Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten
Siebenzehntes Kapitel.
Wenn der Vetter Just sein Wort gegeben hatte, so konnte man sich darauf
verlassen, daß er es pünktlich hielt. Dieses war selbst in seinen Traumjahren auf
dem Steinhofe der Fall, und sein Aufenthalt in Amerika hatte nichts daran
geändert. Fünf Minuten vor elf Uhr am folgenden Tage vernahm ich seinen
langsamen, soliden Schritt auf der Treppe.
„So, da bin ich, und wir können gehen,“ sagte er. „Irene wird sich gewiß recht
freuen; aber ein Vergnügungsweg ist es nicht, das versichere ich dich.“
Dieses brauchte er nun mir gerade nicht immer zu wiederholen, ich wußte es
bereits. Die Zeiten, wo wir uns in dem Blättergrün und Sonnengold unserer
Nußbaumnester an der Hecke von Schloß Werden schaukelten und uns daraus
wild, frei und fröhlich in alle grenzenlose Jugendlust der Erde niedergleiten
ließen — auf die „Vergnügungswege nach dem Steinhofe“, wie der Vetter sich
ausdrückte, — die Zeiten waren nicht mehr vorhanden. Aber aus dem
Sonnengold und Blättergrün stieg ich an diesem Morgen doch hernieder in den
Straßenschmutz der Stadt Berlin. Wie du die Jugendfreundin auch finden magst,
hiervon werdet ihr auch reden, Fritz Langreuter! sagte ich mir wehmütig-
bänglich; und dazu war es schon sehr viel und ein großer Segen, am Arme des
Vetters Just Everstein diese Straßen durchwandern zu dürfen, vorüber an den
Anschlagssäulen mit den hundert bunten, zu den heutigen Lustbarkeiten
einladenden Zetteln, ganz abgesehen von den anderen öffentlichen privaten oder
amtlichen Ankündigungen und Aufforderungen.
„Guck, da steht die Gesellschaft und der Staatsanwalt wieder einmal einem
durchgeschnittenen Halse gegenüber perplex! Diese dreihundert Taler, die dem
Denunzianten des Täters angeboten werden, sind für mich das kurioseste
Preisgeld, was der Menschheit, das heißt dir, mir und den übrigen, hingehalten
werden kann,“ brummte der Vetter. „Was will es dagegen heißen, die beste
Komödie zu schreiben oder das beste Bild zu malen und einen Preis dafür zu
kriegen? Beiläufig, ich habe es damals in der Neuyorker Staatszeitung gelesen,
daß du auch einen Preis für eine wissenschaftliche Abhandlung bekommen hast.
Das muß dich doch sehr gefreut haben, Fritz; — als ich es las, war ich natürlich
aus Rand und Band. Hast du noch ein Exemplar von der Abhandlung für mich
und kann ich sie verstehen?“
„Makulatur, alter Freund!“ sagte ich, besaß jedoch in einem staubigen Winkel ein hübsch Bündel von mir und der Welt höchst überflüssigen Abdrücken. Wir
gingen weiter und sprachen auf dem ferneren Wege wenig mehr miteinander und
nichts von irgend welcher Bedeutung; aber unter der Tür des Hauses, in dem
Irene von Everstein jetzt wohnte, hatten wir eine Begegnung, von der kurz
erzählt werden muß und zwar mit einer kleinen Abschweifung.
Es ist eine der volksläufigen Vorstellungen, daß die höheren Klassen unserer
heutigen Gesellschaft den ideelleren Bestrebungen des Menschen immer noch
vollkommen fremd gegenüber ständen und teils mit Verachtung darauf
herabsähen, teils drolligerweise Furcht davor hätten. Dem ist nach meiner
Erfahrung nicht so, nicht einmal im großen ganzen. Daß man hier wie auch in
anderen Kreisen ein tüchtig Quantum von Dilettantismus oder von
beschäftigungsloser Neugier oder von leerem Vorwitz im Verkehr der Welt zu
verdauen hat, ist freilich nicht zu leugnen; doch wo hat man das denn nicht?
