände habe, soll ich meinen Kopf haben, und wo ich meinen Kopf

habe, da will sie meine Hände sehen. Und dann soll ich meine fünf gesunden

Sinne zusammennehmen und bedenken, wozu mich der liebe Herrgott in die

Welt und hier auf den Steinhof hingesetzt hat. Und wenn sie nur wüßte, wer ihr

all das Elend mit mir eingebrockt hat, sagt sie. Es muß wohl von weit her

kommen, meint sie, und das ist das einzige, was sie darüber weiß; und ich, Fritz,

ich weiß auch nicht mehr. Sie hat doch meinen Vater gekannt, und meinen

Großvater dunkel: von den Zwei habe ich es wohl auch etwas, aber nicht ganz,

sagt sie, wenn ihr die Hände anfangen vor Ärger zu zittern, und sie mit der

Schürze vor den Augen abgeht und ich auch und ihr doch nichts in der

Wirtschaft in den Weg lege, sondern sie mit der Vormundschaft ruhig regieren lasse hier auf dem Steinhofe. Und denn werde ich doch auch erst nächste Ostern

übers Jahr mündig und mein eigener Herr!“

Mit einer uns an ihr ganz fremden Grazie schiebt Irene Everstein ihren Arm in

den des armen Teufels und sagt:

„Bitte, Herr Just!“

Das war ganz und gar meine Mutter in ihrem Verkehr mit ihrer Umgebung;

aber bei meiner Mutter hatte ich noch nie darauf geachtet, wie vornehm sie mit

den Leuten umzugehen wußte.

In diesem Moment aber war es natürlich Herr Ewald Sixtus, Untersekundaner

usw., der’s bewies, wieweit man mit einer guten Lunge und mit zärtlich tuender

Unverschämtheit in der Welt reicht. Mit der ersten erschütterte er durch einen

Jubelschrei die Lüfte auf eine Viertelstunde im Umkreis, mit der zweiten sprang

er über den Zaun des Steinhofes und hing sich der braven Jungfer Grote an den

Hals:

„Da sind wir wieder, Jule! Sehen Sie, so wird die Sehnsucht endlich doch

belohnt! Wie lange stehen Sie denn schon hier und gucken nach mir aus über die

Planken, Mamsell Grote? Komm her, Fritz, und gib Pfötchen. Gibt sie dir aber

auch einen Kuß, so morde ich dich heute abend auf dem Rückwege. Lebendig

kommst du dann nicht wieder auf Schloß Werden an. Und nun rasch, Jule, Sie

wissen es, daß Sie für mich zum Fressen sind! Rasch — jeder holt sich Messer

und Gabel und seinen Teller selber aus der Küche.“

„O herrje, herrje — und die jungen Damens auch wieder!“ rief die wackere

Haushälterin und Vormünderin auf dem Steinhofe, ächzend sich aus den Armen

ihres stürmischen Verehrers und zweiten Lieblings frei machend. „Ich habe es

seiner Mutter im Kindbett und Totenbett versprochen, daß ich solange bei ihm

aushalte, als er mich bei sich behält!“ sagte sie von ihrem ersten Liebling — dem

Vetter Just Everstein.

Nun bekommt Eva Sixtus eine bewillkommnende Hand und dann Irene auch;

letztere aber erst, nachdem diese Hand vorher noch einmal in der blauen

Kattunschürze unnötigerweise abgetrocknet und abgewischt worden ist.

„Aber das ist mal schön! Nehmen Sie es nur nicht übel; aber es ist mein

Schicksal! jedesmal, wenn wir die Ehre haben, haben wir gemistet auf dem

Steinhofe, und ist der Herr Just den ganzen Morgen durch nicht aufzufinden und

abzurufen gewesen. Ich brauche nur am Abend zu sagen: Just, jetzt paßt du mir

aber auf die Gottesgabe morgen früh, so geht er durch mit seinen Lateinbüchern,

und ich sitze allein mitten drin in der Wirtschaft und den Tagelöhnern. Was

daraus werden soll, weiß ich nicht; na, aber Essenszeit ist’s freilich jetzo längst,

und nächste Ostern übers Jahr wird er einundzwanzig alt und sein eigener Herr.

Ach Gott, gnädigstes Fräulein Gräfin, Ihr Herr Vater sollte nur einmal einen einzigsten Tag lang an meiner Stelle sein! Und — Ihre Mutter auch, Herr

Langreuter, aber davon will ich weniger sagen, denn die ist ja auch ein

Frauenzimmer und hat das Ihrige durchgemacht in ihrem eigenen Haushalt und

bei anderen Leuten.“