Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten
Erstes Buch
Erstes Kapitel.
Eine Blume, die sich erschließt, macht keinen Lärm dabei; auch das, was man
von der Aloe in dieser Beziehung behauptet, halte ich für eine Fabel. Auf leisen
Sohlen wandeln die Schönheit, das wahre Glück und das echte Heldentum.
Unbemerkt kommt alles, was Dauer haben wird in dieser wechselnden,
lärmvollen Welt voll falschen Heldentums, falschen Glücks und unechter
Schönheit; und es ist kein eitles, sich überhebendes Wort, was ich hier zu Anfang
dieser Blätter hinsetze; denn es sind die Lebensgeschichten anderer Leute, die
ich beschreiben will, nicht meine eigenen. Das Heldentum und die Schönheit der
Rolle, die ich dabei abspiele, lassen sich wohl halten in der hohlen Hand. Aber
eines ist auch wahr und darf gesagt werden: Glück, viel Glück habe ich wohl
nicht gehabt, aber doch dann und wann mein Behagen, meine Belustigung und
meine Ergötzlichkeiten; und das alles ist gleichfalls ganz natürlich und ziemlich
unbemerkt gekommen und gegangen, — so daß es heute, in den gegenwärtigen
stillen, nachdenklichen, überlegenden Stunden nichts Erstaunenswürdigeres für
mich gibt als mein unleugbar vorhandenes Wohlgefallen nicht nur an der Welt,
sondern auch immer noch an mir.
Mein erstes Aufblicken in dieser Welt fällt in die Zeit der Gründung des
deutschen Zollvereins, also in den Anfang der vierziger Jahre dieses Säkulums.
Wer eine Ahnung davon hatte, daß aus dieser anfangs etwas unbequemen und
viel bestrittenen Institution einmal das einige Deutsche Reich aufwachsen könne,
behielt dieselbe ruhig für sich, und eine kleine Ausnahme machte da vielleicht
nur ein kleiner Mann im Ministerium der auswärtigen Angelegenheiten in Paris,
Mr. Louis Adolphe Thiers genannt. Das deutsche Volk ließ sich murrend, wenn
auch nach seiner Art gutwillig, die ersten Lebensbedürfnisse und vor allem das
Salz durch den segensreichen politischen Schachzug verteuern.
Da war nun so ein Stätlein (auf die Landkarte bitte ich dabei nicht zu sehen),
das diesem „preußischen Verein“ beigetreten war, aber seine Planetenstelle nicht
verändern konnte, sondern liegen bleiben mußte, wo es lag: nämlich ganz und
gar umgeben von einem anderen Staat, der nicht „beigetreten“ war, und das
junge Reichsvolk von heute hat gottlob keine Idee davon, was das seinerzeit
bedeutete, obgleich es eigentlich noch gar so lange nicht her ist. Zog der eine
deutsche Bruder seinen Grenzkordon, so zog ihn der andere ebenfalls. Daß wir
im ganzen das deutsche Volk und der erlauchte deutsche Bund dabei blieben, konnte den Zeitungsleser nur mäßig erquicken und ihn höchstens ganz
kosmopolitisch in seiner Selbstachtung über dem Wasser erhalten.
Die Hauptsache für mich, auch heute noch, ist, daß das, was damals von
zivilversorgungsberechtigten Militärpersonen vorhanden war, fest darauf
rechnen durfte, „unter die Steuer gesteckt zu werden“, und daß mein braver,
seliger Vater mit dem Titel Herr Kontrolleur natürlich gleichfalls hineinfiel, und
meine Mutter ebenso selbstverständlich mit ihm. Meine erste deutliche
Lebenserinnerung aber ist, daß ich von einem Wagen gehoben und in ein Haus
getragen wurde, das mir aus einem einzigen großmächtigen, kindlich
ungeheuerlichen schwarzen Scheunenflur, einer Rauchwolke unter der Decke
und zwei Reihen Kuhkrippen, nebst den dazugehörigen heraäugigen,
hauptschüttelnden, kettenrasselnden gekrönten Herrschaften zu bestehen schien.
Dem war jedoch nicht ganz so. Es fanden sich in dem unteren Raume dieses
Hauses noch zwei oder drei Gemächer, die den zu dem Feuerherde und den
Haustieren gehörigen Menschen zu allerlei Gebrauche dienten; und eine
leiterartige steile Stiege führte sogar in ein oberes Stockwerk, wenigstens in der
Front des Gebäudes, empor, — in unsere Wohnung, die einzige, die meinen
Eltern bei ihrer Versetzung in dieses Gebirgsstädtchen offen gestanden hatte.
Dicht an unsere Wohnung stieß der Heuboden, und wir hatten deshalb mit Feuer
und Licht sehr vorsichtig umzugehen, was wir denn auch taten, und vorzüglich
ich, dem alles unnötige Spiel damit mehrfach in schlagender Weise verleidet
wurde.
Mein Vater, der reitende Steuerkontrolleur Hermann Langreuter, trug einen
Säbel und eine Uniform, die mir heute in der Erinnerung den Eindruck von
Grünblau und Blau und vielen gelben Metallknöpfen mit dem Landeswappen
macht. Was den Anzug meiner Mutter betrifft, so halte ich es hell in dem
Gedächtnis fest, daß sie stets in hellen Kleidern ging, — bis zu dem Ereignis,
das sie für immer in Schwarz und Grau warf.
