Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Wilhelm Raabe · Kapitel 20 von 36

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Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Achtzehntes Kapitel.

 

Ich habe es wohl vergessen, zu sagen, daß wir damals im März des laufenden

Jahres waren. Der Tag war hell und trocken, wenn auch noch immer windig. Auf

den verhängten Fenstern lag ein gut Teil des Tages hindurch die

Vorfrühlingssonne, und in das Nebenzimmer schien sie voll hinein, bis sie hinter

die gegenüberliegenden hohen Häuser hinabglitt.

Wir verlebten diesen Tag vom Mittag an in diesen zwei Zimmern, dem

verdunkelten und dem hellen; der Vetter Just und ich. Mademoiselle Martin

deckte uns sogar in dem hellen Raume ein Tischchen und legte vier Kuverts auf

und stellte vier Stühle daran. Wir aßen daran zu Mittage, Mademoiselle, der

Vetter und ich; und auch Irene setzte sich einmal zu uns. Da aber hatte der Vetter

ihren Platz an dem kleinen Bette eingenommen. Wir gingen ruhelos ab und zu,

aus der hellen Stube in die dunkle. Es wurde auch eine Zeitung gebracht, und

Mademoiselle Martin reichte mir dieselbe. Ich nahm sie und habe sie bis in die

Dämmerung hinein wohl hundertmal hingelegt und von neuem aufgenommen.

Wer diese Weise, eine Zeitung, ein Buch oder sonst einen beliebigen Gegenstand

in Angst, Herzensweh und — langer Weile, — ja, langer Weile, hin- und

herzuwenden durch die kriechenden Stunden, nicht kennt, der preise das

Geschick, das ihm solchen Zeitvertreib ersparte, und bitte, daß es ihn auch

fernerhin davor bewahre, sich daran halten, im vollsten Sinne des Wortes sich

daran halten zu müssen, bis das schlimme, öde, tödliche Warten sein Ende

gefunden hat, einerlei welches.

So warteten wir an jenem Nachmittage.

Das kranke Kind wimmerte und schlief und wimmerte wieder und schlief

wieder.

Die Mutter sang ihm mit leisester Stimme und kam zu uns und weinte und

erzählte auch abgebrochen aus ihrem Leben und fragte nach dem meinigen.

Wenn der Vetter Just irgend etwas sagte, so horchten wir alle mit momentan

leichterem Atemholen; aber auch er schwieg oft viel zu lange und wußte nichts

zu sagen. Mademoiselle ging ab und zu; — die war noch am besten dran, denn

sie hatte den Haushalt für den kommenden Tag zu besorgen und von uns allen

also das meiste um die Hand. Manchmal aber stand auch sie beschäftigungslos

am Fenster, und ich bin fest überzeugt, dann haben sich Leute an den Fenstern

drüben auf der anderen Seite der Gasse einander heiter auf sie aufmerksam gemacht:

„Guck nur die Alte! wie in einem Bilde!… Die möchte ich mir freilich nicht

am frühen Morgen über den Weg laufen lassen!“

„Die könnte Geschichten aus ihrer Seele erzählen, gegen die wir beide, Fritz,

alle unsere Erlebnisse still zusammenpacken könnten,“ flüsterte mir einmal der

Vetter zu, mit dem Daumen über die Schulter auf die soeur ignorantine

an dem Fenster hindeutend. „Was meinst du, wenn die am Jüngsten Gericht ihre

auf Erden verschluckten Tränen auf einmal fließen läßt?!“

„Ja, Just,“ sagte ich, „aber es läuft alles in einen Strom. Ich kann es dir nicht

sagen, was für einen Damm das letzte Tribunal dagegen aufbauen wird, um nicht

mit Sessel, Bank und grünem Tisch weggeschwemmt zu werden.“

„Darf ich Ihnen noch eine Tasse Kaffee einschenken?“ fragte im Augenblick

darauf Mademoiselle Martin. „Sie trinken ihn noch immer recht süß?“

Und ich sah in demselben Augenblick wieder vollständig genau die

grünlackierte Zuckerdose von Schloß Werden vor mir und fühlte auf meinen

Knöcheln den Schlag, mit welchem Mademoiselle meinen verstohlenen Griff in

dieselbe zu verhindern gewohnt war, und hörte dazu das vorwurfsvolle Wort

meiner Mutter: „Aber Fritz?!“ und dabei das mutwillig glückselige Kichern der

Komtesse Irene, der währenddem der Griff unbeachtet gelungen war.

