Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten
Zwölftes Kapitel.
Ob er wirklich so existiert, wie wir ihn aus tausendfachem Zusammentreffen
mit ihm kennen lernen, lassen wir eine offene Frage bleiben. Wie wir ihn in
unsere philosophischen Systeme einzureihen belieben: im praktischen Dasein
bleibt er verteufelt mehr als ein bloßes Wort oder ein Begriff. Er ist und bleibt
der Herr und Gebieter. Und im Gegensatz zu den übrigen Erdenherren und
Erdengebietern läßt er sein Kommen vorher durchaus nicht ankündigen, weder
durch die drei Stöße mit dem Marschallstabe auf den Parkettfußboden, noch
durch Posaunenstöße, durch das Hervorrufen der Wachen, den obligaten
Trommelwirbel, das Präsentieren der Gewehre und das Senken der Fahnen. Die
Erdenherren vor allen übrigen Sterblichen wissen es am genauesten, daß er auch
dazu — viel zu vornehm ist: er, der Zufall nämlich.
Von der Suppe aufsehend bei meinem altgewohnten alltäglichen Speisewirt,
fand ich ihn mir plötzlich wieder einmal gegenüber, und der Löffel entfiel
meiner Hand. Der Löffel ist der Hand viel größerer Philosophen,
Geschichtskenner und dergleichen Leute bei derartigen Gelegenheiten
entsunken, und sie haben es hoffentlich stets für eine Gnade gehalten, wenn
ihnen der Appetit nicht für längere Zeit oder gar für immer verdorben wurde.
Gottlob war das letztere bei dieser Gelegenheit bei mir nicht der Fall; aber die
Erstarrung blieb dessenungeachtet für längere Zeit die nämliche, bis sich das sie
in ihr Gegenteil, die höchste Bewegung, auflösende Wort fand:
„Vetter!… Der Vetter Just!“
Je unmöglicher es erschien, desto bedingungsloser drängte sich die Gewißheit
auf, daß er es war. Ja, er war es! Er war es unbedingt!… Ausgeweitet nach allen
Dimensionen; mit einem Ansatz zwar zu einer hohen Stirn, sonst jedoch in
keiner Weise infolge seines landwirtschaftlichen Bankerottes verfallen und zu
einer selbstgelehrten Ruine geworden, sondern auch — ganz im Gegenteil.
Er war es ganz gewiß! und zwar mit einem gewissen, völlig undefinierbaren
Anstrich vom Exotischen, einem ihm ganz sonderbar gut passenden Anflug von
Amerikanertum. Wäre einer von den Göttinger Sieben seinerzeit nach Amerika
ausgewandert; so hätte er so zurückkommen können; Professor Gervinus
vielleicht ausgenommen. Es war wundervoll!
„Just Everstein!“ stammelte ich noch einmal, mehr gegen mich selber als
gegen diese unvermutete Erscheinung am Berliner Wirtstische gewendet; und nun legte auch sie, die Erscheinung, oder er, der Vetter Just, Messer und Gabel
nieder, legte dann gleichfalls erstaunt einen Augenblick lang beide Hände auf
den Tisch, erhob sich dann langsam, bog sich über, warf das Salzfaß um, was
beiläufig diesmal ausnahmsweise kein übel Omen war, und rief ganz mit der
alten unveränderten Stimme vom Zaun oder der Haustürtreppe des Steinhofes
her:
„Now?… Jetzt aber erst mal alle stille! Fritzchen!! Nun nur nicht alles auf
einmal!… Fritz? der kleine Fritze Langreuter!… Also zuletzt doch wieder!… Ich
bin es; aber — jetzt laß auch du dich einmal anfühlen! Mensch, so reiche doch
endlich deine Hand (your fist, sagte er) her. O mein lieber Junge, das ist
doch zu gut!“ …
Es war ein sehr gefülltes Restaurationslokal, in dem unser Wiedersehen
stattfand, und die verschmauchten Räume füllten sich eben immer noch mehr
mit hungrigen Menschen. Sämtliche Professoren der vier Fakultäten, die
Bauakademie und verschiedene andere Akademien schütteten ihre Zuhörer über
diese behaglicheren Tische und Subsellien aus. Privatdozenten von allen Sorten
schoben sich ein; dazwischen großstädtisches Volk von jeglicher Art. Mir
schwindelte, ich glaubte zu träumen, wenn ich an den Steinhof und unser
trostloses Abschiedsfrühstück daselbst dachte. Und ich dachte in dieser
aufgeregten Minute wirklich daran, so sonderbar das erscheinen mag, vorzüglich
dem mit mehr Muskeln als Nerven von der wohlmeinenden Natur ausgestatteten
Erdenbürger.
