Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Wilhelm Raabe · Kapitel 33 von 36

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Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Dreizehntes Kapitel.

 

„ nd das Quadrat der Hypotenuse ist immer noch so groß wie die Summe der U

Quadrate der beiden Katheten,“ rief ich; es ging nicht anders. Wie einer der

grünen Zweige, auf denen sich unsere Kindheitsnester wiegten, hing der

Magister matheseos aus der Vergangenheit in die Gegenwart hinein; ich

mußte danach greifen und nicht bloß nach ihm, sondern nach allem, was an

Blüten und Früchten sonst dran hing.

Und es war wohlgetan. Zum ersten Male glitt etwas gleich einem Lächeln

über Irenes Gesicht.

„Wie wunderlich,“ sagte sie, „daß wir einst kamen, um dich auszulachen, Just,

und uns heute noch daran als an unsere glücklichsten Minuten erinnern. Auch an

Eva haben wir mit unserer Kinderlustigkeit wohl arg gesündigt; aber das war

wohl vor hundert Jahren —“

„Nicht ganz so lange ist es her!“ meinte der Vetter Just; doch Irene Everstein,

seinen Arm nehmend, rief:

„Für dich und — deine Braut wahrhaftig nicht, aber für uns andere. Sieh nur

den Fritz Langreuter an, wie er mir recht gibt und was für ein verrunzelt

ernsthaft urväterlich Gesicht er zu seinem Seufzer macht. Gewiß und wahrhaftig,

ihr allein seid jung geblieben, Just und Eva; — kreischend lachen und jauchzen

wie wir konntet ihr nie; nun dürft ihr heute lächeln, und wir dürfen das jetzt so

wenig für eine Beleidigung nehmen als ihr damals unser Lachen. Nun komm

aber, Just, wir wollen dem Berliner Doktor hier endlich einmal wieder den

Steinhof zeigen; es ist doch hundert Jahre her — mehr als hundert Jahre, seit er

durch sein gastfreundlich-freudiges Tor einging. Wie oft er das freilich im

Schlafen und Wachen im Traum tat, kann ich nicht wissen.“

Ja, da lag der alte Hof, der echte, rechte Bauernsitz, die deutsche Heimstätte

des gelehrten Bauern Just Everstein vom Steinhofe im vollsten Glanze der

Sommersonne, das heißt, soviel augenblicklich, nachdem wir den altbekannten

Weg bis zu dem altbekannten Zaune zurückgelegt hatten, von ihm zu sehen war.

Es war die Zeit der Heuernte, und bis ans Dach, schier bis hinauf an das Fenster

der Giebelstube des Vetters lagen die duftenden Haufen aufgetürmt, und der

Zufuhr von allen Seiten schien kein Ende zu sein.

„Auf unserem steinigen Ackerlande bauen wir wie sonst, was darauf passen

will,“ seufzte der gelehrte Bauer, um sodann behaglich hinzuzufügen: „Ja, da ist der Steinhof wieder, Fritz Langreuter, und ich glaube, ich habe nunmehr wirklich

daraus gemacht, was zu machen war. Man will sich eben immer von seinen

liebsten Freunden am liebsten loben lassen, sei es wegen seines Lateins, seiner

Mathematik oder seiner Landwirtschaft. Also lobe mich nur dreist heraus! Mit

meiner Vorfahren Ackerboden habe ich auch mit allen meinen amerikanischen

Erfahrungen wenig anzufangen gewußt; aber an eine rationelle Ausnutzung

unseres Wiesenlandes hatte vor mir keiner gedacht; ich aber habe manchen guten

Morgen zugekauft, und es trägt sich aus.“

Lächelnd stieß er mich in die Seite:

„Du weißt es ja wohl, daß ich immer eine Vorliebe für das grüne Gras und das

weiche Heu gehabt habe, nämlich für das Langhin-drein-sich-legen. So kommt

man denn stets zu seinen Lieblingsneigungen zurück; — lache nur, Horaz hat’s:

Naturam expellas furca und so weiter, soviel Latein weiß ich noch! Das

war ein Satz bei Römern und Griechen und ist es auch bei uns neuen geblieben.

