Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten
Dreizehntes Kapitel.
Und dann kam wieder eine Stunde, in der ich wieder auf meiner Stube allein
saß, und zwar tief in der Nacht oder vielmehr früh am Morgen. Draußen tobte
das schlechteste Wetter der Jahreszeit, und von den Wänden sahen mich durch
den Tabaksqualm des Vetters meine Bücher an, und zwar ebenfalls wie etwas,
das mich nur zu oft abgehalten hatte, die besten Lebensstunden, wie es sich
gehörte, auszunutzen, und mein Teil von der Sonne, der frischen Luft und der
freien Welt mit allen fünf Sinnen und vor allem mit Händen, Füßen und Lungen
einzuholen.
Der Vetter Just hatte mir ein Privatissimum vorgetragen, wie ich es nie gelesen
habe und leider auch nie lesen werde. Er hatte mir über seinen Lebensgang
Bericht gegeben, von jenem Morgen an, wo der Bodenwerdersche Landpostbote
auf dem Steinhofe unseren jungen guten Kreis sprengte, bis auf die eben
abgelaufene wunderliche Stunde.
Nun konnte ich wohl sitzen, mir den Kopf mit beiden Händen halten und
Gewissensbisse der schlimmsten Art haben, nämlich die der vielbeschäftigten,
selbstgenügsamen Indolenz, die plötzlich zu dem Bewußtsein kommt, wie wenig
auf Erden durch sie zum Guten, Wirklichen und Wahren ausgerichtet wird! Ich
hatte selten kläglicher geseufzt und jämmerlicher nach Luft geschnappt als in
jener Nacht; und des Vetters Knastergewölk war wahrlich nicht schuld an der
erbärmlichen Atemnot.
Mittelalterliches Quellenstudium hatte ich zur Genüge für mich und andere
getrieben und konnte genaue Auskunft geben, zum Exempel über die Annalen
von Brauweiler, die sich so sehr darüber beklagten, daß die Ketzer so viele
Wunder täten, und die natürlich das Nahen des Antichrists, des allgemeinen
Durcheinanders daraus vordeuteten (o dieser Ketzer von Vetter!), aber die
Quellen des lebendigen Daseins, die neben mir aus dem Boden aufsprudelten,
jede nach ihrer Art trübe oder klar, mit ihren Kristallblasen und überhängendem
Grün, mit ihrem Treiben von Kindermühlwerken und Fabrikrädern, mit ihrem
Rauschen über Stock und Stein, die waren mir nur zu sehr aus dem Gesicht und
Gehör fern geblieben! In meinem Kopfe war in jener Nacht, nachdem der Vetter
Just Everstein Farewell oder Good night gesagt hatte, das große
Durcheinander unbedingt momentan vorhanden, und es kostete keine geringe
Mühe, nur die allernötigste Ordnung wieder in das Chaos zu bringen.
Ach, Vetter Just, was hatte ich dir auf deine Erzählung als Gegengabe
meinerseits zu bieten? Wie wenig fühlte ich mich persönlich in den
Enthusiasmus einbegriffen, mit dem du die Titel auf den Bücherbrettern an
diesen nichtsnutzigen vier Wänden herlasest und buchstabiertest!… Aber das
Ärgste war doch, Vetter, als du so ganz beiläufig und gutmütig bemerktest:
„Das ist der ganze Steinhof und meine Erkerstube und meine Gefühle — wie’s
leibt und lebt! O Fritz, du hast es gut gehabt und bist immer mitten in allen
deinen Anlagen und Wünschen geblieben, und keiner hat dich gestört: glaub nur
ja nicht, daß ich dir nochmals einen Vorwurf daraus mache, daß du heute mittag
bei Tische so gar nichts von uns anderen gewußt hast. Ich hätte sicherlich ebenso
wenig davon gewußt, wenn ich du gewesen wäre! Du bist ja freilich ein ganz
famoser Kerl! Ein Riese bist du!“ …
So fühlte ich mich freilich in jener Nacht, — ach, du liebster Himmel! und
jetzt lasse ich die Arme sinken und lasse den Vetter Just Everstein erzählen.
