Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten
Achtzehntes Kapitel.
Ich habe es wohl vergessen, zu sagen, daß wir damals im März des laufenden
Jahres waren. Der Tag war hell und trocken, wenn auch noch immer windig. Auf
den verhängten Fenstern lag ein gut Teil des Tages hindurch die
Vorfrühlingssonne, und in das Nebenzimmer schien sie voll hinein, bis sie hinter
die gegenüberliegenden hohen Häuser hinabglitt.
Wir verlebten diesen Tag vom Mittag an in diesen zwei Zimmern, dem
verdunkelten und dem hellen; der Vetter Just und ich. Mademoiselle Martin
deckte uns sogar in dem hellen Raume ein Tischchen und legte vier Kuverts auf
und stellte vier Stühle daran. Wir aßen daran zu Mittage, Mademoiselle, der
Vetter und ich; und auch Irene setzte sich einmal zu uns. Da aber hatte der Vetter
ihren Platz an dem kleinen Bette eingenommen. Wir gingen ruhelos ab und zu,
aus der hellen Stube in die dunkle. Es wurde auch eine Zeitung gebracht, und
Mademoiselle Martin reichte mir dieselbe. Ich nahm sie und habe sie bis in die
Dämmerung hinein wohl hundertmal hingelegt und von neuem aufgenommen.
Wer diese Weise, eine Zeitung, ein Buch oder sonst einen beliebigen Gegenstand
in Angst, Herzensweh und — langer Weile, — ja, langer Weile, hin- und
herzuwenden durch die kriechenden Stunden, nicht kennt, der preise das
Geschick, das ihm solchen Zeitvertreib ersparte, und bitte, daß es ihn auch
fernerhin davor bewahre, sich daran halten, im vollsten Sinne des Wortes sich
daran halten zu müssen, bis das schlimme, öde, tödliche Warten sein Ende
gefunden hat, einerlei welches.
So warteten wir an jenem Nachmittage.
Das kranke Kind wimmerte und schlief und wimmerte wieder und schlief
wieder.
Die Mutter sang ihm mit leisester Stimme und kam zu uns und weinte und
erzählte auch abgebrochen aus ihrem Leben und fragte nach dem meinigen.
Wenn der Vetter Just irgend etwas sagte, so horchten wir alle mit momentan
leichterem Atemholen; aber auch er schwieg oft viel zu lange und wußte nichts
zu sagen. Mademoiselle ging ab und zu; — die war noch am besten dran, denn
sie hatte den Haushalt für den kommenden Tag zu besorgen und von uns allen
also das meiste um die Hand. Manchmal aber stand auch sie beschäftigungslos
am Fenster, und ich bin fest überzeugt, dann haben sich Leute an den Fenstern
drüben auf der anderen Seite der Gasse einander heiter auf sie aufmerksam gemacht:
„Guck nur die Alte! wie in einem Bilde!… Die möchte ich mir freilich nicht
am frühen Morgen über den Weg laufen lassen!“
„Die könnte Geschichten aus ihrer Seele erzählen, gegen die wir beide, Fritz,
alle unsere Erlebnisse still zusammenpacken könnten,“ flüsterte mir einmal der
Vetter zu, mit dem Daumen über die Schulter auf die soeur ignorantine
an dem Fenster hindeutend. „Was meinst du, wenn die am Jüngsten Gericht ihre
auf Erden verschluckten Tränen auf einmal fließen läßt?!“
„Ja, Just,“ sagte ich, „aber es läuft alles in einen Strom. Ich kann es dir nicht
sagen, was für einen Damm das letzte Tribunal dagegen aufbauen wird, um nicht
mit Sessel, Bank und grünem Tisch weggeschwemmt zu werden.“
„Darf ich Ihnen noch eine Tasse Kaffee einschenken?“ fragte im Augenblick
darauf Mademoiselle Martin. „Sie trinken ihn noch immer recht süß?“
Und ich sah in demselben Augenblick wieder vollständig genau die
grünlackierte Zuckerdose von Schloß Werden vor mir und fühlte auf meinen
Knöcheln den Schlag, mit welchem Mademoiselle meinen verstohlenen Griff in
dieselbe zu verhindern gewohnt war, und hörte dazu das vorwurfsvolle Wort
meiner Mutter: „Aber Fritz?!“ und dabei das mutwillig glückselige Kichern der
Komtesse Irene, der währenddem der Griff unbeachtet gelungen war.
