Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten
Fünftes Kapitel.
Wie wir diese heiße Mauer entlang gingen, die sich jetzt da hinzog, wo früher
unsere grüne Hecke unser Märchenreich umschloß, ohne die unermeßliche
übrige Welt auszuschließen, kam mir ein Gedanke. Nämlich, daß es Leute, die in
allen Dingen, großen und kleinen, auf der Stelle Partei nehmen, die Hülle und
Fülle gibt, daß aber der Leute, die im wahren Sinne des Wortes neutral zu
bleiben vermögen, sehr wenige sind, und daß drittens die Namen und Adressen
der letzteren überall, mit goldenen Lettern in ein besonderes Buch eingetragen,
zum eiligsten öffentlichen Nachschlagen aufzulegen seien. Ich, der ich im
Grunde heute so sehr Partei war, gewann aus dieser Mauer melancholisch die
nicht mehr umzustoßende Überzeugung, daß mir sowohl im Schloß und Dorf
Werden wie auch vor allen Dingen auf dem Steinhof nichts mehr übrig geblieben
sei, als mich — vollkommen neutral zu verhalten.
Das hatte ich gewonnen! Ich, dem die Mühe, etwas Verlorenes
wiederzugewinnen, erspart worden war; oder besser, der selber sie sich erspart
hatte.
„Am sichersten wäre es vielleicht doch gewesen, wenn wir unseren
Advokaten von Bodenwerder abgeholt hätten, um mit seiner Hülfe den Eingang
in Schloß Werden zu finden,“ brummte Ewald. „Nun, gottlob, hier haben sie
wenigstens ein Loch gelassen, und sind wir somit drin und — zu Hause
angekommen. Begorra, eine schöne Wirtschaft scheint das gewesen zu sein!
Meiner Treu, als ich von der Fremde aus die Katze im Sacke kaufte, habe ich
doch keine Ahnung davon gehabt, wie ruppig das Vieh sich bei der
Okularinspektion ausweisen würde. Sieh nur hin, Langreuter, wie die Halunken
gehaust haben! Und ich gebe dir mein Wort darauf, Fritz, daß ich längere Zeit
hindurch in der festen Überzeugung gelebt habe, ich hätte das alte Haus und
seinen Zubehör zu billig erstanden! oh, oh, oh!“
Ich konnte auch nichts weiter tun, als in die Seufzer des Freundes betrübt
einstimmen. Kahl und verwildert lag der früher so stattlich schöne Park
innerhalb der neuen Mauer vor uns da. Die Alleen waren niedergeschlagen
worden, die Gebüsche ausgereutet. Nur um das Schloß selbst standen noch
einige der ältesten Bäume aufrecht und hatten uns von Ferne die Täuschung
gegeben, daß das alte adelige Haus Werden noch aus dem alten vollen Grün
aufrage. Es war nichts als eine Fata Morgana gewesen, die aus der fernen Jugendzeit in die schwüle Gegenwart herüberfiel. Die jüngsten Besitzer hatten
auf Schloß Werden nur einen Raubbau in jeglicher Hinsicht betrieben und waren
zugrunde darauf gegangen in der Sonne wie — der Herr Graf in dem vornehmen
Schatten seiner hundertjährigen Linden und Kastanien.
„Da stehen wir!“ sagte der irländische Ingenieur grimmig. „Wenn es dir
beliebt, so können wir auch weiter gehen oder — umkehren. Das Letztere wäre
mir vielleicht in diesem Augenblick das liebste.“
„Du willst doch wohl nicht jetzt den Mut verlieren?“
„Den Mut wohl nicht, lieber Freund, wohl aber die Lust, meine Rolle weiter
zu spielen. Momentan ist mir meine Devil-may-care-Stimmung gründlich
ausgetrieben, und ich sehe nach keiner Weltgegend mehr hin die Gelegenheit,
mir durch einen mehr oder weniger fragwürdigen Witz aus der Patsche zu
helfen. Ich sage dir, ich fühle mich in dieser Minute mindestens um ein
Jahrhundert älter als der alte Kasten dort hinter den Kartoffelfeldern, das Haus
Werden mit seinen sicherlich zersprungenen und eingeschlagenen
Fensterscheiben, seinem Schwamm im Parterre und seinem Wurmfraß im oberen
Stock. Ach Fritz, es ist doch wohl gut, daß Irene Everstein auf dem Steinhofe
wohl aufgehoben ist; und ich — ich hätte besser getan, wenn ich fürs erste
Schloß Werden hätte links oder rechts liegen lassen und den alten Mann in dem
Dorfe und dem Försterhause um seine Ansicht von der Sache gefragt hätte! Was
dich anbetrifft, liebster Langreuter, so wird es mir immer klarer, daß du mir
kaum von Nutzen bei dieser mißlichen Geschichte sein wirst. Nimm mir das
nicht übel.“
Ich hatte wahrlich keine Ursache, hier irgend etwas übel zu nehmen. Der
Freund hatte nur zu sehr recht. Mehr sogar, als er selber zu ahnen imstande war.