„Daß man die größten Wunder zu Hause erlebt,“ sagte er, „das lernt man erst
in der Fremde erkennen. Man braucht sich überall nur fest hinzustellen mit dem,
was man von seinem eigenen Grund und Boden mitgebracht hat, um dem
Auslande verdammt merkwürdig vorzukommen. Das ist meine Erfahrung, und
so habe ich selbst als Deutscher den lieben Leuten da drüben ganz devilish
imponiert. Mit den lieben Leuten aber meine ich sämtliche Bürger der
Vereinigten Staaten von Nordamerika, von den großen Seen bis an den äußersten
Zipfel der Halbinsel Florida und von einem Ozean bis zum anderen. Ich freute
mich auch da schon auf das Wiedersehen mit unserem guten Ewald, bloß um ihn
fragen zu können, wie es ihm in dieser Hinsicht außerhalb der deutschen Nation
ergangen sei. Nun, ihm natürlich, wenigstens in dieser Beziehung, noch um
manches Prozent besser als mir; das steht fest, ich glaube nicht, daß es mir bloß
so scheint! Du weißt, unter welchen schauderhaften und unangenehmen
Umständen ich von euch und dem Steinhofe überhaupt Abschied zu nehmen
hatte. Ein blöderer Hanstoffel als ich ist wohl selten aus seinem Traumwinkel
und von der Ofenbank an die freie Luft hinausbefördert worden. Alles, was ihr
nachher erlebt haben könnt (Fräulein Irene nehme ich aus!) ist gar nichts gegen
das, was ich an jenem schönen Sommertage und dann bei der Auktion
ausgestanden habe. Und wie die Welt ist, nimm mir das nicht übel, Fritze, so ließ
sich keiner von euch auf dem Hofe mir zum Troste und der alten Jule zur
Aufrichtung blicken; und so waren wir denn einzig und allein auf uns selber
angewiesen in dem Verdruß und Elend, ich und Jule Grote. Ich mache dir
übrigens durchaus keinen Vorwurf, Fritzchen, denn ich weiß es wohl, daß ihr
euch damals gleichfalls durch schlimme Tage durchzufressen hattet. Aber uh, die
alte Jule! Da habe ich das Meinige zu hören gekriegt vom Morgen bis zum Abend. Und, was das Schlimmste war, durchaus nicht mehr mit Gift und Galle
und spitzen Reden, sondern alles in Wehmut und Herzeleid, und — mein armer,
lieber Just hier — mein armer, armer Junge da! — Zum Heulen war’s! Die
Haare stehen mir heute noch darüber zu Berge. Ganz unerträglich! — — ‚Dich
hätte ich gar nicht aus deinen Windeln herauswickeln sollen, Just‘ — winselte
die Alte fort und fort, als ob ich an dem tagtäglichen Exekutor nicht schon genug
zu tragen gehabt hätte. Gottlob, daß das alles damals war und nicht heute noch
mal ganz von vorn an durchgemacht werden muß! — Und ein Glück war es in
allem Unglück, daß ich für die gute alte Seele am wenigsten zu sorgen hatte. Ich
kam ihr einmal mit dem Wort und der schweren Herzensangst; aber da hättest du
Jule Grote in ihrer Glorie sehen und hören können, Fritz Langreuter! Keine
Katze konnte giftiger aufprusten. Da ging es los wie die Kastanien in der Asche,
und die Asche flog mir arg genug in das Gesicht. — ‚O du dummer Bengel,
willst du dich auch da noch zum Narren machen? Mich willst du unglückselig
geschoren Schaflamm bemuttern? Du hülflose, übergeschnappte Kreatur, du? Du
hast doch sonst immer mit deinem dummen Maul warten können, bis du gefragt
wurdest! Ach, Gott, nun auch das noch!… Um mich macht sich das Kind zu
guter Letzt auch noch seine Gedanken. Da ist es denn freilich wohl mit uns zum
Schlimmsten gekommen! Zu glauben steht es freilich nicht, du — Töffel!‘
„Das war das richtige Wort, Fritz. Für sie bin ich mein Lebtage der kleine
Töffel gewesen, und ich kann dir gar nicht sagen, Fritze, wie wohl es mir
jedesmal ums Herz wird, wenn ich daran denke, daß ich es auch heute noch für
sie sein kann und bin.
