Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Wilhelm Raabe · Kapitel 14 von 36

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Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Zwölftes Kapitel.

 

Ob er wirklich so existiert, wie wir ihn aus tausendfachem Zusammentreffen

mit ihm kennen lernen, lassen wir eine offene Frage bleiben. Wie wir ihn in

unsere philosophischen Systeme einzureihen belieben: im praktischen Dasein

bleibt er verteufelt mehr als ein bloßes Wort oder ein Begriff. Er ist und bleibt

der Herr und Gebieter. Und im Gegensatz zu den übrigen Erdenherren und

Erdengebietern läßt er sein Kommen vorher durchaus nicht ankündigen, weder

durch die drei Stöße mit dem Marschallstabe auf den Parkettfußboden, noch

durch Posaunenstöße, durch das Hervorrufen der Wachen, den obligaten

Trommelwirbel, das Präsentieren der Gewehre und das Senken der Fahnen. Die

Erdenherren vor allen übrigen Sterblichen wissen es am genauesten, daß er auch

dazu — viel zu vornehm ist: er, der Zufall nämlich.

Von der Suppe aufsehend bei meinem altgewohnten alltäglichen Speisewirt,

fand ich ihn mir plötzlich wieder einmal gegenüber, und der Löffel entfiel

meiner Hand. Der Löffel ist der Hand viel größerer Philosophen,

Geschichtskenner und dergleichen Leute bei derartigen Gelegenheiten

entsunken, und sie haben es hoffentlich stets für eine Gnade gehalten, wenn

ihnen der Appetit nicht für längere Zeit oder gar für immer verdorben wurde.

Gottlob war das letztere bei dieser Gelegenheit bei mir nicht der Fall; aber die

Erstarrung blieb dessenungeachtet für längere Zeit die nämliche, bis sich das sie

in ihr Gegenteil, die höchste Bewegung, auflösende Wort fand:

„Vetter!… Der Vetter Just!“

Je unmöglicher es erschien, desto bedingungsloser drängte sich die Gewißheit

auf, daß er es war. Ja, er war es! Er war es unbedingt!… Ausgeweitet nach allen

Dimensionen; mit einem Ansatz zwar zu einer hohen Stirn, sonst jedoch in

keiner Weise infolge seines landwirtschaftlichen Bankerottes verfallen und zu

einer selbstgelehrten Ruine geworden, sondern auch — ganz im Gegenteil.

Er war es ganz gewiß! und zwar mit einem gewissen, völlig undefinierbaren

Anstrich vom Exotischen, einem ihm ganz sonderbar gut passenden Anflug von

Amerikanertum. Wäre einer von den Göttinger Sieben seinerzeit nach Amerika

ausgewandert; so hätte er so zurückkommen können; Professor Gervinus

vielleicht ausgenommen. Es war wundervoll!

„Just Everstein!“ stammelte ich noch einmal, mehr gegen mich selber als

gegen diese unvermutete Erscheinung am Berliner Wirtstische gewendet; und nun legte auch sie, die Erscheinung, oder er, der Vetter Just, Messer und Gabel

nieder, legte dann gleichfalls erstaunt einen Augenblick lang beide Hände auf

den Tisch, erhob sich dann langsam, bog sich über, warf das Salzfaß um, was

beiläufig diesmal ausnahmsweise kein übel Omen war, und rief ganz mit der

alten unveränderten Stimme vom Zaun oder der Haustürtreppe des Steinhofes

her:

„Now?… Jetzt aber erst mal alle stille! Fritzchen!! Nun nur nicht alles auf

einmal!… Fritz? der kleine Fritze Langreuter!… Also zuletzt doch wieder!… Ich

bin es; aber — jetzt laß auch du dich einmal anfühlen! Mensch, so reiche doch

endlich deine Hand (your fist, sagte er) her. O mein lieber Junge, das ist

doch zu gut!“ …

Es war ein sehr gefülltes Restaurationslokal, in dem unser Wiedersehen

stattfand, und die verschmauchten Räume füllten sich eben immer noch mehr

mit hungrigen Menschen. Sämtliche Professoren der vier Fakultäten, die

Bauakademie und verschiedene andere Akademien schütteten ihre Zuhörer über

diese behaglicheren Tische und Subsellien aus. Privatdozenten von allen Sorten

schoben sich ein; dazwischen großstädtisches Volk von jeglicher Art. Mir

schwindelte, ich glaubte zu träumen, wenn ich an den Steinhof und unser

trostloses Abschiedsfrühstück daselbst dachte. Und ich dachte in dieser

aufgeregten Minute wirklich daran, so sonderbar das erscheinen mag, vorzüglich

dem mit mehr Muskeln als Nerven von der wohlmeinenden Natur ausgestatteten

Erdenbürger.