Die Salzschmuggler haben mir nämlich meinen Vater erschossen. Um einen
Sack voll Salz mußte er damals sein Leben im Walde auf der lächerlichen
Grenze lassen. Ich aber habe wahrlich später keine Verlustliste, die um des
deutschen Volkes Einheit ausgegeben wurde, gelesen, ohne an den alten
Griesgram auf seinem Felde der Ehre wehmütig und kopfschüttelnd zu denken.
Der Donner der tausend Kanonen in den großen Siegesschlachten der Gegenwart
hat die Schüsse, die seinerzeit hinüber und herüber gewechselt wurden, nicht
übertönen können. Gottlob ist es heute nur höchstens ein Drittel der Nation, das
sich jenes brüderliche Nachbargeplänkel zurückwünscht, was in Anbetracht des
Nationalcharakters merkwürdig wenig ist, zumal wenn man noch die sehr
verschiedenartigen Gründe, aus denen jener Wunsch aufwächst, in Betracht und in Rechnung zieht.
Auch aus diesem letzten politisch-historischen Exkurs wird meinem Leser
einleuchtend hervorgehen, daß der schöne Sommermorgen, an dem uns die
schlimme Nachricht über den Vater gebracht wurde, ziemlich weit zurückliegt.
So ist es; es ist viel mehr als ein Menschenalter seit dem Tage hingegangen, und
ich kann dreist die objektivsten Bemerkungen an ihn anknüpfen.
Dessenungeachtet liegt jener Tag und alle seine Stimmungen heute schier
klarer vor meiner Seele als der gestrige, an dem es mir zuerst einfiel, mir selbst
einmal schriftlich von mir selber und dem, was dazu gehört, Rechenschaft zu
geben.
Daß der Sommermorgen schön war, sage ich, weil ich heute noch sein Licht,
seine Wärme, seinen Landstraßenstaub und seinen Waldduft in mir und um mich
spüre. Wir aber, meine Mutter und ich, sind um Sonnenaufgang mit der
schrecklichen Nachricht geweckt worden, kurz vor dem längsten Tage.
Ich saß aufrecht in meinem kleinen Bette, und meine Mutter hielt mich und
hielt sich an mir. Da erscholl das ewige, jedenfalls Jahrhunderte alte
Leibstücklein des Kuhhirten in der Gasse des Ackerstädtchens. Die Sonne schien
mir auf die Bettdecke, unten im Hause brüllten die Kühe. Meine Mutter war in
einem Weinkrampf, und die Hausgenossenschaft und ein paar Nachbarinnen und
ein alter eisgrauer Kamerad und Steuerkollege meines Vaters waren auch in der
Kammer, und die Stube nebenan war voll von Menschen. Unter den Leuten in
der Stube aber befand sich ein Mann in einer fremden Uniform, wie es mir
schien. Das war aber die Livree derer von Everstein, die ich nachher sehr genau
kennen gelernt habe.
Der Herr Graf hatte den Diener mit dem Eberkopfe auf den Rockknöpfen an
meine Mutter geschickt und seinen Wagen dazu. Mein toter Vater lag auf dem
Hause Werden, dem Wohnsitze des Herrn Grafen, und ich hörte, wie der alte
Kamerad des Vaters zu meiner Mutter sagte:
„Frau Steuerkontrolleurin, liebe Frau, Sie müssen es ja leider Gottes, also
fassen Sie sich! Sehen Sie doch mal an, gefaßt mußten Sie ja immer im Grunde
auf so was sein. Wie wäre es denn nun gewesen, wenn uns der liebe Herrgott
während unserer Militärdienstzeit einen guten, braven Krieg beschert hätte?
Eben vielleicht nicht anders als jetzt; nur wäre es vielleicht dann noch früher
eingetroffen, und das wäre dann noch viel betrübter für Sie gewesen. Nicht
wahr? Sie sind doch nun gottlob eine Soldatenfrau, und Ihren Jungen haben Sie
ja da auch noch, und er nimmt sich gewiß in dieser ernsthaften Stunde ein
Beispiel an seinem lieben Vater, und macht es ihm in allen Dingen nach. Nicht
wahr, Fritz, das versprichst du uns?“
„Ja, ja!“ heulte ich, ohne im geringsten zu wissen, was alles ich hier versprach; aber ich fühlte, wie meine Mutter mich fester faßte und heftiger mich
an sich drückte, als werde sie mich nie mehr aus ihren lieben, schützenden
Armen loslassen:
„Fritz, du bleibst bei mir! du gehst nie von mir!“
„Ja, Mutter, ich fahre mit, ich darf mit ausfahren zum Vater! Nicht wahr, und
ich darf auf des Vaters Braunen nach Hause reiten?“
„Der Wagen hält schon seit einer Stunde vor der Tür,“ sagte der alte Kamerad.
„Und es ist doch auch recht freundlich von der Herrschaft auf Schloß Werden,
daß sie ihre eigene Equipage schickt. Von Amts wegen sind wir schon längst zu
Pferde hinaus; da wird nicht das geringste verabsäumt werden, was Ihnen zum
Trost gereichen kann, Frau. Und jetzt kommen Sie; — die Nachbarinnen ziehen
Ihnen den Jungen an, und dann fahren wir langsam nach. Es geht ja alles im
menschlichen Leben hin, und eins in das andere. Erinnern Sie sich nur recht
genau an alles, was Sie mir so gut und brav zum Troste sagten, als ich so bei
meiner seligen Frau saß, und sie dalag. Sie wissen ja also alles Beste, was Ihnen
einer jetzt sagen kann, schon von selber. Fritze, du kannst mitfahren.“