„Sie hatte vollständig recht. Die Gedanken, die ich mir in meinem Leben
gemacht habe, sind nie viel wert gewesen, und die über sie am wenigsten. Da
könnte ich mich noch eher mit meinen Gefühlen sehen lassen! Ich sage dir, Fritz,
wenn ich noch lebe und jetzt, in dieser Nacht, hier dir so fett und rund
gegenübersitze, so ist das einzig und allein ihr Verdienst. Sie nahm es mir denn
auch ganz unchristlich schriftlich übel, als ich ihr die ersten hundert Dollars über
die See nach Bodenwerder schickte. So’n dummes Zeug verbat sie sich
ausdrücklich fürs künftige; ich muß dich aber da mal unsere gegenseitige
Korrespondenz lesen lassen: so kurzweg erzählen läßt sich dies nicht; das ist wie
mit allem Schönsten, Liebsten und Großartigsten in der Welt. Zum
allerwenigsten muß ich die Dokumente dabei auf dem Tische haben.
„Sieh mal, Fritz, du bist nur eine vaterlose Waise gewesen, ich dagegen eine
mutterlose von Kindesbeinen an; also kalkuliere dir mal unser gegenseitiges
Verhältnis, ich meine zwischen mir und meiner Alten, selber zurechte. Ach,
Gott, was hat sie von meinen Gedanken ausstehen müssen! und was das Ärgste
war, das Allerärgste war noch zurück und ging ihr über alles übrige hinaus, bis sie sich auch in es, wie in alle meine anderen Unsinnigkeiten, mir zuliebe,
gefunden hatte. Auf den Gedanken, nach Amerika auszuwandern, verfiel ich auf
dem Wege nach Bodenwerder am letzten Auktionstage, und es war ein richtiger
Kreuzweg. Nach ihr, meiner Jule, hatten sich die Hände, die sie gebrauchen
konnten, dutzendweise ausgestreckt; aber nach mir nicht ein einziges Paar. Wer
konnte mich gebrauchen? Sie war auf jedem Bauernhofe, auf jedem Gutshofe
hochwillkommen; denn sie wußten alle weit ins Land hinein, was für eine Perle
von Ökonomie und Molkenwesen, Schweinezucht, Viehzucht und
Menschenzucht überhaupt der Steinhof an ihr gehabt hatte. Mir verhalf weder
der große noch der kleine Broeder zu einer Unterkunft; — im Gegenteil, sie
waren schuld daran, daß ich überall, wo ich anklopfte, mit einem manchmal gar
nicht höflichen Kompliment weiter geschickt wurde. Niemand wollte von dem
‚gelehrten Bauer‘ etwas wissen, und am allerwenigsten seine besten Freunde. So
bitter ist wohl selten einem Menschenkinde der Geschmack vom Lateinischen
auf der Zunge geworden wie mir damals.“ …
„Armer Teufel!“ sagte ich, Friedrich Langreuter, Doktor der Philosophie,
Privatdozent an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin usw. usw., und
fügte hinzu: „Was weißt du denn von dem Geschmack auf den Zungen anderer
Leute, Vetter Just? Ach, Vetter, du bist der größte Doktor, der mir je bekannt
geworden ist — wie gern zeige ich dir die meinige körperlich und geistig und
lasse mir ein Rezept gegen die Bitterkeit darauf verschreiben!“
„Zweihundertfünfzig Taler hatte sich die Alte übergespart,“ fuhr der Vetter
fort, „das übrige hatte sie alles immer wieder so bei kleinem in den Steinhof
hineingesteckt, und noch dazu meistens wohl in mich, und ohne daß ich es in
meinem faulen Behagen leider Gottes im geringsten gemerkt habe und ihr
dankbar dafür gewesen bin, wie es sich von Gottes und Rechts wegen gehörte.