Die schwersten Tage, Stunden und Minuten erzeugen ihre geschwindesten,
wunderlichsten und buntesten Phantasmagorien.
Wenn wir zusammen sprachen, so sprachen wir sehr häufig von Eva Sixtus.
Das Wort des Vetters: „Ach, wenn wir sie doch hier hätten!“ kam zur vollsten
Geltung. Jede heller auftauchende Erinnerung an sie, jedes Geschichtchen von
ihr aus der Kinderzeit war uns wie ein Trunk aus einer kühlen klaren Quelle an
einem schwülen Tage und unter schwerer Mühe. Wir konnten sie uns auch heute
noch nicht anders vorstellen, als immer noch umgeben von dem alten
Zauberreich der Erde, weiter lebend still und freundlich in dem süßen Licht, den
Tönen und Düften des von uns verlorenen oder aufgegebenen Paradieses.
Der Vetter Just, der natürlich am genauesten über sie Bescheid wußte und sie
vor vierzehn Tagen noch gesprochen hatte, sagte:
„Das ist auch so mit dem guten Mädchen, und sie verdient es wirklich. Schon
die Art, anzusehen, wie sie mit ihrem alten Papa und seinen Hunden und seinem
kuriosen Papstbuche umgeht, ist ein wahres Vergnügen. Beiläufig, wenn ich an
das Papstbuch denke, so fällt mir dabei jetzt immer Freund Ewald in England
ein. Seit ich den braven Jungen dort besucht habe, meine ich in plain terms,
daß ein gut Stück mehr als genug aus dem Schmöker an ihm hängen geblieben
ist. Das hat sich der Papst Sixtus der Fünfte wohl auch nicht träumen lassen, daß
man einmal im Königreich Großbritannien und Irland Ingenieurkunst und dergleichen nach seinen Maximen treiben würde. Ich wollte nur, er schriebe
häufiger an unser Evchen und den Alten — den Mr. Ewald und nicht Seine
Heiligkeit meine ich selbstverständlich. — Ja, das liebe, alte Försterhaus von
Werden! Daß die Regierung was daran gewendet habe, kann keiner behaupten;
aber ungemütlicher ist es darum doch nicht geworden. Im Gegenteil, nur noch
gemütlicher hat es sich zwischen seine Lindenbäume, Büsche und Gartenkultur
eingenistet — ihr wißt, angenuselt nennen wir das bei uns zu Hause. Über
Bodenwerder hinaus ist, während wir anderen sämtliche Münchhausens
Abenteuer in der Welt erlebten, weder Eva noch der Förster gekommen. O Irene,
wie werden sie demnächst einmal Ohren, Nase und Mund aufsperren, wenn wir
ihnen unsere Allerweltshistorien heimbringen! Das steht fest, diesen Sommer
treffen wir uns alle auf dem Steinhofe bei dem Vetter Just! Wozu bin ich denn
der Vetter Just, wenn ich das nicht ganz genau wüßte, und dazu, daß es immer
wieder Sommer wird, wenn es Winter gewesen ist?! Das steht fest wie der
Magister matheseos, Fritz Langreuter: ja, ja, Miß Martin, man kann es zu
einer ungeheuren Gelehrtheit und Weisheit in der Welt bringen, wenn man nur
seinerzeit an nichts denkt und die Leute reden und lachen läßt. Ein Verdienst war
das damals aber bei mir nicht, sondern nur Blödigkeit und Schüchternheit, und
dazu Angst und Verwunderung, weil ich nur der dumme Junge auf dem
Steinhofe war und die Welt und der Himmel umher so weit und voll und
allmächtig; — liebe Irene, bleib sitzen, ich sehe schon nach dem Kinde!“
Sie wußte es, daß er ihren Platz an dem kleinen Schmerzenslager ebenso gut
ausfüllte als sie selber; sie lief ihm doch vorauf in das verdunkelte Zimmer. Er
ging aber dennoch mit ihr; und Mademoiselle Martin und ich blieben uns an dem
Kaffeetische allein gegenüber.
„Haben Sie nicht vorhin gesagt, daß Sie an unserer Haustür mit Mr. le
prince de ** zusammengetroffen seien, Mr. Fritz?“ fragte Mademoiselle.
