Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten
Siebentes Kapitel.
Es ist, als schwände der Vetter in immer unbestimmtere, idealere Ferne. Aber
wir erreichen ihn und das Seinige doch; und wenn wir ihn haben werden, so wird
er hoffentlich um so näher zu Sinn und Herzen wirken und also in der einzig
wahren Weise ganz realistisch da sein. Mein Wort darauf, wir wissen Bescheid
und stehen mit den echten Wirklichkeiten oder Realien in dieser Welt auf ganz
gutem Fuße und verkehren miteinander nicht bloß in Schlafrock und Pantoffeln
— denn das will nicht viel bedeuten! — sondern auch dann und wann im Fest-
und Feiertagskleide, und das will viel sagen!
Nun quer landein durch die Sommerglut! Wir haben jedoch glücklicherweise
nur noch eine kleine halbe Stunde zu marschieren, bis wir den Steinhof
erreichen, und wir legen den Weg nunmehr rasch genug zurück, denn jetzt hält
uns nichts mehr auf demselbigen auf. Die Mädchen wollen zwar anfangen, ihre
Füße nachzuziehen; aber Ewald, im kurzen Trabe sich zu mir wendend, meint
grinsend:
„Jetzt ist es ein wahres Glück, daß sie ihren Magen gerade so gut als wir
spüren, sie drehten sonst richtig noch um und gingen nach Hause. — Alle
Donner, Rührei und Schinken, Kinder, ich sage euch, so fressig wie jetzt ist’s mir
— seit gestern mittag noch nicht im Leibe zumute gewesen! Ho, jetzt will ich
nur wünschen, daß dem Vetter diese letzte Nacht recht lebendig von mir
geträumt hat und er sich wenigstens annähernd anständig auf die Visite
eingerichtet hat. Nun, Leute, im Notfall steigen wir ihm selber in die
Rauchkammer und brechen ihm wie Schillers ganze Bande in seine Würste ein.
Die anderen Stücke von ihm, ich meine Schillern — kann er ja dann derweilen
mit euch herdeklamieren. Von mir weiß ich Bescheid und sage, erst essen, und
zwar ordentlich, und dann meinetwegen soviel Poesie und Geschichte und
Philosophie und Ästhetik, als ihr wollt und leisten könnt. Was sagst du, Fräulein
Gräfin?“
„Nach dem Essen! In dem Grasgarten im Grase und im Schatten. Laß aber
jetzt nur das lange Reden, die Sonne sticht zu arg. Evchen, ach Gott, am besten
ist’s, man macht die Augen zu und läuft zu und denkt sich lang hin in das Gras in
dem Grasgarten unter den großen Birnbaum.“
„Siehst du! Und heute abend müssen wir auch wieder nach Haus. O, ihr habt
ja nicht auf mich hören wollen!“
„Mit einer Mamsell wie du drei Schritte über die Gartenhecke hinaus
spazieren zu gehen, ist wirklich ein Pläsier,“ brummt Ewald halb höhnisch, halb
verdrießlich.
Wäre der Weg noch eine Viertelstunde länger, so ist nicht abzusehen, wie tief
unsere Stimmung noch sinken könnte. Das ist die gewichtige Viertelstunde, auf
die es in so vielen Erdenlagen und Stimmungen ankommt zu unserem Behagen
oder Elend. Wir haben diesmal glücklicherweise nur noch fünf Minuten in einem
steinigen, holprichten, ausgefahrenen Feld- und Hohlwege zurückzulegen, um
wieder auf allen Höhen unseres jungen, taufeuchten Sommer- und
Sonnenrausches festen Fuß zu fassen.
„Hurra, der Steinhof!… Vivat der Vetter Just Everstein!“ — — —
„I, i, wat kümmt mi denn da?“ sagte der Vetter. „Das ist aber schön! I, siehst
du wohl, hier sitze ich nun schon den halben geschlagenen Morgen und warte
auf Trost. Da kommt er mir vierspännig, gerade als ich denke: Just, jetzt gehst du
zum Essen, ohne daß sie Dich suchen, sonst gibt es noch mehr Spektakel und
Unfrieden auf dem Hofe, und du hast gerade genug für heute davon.“
Er saß wirklich auf einem Stein am Wege unter einem Dornbusch, außerhalb
seines Erbsitzes, dieser kuriose Vetter; und als er damals aufsteht und gähnt und
grinst und sich reckt und dehnt, ist er ein lang aufgeschossener Junge von nicht
ganz zwanzig Jahren. Ein vollkommener, aber aus allem rund um ihn und an ihm
herausgewachsener Junge. Daß also alles, was aus ihm noch werden kann,
augenblicklich noch in ihm steckt, ist sicherlich etwas, was nur sehr wenige
meiner fraglichen Leser vermuteten. So einer, der etwas selber erlebt und
erfahren hat, ist immer klüger als derjenige, welchem er nachher davon erzählt.