Ich meinesteils habe mich in meinem engen Reiche nie über eine
aristokratische Mißachtung zu beklagen gehabt, wohl aber ziemlich häufig über
des edlen deutschen Philistertums verzogene Schnauze ein vergnügtes Lächeln
mit einiger Mühe unterdrückt. Wir deutschen Gelehrten usw. haben wahrlich
keinen Grund, das: Krieg den Palästen! durch unseren Tabaksdampf
nachzubrummen. Wahrlich, wenn es uns Spaß macht, so dürfen wir unsere
Fehdebriefe da dreist an ganz andere Türen als die unserer früheren
Reichsunmittelbaren usw. anheften.
Einer von den letzteren und zwar ein sehr guter Bekannter aus den Hörsälen
der Universität und von manchem „wissenschaftlichen Abend“ her war es, der
uns über die Schwelle, die wir eben überschreiten wollten, entgegentrat.
„Sieh da, Doktor! Was für ein guter, närrischer oder gar böswilliger Geist
führt denn Sie in dieses Haus, wenn ich fragen darf?“
„Ich komme jedenfalls unter dem Geleit eines guten, treumeinenden Führers,
mon prince,“ erwiderte ich. „Ich wünsche eine Jugendbekanntschaft zu
erneuern, Durchlaucht.“
Die Durchlaucht oder Erlaucht hatte den Vetter höflichst gegrüßt und dieser
den Gruß ebenso zurückgegeben.
„Eine Jugendbekanntschaft? Darf ich fragen, mit wem, lieber Freund und
gelehrter Gönner?“
Ich stellte zuerst die beiden Herren einander vor, und sie begrüßten sich noch
einmal. Dann beantwortete ich die an mich gestellte Frage, indem ich Irenes
jetzigen Namen nannte, aber auch ihren Mädchennamen hinzufügte. Der Fürst
** sah mich einen Augenblick betroffen an, dann ergriff er meine Hand und rief:
„Die?! Die Herren sind Bekannte — Freunde der armen Frau? Ach, es ist ja
richtig, Doktor, Sie stammen mit ihr aus einer Gegend her. O, meine Herren, ich habe in Wien diese Ehestandstragödie mit durchgemacht und auch eine Rolle
darin gespielt. Ich war ein Zeuge bei dem Duell, in dem endlich zu allgemeiner
Befriedigung in unserem gesellschaftlichen Verkehr ein schwarzer Strich über
den Namen Gaston von Rehlen gezogen wurde. Die Rehlen sind von fernher mit
uns verwandt, und nach meinen schwachen Kräften habe ich das meinige getan,
die unglückselige Frau da oben in ihrem trostlosen Leben aufrecht zu erhalten.
Mein Vater ist ein Jugendfreund des alten Herrn auf Schloß Werden gewesen; —
so laufen die Bezüge zwischen uns durcheinander. Ach, meine Herren, ich
wollte, Sie wären etwas früher gekommen. Vielleicht hätten Sie einen frischen
Hauch in die schwüle Stunde mitgebracht, in der ich eben dort oben auf Kohlen
gesessen habe. Sie treffen übrigens auch den Arzt dort an. Das Kind ist seit der
vergangenen Nacht wieder recht krank; der Medizinalrat macht mit der Uhr in
der Hand am Bette der Kleinen das bekannte Gesicht und ist mir auch bis vor die
Tür nachgegangen und hat mir als einem Familienfreunde seine Meinung nicht
vorenthalten. Das kleine Mädchen liegt bereits im Sterben, und als wirklicher
Familienfreund halte ich das bei dem geistigen und körperlichen Zustande des
armen Geschöpfes für ein Glück!“
Der Vetter Just stieß einen Laut hervor, der ein Seufzer war, aber auch eine
grimmige Verwünschung bedeuten konnte.
„Meine Herren,“ fuhr der Fürst fort, „ist es nicht recht bizarr, daß wir uns von
all diesen Angelegenheiten hier so zwischen Tür und Angel unterhalten? Bester
Doktor, demnächst muß ich mich unbedingt einmal wieder zu einer Tasse Tee
bei Ihnen einladen, und dann müssen wir mehr über die Frau da oben reden. Sie
interessiert uns alle in dem weitesten und in dem engsten Kreise; ich spreche
aber hier nur von dem letzteren als dem meinigen.“
„Sie wissen, daß Sie mir immer willkommen sind, Durchlaucht,“ erwiderte
ich.
„Also, Adieu, mein Bester, und auf Wiedersehen!“
Wir schüttelten uns noch einmal die Hände, während der Vetter Just bereits
die Treppe hinaufstieg.