Ich bestätigte das noch einmal.
„Sie wissen gar nichts von uns, Frédéric, und wenn Sie etwas sehr
verwundert, so behalten Sie auch das für sich. Dies war immer Ihre manière
so; schon als Sie noch so groß waren.“
Sie zeigte es durch eine Handbewegung, wie hoch ich war, als ich bereits alle
meine Verwunderungen für mich selber behielt.
„Es tut mir leid, Mademoiselle Martin —“
„O, es tut Ihnen gar nichts leid, monsieur le docteur, denn sonst
hätten Sie sich schon nach vielen Dingen erkundigt. Par exemple, wie
kommen Sie nach Berlin, Mademoiselle?… Mais c’est navrant, — ces
gémissements de la petite! bleiben Sie sitzen, Fritz, wir können doch nichts helfen dort, und der Vetter hilft der Komtesse. — Es ist der Fürst
und seine Familie, die uns haben weggeholt von Wien und uns haben leben
lassen hier. Das sind sehr gute Leute, und die Väter und Großväter haben sich
auch schon geholfen gegenseitig depuis les siècles, und vorzüglich, als
der Kaiser Napoleon war in Deutschland der Herr. Damals ist es monsieur
le comte d’Everstein-Werden gewesen, der helfen konnte; aber das
Glücksrad geht herum toujours, toujours, toujours! Und Seine
Durchlaucht ist gekommen und hat gesagt: Sie können nicht bleiben in Wien,
madame la baronne. Je suis garçon, sonst sollten Sie wohnen in
meinem Hotel in Berlin; aber ich muß sein Ihr Vormund, das ist mir eine Pflicht.
Sie sollen still leben in Berlin und die Vergangenheit vergessen, ich werde alles
besorgen. — Bien, was wäre aus uns geworden ohne ihn? La grande mer
hätte uns übergeschlungen. Voyez par exemple madame de ** und
madame de ** und so viele andere arme Frauen dans la rafale de
la vie! So haben wir gelebt hier durch seine Herzensgüte und auf seine
Kosten, bis neulich gekommen ist monsieur Just, der Herr Vetter von dem
Steinhofe — o, der Vetter Just, o, und es ist sehr gut, daß Sie an unserer Tür
haben einander vorgestellt den Herrn Fürsten und den Herrn Vetter. Wir hatten
noch keine Gelegenheit dazu gehabt, denn Seine Durchlaucht waren verreist bis
gestern.“
In dem Nebengemache war das leise, klagende Gewimmer wieder still
geworden, und der Vetter Just setzte sich wieder zu uns. Es war gegen sechs Uhr
am Nachmittage und die Sonne eben dem Untergange nahe. Der Vetter seufzte
schwer und gab wortlos der alten soeur ignorantine die Hand.
Mademoiselle ließ die Schuhe von den Füßen fallen und ging auf den Strümpfen
zu der Tür des Nebenzimmers, kam zurück und fragte:
„Schläft sie auch? Sie hat den Kopf mit auf das Kissen gelegt.“
„Weiß nicht,“ sagte der Vetter kaum hörbar. „Ich wollte es wohl, aber ich
glaube es nicht. Sie horcht nur.“
Wir horchten alle; dann ging Mademoiselle mit ihren Pantoffeln in der Hand
von neuem ihren Haushaltungsgeschäften nach, und in der immer mehr über uns
hinsinkenden Dämmerung waren jetzt Just Everstein und ich wieder für eine Zeit
allein einander gegenüber gelassen.
„Es kann noch Stunden dauern. Ich kenne das leider nur zu genau aus
mancher Ansiedlerhütte drüben, jenseits des Atlantic. Wir hatten dort immer
nur Calomel und wieder Calomel; aber es ist egal, denn es bleibt immer
dasselbe, hier und im Hinterwalde. Die Mütter legen dann immer ihren Kopf mit
auf das Kissen,“ sagte der gelehrte Bauer vom Steinhofe. „Sie machen auch die Augen zu, und wer sonst dabei sitzt, kann nichts tun, als stille sein. Wolltest du
etwas sagen, Fritz?“
Ich hatte nur einen etwas tieferen Atemzug getan, und so fuhr gottlob der
Vetter fort.