Die schwersten Tage, Stunden und Minuten erzeugen ihre geschwindesten,

wunderlichsten und buntesten Phantasmagorien.

Wenn wir zusammen sprachen, so sprachen wir sehr häufig von Eva Sixtus.

Das Wort des Vetters: „Ach, wenn wir sie doch hier hätten!“ kam zur vollsten

Geltung. Jede heller auftauchende Erinnerung an sie, jedes Geschichtchen von

ihr aus der Kinderzeit war uns wie ein Trunk aus einer kühlen klaren Quelle an

einem schwülen Tage und unter schwerer Mühe. Wir konnten sie uns auch heute

noch nicht anders vorstellen, als immer noch umgeben von dem alten

Zauberreich der Erde, weiter lebend still und freundlich in dem süßen Licht, den

Tönen und Düften des von uns verlorenen oder aufgegebenen Paradieses.

Der Vetter Just, der natürlich am genauesten über sie Bescheid wußte und sie

vor vierzehn Tagen noch gesprochen hatte, sagte:

„Das ist auch so mit dem guten Mädchen, und sie verdient es wirklich. Schon

die Art, anzusehen, wie sie mit ihrem alten Papa und seinen Hunden und seinem

kuriosen Papstbuche umgeht, ist ein wahres Vergnügen. Beiläufig, wenn ich an

das Papstbuch denke, so fällt mir dabei jetzt immer Freund Ewald in England

ein. Seit ich den braven Jungen dort besucht habe, meine ich in plain terms,

daß ein gut Stück mehr als genug aus dem Schmöker an ihm hängen geblieben

ist. Das hat sich der Papst Sixtus der Fünfte wohl auch nicht träumen lassen, daß

man einmal im Königreich Großbritannien und Irland Ingenieurkunst und dergleichen nach seinen Maximen treiben würde. Ich wollte nur, er schriebe

häufiger an unser Evchen und den Alten — den Mr. Ewald und nicht Seine

Heiligkeit meine ich selbstverständlich. — Ja, das liebe, alte Försterhaus von

Werden! Daß die Regierung was daran gewendet habe, kann keiner behaupten;

aber ungemütlicher ist es darum doch nicht geworden. Im Gegenteil, nur noch

gemütlicher hat es sich zwischen seine Lindenbäume, Büsche und Gartenkultur

eingenistet — ihr wißt, angenuselt nennen wir das bei uns zu Hause. Über

Bodenwerder hinaus ist, während wir anderen sämtliche Münchhausens

Abenteuer in der Welt erlebten, weder Eva noch der Förster gekommen. O Irene,

wie werden sie demnächst einmal Ohren, Nase und Mund aufsperren, wenn wir

ihnen unsere Allerweltshistorien heimbringen! Das steht fest, diesen Sommer

treffen wir uns alle auf dem Steinhofe bei dem Vetter Just! Wozu bin ich denn

der Vetter Just, wenn ich das nicht ganz genau wüßte, und dazu, daß es immer

wieder Sommer wird, wenn es Winter gewesen ist?! Das steht fest wie der

Magister matheseos, Fritz Langreuter: ja, ja, Miß Martin, man kann es zu

einer ungeheuren Gelehrtheit und Weisheit in der Welt bringen, wenn man nur

seinerzeit an nichts denkt und die Leute reden und lachen läßt. Ein Verdienst war

das damals aber bei mir nicht, sondern nur Blödigkeit und Schüchternheit, und

dazu Angst und Verwunderung, weil ich nur der dumme Junge auf dem

Steinhofe war und die Welt und der Himmel umher so weit und voll und

allmächtig; — liebe Irene, bleib sitzen, ich sehe schon nach dem Kinde!“

Sie wußte es, daß er ihren Platz an dem kleinen Schmerzenslager ebenso gut

ausfüllte als sie selber; sie lief ihm doch vorauf in das verdunkelte Zimmer. Er

ging aber dennoch mit ihr; und Mademoiselle Martin und ich blieben uns an dem

Kaffeetische allein gegenüber.

„Haben Sie nicht vorhin gesagt, daß Sie an unserer Haustür mit Mr. le

prince de ** zusammengetroffen seien, Mr. Fritz?“ fragte Mademoiselle.

