Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Wilhelm Raabe · Kapitel 25 von 36

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Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Fünftes Kapitel.

 

Wie wir diese heiße Mauer entlang gingen, die sich jetzt da hinzog, wo früher

unsere grüne Hecke unser Märchenreich umschloß, ohne die unermeßliche

übrige Welt auszuschließen, kam mir ein Gedanke. Nämlich, daß es Leute, die in

allen Dingen, großen und kleinen, auf der Stelle Partei nehmen, die Hülle und

Fülle gibt, daß aber der Leute, die im wahren Sinne des Wortes neutral zu

bleiben vermögen, sehr wenige sind, und daß drittens die Namen und Adressen

der letzteren überall, mit goldenen Lettern in ein besonderes Buch eingetragen,

zum eiligsten öffentlichen Nachschlagen aufzulegen seien. Ich, der ich im

Grunde heute so sehr Partei war, gewann aus dieser Mauer melancholisch die

nicht mehr umzustoßende Überzeugung, daß mir sowohl im Schloß und Dorf

Werden wie auch vor allen Dingen auf dem Steinhof nichts mehr übrig geblieben

sei, als mich — vollkommen neutral zu verhalten.

Das hatte ich gewonnen! Ich, dem die Mühe, etwas Verlorenes

wiederzugewinnen, erspart worden war; oder besser, der selber sie sich erspart

hatte.

„Am sichersten wäre es vielleicht doch gewesen, wenn wir unseren

Advokaten von Bodenwerder abgeholt hätten, um mit seiner Hülfe den Eingang

in Schloß Werden zu finden,“ brummte Ewald. „Nun, gottlob, hier haben sie

wenigstens ein Loch gelassen, und sind wir somit drin und — zu Hause

angekommen. Begorra, eine schöne Wirtschaft scheint das gewesen zu sein!

Meiner Treu, als ich von der Fremde aus die Katze im Sacke kaufte, habe ich

doch keine Ahnung davon gehabt, wie ruppig das Vieh sich bei der

Okularinspektion ausweisen würde. Sieh nur hin, Langreuter, wie die Halunken

gehaust haben! Und ich gebe dir mein Wort darauf, Fritz, daß ich längere Zeit

hindurch in der festen Überzeugung gelebt habe, ich hätte das alte Haus und

seinen Zubehör zu billig erstanden! oh, oh, oh!“

Ich konnte auch nichts weiter tun, als in die Seufzer des Freundes betrübt

einstimmen. Kahl und verwildert lag der früher so stattlich schöne Park

innerhalb der neuen Mauer vor uns da. Die Alleen waren niedergeschlagen

worden, die Gebüsche ausgereutet. Nur um das Schloß selbst standen noch

einige der ältesten Bäume aufrecht und hatten uns von Ferne die Täuschung

gegeben, daß das alte adelige Haus Werden noch aus dem alten vollen Grün

aufrage. Es war nichts als eine Fata Morgana gewesen, die aus der fernen Jugendzeit in die schwüle Gegenwart herüberfiel. Die jüngsten Besitzer hatten

auf Schloß Werden nur einen Raubbau in jeglicher Hinsicht betrieben und waren

zugrunde darauf gegangen in der Sonne wie — der Herr Graf in dem vornehmen

Schatten seiner hundertjährigen Linden und Kastanien.