Klettre über, wühle dich durch; — die Haustür findest du hinter dem Haufen an

der alten Stelle, und — hör nur — da sind sie in gewohnter Weise scharf in der

Unterhaltung — gegeneinander. Taub sind sie alle beide ein bißchen, und zu

sagen haben sie sich natürlich immer was, — Jule Grote und Mamsell Martin

meine ich! Na, auf das Gesicht freue ich mich, was meine Alte über dich machen

wird. Weißt du noch, für das liebe Fritzchen drüben von Werden hielt sie immer

eine Extrapartie von Pfeffer, Salz und Essig in ihrer Natur bereit; denn darauf

ließ sie sich jeden Tag totschlagen: wenn ein Mensch und nichtsnutziger

studierter Taugenichts von Jungen den dummen Jungen, ihren Just, auf dem

Gewissen hatte, so warst — du das.“

„Ist das wahr, Irene?“ fragte ich, mich zurückwendend, doch die Freundin war

uns im Rücken abhanden gekommen, ohne daß ich es gemerkt hatte.

„Das ist jetzt ihre Art so,“ sagte der Vetter Just, „sie wird sich schon

wiederfinden lassen. Hättest du es wohl für möglich gehalten, daß die Gute,

Wilde so lärm- und menschenscheu hätte werden können? Aber sie hatte

verweinte Augen! Ihr habt wohl schon die paar Augenblicke der Unterhaltung

am Wege nach Möglichkeit ausgenutzt? Das ist recht, denn im Grunde habe ich

dich dazu hergerufen; aber nun komm fürs erste ins Haus und sieh zu, ob du die

alte Herberge am Wege noch wiedererkennst. Glaube nicht, daß mir das etwas

Natürliches und Selbstverständliches ist. Einen um den anderen Morgen wache

ich auf und wundere mich, mich so wieder zu Hause zu finden.

Naturgeschichtlich besteht es ganz und gar nicht zu recht, daß jeder Vogel

wieder in dasselbe Nest fällt, in welchem er flügge geworden ist, sondern ganz

im Gegenteil.“

„O Vetter, da sprichst du ein trostreiches Wort aus!“ rief ich. „Und das beste für uns andere ist, daß du, du das sagst! Was kümmert uns denn da noch Schloß

Werden? Wie sehr es da spukt, das glaubte ich gestern erfahren zu haben, als

man mich bat, als Gelehrter mit dem Gespenst zu reden; aber in Wahrheit erfahre

ich es erst jetzt. Mit Geistern soll sich der Mensch herumschlagen, aber die

Gespenster mag er sich selber überlassen. Was geht uns Schloß Werden an; denn

wie würden wir an jeglichem Morgen erwachen und uns wundern, uns daselbst

wieder zu Hause zu finden?!“

„Irene auch, und das ist das allerbeste!“ sprach der Vetter Just, und wir stiegen

durch das Heu, die durch die Sommersonne in Wohlduft und Nutzen

verwandelte Wiesenschönheit des Jahres. Noch einmal dachte ich an den

gestrigen Weg über den verwilderten, verwüsteten Schloßhof zu der Tür von

Schloß Werden, dann aber nicht mehr; der Steinhof nahm mich ganz gefangen.

„Mit Fräulein Martin bist du ja erst neulich zusammengetroffen und ihr kennt

euch also noch; aber mit dir ist es etwas anderes, Jule. Komm her, Alte, und

betrachte dir den Gast genauer. Wer ist das? Wer kann es sein?“

Die Greisin hielt die Hand über die blöden Augen; doch schon platzte der

Vetter heraus:

„Das Fritzchen ist’s! Der kleine Fritz Langreuter von Werden! Wer könnte es

denn sonst anders sein?“

„I du meine Güte!“ schrillte der verrunzelte, graugelbe, weißhaarige

Schutzgeist des Steinhofes, und mit dem Ton wachte auch der Rest von dem auf,

was an Jugenderinnerungen auf dieser Erdstelle bis jetzt für mich noch im

Schlafe gelegen hatte. Was waren alle Heimchen an dem sonnigen Feldwege von

Bodenwerder herauf gegen diese aus der Vergangenheit hervorzirpende Alt-

Weiber-Stimme? Aus allen Winkeln und Ecken nicht nur des Hausflurs, sondern

des ganzen Hauses hallte es wieder bis auf das Klatschen der Ohrfeige, wie sie

Freund Ewald Sixtus in Empfang nahm, wenn er mit dem gesamten Eiersegen

aus den Hühnerställen des Steinhofes in den Taschen sich harmlos, aber dreist

auf den Heimweg machte und noch unter der Pforte von der Hüterin des

umfriedeten Bezirkes ertappt wurde. Wer je einen erhitzten Gemütes

abgezogenen Holzpantoffel gegen eine verriegelte Tür pochen hörte, dem lebt

der Hall auch wieder auf, wenn er die Klopferin nach Jahren wiedererblickt, und

die nämliche Fußbekleidung griffgerecht an ihren Füßen. „Es hilft uns nichts,

Fritze, sie trommelt uns heraus,“ pflegte der Vetter Just in der Giebelstube zu

sagen. — Ja, da stand sie, Gott sei Dank, noch in ihren Schuhen, und nun schlug

sie die Hände vor dem Leibe zusammen, daß es gleichfalls den alten trockenen,

knöchernen Hall gab, und seufzte herzzerbrechend, aber doch, wie es mir schien,

mit einem gewissen Behagen:

„Ach, du liebster Gott, also das ist er wirklich? Ach, und ist wirklich aus einem so überstudierten Jungen ein so gelehrter Herr und Herr Doktor

geworden? Ach, und du liebste Barmherzigkeit, Herr Fritz, und — so dünn! —

Nehmen Sie es nur nicht übel, Herr Doktor Fritz; je ja — je ja, es ist mir ja

wirklich eine rechte Herzensfreude, aber recht schlecht und kümmerlich muß es

Ihnen doch wohl da draußen in der Welt ergangen sein? Je ja, das ist so, wenn

der Mensche dem lieben Herrgott zu genau in die Karten gucken will; da

vernachlässigt er denn seine Leibesnahrung, zumal wenn ihn auch keiner daran

erinnert, daß es Klokke Zwölfe am Mittage ist, wie ich meinen Just da, der sonst

auch wohl als Faden sich durch’n Stopfnadelöhr ziehen lassen könnte. Das habe

ich ja immer gesagt, wenn Sie sonst hier auf den Steinhof kamen, und mein Just

jedesmal das Fieber nach Ihnen kriegte. Just, habe ich gesagt, wie kann so ’nem

Jungen was anschlagen? Den setze du in’n Fettpott, und er bleibt, was er ist; an

den kommt nie in seinem ganzen Leben was Rechtes. Wenn ich dem seine

Mutter wäre, so schliefe ich keine Nacht aus Angst um ihn. Also, wenn du denn

gar nicht von ihm lassen kannst, Just, so nimm dir zum wenigsten ein Exempel

an ihm! Ja, je ja, so habe ich dunnemalen in den Wind gesprochen, und daß ich

jetzo wiederum darauf komme, das tue ich nur, weil dem Menschen in seinem

Vergnügen manches hingeht, was man sonst wohl krumm nimmt, wenn einer

kein Blatt vor den Mund nimmt. Und das ist meine Rede, Herr Fritze, Herr

Doktor Fritze, ich freue mich gewiß und sehr, daß ich Sie endlich doch noch mal

erblicke; und wie es Ihnen auch draußen in der Fremde ergangen sein mag, auf

dem Steinhofe sind Sie immer willkommen, und nun kommen Sie nur wie sonst

recht oft nach dem Steinhofe; meinen Jungen, den Just da, verführen Sie mir

jetzt nicht mehr; wir aber wollen es mit Pläsier versuchen, ob sich denn gar

nichts an Sie heranfuttern läßt! Ihre Frau Mutter habe ich doch auch gut genug

gekannt und gern gehabt, nach Ehren strebe ich nicht, aber das wäre mir doch

was wert, wenn sie mir dermaleinst da oben die Hand gäbe und sagte: Jule

Grote, Sie hat an allem, was mit Ihrem Just gut Freund gewesen ist, getan, was

sie konnte, selbst wenn sie es nicht verdient haben wie viele aus Bodenwerder

und sonst hier aus der Umgegend, die ich jetzt hier nicht in den Mund nehmen

mag; aber an meinem Jungen, dem Fritz, da hat Sie Ihr Allermöglichstes getan,

und jetzt komme Sie nur her, dafür will ich Sie jetzt hier bekannt machen; denn

die Besten, die von unten heraufkommen, sind zuerst immer ein bißchen fremd

— das ist überall so.“

Nicht das kleinste Wörtchen, kaum ein zustimmender Gestus war in diese

Begrüßungsrede einzuschieben gewesen. Wie der gelbe Heimatsfluß beim

Eisgange rollte her, was Jule Grote zu meiner Bewillkommnung auf dem

Steinhofe vorzutragen hatte.