„Holla, was schiebst du in die Tasche, Vetter? Richtig, da sitzt er in der Sonne
und verstudiert sich weiter! Zeig gutwillig oder ich ziehe dir mit der Jacke das
Fell vom Leibe!“ ruft Ewald. „Kinder, jetzt macht er auch Verse!…
Gedankenspiele beim Pflügen!… Als Hannchen in die Flachsrotte fiel!… Und
da hat er den alten Urlateiner, Vater Broeder, auf dem Feldsteine warm gesessen.
Ei, guck mal, Fritze, gerade wie wir auf dem dummen Gymnasium! Was nicht
von oben in den Kopf will, dem kommt man viel bequemer mit einem anderen
Körperteile bei. Hat jemals jemand so einen verrückten Kerl erlebt? Es ist doch
reinewegs nicht zu glauben, was die Menschheit alles leisten kann. Und dann
möchte man sich da nicht die Haare darüber ausraufen, daß man nicht die Häute
mit seinem Nebenmenschen austauschen kann? O ihr gottverdammten Götter
von Rom und Griechenland, was gäbe ich dafür, wenn ich der Bauer auf dem
Steinhofe wäre und dieses urverbohrte Monstrum mit seiner lateinischen
Grammatik hier ich!“
„Jetzt höre auf, oder du wirst langweilig, Ewald!“ rief Irene Everstein. „Kommen Sie, Vetter Just, und hören Sie nicht auf den albernen Bengel —“
„Und du bist doch nicht böse, daß wir schon wieder da sind, lieber Just?“ fragt
Eva. „Die beiden Jungen sind schuld daran, ich wollte eigentlich nicht mit —“
„Und wenn sie alle im Grasgarten im Grase liegen und schnarchen, dann
sitzen wir beide wach zusammen, Just!“ sage ich; und der Vetter, blöde,
freundlich, seelenvergnügt und nicht „urverbohrt“, sondern urverschämt sein
glänzend Gebiß im Kreise herum zeigend, steht in unserer Mitte; und es hat
gewiß selten einen anderen Menschen gegeben, der sich so wenig wie er um
diese Lebenszeit gegen Güte und Bosheit der Welt zu wehren wußte.
Gottlob kommt ihm auch jetzt ein Trost und eine Hülfe aus der Ferne her,
nämlich vom Zaun des Steinhofes.
„Da ruft sie zum Essen! und wir haben gestern ein Rind — ich will lieber
nicht sagen gegen meinen Willen, sondern wegen Futtermangel, wie sie sagt,
geschlachtet. Und jetzt kommt nur rasch; ihr kennt sie ja!“
In Bodenwerder wird es wahrscheinlich gerade zwölf Uhr schlagen. — — —
Es ist ein schlechter Boden, sagten die Leute, die sich darauf verstanden, von
dem Steinhofe und der dazu gehörigen Länderei, und sie konnten nichts dafür,
wenn sie es nicht ahnten, was für Prachtgewächse dieser schlechte Boden
hervorzubringen vermochte. Es war Jule Grote, die über den Zaun rief, und zwar
mit einer Stimme, in die der Himmel alles Gift, was er eben vorrätig hatte gegen
die irdischen Zustände, hineingelegt zu haben schien.
Ich kenne es heute viel besser als damals, das gute alte Mädchen nämlich, und
weiß, was der Vetter an ihr hatte. Er weiß es ebenfalls heute besser als damals.