Ich ergriff die Hand, die mir über den Tisch zugereicht wurde; breit war sie

immer noch, aber ich hatte auch den harten biederen Griff vom Steinhofe in der

Erinnerung und nahm die weichen Finger jetzt ebenfalls als etwas ganz

sonderbar Unstatthaftes.

„O Vetter Just!“

„Jawohl! Und ich freue mich merkwürdig, lieber Junge. Viel ins Gerade

gewachsen ist er nicht mehr in den Jahren! Aber das ist auch schön; da findet

man doch auch hier etwas wieder, was so ist, wie es war —“

„Und wie lange bist du in der Stadt, Just?“

„Davon nachher! Ich glaube wahrhaftig, der Kerl ist imstande und meint, daß

ich schon seit acht Wochen Wand an Wand mit ihm wohne, ohne ihn

aufgefunden zu haben! Ist es denn möglich, daß ein alter Freund so schlecht von

dem anderen denken kann!“

„Wie kannst du verlangen, Vetter, daß ich in diesem Moment genau überlege,

was ich sage und frage? Wo kommst du her?“

„Auch das noch!… Well, aus Amerika natürlich, wo die Leute in jedem

Momente ganz genau wissen, was sie sagen und was sie fragen. Und nun, weißt du was, Fritz? Nun tun wir fürs erste, als ob keinem von uns beiden etwas

besonders Merkwürdiges passiert sei. Jetzt essen wir mit möglichster Ruhe zu

Mittag und besehen uns stillschweigend währenddem. Keiner nimmt es dem

anderen übel, wenn er bei dem Studium auch einmal den Kopf schüttelt. What

will you drink? Alter Kerl, wenn ich weiter nichts mit über das Wasser zu

euch zurückgebracht hätte als den alten guten Magen vom Steinhofe (Fritze,

nachher stoßen wir darauf an!), so wäre auch das schon gar nicht zu verachten.

Wie sagt Cicero in diesem Falle?… Na?!… Kellner, die Weinkarte! Ach ja, die

schöne Zeit, wo man alles Gute, was kam, als etwas sich ganz von selbst

Verstehendes nahm!“

Das war nun alles so hingesagt, als ob der Mann erwarte, daß man mit dem

sonnigsten Lachen darauf Antwort gebe; und ich lachte auch, wie man hie und

da über etwas ganz Neues lacht, dem man eben noch auf keine Weise

beikommen kann. Es war mir nie im Leben etwas so neu erschienen als der

Vetter Just Everstein, dieser alte gute Bekannte. Ratlos, wie und wo er am

richtigsten anzufassen sei, fing ich mechanisch an, meine Suppe

herunterzulöffeln, aber ohne ihn für den kürzesten Augenblick aus den Augen zu

lassen. Ihm aber schien das großen Spaß zu machen, ihm, der so viele Jahre

hindurch so oft unser Ergötzen auf dem Steinhofe gewesen war.

„Dir ist es gottlob gut gegangen,“ stammelte ich, und:

„Besser, als ich’s verdiente,“ erwiderte der Vetter Just. „Cicero hat sich

jedesmal nach einer längeren Reise für das heimatliche Gewächs erklärt, und

wenn es noch so verfälscht war; und sie haben den Falerner damals sicherlich

schon gerade so vermanscht wie heute hier diesen Rüdesheimer.

Dessenungeachtet also: Auf dein Wohl, Fritz!“

„Auf dein Wohl, Vetter Just,“ stotterte ich und sah wieder stumm hin nach

dem alten wackeren Freunde.

Das überraschende Wiedersehen hinderte ihn in der Tat nicht, sich gerade so

durch die Speisekarte des Berliner Restaurants durchzuarbeiten wie vordem

durch das Gute, was unsere Jule Grote auf den Tisch setzte, und nachher

verstohlen und „vermittelst eines zweiten Schlüssels“ durch seine Schinken-,

Speck- und Wurstkammer.

„Noch einmal auf dein Wohl, Fritz Langreuter!“

„Und auf deines so oft du willst, Just, und — die alte Jule soll leben!“

Da war das lösende Wort, das ich bis jetzt so vergeblich zu finden gesucht

hatte.