Nun kam sie mit ihren Sparkassenbüchern und ihrem Strumpfe voll blanker
Achtgroschenstücke zum Vorschein und mit einem Gesichte dazu, was mir bis
an mein Lebensende im Gedächtnis bleiben wird. Denke dir nur um ihr Gesicht
einen Heiligenschein, wie ihn die Maler um ihre himmlischen Jungfrauen malen;
— beschreiben läßt sich aber der Kontrast nicht, sondern nur mit tränenvollem
Herzbeben nachfühlen. Nicht einmal für ihr standesgemäßes Begräbnis, wovon
sie immer gern sprach wie die Alte in dem Gedichte, wollte sie wenigstens die
fünfzig Taler zurückbehalten, und — gottlob — bis heute hat sie sie auch noch
nicht nötig gehabt; aber ich habe sie ihr damals doch zurückgelassen, und dabei
erlebte ich denn of course ihren letzten Wutanfall über mich vor meiner
Abreise. Die zweihundert Taler habe ich genommen, und ich will keinem
anderen von meiner Natur wünschen, daß ihm auch einmal so schweres Geld in
die Tasche gesteckt wird! Glaub nur ja nicht, daß sich das so an einem Tage machte; ebensowenig wie der Abschied! Aber eines Morgens waren wir doch so
weit, nämlich bis zu dem: ‚Ja, Just, denn Adjes, und ich hätte nimmer gedacht,
daß ich auch das noch an dir erleben sollte!‘ — gekommen. Fahre du einmal so
wie ich damals von Bodenwerder nach Bremen und probier’s, wie dir dabei
zumute ist. Was wir Gelehrten die Logik nennen, das ist wie Philosophie auf
dem Wege zum Zahndoktor; beides kommt einem erst wieder, wenn alles —
Herz, Hirn und auch die Kinnbacken — wieder in verhältnismäßiger Ordnung
sind. Du siehst es mir heute, Gott sei Dank, nicht mehr an, wie ich damals
aussah inwendig und auswendig. Wenn wir Gelehrten aber wissen, daß der
Mensch in seiner Natur immer derselbe bleibt, so ist es doch ebenso wahr, daß
sich manches auf den Charakter hängt und dazu gerechnet wird wie die Mistel
zum Apfelbaum. Kannst du das Schmarotzergewächs nicht zu Vogelleim
gebrauchen oder ist dir das Geniste sonst widerlich und hinderlich, so sei nur
dreist ein guter Gärtner und richtiger Mensch, — reute es aus, reiß es ab und
mach ein Feldfeuer aus dem Gestrünk und Gestrüpp. Für mich, den Vetter Just
vom Steinhofe, ist da diese glorreiche Republik der Vereinigten Staaten von
Nordamerika eine unbezahlbare Schulmeisterin gewesen. Hier bin ich wieder,
und — ein Schulmeister bin ich drüben gewesen: ich habe mich doch nicht ganz
umsonst von euch hier zu Lande auslachen lassen wollen! alter Junge, und ein
Buch könnte ich wohl auch jetzo zustande bringen, wenn auch nur eines —
meine Lebensgeschichte. Ich gebe dir mein Wort darauf, eine ganz sonderbare
Historia ist das; und so in manchem stillen Augenblicke komme ich mir wirklich
merkwürdig kurios und interessant vor und als etwas, was ganz außer mir steht
und sich von den verschiedensten Seiten her betrachten läßt. Nicht wahr,
Objektivität nennen wir dieses? Glaube nur aber ja nicht, daß ich dir das Gesicht,