Ein altes Weib, das mit einer Sichel in der Hand einige Schritte weiter
vorwärts sich aus dem Kraut und Unkraut aufrichtete, und dem wir, wie es
schien, einen gelinden Schrecken einjagten, gab unseren trübsinnigen
Gedankenläufen, wenigstens für einen Augenblick, eine gelegene Ablenkung. Es
war sicherlich eine gute Bekannte unserer Jugendjahre; aber wir waren allesamt
älter geworden und kannten uns nicht mehr.
Das kümmerliche Mütterchen zog rasch und ängstlich eine hoch mit
Grünfutter vollgestopfte Kiepe zu sich heran und hatte unbedingt die größte
Lust, ohne sich weiter auf Gruß, Gegengruß und freundschaftliche Unterhaltung
einzulassen, Reißaus zu nehmen; aber —
„Halt, Mutter! Hier geblieben, Mrs. Ragtail! Nur auf ein Wort, Mütterchen!“
rief der Herr von Schloß Werden. „Gehören wir zu dem Dorfe oder dort in das
graue Haus — Schloß Wackelburg, oder wie es heißt!?“
„Schloß Werden, liebster Herr! das ist das Schloß. Ach, Jeses, liebste, beste Herren, nur ein bißchen Grünes für die Ziege und fünf lebendige Enkelkinder; es
wächst ja alles hier rundum doch nur dem armen Volke und lieben Herrgott in
die Hand —“
„Richtig, Mutter! Mich aber soll der Teufel holen, wenn ich Ihr nicht alles
gönne,“ brummte Ewald Sixtus, und fügte gegen mich gerichtet hinzu: „Hätte
ich nur dasselbe Recht an den Nachlaß und die Erbschaft hier!“ Und wieder der
alten Frau sich zuwendend: „Es kommen wohl manche aus dem Dorfe, um da
herum das, was dem lieben Herrgott in und aus der Hand wächst, und was auch
in Hof und Stall nicht zu niet- und nagelfest ist, abzuholen, he?“
„O du guter Himmel, liebster Herr, ich habe ja gar nichts gesagt,“ winselte die
Alte. „Fünf lebendige Enkelkinder, und mein Junge, der Vater dazu, ist zu
Schaden und Tode gekommen in Koldeweys Steinbruche, und die Mutter hat die
Lungensucht mitgenommen, und ich bin mit den fünf Würmern allein übrig. Nur
ein bißchen Kraut für die Ziege; denn das Jüngste ist erst dreiviertel Jahr alt, und
ich bin an die Sechzig nahe heran. Und sie kommen alle, denn es ist ja kein Herr
und Meister da seit Jahren, und der Herr Notar in Bodenwerder, der die
Verwaltung hat, kann doch nicht immer da sein und nach dem Rechten sehen.