Das war im ersten Stockwerk eine breite, vornehme, mit Teppichen belegte
Treppe, die zu einer auf dem Eckständer der Brüstung eine Glaskugel haltenden
Bronzefigur emporführte. Aber die Teppiche waren auf dem nächsten Absatze
verschwunden, und auch die Stufen waren steiler geworden. Der
Kommissionsrat, der die Beletage des Hauses innehatte, wohnte bedeutend
eleganter als die Freifrau Irene von Rehlen, die wir in dem glückseligen
Nußbaum, auf den Wiesen, in den Parkalleen und in den Wäldern von Schloß
Werden einst in ihrer fröhlichen Wildheit, blondlockig und blauäugig, als
unseren besten Kameraden und nur, wenn sie uns zu sehr durch einen ganz unvermuteten Schabernack aus der Fassung gebracht hatte, als dies „Fräulein
Gräfin“ oder (nach Ewalds Ausdruck) als „diese ganz abgefeimte Haupthexe,
diese Irene“ gekannt hatten.
Ich stieg hastig dem Vetter nach, der vor der Glastür mit dem jetzigen Namen
unserer Jugendfreundin einen Augenblick lang sich schwer auf das Geländer
stützte und, unverständlich mit sich selber sprechend, sich mit dem Taschentuch
über die Stirn fuhr.
„Das sollte nun wohl ein Trost sein, daß uns dieser Mann da eben an der Tür
begegnete?!“ brummte er mir zu. „O, diese Hand würde ich darum hergeben,
wenn ich dadurch jetzt meine Eva Sixtus hierherschaffen könnte, Fritz
Langreuter!“
Weshalb gab mir nun dieser Name Eva Sixtus auch in dieser Stunde, in dieser
Umgebung und unter diesen Umständen, von ihm ausgesprochen und gleichsam
zur Hülfe herbeigerufen, in tiefster Seele einen Moment bittersten Unbehagens,
— wie das Volk sagt: einen Stich durch das Herz?! Ich hatte wiederum keine
Zeit, darüber nachzudenken; die Glastür war nicht verschlossen, und der Vetter
hatte sich „besonnen“, wie er sagte, und „die nötige Selbstbeherrschung
wiedergewonnen.“
Als wir auf den etwas dunkeln Vorplatz traten, öffnete sich gegenüber eine
Tür, und der Doktor kam heraus, geleitet von Mademoiselle Martin, deren
runzeliges Gesichtchen verkniffener denn je erschien.
„Ah messieurs!“
Ich kannte auch den Arzt persönlich und wußte, daß er als einer der besten
Kinderärzte der Stadt galt. Er gab mir etwas verwundert die Hand; aber dem
Vetter Just schüttelte er sie ganz vertraulich.
„Ich freue mich, daß ich Ihnen augenblicklich den Platz räume, Herr
Everstein,“ sagte er leise. „Sprechen Sie in Ihrer gewohnten Weise zu der
Gnädigen; es wird ihr wohl tun —“
„Und das Kind?“ flüsterte der Vetter; und der glückliche Kinderarzt, der sie zu
Tausenden hatte sterben sehen, nickte unmerklich und schüttelte sodann sehr
merklich den Kopf:
„Ich habe leider dem Fräulein hier die Wahrheit nicht verhehlen dürfen. Ich
denke — so — gegen Abend!… Werde jedenfalls im Laufe des Nachmittags
noch einmal vorsehen. Mein Fräulein, ich bitte Sie, ferner so ruhig zu bleiben
wie bisher. Meine Herren, ich empfehle mich Ihnen.“
Er ging, und Mademoiselle, die so ruhig bleiben konnte, erfaßte mit
zitterndster Erregung unsere Hände, und die Tränen brachen ihr unaufhaltsam
hervor.