welches du mir hier eben zuschneidest, übel anrechne.“
„O Vetter,“ habe ich damals, mit beiden Händen nach der Hand des teuren
Mannes greifend, gerufen, „Vetter, lieber Vetter, was ich für ein Gesicht dir
mache, weiß ich nicht; aber wie ich jetzt, in dieser Nacht, mit diesem Winde vor
dem Fenster in deiner Schule sitze, das weiß ich ganz genau. Und nun tue mir
die Liebe an und verführe mich nicht wieder, dich zu unterbrechen! Erzähle
weiter — weiter; o erzähle weiter —“
„Herr Urian! Jawohl; — wenn einer eine Reise tut, so kann er was erzählen,
singt der Wandsbecker Bote. Und freilich, eine Reise habe ich getan, und sie war
noch lange nicht zu Ende, als ich drüben am anderen Ufer angekommen war,
daselbst auf der Werft im Kreise meiner Zwischendecksgenossen stand (einige
saßen auch noch ratloser als ich auf ihren Kisten und Kasten) und diesen
Neuyorkischen Nordamerikanern meine ersten frisch importierten Maulaffen
feilbot. Großer Gott, damit mochte man dort so frisch als möglich ankommen, eine neue Ware war es da am Platz wahrhaftig nicht! Es ist nicht in einer
Sitzung, wie wir sie jetzt abhalten, zu berichten, was ich im Handel damit
ausgestanden habe! Und dann nimm nur auch mal die Konkurrenz an! ganz
abgesehen von den Weibern, Kindern und den Alten, die dazu ihre Tränen,
Seufzer, Jammergesichter und Gebresten auf den fremden Markt bringen. Daran
darf ich gar nicht denken, ohne meine eigene Historie auf der Stelle abzubrechen
und anzufangen, die eines anderen, und zwar eines anderen von Hunderten und
Tausenden, zu erzählen. Der Mensch ist aber und bleibt ein Egoist, und so bleibe
auch ich in der Furche und pflüge mein eigen Feld nach der allgemeinen Regel
dir vor wie bei dem ersten besten Preispflügen. Das mit der großen Konkurrenz
war denn sicherlich für mich kein eitler Wahn. Es geht außer den ordentlichen
Bauern auch eine Menge wirklicher Schulmeister über das Wasser, weil ihnen
der vaterländische Grund und Boden nicht genug Balken mehr unter sich hat —
gelehrte Leute, Professoren, Doktoren, Oberlehrer und Seminaristen —
Philologen und Philosophen von jeder Sorte, und kommen sämtlich beim
Steinklopfen, Ziegeltragen und im deutschen Auswandererspital an. Mit mir ist
es glücklicherweise umgekehrt gegangen. Ich habe da freilich nur meine eigene
persönliche Erfahrung und kann nur sagen, was ich persönlich weiß. Und nun,
Fritz Langreuter, lasse ich mich darauf totschlagen, daß von allem, was man
drüben am besten gebrauchen kann, ein lateinischer Bauer das allererste ist. Von
ihren großen Städten und dergleichen rede ich natürlich nicht, sondern von ihren
Wildnissen und Einsamkeiten. Und merken lassen darf man es ihnen, auch im
Hinterwalde oder auf der Prärie, auch nicht, was man außer seinen zwei groben
Fäusten mitgebracht hat, sondern sie müssen es nach und nach ganz von selber