Und wenn Sie auch zu den Herren Advokaten aus Bodenwerder gehören und
mich vor Gericht ziehen wollen, so habe ich doch nichts gesagt, und den
hochseligen Herrn Grafen habe ich auch noch gekannt und das war ein guter
Mensch, so vornehm er war; und ich habe auch zu seinen Zeiten schon das Gras
an den Hecken schneiden dürfen, und aus dem vornehmen Schloß hab’ ich mir
keinen Nagel aus der Wand geholt. Und die gnädige Gräfin, die jetzt bei dem —
dem Herrn Vetter Just — dem Herrn Everstein auf dem Steinhofe wohnt und der
es auch so schlimm in der bösen Welt ergangen ist, wie man sagt, ja, die habe
ich, als ich noch eine junge Frau war, aus dem Dorfbache aufgehoben und naß
wie eine Katze auf meinem Arme nach Hause getragen, und da war damals die
Madam — die gute Frau — die Frau Steuerkontrolleurin auf dem Schloß, die hat
das Kind mir abgenommen und mir zehn Groschen gegeben. Der Junge aus dem
Försterhause — unserm Förster Sixtus sein Junge hatte die gnädigste junge
Komtesse in den Bach gestoßen. Sie sagen, dem soll jetzt das ganze Schloß und
alles gehören; aber es will keiner im Dorfe so recht daran glauben. Wenn er aber
heute wiederkäme, und alles hätte sich ungelogen so geschickt, wie die Leute
lügen, und er wäre der Herr, so brauchte er auch mit der Witwe Warneke nicht
um eine Kiepe voll Ziegenfutter aus der Wüstenei hier herum ins Gerichte zu
gehen; denn dazu ist er viel zu gut Freund mit meinem alten Seligen gewesen,
und der hätte oft klüger sein sollen als der dumme tolle Junge aus der Försterei.
Da ist der lieben Frau Langreuter ihrer ganz anders gewesen und sittsamer; aber
sie sagen, der hat es auch dicke hinter den Ohren gehabt und ist ein Professor geworden und wohnt jetzt, was man nennt in Berlin. Ja, so werden aus Kindern
Leute, und ich habe es als junge Frau auch nicht gedacht, daß ich als alte Frau
mal fünf Enkelkinder mit Tagelöhnerarbeit und Hunger und Kummer großziehen
müßte. Aber die Herren lassen mich da schwatzen, und ich stehe da auch und
schwatze, als wäre ich wie von oben her und vom Pfänder drangekriegt, und —
— o du meine Güte — o liebster Himmel — jetzt falle ich um! Das sind Sie!…
das sind Sie ja selber! der kleine Fritz und der — Herr Ewald! Und so
gewachsen! Solche Herren! Und wirklich noch im lebendigen Leben! Und wie
wird sich der alte Herr Vater und die Schwester freuen, Herr Sixtus. Und die
Schwester — ich meine Fräulein Eva, hat noch immer nicht gefreit. Jedermann
im Dorfe wundert sich darüber —“
Der Ingenieur hielt die Alte am Oberarm und fing an, sie zu schütteln, um
dem Übermaß der Gefühlsäußerungen ein Ende zu machen. Das Hereinsprechen
in den Schrecken, die Verwunderung und die zitternde Hast, sich angenehm zu
machen, half zu gar nichts weiter, als daß sich gar noch das helle Schluchzen und
Schlucken in den Redeschwall mischte —
„Herr, mach ein Ende!“ stöhnte fast ebenso erregt wie das graue Weiblein der
Werdener Irländer. „Alle Hagel, da ist ja ganz das Ende weg! Witwe Warneke,
honey, liebstes, bestes, altes Mädchen, ja wir sind wieder da, und es ist mir im
höchsten Grade erfreulich, daß Sie die erste ist, die mir hier auf meinem Grund
und Boden — weiß Sie was? Sie kriegt einen Taler von mir, wenn Sie jetzt auch
mich und den Herrn Doktor Langreuter hier auf eine halbe Minute zu Worte
kommen läßt!“
Die Alte duckte sich. Sie saß nieder neben ihrer Tragkiepe im Kraut und
Unkraut des Parkes von Schloß Werden. Sie starrte zu uns empor von einem zum
anderen:
„Ach Gott, ach Gott, ist das eine Freude! Und wie werden sich der Herr Vater
und Fräulein Eva und die gnädigste Gräfin auf dem Steinhofe freuen! Das Futter
aber haben sie sich alle im Dorfe hier im Schloßgarten geholt, seit keine
Herrschaft dagewesen ist. Und der Herr Graf soll sich nur des Nachts ums
Schloß herum und da in dem Gange, wo zu seiner Zeit die dicken Lindenbäume
standen, haben sehen lassen!“
„Wohnt denn niemand mehr in dem Hause da?“ fragte ich zögernd und
beklommen.