Ich ergriff die Hand, die mir über den Tisch zugereicht wurde; breit war sie
immer noch, aber ich hatte auch den harten biederen Griff vom Steinhofe in der
Erinnerung und nahm die weichen Finger jetzt ebenfalls als etwas ganz
sonderbar Unstatthaftes.
„O Vetter Just!“
„Jawohl! Und ich freue mich merkwürdig, lieber Junge. Viel ins Gerade
gewachsen ist er nicht mehr in den Jahren! Aber das ist auch schön; da findet
man doch auch hier etwas wieder, was so ist, wie es war —“
„Und wie lange bist du in der Stadt, Just?“
„Davon nachher! Ich glaube wahrhaftig, der Kerl ist imstande und meint, daß
ich schon seit acht Wochen Wand an Wand mit ihm wohne, ohne ihn
aufgefunden zu haben! Ist es denn möglich, daß ein alter Freund so schlecht von
dem anderen denken kann!“
„Wie kannst du verlangen, Vetter, daß ich in diesem Moment genau überlege,
was ich sage und frage? Wo kommst du her?“
„Auch das noch!… Well, aus Amerika natürlich, wo die Leute in jedem
Momente ganz genau wissen, was sie sagen und was sie fragen. Und nun, weißt du was, Fritz? Nun tun wir fürs erste, als ob keinem von uns beiden etwas
besonders Merkwürdiges passiert sei. Jetzt essen wir mit möglichster Ruhe zu
Mittag und besehen uns stillschweigend währenddem. Keiner nimmt es dem
anderen übel, wenn er bei dem Studium auch einmal den Kopf schüttelt. What
will you drink? Alter Kerl, wenn ich weiter nichts mit über das Wasser zu
euch zurückgebracht hätte als den alten guten Magen vom Steinhofe (Fritze,
nachher stoßen wir darauf an!), so wäre auch das schon gar nicht zu verachten.
Wie sagt Cicero in diesem Falle?… Na?!… Kellner, die Weinkarte! Ach ja, die
schöne Zeit, wo man alles Gute, was kam, als etwas sich ganz von selbst
Verstehendes nahm!“
Das war nun alles so hingesagt, als ob der Mann erwarte, daß man mit dem
sonnigsten Lachen darauf Antwort gebe; und ich lachte auch, wie man hie und
da über etwas ganz Neues lacht, dem man eben noch auf keine Weise
beikommen kann. Es war mir nie im Leben etwas so neu erschienen als der
Vetter Just Everstein, dieser alte gute Bekannte. Ratlos, wie und wo er am
richtigsten anzufassen sei, fing ich mechanisch an, meine Suppe
herunterzulöffeln, aber ohne ihn für den kürzesten Augenblick aus den Augen zu
lassen. Ihm aber schien das großen Spaß zu machen, ihm, der so viele Jahre
hindurch so oft unser Ergötzen auf dem Steinhofe gewesen war.
„Dir ist es gottlob gut gegangen,“ stammelte ich, und:
„Besser, als ich’s verdiente,“ erwiderte der Vetter Just. „Cicero hat sich
jedesmal nach einer längeren Reise für das heimatliche Gewächs erklärt, und
wenn es noch so verfälscht war; und sie haben den Falerner damals sicherlich
schon gerade so vermanscht wie heute hier diesen Rüdesheimer.
Dessenungeachtet also: Auf dein Wohl, Fritz!“
„Auf dein Wohl, Vetter Just,“ stotterte ich und sah wieder stumm hin nach
dem alten wackeren Freunde.
Das überraschende Wiedersehen hinderte ihn in der Tat nicht, sich gerade so
durch die Speisekarte des Berliner Restaurants durchzuarbeiten wie vordem
durch das Gute, was unsere Jule Grote auf den Tisch setzte, und nachher
verstohlen und „vermittelst eines zweiten Schlüssels“ durch seine Schinken-,
Speck- und Wurstkammer.
„Noch einmal auf dein Wohl, Fritz Langreuter!“
„Und auf deines so oft du willst, Just, und — die alte Jule soll leben!“
Da war das lösende Wort, das ich bis jetzt so vergeblich zu finden gesucht
hatte.