Der Vetter Just stieß mir nur bei jedem Komma und Atemholen den Ellenbogen in die Seite, was nichts weiter hieß als: Siehst du wohl? Ganz die

Alte! — Was wäre das alte Nest, der Steinhof, ohne die Alte! — Ich aber hätte

die Alte bei jeder neuen Wendung und vorzüglich da, wo sich die Schollen

aufeinander zu schieben drohten, beim Kopf und Kragen nehmen mögen, um sie

abzuküssen, wie keine Jüngere im Lande.

Und dazu brotzelte es vom Küchenherde her, und alles war voll Heuduft; und

Frau Irene und ich waren die einzigen, die nicht in Hemdärmeln auf dem

Steinhofe herumwirtschafteten. Es war ein heißer Sonnentag mitten im Sommer

und in unserem Leben; aber die Sonne war doch das Beste in der Welt, und wer

sie nicht ertragen mag, der mag sich einfach vor der Zeit begraben lassen. Es

sind aber auch nur diejenigen, welche auch hier unten „fremd“ bleiben, wie Jule

Grote sich ausdrückt, die die Sonne nicht vertragen können.

Aber ein drittes Wesen, das gleichfalls nicht in Hemdärmeln einherging, hatte

ich eben doch vergessen aufzuzählen. Zugeknöpft bis an den Hals, sowohl was

das Kostüm als was die Gemütsstimmung anbetraf, setzte mir jetzt

Mademoiselle Martin aus Nanzig einen Knix hin — vor der Welt, um mich

sodann mit zupackendstem, nicht den geringsten Aufschub zulassendem

Interesse in den Winkel zwischen Stubentür und Wand zu ziehen und zu flüstern:

„Et l’autre?! Der andere?! Wo ist der andere? was denkt sich der

andere? was tut der andere?“

„Der andere? Ewald? Ewald Sixtus?“

Die alte Dame hielt meinen Arm und schüttelte mich, wie sie mich nie in

meiner Jugend auf Schloß Werden geschüttelt hatte:

„Ah — oui — ich werde wie gebraten hier auf heißen Kohlen, und da kommt

dieser, und ich halte ihn, und er sieht mich dans mon angoisse, und ich

schüttele ihn und er — fragt!“ …

„Ach Mademoiselle,“ seufzte ich, „der andere fragt ebenfalls. Vor allen

übrigen fragt er auch Sie, was er mit Schloß Werden anfangen soll? Wir haben

gestern um diese Tagesstunde alle Türen dort aufgeschlossen; aber einen

Eingang haben wir darum doch nicht gefunden. Am hellen Mittage haben wir

große Furcht gehabt —“

„Und ich weiß schon, was ich ihm sagen werde; aber der vaurien, der

Taugenichts, muß selber zu mir kommen. Was schickt er einen anderen hierher,

wenn der gute Gott ihm auch zwei Beine hat anwachsen lassen! Aber es war

immer so! nur wo er einen Unsinn konnte ausüben, kam er selber; — wo es galt,

nach der raison zu handeln, mußte man ihn immer suchen.“

Selten war mir zwischen Tür und Angel ein nur annähernd gleich trostreiches

Wort gesprochen worden wie dieses letzte der atemlosen, vor Hast und Erregung zuckenden soeur ignorantine, die gottlob so genau Bescheid wußte. Aber

unsere Privatunterhaltung war jetzt zu Ende für den Augenblick; — es war

wieder einmal Essenszeit auf dem Steinhofe, und alles Hofvolk stieg durch das

Heu und kam, seinen Platz an dem Tische einzunehmen, den der Vetter Just

Everstein durch die alte Stube auf feste Eichenfüße von neuem hingestellt hatte:

zwei Bänke von Tannenholz die Langseiten entlang, ein Schemel für den

Hofjungen und ein Holzstuhl mit einer Lehne für den Herrn. Es konnte in ganz

Germanien keine vornehmere Hoftafel abgehalten werden!