merken. Nun stelle dir den Vetter Just vor in einem Lande, wo jedes Kind, sowie
es das Licht der Welt erblickt hat, sofort sich auf das Praktische legt und mit
seinen Eltern über seine ersten natürlichen Geschäfte an zu handeln fängt. Nicht
wahr, da brauchte der bankerotte Bauer vom Steinhofe nicht erst eine Glatze zu
kriegen, um zum Kinderspott zu werden? Es war der erste Vorteil, den ich aus
meiner heimischen Dummheit zog, daß ich dieses einsehen und mich darauf
einrichten konnte. — Ach, Fritz, es ist manchmal dem Menschen nichts
dienlicher, als daß er mal so recht vollständig umgekehrt wird! wenn das
Allerinnerste nach außen kommt, dann erfährt er erst, was eigentlich alles in ihm
gesteckt hat und was ihm nur angeflogen war. Jetzt kehrst du zuerst den Bauer
heraus, Just! denke ich mir, mit der Faust vor der Stirn; — den Urbauer, den
deutschen Bauer aus der Zeit, wo er sich noch nicht einen Ökonomen schimpfen
ließ. Dreidrähtig, Just! schon um der alten Jule willen. Ebenso dick als lang, und
wäre es auch nur der Ehre des deutschen Vaterlandes wegen. Mist bleibt überall
Mist und hat überall dieselbe Wirkung in der schönen Natur, einerlei ob in dem alten Europa oder in dem jungen Amerika. Und dann — muß man denn immer
in seinem eigenen Bette schlafen und den Schlüssel zu seiner eigenen
Rauchkammer in der Tasche herumtragen? Uh, das Fleisch ist mir da wirklich
von den Knochen gefallen; aber gereckt habe ich mich auch. Du glaubst es
wahrscheinlich nicht; aber einen guten Zoll bin ich ganz gegen die Natur in
Amerika noch gewachsen. Das Land hat das wirklich naturgeschichtlich so an
sich, daß es seine Leute wie zähes Leder auseinander zieht. Ist dir mein Hals
nicht aufgefallen? Na ja, auf dem Steinhofe steckte er mir ganz anders zwischen
den Schultern! Nimm es mir nicht übel, das sollte kein Stich auf dich sein; denn
bei dir ist das ganz was anderes, du bist ein glorreicher deutscher Gelehrter und
passest mit deiner dünnen Nase ganz nach der Regel zu deiner übrigen Figur.
Aber wir — das deutsche Volk im großen und ganzen; wie lange müssen wir
noch selbst dem Unteroffizier dankbar sein, der uns zum Geradestehen animiert
und uns das Kinn mit der Faust in die Höhe stößt, um uns auf das stolze Blau
über uns aufmerksam zu machen?! Das war eine Abschweifung, rechne ich; und
da bin ich also auf einer Farm mitten im Staate Wisconsin — auf einer Farm —
zahle mein Lehrgeld als Ackersmann auf Erden nachträglich und hole vieles
nach, was ich auf dem Steinhofe aus Faulheit und Dummheit versäumt habe; —
mein einziger Verlaß die Muskeln, die mir Jule Grote angefüttert hatte. Ein
bißchen klimatisches Fieber abgerechnet, ging es auch so ziemlich. Aber das
Geräte! damit habe ich Jahre lang meine liebe Not gehabt, bis ich es mir
handgerecht einstudiert hatte. Nimm nur mal solch eine Yankee-Axt an. Und
dann ihre Verbesserungen an ihren Pflügen zwischen ihren Baumstumpfen.