Ich bestätigte das noch einmal.

„Sie wissen gar nichts von uns, Frédéric, und wenn Sie etwas sehr

verwundert, so behalten Sie auch das für sich. Dies war immer Ihre manière

so; schon als Sie noch so groß waren.“

Sie zeigte es durch eine Handbewegung, wie hoch ich war, als ich bereits alle

meine Verwunderungen für mich selber behielt.

„Es tut mir leid, Mademoiselle Martin —“

„O, es tut Ihnen gar nichts leid, monsieur le docteur, denn sonst

hätten Sie sich schon nach vielen Dingen erkundigt. Par exemple, wie

kommen Sie nach Berlin, Mademoiselle?… Mais c’est navrant, — ces

gémissements de la petite! bleiben Sie sitzen, Fritz, wir können doch nichts helfen dort, und der Vetter hilft der Komtesse. — Es ist der Fürst

und seine Familie, die uns haben weggeholt von Wien und uns haben leben

lassen hier. Das sind sehr gute Leute, und die Väter und Großväter haben sich

auch schon geholfen gegenseitig depuis les siècles, und vorzüglich, als

der Kaiser Napoleon war in Deutschland der Herr. Damals ist es monsieur

le comte d’Everstein-Werden gewesen, der helfen konnte; aber das

Glücksrad geht herum toujours, toujours, toujours! Und Seine

Durchlaucht ist gekommen und hat gesagt: Sie können nicht bleiben in Wien,

madame la baronne. Je suis garçon, sonst sollten Sie wohnen in

meinem Hotel in Berlin; aber ich muß sein Ihr Vormund, das ist mir eine Pflicht.

Sie sollen still leben in Berlin und die Vergangenheit vergessen, ich werde alles

besorgen. — Bien, was wäre aus uns geworden ohne ihn? La grande mer

hätte uns übergeschlungen. Voyez par exemple madame de ** und

madame de ** und so viele andere arme Frauen dans la rafale de

la vie! So haben wir gelebt hier durch seine Herzensgüte und auf seine

Kosten, bis neulich gekommen ist monsieur Just, der Herr Vetter von dem

Steinhofe — o, der Vetter Just, o, und es ist sehr gut, daß Sie an unserer Tür

haben einander vorgestellt den Herrn Fürsten und den Herrn Vetter. Wir hatten

noch keine Gelegenheit dazu gehabt, denn Seine Durchlaucht waren verreist bis

gestern.“

In dem Nebengemache war das leise, klagende Gewimmer wieder still

geworden, und der Vetter Just setzte sich wieder zu uns. Es war gegen sechs Uhr

am Nachmittage und die Sonne eben dem Untergange nahe. Der Vetter seufzte

schwer und gab wortlos der alten soeur ignorantine die Hand.

Mademoiselle ließ die Schuhe von den Füßen fallen und ging auf den Strümpfen

zu der Tür des Nebenzimmers, kam zurück und fragte:

„Schläft sie auch? Sie hat den Kopf mit auf das Kissen gelegt.“

„Weiß nicht,“ sagte der Vetter kaum hörbar. „Ich wollte es wohl, aber ich

glaube es nicht. Sie horcht nur.“

Wir horchten alle; dann ging Mademoiselle mit ihren Pantoffeln in der Hand

von neuem ihren Haushaltungsgeschäften nach, und in der immer mehr über uns

hinsinkenden Dämmerung waren jetzt Just Everstein und ich wieder für eine Zeit

allein einander gegenüber gelassen.

„Es kann noch Stunden dauern. Ich kenne das leider nur zu genau aus

mancher Ansiedlerhütte drüben, jenseits des Atlantic. Wir hatten dort immer

nur Calomel und wieder Calomel; aber es ist egal, denn es bleibt immer

dasselbe, hier und im Hinterwalde. Die Mütter legen dann immer ihren Kopf mit

auf das Kissen,“ sagte der gelehrte Bauer vom Steinhofe. „Sie machen auch die Augen zu, und wer sonst dabei sitzt, kann nichts tun, als stille sein. Wolltest du

etwas sagen, Fritz?“

Ich hatte nur einen etwas tieferen Atemzug getan, und so fuhr gottlob der

Vetter fort.