„Da stehen wir!“ sagte der irländische Ingenieur grimmig. „Wenn es dir

beliebt, so können wir auch weiter gehen oder — umkehren. Das Letztere wäre

mir vielleicht in diesem Augenblick das liebste.“

„Du willst doch wohl nicht jetzt den Mut verlieren?“

„Den Mut wohl nicht, lieber Freund, wohl aber die Lust, meine Rolle weiter

zu spielen. Momentan ist mir meine Devil-may-care-Stimmung gründlich

ausgetrieben, und ich sehe nach keiner Weltgegend mehr hin die Gelegenheit,

mir durch einen mehr oder weniger fragwürdigen Witz aus der Patsche zu

helfen. Ich sage dir, ich fühle mich in dieser Minute mindestens um ein

Jahrhundert älter als der alte Kasten dort hinter den Kartoffelfeldern, das Haus

Werden mit seinen sicherlich zersprungenen und eingeschlagenen

Fensterscheiben, seinem Schwamm im Parterre und seinem Wurmfraß im oberen

Stock. Ach Fritz, es ist doch wohl gut, daß Irene Everstein auf dem Steinhofe

wohl aufgehoben ist; und ich — ich hätte besser getan, wenn ich fürs erste

Schloß Werden hätte links oder rechts liegen lassen und den alten Mann in dem

Dorfe und dem Försterhause um seine Ansicht von der Sache gefragt hätte! Was

dich anbetrifft, liebster Langreuter, so wird es mir immer klarer, daß du mir

kaum von Nutzen bei dieser mißlichen Geschichte sein wirst. Nimm mir das

nicht übel.“

Ich hatte wahrlich keine Ursache, hier irgend etwas übel zu nehmen. Der

Freund hatte nur zu sehr recht. Mehr sogar, als er selber zu ahnen imstande war.

Ein altes Weib, das mit einer Sichel in der Hand einige Schritte weiter

vorwärts sich aus dem Kraut und Unkraut aufrichtete, und dem wir, wie es

schien, einen gelinden Schrecken einjagten, gab unseren trübsinnigen

Gedankenläufen, wenigstens für einen Augenblick, eine gelegene Ablenkung. Es

war sicherlich eine gute Bekannte unserer Jugendjahre; aber wir waren allesamt

älter geworden und kannten uns nicht mehr.

Das kümmerliche Mütterchen zog rasch und ängstlich eine hoch mit

Grünfutter vollgestopfte Kiepe zu sich heran und hatte unbedingt die größte

Lust, ohne sich weiter auf Gruß, Gegengruß und freundschaftliche Unterhaltung

einzulassen, Reißaus zu nehmen; aber —

„Halt, Mutter! Hier geblieben, Mrs. Ragtail! Nur auf ein Wort, Mütterchen!“

rief der Herr von Schloß Werden. „Gehören wir zu dem Dorfe oder dort in das

graue Haus — Schloß Wackelburg, oder wie es heißt!?“

„Schloß Werden, liebster Herr! das ist das Schloß. Ach, Jeses, liebste, beste Herren, nur ein bißchen Grünes für die Ziege und fünf lebendige Enkelkinder; es

wächst ja alles hier rundum doch nur dem armen Volke und lieben Herrgott in

die Hand —“

„Richtig, Mutter! Mich aber soll der Teufel holen, wenn ich Ihr nicht alles

gönne,“ brummte Ewald Sixtus, und fügte gegen mich gerichtet hinzu: „Hätte

ich nur dasselbe Recht an den Nachlaß und die Erbschaft hier!“ Und wieder der

alten Frau sich zuwendend: „Es kommen wohl manche aus dem Dorfe, um da

herum das, was dem lieben Herrgott in und aus der Hand wächst, und was auch

in Hof und Stall nicht zu niet- und nagelfest ist, abzuholen, he?“

„O du guter Himmel, liebster Herr, ich habe ja gar nichts gesagt,“ winselte die

Alte. „Fünf lebendige Enkelkinder, und mein Junge, der Vater dazu, ist zu

Schaden und Tode gekommen in Koldeweys Steinbruche, und die Mutter hat die

Lungensucht mitgenommen, und ich bin mit den fünf Würmern allein übrig. Nur

ein bißchen Kraut für die Ziege; denn das Jüngste ist erst dreiviertel Jahr alt, und

ich bin an die Sechzig nahe heran. Und sie kommen alle, denn es ist ja kein Herr

und Meister da seit Jahren, und der Herr Notar in Bodenwerder, der die

Verwaltung hat, kann doch nicht immer da sein und nach dem Rechten sehen.