Selbst das Älteste, was Adam schon kannte, kommt einem da neu vor. Bis auf
den Griff am Spaten mußt du dort als deutscher Ackerknecht von frischem in die
Lehre gehen. Aber in der Not frißt der Teufel Fliegen, und by degrees
machte sich die Sache ganz gut. Wir Gelehrten nennen das ja wohl eine felix
culpa, wenn sich einer zu seinem Glück und besserem Verständnis blamiert
und sich elend und lächerlich macht? Wir hatten einmal einen thüringischen
verunglückten Pfarrer in Liedlohn genommen, der sprach viel hiervon. Einerlei;
ich sage dir, Fritze, man muß so einen wackeren Erbsitz und Urvätereigentum
wie den Steinhof wie im Traum von der Hand weggeblasen haben, um es im
vollen einzusehen, was für ein glorreich Handwerk Adams Handwerk ist! So ist
es aber mit allen guten Dingen, die uns in die Hand wachsen, in die Windel
eingebunden oder auf dem Präsentierteller gebracht werden. Erst verdudele du
sie, dann lernst du sie nach ihrem ganzen Wert und Behagen abschätzen! Wenn
ich es heute nicht noch zu allem übrigen hier bei euch zum Titel Ökonomierat
bringe, so — na, ich will lieber nicht sagen, was Karl Heinzen drüben dann in
diesem Falle sagen würde! — Herzensjunge, es ist jammerschade, daß du in jener Zeit nicht bei mir warst, um dein Pläsier gerade so an mir zu haben wie im
grünen Grase unter meines Vaters alten Kirschenbäumen oder in meiner ganz
verrückten Erkerstube. O, hätte ich nur manchmal die alte Jule, dich, Ewald und
die beiden Mädchen nach Neu-Minden hexen können! Wenn man absolut einmal
zu renommieren wünscht, so renommiert man am liebsten vor seinen nächsten
Bekannten, Verwandten und besten Freunden, wahrscheinlich eben weil die doch
nie an einen glauben. Neu-Minden hieß unsere Ansiedelung, und alles in allem
gerechnet, jung und alt zueinander, waren wir so zirka fünfzig bis sechzig Köpfe
stark. Immer ein hübscher Kern! Der General Varus auf seinem Marsche durch
Deutschland hat wahrscheinlich erst bei Detmold einen bunteren Haufen von
uns, und zwar zu seinem Schaden, auf einer Stelle zusammen erblickt. Neu-
Minden! ein netter Name und ein absonderlich Sammelsurium deutschen Volkes!
— von jeder Sorte a G’schmäckle, wie die drei oder vier Schwaben unter uns
sagten. Drei bis vier Dutzend Kinderflachsköpfe wuchsen uns zwischen den
Beinen, Schweinen, Baumstumpfen und Fenzen auf, und das war die
Hauptsache, und wer auch Präsident sein mochte — dieses machte ihm keine
grauen Haare; einen Kultusminister schickte er uns nicht, um Ordnung zu stiften,
nach Neu-Minden. Ihm war es in seinem weißen Hause in Washington
vollständig einerlei, auf welche Weise sich seine Bürger die Fähigkeit, seine
Nachfolger in diesem weißen Hause zu werden, erwarben. Nun, da freue ich
mich, daß ich dreist beschwören kann, daß es immer noch etwas auf sich hat mit
dem deutschen Gewissen, nämlich soweit es sich um Vaterpflichten und
Muttersorgen handelt; einerlei, ob es ihm absolut gleichgültig ist, wer Präsident
wird, und wer nicht. — ‚Sie wachsen auf wie die Schweine!‘ brummten
kopfschüttelnd die Grauköpfe von beiden Geschlechtern in der neuen Gemeinde.
‚Ein Vergnügen ist es, es mit anzusehen, aber eine Schande ist es auch, wie das
Zeug ins Kraut schießt. Es geht nicht länger so; für den nächsten Winter müssen
wir für einen Schulmeister zusammenlegen, koste er, was er wolle. Aber mit Rat,
Gevattern! es verläuft sich mancher von der Sorte hierher, dem man kein Ferkel
zum Waschen anvertrauen möchte, wenn man ihn selber und seine Vorgeschichte
im alten Lande genau kennte.‘ — Na, Fritze, du kennst mich und meine
Vorgeschichte im alten Lande! was meinst du zu mir und diesen Reden und
Beratungen in der Waldwirtschaft rund um mich her? Nicht wahr, du siehst es
jetzt schon ziemlich klar vor dir liegen, wie es sich nachher alles gemacht und
passend ineinander gefunden hat? Schwerenot, wollte ich dir jetzo eine Pfeife
vom schwersten Lobtabak vorrauchen, so könnte ich es, daß du Fenster und
Türen des Wohlduftes halber aufsperren müßtest. Neu-Minden aber existiert
glücklicherweise noch; also reise du nur selber hinüber und höre dir, wenn dir
daran liegt, an, wie die anderen von mir reden. Ich, der ich auf dem Steinhofe nicht der Herr und Bauer sein mochte, ich bin hoffentlich ein guter Bauer und
Knecht in dem amerikanischen Walde gewesen. Aber ich bin auch durch des
Großvaters Schrank — weißt du noch! — im Laufe der Zeit wieder mein eigener
Meister geworden, wie wir Deutschen das Wort nehmen; ich habe eine Farm in
die Wildnis hineingesetzt, die sich sehen lassen konnte und bald ihren Wert und
Preis hatte. Weiß der liebe Gott, den Vetter nannten sie mich auch drüben bald
auf zwanzig Meilen in die Runde, ohne daß ich dir sagen kann, wie es zuging.