„O, es ist gut! — nur einen Moment, messieurs! ich bin auch gleich wieder still. Herr Fritz, madame wird sich sehr freuen — freuen. Ich habe ihr
gleich erzählt von Ihnen, und daß ich Sie habe gesehen in der Straße. Herr Just,
Sie verlassen uns nicht heute abend! Sie bleiben bei meinem Kind und bei
unserem Kinde, wenn kommt die schlimme — terrible — Stunde. Wir
brauchen einen guten Mann dann bei uns, Herr Vetter Everstein! Und nun warten
Sie, daß ich es ankündige, daß Sie da sind.“
Sie führte uns in ein Nebengemach, und wir hatten nicht lange zu warten, bis
man uns winkte. O über die goldengrünen Zweige, in denen wir uns wiegten,
unsere Nester bauten und von der Welt träumten und auch als Kinder, nicht als
ausgewachsene Leute und große Philosophen die Welt für ein Spiel nahmen, in
welchem wir mitspielen durften!…
Am Sterbebette ihres Kindes! Sie saß in dem verdüsterten Raume und hatte
den Arm auf das Gitter des kleinen Lagers gestützt, und sie stand auch nicht auf,
als wir leise in die Tür traten, sondern reichte uns nur die Hand und hob ihre
gleichfalls fieberhaft glänzenden Augen zu uns empor.
„O Just,“ sagte sie, und dann zu mir gewendet, mit einem ganz anderen
Ausdruck: „Schau, auch du, Fritz! ich sollte dich eigentlich jetzt wohl Sie
nennen, denn wir haben uns so lange nicht gesehen und haben soviel erlebt in
der Zeit, daß wir uns nicht gesehen haben. Aber ich hätte dich doch gleich
wiedererkannt, Fritz, und ich habe auch keine Zeit, jetzt über das Schickliche
nachzudenken. Lassen wir es also beim Alten, wenn es dir recht ist, Fritz.“
Es war noch die alte Stimme und doch auch eine ganz andere. Mit eisernem
Griff drückte mir die Stunde die Kehle zusammen.
„O liebe Irene —“
Der Vetter Just hatte sich über das kranke Kind gebeugt.
„Deine gute Mutter ist auch gestorben,“ sagte die Jugendfreundin. „Ich habe
mich sehr betrübt, als du mir das schriebest. Sie hat auch viel erlebt. Weißt du
wohl noch, wie ihr zuerst nach Schloß Werden kamt? Aber wir haben nachher
doch noch eine glückliche Zeit für uns gehabt. Setze dich doch, Fritz — du mußt
nicht gleich wieder fortgehen; — aus alter Freundschaft, lieber Fritz! Mein Vater
ist gestorben, — mein — Mann ist tot — nun stirbt mein Kind, mein armes,
kleines, krankes Mädchen! O Vetter Just, Vetter Just!“
Sie hatte sich mit einem Male rasch erhoben und dem Vetter laut weinend die
Arme um den Hals gelegt. Sie schluchzte an seiner breiten, braven Schulter, als
könne sie sich nimmer wieder beruhigen.
„Das ist gut; lassen Sie sie so!“ murmelte Mademoiselle Martin, ihr
Taschentuch zwischen den Händen zerringend. Da fing das Kind leise an zu
wimmern, und der Vetter, die Mutter aufrecht haltend, legte eine Hand auf die
kleine Stirn auf dem weißen Kopfkissen.
„Vetter Ju! — weh, weh!“ winselte das Kind.
„Herz, mein Herz,“ rief Irene. „Wir sind ja alle bei dir! Mama ist da, und wir
bleiben alle bei dir — o großer Gott!“
„So weh, weh!… auf Arm, Vetter Ju!“ klagte das Kind von neuem und bat mit
herzzerreißenden Schmerzenslauten. Der Vetter Just warf einen fragenden Blick
auf Mademoiselle Martin, und sie nickte. Da nahm der Bauer vom Steinhofe
sanft die Kleine aus ihrem Bettchen und setzte sich und hielt sie auf einem
Kissen und in ihren Decken in seinen guten Armen, und sie wurde allgemach
wieder ruhig und schlummerte schmerzloser der letzten ernsten Stunde zu. O
über den Sonnenschein und die goldengrünen Zweige, in denen wir uns wiegten,
als wir Kinder waren!
Der Medizinalrat sah seinem Versprechen gemäß gegen Abend noch einmal
vor. Er blieb sehr ernsthaft wieder mit seiner Uhr in der Hand eine Viertelstunde
und sprach gemessen schickliche und beruhigende Worte zu der Mutter. Aber er
war ein „glücklicher“ Arzt, ein vielbeschäftigter, und hatte keine Zeit, hier das
Ende abzuwarten, denn er hatte noch an verschiedenen anderen Orten dieselben
geziemlichen und beruhigenden Worte zu sprechen. Wir aber hatten Zeit dazu:
der Vetter Just Everstein und — gottlob! — ich auch!