„Hurra, das soll sie!“ rief der Vetter, auf den Tisch schlagend daß alles

Tafelzeug emporhüpfte und man von sämtlichen übrigen Tischen sich nach uns

umdrehte.

„Sie lebt doch hoffentlich noch und befindet sich wohl? Sie muß freilich jetzt

wohl —“

Der Vetter hatte seine Serviette neben dem Teller niedergelegt, den Teller von

sich abgeschoben und die Hände auf die Knie fallen lassen.

„Old boy, wenn du in die Fremde hinaus gemußt hättest und ich zu Hause

geblieben wäre, so wäre ich dir, wie ich mich kenne, hoffentlich mit dieser Frage

vom Leibe geblieben. Nimm es mir nicht übel, Fritze, aber von Rechts wegen

müßtest du doch eigentlich wissen, daß sie noch lebt. Nimm es nur nicht übel,

daß sie auch die ganzen Jahre, in welchen wir uns nicht gesehen haben, noch

gelebt hat. Übrigens danke ich für gütige Nachfrage, Fritzchen! sie sitzt wieder

ganz gut und, ihr Alter und Temperament abgerechnet, recht vergnügt auf dem

Steinhofe.“

„Auf dem Steinhofe?… Sie hat — du hast — den Steinhof wieder, Just?“

„Natürlich!“ sagte der Vetter Just Everstein, als ob das das Natürlichste von

der Welt gewesen wäre. Kein römischer Kaiser, der je eine verlorengegangene

Provinz zum deutschen Reiche zurückbrachte, hätte das selbstverständlicher

finden können; das wenigstens mußte ich aus meinen Geschichtsforschungen

und meinem mittelalterlichen Quellenstudium wissen; und der Vetter Just hatte

vollkommen recht: es war erbärmlich wenig, was ich von der Welt durch mein

Quellenstudium in Erfahrung gebracht und darin behalten hatte.

Nun hätte ich dreist auch mein stummes Studium der jetzigen äußeren

Erscheinung des Jugendfreundes von neuem über den Wirtstisch weg beginnen

können. Aber je nötiger es war, desto unmöglicher war es gleichfalls. Nie war

mir das Getöse, das Geklapper und Geklirr, das Kommen und Gehen rund umher

so widerwärtig und unbehaglich gewesen als jetzt. Ich sah nur wie hülflos in das

gute Gesicht mir gegenüber, und der Vetter Just nickte nur lächelnd und

brummte:

„Ja, ja, es ist wohl nicht der richtige Ort hier zu dem, was wir einander

vielleicht doch etwas weitläufiger zu erzählen haben. Das Getränk paßt auch

nicht recht zu der Feierlichkeit der Stunde; es macht seinem Schuft von

Verfertiger wohl alle Ehre, aber melancholisch stimmt es doch. Weißt du was,

Alter? Jetzt nimmst du mich mit nach Hause. Da hocken wir einmal wieder

zusammen wie in meinem Erker auf dem Steinhofe — weißt du noch? Ach Gott,

wie habe ich mir da drüben so oft nach dem Erker und des Großvaters

Wissenschaftsschranke das Herz abgesehnt!… Alter Kerl, und ich wohne jetzt

wieder darin, — den Schrank hat freilich damals der Auktionator geholt. Daß

Irene Everstein augenblicklich hier auch in der Stadt wohnt, wirst du ja wohl

wissen, obgleich du nicht gewußt hast, daß meine alte Jule noch lebt. Und —

Menschenkind, in Bodenwerder halten sie mich immer noch für einen gerade so großen Narren wie vor Jahren. Zum Exempel dieses Schrankes wegen, für den

ich fünfzig Dollars geboten habe, wenn ihn mir einer noch irgendwo auftreibt.

Aber imponieren tue ich ihnen jetzt doch riesig; denn dazu braucht man nur

einen hübschen Sack voll Taler, und es ist also leicht genug. Sobald du hier von

deinen Geschäften abkommen kannst, mußt du mich auf dem Steinhofe

besuchen, um das Gaudium mit zu erleben. Und nun komm, deinen Kaffee

braust du dir hoffentlich selber.“

Ich kam, das heißt, ich ging einfach mit, und ich sagte es auf dem Wege nach

meiner Wohnung nicht, daß ich auch nicht gewußt hatte, wo Irene von Everstein

augenblicklich lebte. Es war ein Wunder, daß ich meinen Weg nach Hause in

meiner jetzigen Stimmung zu finden wußte.