Von den Kindern ging es nicht aus. Die habe ich schon der Autorität wegen bei
ihrem Mister Everstein erhalten. Bitte, reise wirklich morgen schon ab; — bloß
um zu hören, wie sie hundert und mehr Meilen nordwestlich von Milwaukee von
dem Mister Everstein sprechen, wenn sie zu ihren Buchstabierspielen aus allen
Himmelsrichtungen her auf eine halbe Tagereise weit zu Pferde und zu Wagen
zusammenkommen! Und ich habe es nicht bei dem bloßen Buchstabieren
gelassen nach getaner Tagesarbeit mit Axt, Pflug und Spaten. Ein Exemplar vom
alten Broeder war freilich nicht aufzutreiben, weder in Neu-Minden noch in
Neuyork; aber da liegt schon in Minnesota am Mississippi ein Ding, das heißt
Sankt Paul, und da hat mir wirklich und wahrhaftig einer einen Ellendt
aufgetrieben, und wenn heute ein eingeborener Neu-Mindener einen Begriff oder
eine Ahnung von mensa und amare hat, das heißt in der Römersprache, so bin
ich der Mann, der schuld daran ist. O, und der pythagoreische Lehrsatz!
Erinnerst du dich wohl noch an den Magister matheseos, Fritze
Langreuter? und an meine Seelenseligkeit, als ich ihn heraus hatte und ihn dir als
etwas, was unumstößlich seine Richtigkeit hatte, beweisen konnte? Du hättest
die Tafelrunde von alten und jungen Neu-Mindenern sehen sollen, denen ich ihn
gleichfalls bewies, mit Kreide auf der Tischplatte, am Winterabend mitten in der
amerikanischen Wildnis und viel näher dem Lake superior als der Weser
und dem Flecken Bodenwerder und dem Dorfe Kemnade! Siehst du, liebster
Freund, so habe ich wenigstens einmal in der Fremde für voll gegolten in dem,
was ich zu Hause für das höchste Ideal hielt. Jetzt bin ich mit Ruhe ein Bauer auf
meinem alten braven Hofe. Alle Nachbarn sind mir wiederum willkommen wie
vor Jahren in meiner Narrenzeit. Ich bin auch mit Vergnügen für jedermann
wieder der Vetter Just, und manchmal denke ich wie mit einigem geheimen
Vergnügen: hast du auch weiter nichts vor dich gebracht, Just, als daß sie nicht
mehr hinter deinem Rücken über dich lachen, so ist auch das schon bei deiner
angeborenen Dummheit und Faulheit etwas ganz Hübsches.“
„O Vetter Just,“ rief ich im hellen Enthusiasmus und, wahrhaftig mit Tränen in
den Augen und einem heißen Kitzel in der Gurgel, „der Vetter Just bist du und
bleibst du, und — bei den unsterblichen Göttern — höher als das kann es kein
sterblicher Mensch auf dieser Erde bringen! O Vetter, wie freue ich mich, daß ich dich wieder im Lande weiß und von neuem dich auf dem Steinhofe besuchen
und bei dir in die Schule gehen kann!“