„Hurra, das soll sie!“ rief der Vetter, auf den Tisch schlagend daß alles
Tafelzeug emporhüpfte und man von sämtlichen übrigen Tischen sich nach uns
umdrehte.
„Sie lebt doch hoffentlich noch und befindet sich wohl? Sie muß freilich jetzt
wohl —“
Der Vetter hatte seine Serviette neben dem Teller niedergelegt, den Teller von
sich abgeschoben und die Hände auf die Knie fallen lassen.
„Old boy, wenn du in die Fremde hinaus gemußt hättest und ich zu Hause
geblieben wäre, so wäre ich dir, wie ich mich kenne, hoffentlich mit dieser Frage
vom Leibe geblieben. Nimm es mir nicht übel, Fritze, aber von Rechts wegen
müßtest du doch eigentlich wissen, daß sie noch lebt. Nimm es nur nicht übel,
daß sie auch die ganzen Jahre, in welchen wir uns nicht gesehen haben, noch
gelebt hat. Übrigens danke ich für gütige Nachfrage, Fritzchen! sie sitzt wieder
ganz gut und, ihr Alter und Temperament abgerechnet, recht vergnügt auf dem
Steinhofe.“
„Auf dem Steinhofe?… Sie hat — du hast — den Steinhof wieder, Just?“
„Natürlich!“ sagte der Vetter Just Everstein, als ob das das Natürlichste von
der Welt gewesen wäre. Kein römischer Kaiser, der je eine verlorengegangene
Provinz zum deutschen Reiche zurückbrachte, hätte das selbstverständlicher
finden können; das wenigstens mußte ich aus meinen Geschichtsforschungen
und meinem mittelalterlichen Quellenstudium wissen; und der Vetter Just hatte
vollkommen recht: es war erbärmlich wenig, was ich von der Welt durch mein
Quellenstudium in Erfahrung gebracht und darin behalten hatte.
Nun hätte ich dreist auch mein stummes Studium der jetzigen äußeren
Erscheinung des Jugendfreundes von neuem über den Wirtstisch weg beginnen
können. Aber je nötiger es war, desto unmöglicher war es gleichfalls. Nie war
mir das Getöse, das Geklapper und Geklirr, das Kommen und Gehen rund umher
so widerwärtig und unbehaglich gewesen als jetzt. Ich sah nur wie hülflos in das
gute Gesicht mir gegenüber, und der Vetter Just nickte nur lächelnd und
brummte:
„Ja, ja, es ist wohl nicht der richtige Ort hier zu dem, was wir einander
vielleicht doch etwas weitläufiger zu erzählen haben. Das Getränk paßt auch
nicht recht zu der Feierlichkeit der Stunde; es macht seinem Schuft von
Verfertiger wohl alle Ehre, aber melancholisch stimmt es doch. Weißt du was,
Alter? Jetzt nimmst du mich mit nach Hause. Da hocken wir einmal wieder
zusammen wie in meinem Erker auf dem Steinhofe — weißt du noch? Ach Gott,
wie habe ich mir da drüben so oft nach dem Erker und des Großvaters
Wissenschaftsschranke das Herz abgesehnt!… Alter Kerl, und ich wohne jetzt
wieder darin, — den Schrank hat freilich damals der Auktionator geholt. Daß
Irene Everstein augenblicklich hier auch in der Stadt wohnt, wirst du ja wohl
wissen, obgleich du nicht gewußt hast, daß meine alte Jule noch lebt. Und —
Menschenkind, in Bodenwerder halten sie mich immer noch für einen gerade so großen Narren wie vor Jahren. Zum Exempel dieses Schrankes wegen, für den
ich fünfzig Dollars geboten habe, wenn ihn mir einer noch irgendwo auftreibt.
Aber imponieren tue ich ihnen jetzt doch riesig; denn dazu braucht man nur
einen hübschen Sack voll Taler, und es ist also leicht genug. Sobald du hier von
deinen Geschäften abkommen kannst, mußt du mich auf dem Steinhofe
besuchen, um das Gaudium mit zu erleben. Und nun komm, deinen Kaffee
braust du dir hoffentlich selber.“
Ich kam, das heißt, ich ging einfach mit, und ich sagte es auf dem Wege nach
meiner Wohnung nicht, daß ich auch nicht gewußt hatte, wo Irene von Everstein
augenblicklich lebte. Es war ein Wunder, daß ich meinen Weg nach Hause in
meiner jetzigen Stimmung zu finden wußte.