Und wenn Sie auch zu den Herren Advokaten aus Bodenwerder gehören und

mich vor Gericht ziehen wollen, so habe ich doch nichts gesagt, und den

hochseligen Herrn Grafen habe ich auch noch gekannt und das war ein guter

Mensch, so vornehm er war; und ich habe auch zu seinen Zeiten schon das Gras

an den Hecken schneiden dürfen, und aus dem vornehmen Schloß hab’ ich mir

keinen Nagel aus der Wand geholt. Und die gnädige Gräfin, die jetzt bei dem —

dem Herrn Vetter Just — dem Herrn Everstein auf dem Steinhofe wohnt und der

es auch so schlimm in der bösen Welt ergangen ist, wie man sagt, ja, die habe

ich, als ich noch eine junge Frau war, aus dem Dorfbache aufgehoben und naß

wie eine Katze auf meinem Arme nach Hause getragen, und da war damals die

Madam — die gute Frau — die Frau Steuerkontrolleurin auf dem Schloß, die hat

das Kind mir abgenommen und mir zehn Groschen gegeben. Der Junge aus dem

Försterhause — unserm Förster Sixtus sein Junge hatte die gnädigste junge

Komtesse in den Bach gestoßen. Sie sagen, dem soll jetzt das ganze Schloß und

alles gehören; aber es will keiner im Dorfe so recht daran glauben. Wenn er aber

heute wiederkäme, und alles hätte sich ungelogen so geschickt, wie die Leute

lügen, und er wäre der Herr, so brauchte er auch mit der Witwe Warneke nicht

um eine Kiepe voll Ziegenfutter aus der Wüstenei hier herum ins Gerichte zu

gehen; denn dazu ist er viel zu gut Freund mit meinem alten Seligen gewesen,

und der hätte oft klüger sein sollen als der dumme tolle Junge aus der Försterei.

Da ist der lieben Frau Langreuter ihrer ganz anders gewesen und sittsamer; aber

sie sagen, der hat es auch dicke hinter den Ohren gehabt und ist ein Professor geworden und wohnt jetzt, was man nennt in Berlin. Ja, so werden aus Kindern

Leute, und ich habe es als junge Frau auch nicht gedacht, daß ich als alte Frau

mal fünf Enkelkinder mit Tagelöhnerarbeit und Hunger und Kummer großziehen

müßte. Aber die Herren lassen mich da schwatzen, und ich stehe da auch und

schwatze, als wäre ich wie von oben her und vom Pfänder drangekriegt, und —

— o du meine Güte — o liebster Himmel — jetzt falle ich um! Das sind Sie!…

das sind Sie ja selber! der kleine Fritz und der — Herr Ewald! Und so

gewachsen! Solche Herren! Und wirklich noch im lebendigen Leben! Und wie

wird sich der alte Herr Vater und die Schwester freuen, Herr Sixtus. Und die

Schwester — ich meine Fräulein Eva, hat noch immer nicht gefreit. Jedermann

im Dorfe wundert sich darüber —“

Der Ingenieur hielt die Alte am Oberarm und fing an, sie zu schütteln, um

dem Übermaß der Gefühlsäußerungen ein Ende zu machen. Das Hereinsprechen

in den Schrecken, die Verwunderung und die zitternde Hast, sich angenehm zu

machen, half zu gar nichts weiter, als daß sich gar noch das helle Schluchzen und

Schlucken in den Redeschwall mischte —

„Herr, mach ein Ende!“ stöhnte fast ebenso erregt wie das graue Weiblein der

Werdener Irländer. „Alle Hagel, da ist ja ganz das Ende weg! Witwe Warneke,

honey, liebstes, bestes, altes Mädchen, ja wir sind wieder da, und es ist mir im

höchsten Grade erfreulich, daß Sie die erste ist, die mir hier auf meinem Grund

und Boden — weiß Sie was? Sie kriegt einen Taler von mir, wenn Sie jetzt auch

mich und den Herrn Doktor Langreuter hier auf eine halbe Minute zu Worte

kommen läßt!“

Die Alte duckte sich. Sie saß nieder neben ihrer Tragkiepe im Kraut und

Unkraut des Parkes von Schloß Werden. Sie starrte zu uns empor von einem zum

anderen:

„Ach Gott, ach Gott, ist das eine Freude! Und wie werden sich der Herr Vater

und Fräulein Eva und die gnädigste Gräfin auf dem Steinhofe freuen! Das Futter

aber haben sie sich alle im Dorfe hier im Schloßgarten geholt, seit keine

Herrschaft dagewesen ist. Und der Herr Graf soll sich nur des Nachts ums

Schloß herum und da in dem Gange, wo zu seiner Zeit die dicken Lindenbäume

standen, haben sehen lassen!“

„Wohnt denn niemand mehr in dem Hause da?“ fragte ich zögernd und

beklommen.