Damals, das heißt an jenem Tage, schob er uns sich voran auf dem Feldwege
durch den kärglichen Haferacker und brummte:
„Ich komme mit; aber, Kinder, ich sage euch, gerne wäre ich heute allein nicht
nach Hause gegangen! Es ist alles mal wieder vom frühen Morgen an kopfüber
kopfunter gegangen, und ich bin an allem schuld gewesen. Ach Gott, ach Gott,
wo ich meine Hände habe, soll ich meinen Kopf haben, und wo ich meinen Kopf
habe, da will sie meine Hände sehen. Und dann soll ich meine fünf gesunden
Sinne zusammennehmen und bedenken, wozu mich der liebe Herrgott in die
Welt und hier auf den Steinhof hingesetzt hat. Und wenn sie nur wüßte, wer ihr
all das Elend mit mir eingebrockt hat, sagt sie. Es muß wohl von weit her
kommen, meint sie, und das ist das einzige, was sie darüber weiß; und ich, Fritz,
ich weiß auch nicht mehr. Sie hat doch meinen Vater gekannt, und meinen
Großvater dunkel: von den Zwei habe ich es wohl auch etwas, aber nicht ganz,
sagt sie, wenn ihr die Hände anfangen vor Ärger zu zittern, und sie mit der
Schürze vor den Augen abgeht und ich auch und ihr doch nichts in der
Wirtschaft in den Weg lege, sondern sie mit der Vormundschaft ruhig regieren lasse hier auf dem Steinhofe. Und denn werde ich doch auch erst nächste Ostern
übers Jahr mündig und mein eigener Herr!“
Mit einer uns an ihr ganz fremden Grazie schiebt Irene Everstein ihren Arm in
den des armen Teufels und sagt:
„Bitte, Herr Just!“
Das war ganz und gar meine Mutter in ihrem Verkehr mit ihrer Umgebung;
aber bei meiner Mutter hatte ich noch nie darauf geachtet, wie vornehm sie mit
den Leuten umzugehen wußte.
In diesem Moment aber war es natürlich Herr Ewald Sixtus, Untersekundaner
usw., der’s bewies, wieweit man mit einer guten Lunge und mit zärtlich tuender
Unverschämtheit in der Welt reicht. Mit der ersten erschütterte er durch einen
Jubelschrei die Lüfte auf eine Viertelstunde im Umkreis, mit der zweiten sprang
er über den Zaun des Steinhofes und hing sich der braven Jungfer Grote an den
Hals:
„Da sind wir wieder, Jule! Sehen Sie, so wird die Sehnsucht endlich doch
belohnt! Wie lange stehen Sie denn schon hier und gucken nach mir aus über die
Planken, Mamsell Grote? Komm her, Fritz, und gib Pfötchen. Gibt sie dir aber
auch einen Kuß, so morde ich dich heute abend auf dem Rückwege. Lebendig
kommst du dann nicht wieder auf Schloß Werden an. Und nun rasch, Jule, Sie
wissen es, daß Sie für mich zum Fressen sind! Rasch — jeder holt sich Messer
und Gabel und seinen Teller selber aus der Küche.“
„O herrje, herrje — und die jungen Damens auch wieder!“ rief die wackere
Haushälterin und Vormünderin auf dem Steinhofe, ächzend sich aus den Armen
ihres stürmischen Verehrers und zweiten Lieblings frei machend. „Ich habe es
seiner Mutter im Kindbett und Totenbett versprochen, daß ich solange bei ihm
aushalte, als er mich bei sich behält!“ sagte sie von ihrem ersten Liebling — dem
Vetter Just Everstein.
Nun bekommt Eva Sixtus eine bewillkommnende Hand und dann Irene auch;
letztere aber erst, nachdem diese Hand vorher noch einmal in der blauen
Kattunschürze unnötigerweise abgetrocknet und abgewischt worden ist.
„Aber das ist mal schön! Nehmen Sie es nur nicht übel; aber es ist mein
Schicksal! jedesmal, wenn wir die Ehre haben, haben wir gemistet auf dem
Steinhofe, und ist der Herr Just den ganzen Morgen durch nicht aufzufinden und
abzurufen gewesen. Ich brauche nur am Abend zu sagen: Just, jetzt paßt du mir
aber auf die Gottesgabe morgen früh, so geht er durch mit seinen Lateinbüchern,
und ich sitze allein mitten drin in der Wirtschaft und den Tagelöhnern. Was
daraus werden soll, weiß ich nicht; na, aber Essenszeit ist’s freilich jetzo längst,
und nächste Ostern übers Jahr wird er einundzwanzig alt und sein eigener Herr.
Ach Gott, gnädigstes Fräulein Gräfin, Ihr Herr Vater sollte nur einmal einen einzigsten Tag lang an meiner Stelle sein! Und — Ihre Mutter auch, Herr
Langreuter, aber davon will ich weniger sagen, denn die ist ja auch ein
Frauenzimmer und hat das Ihrige durchgemacht in ihrem eigenen Haushalt und
bei anderen Leuten.“