„Man sitzt da still, wenn das Kind sterben will und die Mutter weiter lebt, und

hat doch Zeit, an allerlei anderes zu denken. Von den größten und wirklichsten

Wundern spricht, schreibt und druckt kein Mensch und kein Evangelium! Dies

ist nun so eine Stunde, in der man mancher Angelegenheit, welche man sonst

nicht so leicht anrühren würde, freimütiger auf den Grund geht, weil alles

rundum ernst genug dazu aussieht und selbst der Mißtrauischste nicht an pure

Neugier oder albernen überflüssigen Vorwitz denkt. Fritz Langreuter, unsere Eva

Sixtus hatte dich einmal sehr gern. Weshalb hast du das nicht merken wollen?“

Es schwamm mir vor den Augen, die heißesten Blutwellen drängten sich nach

dem Herzen und Hirn, es hämmerte sinnbetäubend; der Boden schwankte unter

mir.

„Mich?… Ich?!“ stammelte ich, und der Vetter Just ergriff meine Hand und

hielt sie während des folgenden in der seinigen fest.

„Natürlich!“ murmelte er. „Er fragt! Er weiß gar nichts! O, wenn ich nur

wüßte, wo ihr Menschenkinder in der besten Zeit eures Lebens eure Augen und

Ohren hattet!… Dich hatte sie lieb!“ …

„Mich?“ wiederholte ich durch eine See von Wonne und — Angst, nach

einem unbekannten, noch unsichtbaren Ufer mich durchringend.

„Wen denn anders?“ fragte der gelehrte Bauer vom Steinhofe, und ich fühlte,

wie seine Hand dabei erzitterte; und meine Angst, die tödliche Angst in mir,

hatte darin ihren Grund, daß ich wußte, was dieses Zittern bedeutete.

O Vetter Just! Vetter Just!

Als ob er mit einem anderen spräche, den Blick in die Weite gerichtet, fuhr

Just Everstein fort:

„Da saß ich, der dumme, übergeschnappte Bauerjunge, um so manches Jahr

älter als ihr, unter der Obhut und Vormundschaft von Jule Grote, zwischen

meinen Düngerhaufen und Ackerfeldern, Wiese und Wald, und sah alles wie im

Traume und doch ganz klar. Ich will nicht behaupten, daß ich der Gescheiteste

von der Gesellschaft war, denn der ist und bleibt Freund Ewald, der ohne allen

Traum und Duselei ebenfalls ganz klar sah und ganz genau wußte, wie er zu der

Komtesse Irene stand und sie zu ihm. Er ist nicht ohne seine stichhaltenden

Gründe in die Welt und nach Irland gegangen und schreibt wenig nach Hause.

Wie Vieles möchten wir anders haben in der Welt, was doch nicht sein kann! Da

sitzt sie; — horch, und ihr Kind ist wieder wach, und sie spricht zu ihm, zu

ihrem sterbenden Kinde; und niemand darf sie fragen, ob es nicht doch möglich gewesen wäre, daß dies alles hätte anders sein können!… Von ihr und Ewald

rede ich auch gar nicht; da wird noch lange Zeit hingehen, ehe die Menschen es

für etwas Selbstverständliches halten werden, auf der Erde zu ihrem Behagen

unter dem rechten Dache zu Schauer zu kriechen. Nach deinen Versäumnissen

möchte ich dich fragen, Fritz! nimm es mir nicht übel; — es findet sich aber

vielleicht keine bessere Stunde dazu in unserem Leben als diese gegenwärtige

sehr melancholische und sehr — ich weiß nicht, wie ich mich darüber

ausdrücken soll!“

Er sagte es wirklich, daß er nicht wisse, wie er sich über diese Stunde

ausdrücken solle. Hätte er ein Wort dafür gefunden, so würde er freilich die

deutsche Sprache für all ihre Zeit dadurch bereichert haben. Was mich anbetraf,

so war es nicht nötig, daß er noch ein Wort fand oder erfand für sich. Ich wußte

bis in die tiefste Tiefe seiner und meiner Seele hinein, was er mir deutlich zu

machen gewünscht hatte.

Aber ich?!……

In diesem Augenblick rief Irene aus dem Nebenzimmer angstvoll und laut

unsere Namen. Der Vetter Just und ich, kamen an diesem Abend nicht mehr

dazu, unsere Privatangelegenheiten weiter zu erörtern. Gegen Mitternacht starb

das Kind.