„Wer sollte denn da wohnen? Seit fünf Jahren hat es ja keinen richtigen Herrn

mehr gehabt, sondern ist nur immer auf dem Papier weiter gegeben. Aber vor

vierzehn Tagen ist die alte französische Mamsell — von des Herrn Grafen

Seligen Zeiten her — die Mamsell Martin mal vom Steinhofe ’rübergekommen

und ist drumherumgegangen und hat in die Fenster gesehen — bei Tage, nicht zur Nacht- und zur Spukezeit — und hat geweint.“

„Und meine Schwester?“ fragte Ewald Sixtus, und die Witwe Warneke sah

sehr verwundert von neuem scheu ihn an.

„Jawohl, Fräulein Eva ist mit ihr gewesen und hat mit ihr nachher lange auf

einer der Steinbänke gesessen. Das halbe Dorf aber hat nur von ferne zugesehen;

wir haben das französische Parlieren der alten französischen Mamsell ja doch

niemalen recht verstanden.“

„In meinem ganzen Leben ist mir die rote Abendsonne, wie sie jetzt hier

rundum auf allem und vor allem dort auf den Mauern und Fenstern liegt, nicht so

spukhaft und gespensterhaft öde und schwül vorgekommen wie jetzt, Fritz,“

sagte der neue Herr von Schloß Werden, jetzt meinen Arm fassend und mich

schüttelnd. „Es ist mir wie ein Traum, daß ich den Besitztitel vermittelst der

Mathematik und der Arithmetik bei hellem, nüchternem Mittage und klar und

kühl nächtlicherweile über dem Reißbrett und dazu vermittelst des Londoner

Patentamtes erworben habe. Witwe Warneke, wer hat den Schlüssel von Schloß

Werden?“

„Genau kann ich das wohl nicht sagen; aber der Vorsteher wird es ja wissen,

Herr E — ach, ich weiß ja auch gar nicht einmal, wie ich Sie jetzt anreden und

betitulieren soll, und bitte, es nicht übel zu nehmen. Aber im Gartensaale ist ein

Fensterflügel herausgefallen und mit Latten vernagelt. Aber die haben die

Jungens und der Wind bald wieder lose gemacht, und —“

„So ist eigentlich eine Tür und ein Schlüssel dazu die letzten Jahre hindurch

für das Dorf Werden ziemlich überflüssig gewesen,“ brummte der Ingenieur.

„Viel besser als hier herum im Garten sieht es drinnen im Hause wohl nicht aus,

old girl?“

Die Alte hob nur stöhnend und ängstlich die Hände:

„Herre, Herr, für mein Teil will ich es vor jedem Gerichte beschwören —“

„Was meinst du, Fritz, sollen wir gleichfalls durch das Saalfenster Besitz von

dem nehmen, was noch brauchbar von Schloß Werden ist? Zu dem Dorfe gehöre

ich doch auch und taxiere mich um kein Haar breit besser als das übrige saubere

Gesindel! O Irene, Irene, meine schöne, stolze, wilde Irene!… Und der Herr

Graf hat sich um Mitternacht dort auf der Vortreppe blicken lassen!

Mademoiselle Martin hatte es verhältnismäßig noch gut. Sie konnte sich dreist

hinsetzen und ihre Tränen fließen lassen, ohne sich lächerlich zu machen. Das ist

ja rein zum Verrücktwerden! Sage es dreist heraus, Langreuter, wenn dir zur

Stunde mein Eigentumsrecht hier beneidenswert, wünschenswert und solcher

bitterschweren Lebensarbeit wert erscheint. Ich überlasse dir mit Vergnügen

Kaufbrief, Gefühle, Stimmungen und — wollte — wollte — ja, was wollte ich

denn?! Witwe Warneke, sehe Sie mich mal ganz genau an, wenn Sie einen richtigen Spuk sehen will. Ich komme als verhexter Mann aus der Fremde und

gehe am hellen Tage um Schloß Werden und durch Dorf Werden als Gespenst

um. Frage Sie nur die Leute im Försterhause und die — Frau auf dem Steinhofe

und — den Vetter Just.“

„Ach Jeses, Herr Ewald, ich kann Sie ja wirklich nicht so sprechen hören; und

die anderen werden es auch nicht können!“ sagte das alte Weibchen mit zitternd

gefalteten Händen und sprach damit ein braves, aber wenig tröstliches Wort.