„Man sitzt da still, wenn das Kind sterben will und die Mutter weiter lebt, und
hat doch Zeit, an allerlei anderes zu denken. Von den größten und wirklichsten
Wundern spricht, schreibt und druckt kein Mensch und kein Evangelium! Dies
ist nun so eine Stunde, in der man mancher Angelegenheit, welche man sonst
nicht so leicht anrühren würde, freimütiger auf den Grund geht, weil alles
rundum ernst genug dazu aussieht und selbst der Mißtrauischste nicht an pure
Neugier oder albernen überflüssigen Vorwitz denkt. Fritz Langreuter, unsere Eva
Sixtus hatte dich einmal sehr gern. Weshalb hast du das nicht merken wollen?“
Es schwamm mir vor den Augen, die heißesten Blutwellen drängten sich nach
dem Herzen und Hirn, es hämmerte sinnbetäubend; der Boden schwankte unter
mir.
„Mich?… Ich?!“ stammelte ich, und der Vetter Just ergriff meine Hand und
hielt sie während des folgenden in der seinigen fest.
„Natürlich!“ murmelte er. „Er fragt! Er weiß gar nichts! O, wenn ich nur
wüßte, wo ihr Menschenkinder in der besten Zeit eures Lebens eure Augen und
Ohren hattet!… Dich hatte sie lieb!“ …
„Mich?“ wiederholte ich durch eine See von Wonne und — Angst, nach
einem unbekannten, noch unsichtbaren Ufer mich durchringend.
„Wen denn anders?“ fragte der gelehrte Bauer vom Steinhofe, und ich fühlte,
wie seine Hand dabei erzitterte; und meine Angst, die tödliche Angst in mir,
hatte darin ihren Grund, daß ich wußte, was dieses Zittern bedeutete.
O Vetter Just! Vetter Just!
Als ob er mit einem anderen spräche, den Blick in die Weite gerichtet, fuhr
Just Everstein fort:
„Da saß ich, der dumme, übergeschnappte Bauerjunge, um so manches Jahr
älter als ihr, unter der Obhut und Vormundschaft von Jule Grote, zwischen
meinen Düngerhaufen und Ackerfeldern, Wiese und Wald, und sah alles wie im
Traume und doch ganz klar. Ich will nicht behaupten, daß ich der Gescheiteste
von der Gesellschaft war, denn der ist und bleibt Freund Ewald, der ohne allen
Traum und Duselei ebenfalls ganz klar sah und ganz genau wußte, wie er zu der
Komtesse Irene stand und sie zu ihm. Er ist nicht ohne seine stichhaltenden
Gründe in die Welt und nach Irland gegangen und schreibt wenig nach Hause.
Wie Vieles möchten wir anders haben in der Welt, was doch nicht sein kann! Da
sitzt sie; — horch, und ihr Kind ist wieder wach, und sie spricht zu ihm, zu
ihrem sterbenden Kinde; und niemand darf sie fragen, ob es nicht doch möglich gewesen wäre, daß dies alles hätte anders sein können!… Von ihr und Ewald
rede ich auch gar nicht; da wird noch lange Zeit hingehen, ehe die Menschen es
für etwas Selbstverständliches halten werden, auf der Erde zu ihrem Behagen
unter dem rechten Dache zu Schauer zu kriechen. Nach deinen Versäumnissen
möchte ich dich fragen, Fritz! nimm es mir nicht übel; — es findet sich aber
vielleicht keine bessere Stunde dazu in unserem Leben als diese gegenwärtige
sehr melancholische und sehr — ich weiß nicht, wie ich mich darüber
ausdrücken soll!“
Er sagte es wirklich, daß er nicht wisse, wie er sich über diese Stunde
ausdrücken solle. Hätte er ein Wort dafür gefunden, so würde er freilich die
deutsche Sprache für all ihre Zeit dadurch bereichert haben. Was mich anbetraf,
so war es nicht nötig, daß er noch ein Wort fand oder erfand für sich. Ich wußte
bis in die tiefste Tiefe seiner und meiner Seele hinein, was er mir deutlich zu
machen gewünscht hatte.
Aber ich?!……
In diesem Augenblick rief Irene aus dem Nebenzimmer angstvoll und laut
unsere Namen. Der Vetter Just und ich, kamen an diesem Abend nicht mehr
dazu, unsere Privatangelegenheiten weiter zu erörtern. Gegen Mitternacht starb
das Kind.