„Wer sollte denn da wohnen? Seit fünf Jahren hat es ja keinen richtigen Herrn
mehr gehabt, sondern ist nur immer auf dem Papier weiter gegeben. Aber vor
vierzehn Tagen ist die alte französische Mamsell — von des Herrn Grafen
Seligen Zeiten her — die Mamsell Martin mal vom Steinhofe ’rübergekommen
und ist drumherumgegangen und hat in die Fenster gesehen — bei Tage, nicht zur Nacht- und zur Spukezeit — und hat geweint.“
„Und meine Schwester?“ fragte Ewald Sixtus, und die Witwe Warneke sah
sehr verwundert von neuem scheu ihn an.
„Jawohl, Fräulein Eva ist mit ihr gewesen und hat mit ihr nachher lange auf
einer der Steinbänke gesessen. Das halbe Dorf aber hat nur von ferne zugesehen;
wir haben das französische Parlieren der alten französischen Mamsell ja doch
niemalen recht verstanden.“
„In meinem ganzen Leben ist mir die rote Abendsonne, wie sie jetzt hier
rundum auf allem und vor allem dort auf den Mauern und Fenstern liegt, nicht so
spukhaft und gespensterhaft öde und schwül vorgekommen wie jetzt, Fritz,“
sagte der neue Herr von Schloß Werden, jetzt meinen Arm fassend und mich
schüttelnd. „Es ist mir wie ein Traum, daß ich den Besitztitel vermittelst der
Mathematik und der Arithmetik bei hellem, nüchternem Mittage und klar und
kühl nächtlicherweile über dem Reißbrett und dazu vermittelst des Londoner
Patentamtes erworben habe. Witwe Warneke, wer hat den Schlüssel von Schloß
Werden?“
„Genau kann ich das wohl nicht sagen; aber der Vorsteher wird es ja wissen,
Herr E — ach, ich weiß ja auch gar nicht einmal, wie ich Sie jetzt anreden und
betitulieren soll, und bitte, es nicht übel zu nehmen. Aber im Gartensaale ist ein
Fensterflügel herausgefallen und mit Latten vernagelt. Aber die haben die
Jungens und der Wind bald wieder lose gemacht, und —“
„So ist eigentlich eine Tür und ein Schlüssel dazu die letzten Jahre hindurch
für das Dorf Werden ziemlich überflüssig gewesen,“ brummte der Ingenieur.
„Viel besser als hier herum im Garten sieht es drinnen im Hause wohl nicht aus,
old girl?“
Die Alte hob nur stöhnend und ängstlich die Hände:
„Herre, Herr, für mein Teil will ich es vor jedem Gerichte beschwören —“
„Was meinst du, Fritz, sollen wir gleichfalls durch das Saalfenster Besitz von
dem nehmen, was noch brauchbar von Schloß Werden ist? Zu dem Dorfe gehöre
ich doch auch und taxiere mich um kein Haar breit besser als das übrige saubere
Gesindel! O Irene, Irene, meine schöne, stolze, wilde Irene!… Und der Herr
Graf hat sich um Mitternacht dort auf der Vortreppe blicken lassen!
Mademoiselle Martin hatte es verhältnismäßig noch gut. Sie konnte sich dreist
hinsetzen und ihre Tränen fließen lassen, ohne sich lächerlich zu machen. Das ist
ja rein zum Verrücktwerden! Sage es dreist heraus, Langreuter, wenn dir zur
Stunde mein Eigentumsrecht hier beneidenswert, wünschenswert und solcher
bitterschweren Lebensarbeit wert erscheint. Ich überlasse dir mit Vergnügen
Kaufbrief, Gefühle, Stimmungen und — wollte — wollte — ja, was wollte ich
denn?! Witwe Warneke, sehe Sie mich mal ganz genau an, wenn Sie einen richtigen Spuk sehen will. Ich komme als verhexter Mann aus der Fremde und
gehe am hellen Tage um Schloß Werden und durch Dorf Werden als Gespenst
um. Frage Sie nur die Leute im Försterhause und die — Frau auf dem Steinhofe
und — den Vetter Just.“
„Ach Jeses, Herr Ewald, ich kann Sie ja wirklich nicht so sprechen hören; und
die anderen werden es auch nicht können!“ sagte das alte Weibchen mit zitternd
gefalteten Händen und sprach damit ein braves, aber wenig tröstliches Wort.