Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Wilhelm Raabe · Kapitel 21 von 36

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Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Zweites Buch

Erstes Kapitel.

 

Es ist nichts leichter, aber auch nichts schwerer, als eine gute Grabrede zu

halten. Ich für mein Teil aber bleibe unter allen Umständen gern davon und lasse

jedem beliebigen anderen das Wort. In dem vorliegenden Fall sprach der Vetter

Just am Grabe, und er hielt seine Rede mit dem Regenschirm als Kanzeldach

über sich, und der Regen fiel, während er so vor sich hinbrummte, fein und leise

nieder auf den kleinen, frischen Hügel zu unseren Füßen.

Wir beide, der Vetter Just Everstein und ich, standen noch allein neben diesem

Hügel. Die übrigen Trauergäste hatten bereits wieder ihre Kutschen bestiegen

und waren abgefahren — Durchlaucht, der Herr Vetter **, unter ihnen. Der

gutmütige Mann hatte es sich nicht nehmen lassen, gleichfalls, wenn auch etwas

incognito, seiner kleinen Verwandten das letzte Geleit zu geben. Er und der

Vetter Just hatten in dem ersten Wagen den winzigen Sarg auf dem Rücksitz vor

sich gehabt, und der Vetter Just konnte späterhin die Bemerkungen, die der

andere Vetter während der Fahrt gemacht hatte, nur loben. Das leichte

aristokratische Unbehagen darüber, daß die Leiche nicht in dem Erbbegräbnisse

zu Dorf Werden beigesetzt werde, hatte der Bauer vom Steinhof ebenso leicht

dem illustren Herrn hingehen lassen, und das feste Versprechen desselben, auch

fernerhin der armen Mutter nach seinen „beschränkten Verhältnissen“ ein treuer

Freund bleiben zu wollen, durch die Bemerkung, daß man der guten Freunde nie

genug haben könne, entschieden gewürdigt. Aber ebenso entschieden hatte er

dann seine Meinung dahin ausgesprochen, das Beste werde sein, er, der Vetter

Just, nehme fürs erste die Frau Baronin mal mit sich nach dem Steinhofe:

„Und wenn auch nur, um den Nerven in der Nähe der alten Heimat Zeit zu

gönnen, sich zu beruhigen.“ — — — — —

Doch nun zu der Grabpredigt, die der Vetter Just der Kleinen hielt.

„Müde zu Bette gebracht,“ murmelte er. „Keine Mama kann doch die Decke

wärmer überlegen als Mutter Erde. Von dir gesagt, Fritz, klänge das gar nicht

neu; aber für mich als Landwirt ist hier das Allerälteste immerdar das Neueste

und klingt auch so. Meinst du nicht? — Nun sagt die Mama: schlaf wohl und

träume einen hübschen Traum, mein Herze; oder noch besser, träume gar nicht,

denn das letztere soll das Gesundeste sein. — Hast du etwas weiteres bei dieser

traurigen Gelegenheit zu bemerken, Doktor? Wenn die Kinder zu Bette

gegangen sind, pflegen doch gewöhnlich die Erwachsenen von ihren wichtigen Geschäften und Angelegenheiten zu reden, oder holen die besten Ratschläge für

den nächsten Morgen hervor.“

„Sage du nur, was du zu sagen hast, Just, — sowohl über die Schlafenden wie

über die Wachenden.“

„Zu sagen habe ich eigentlich nichts,“ meinte der Vetter, mehr zu sich selber

als zu mir gewendet. „Ich habe nur immer gefunden, daß solch ein

Kinderbegräbnis ein eigen Ding ist. Du hast wohl weniger Gelegenheit als ich

gehabt, dabei anwesend zu sein; auf den Zwischenstationen zwischen der alten

und der neuen Welt, in den jungen Ansiedelungen im Walde und dann und wann

auch ein bißchen im Sumpfe hat man freilich mehr dergleichen. Der Mensch

muß überall wie jedes andere Gewächs aus dem Boden herauswachsen, um ihn

mit der dazu passenden Luft und dem Witterungswechsel von Anfang an gleich

vertragen zu können und behaglich darauf zu leben und alt darauf zu werden. Ich

habe den Steinhof auch nur deshalb zurückgekauft, und ich nehme unsere Irene

einzig und allein aus demselben Grunde mit mir dahin zurück, und — du bist

auch auf dem alten Stammgrund willkommen, alter Eingeborener, — natürlich

wenn es dir deine Zeit erlaubt und du dich noch nicht bis zum Ekel an unseren

früheren Verhältnissen hier akklimatisiert hast.“

Da hätten wir denn wohl hiermit eine Grabrede für die Mehrzahl der

Erdenbewohner; denn für wie lange ist es dem Menschen gestattet, in dem

Boden zu wurzeln, aus dem er aufwuchs, dachte ich. „Ach, nicht nur um die

Kinderbegräbnisse ist es ein eigen Ding, sondern um die Begräbnisse und

Grabstätten der Menschheit überhaupt! Und inmitten der Gespräche, die geführt

werden von den Erwachsenen, wenn die Kinder zu Bette gegangen sind, sind wir

hiermit auch bereits, Vetter Just.“

„So ein armes, geplagtes kleines Wesen!“ brummte Just Everstein

kopfschüttelnd. „Es sieht uns in seinen Schmerzen fragend an und sagt: bitte,

bitte! — ist das nicht wunderbar und schrecklich? Da stehen wir denn nachher,

und wir beide hier jetzt, und holen aus tiefster Brust Atem, und niemand kann

uns das verdenken! Ich habe solche schlimmen, tiefen Atemzüge wohl

hundertmal in Neu-Minden getan, und es war auf dem Nachhausewege doch nur

ein leidiger Trost, daß immer noch so viele von ihnen da waren und übrig

blieben, daß wir uns sogar wegen eines Schulmeisters für sie Sorgen machen

mußten. Und dabei die Mütter, die übrig geblieben sind und bei der leeren Wiege

sitzen, oder das verlassene Spielzeug und die Schreibbücher in ihrer Schürze

zusammentragen! Sieh, da habe ich es uns denn so zurecht gelegt, daß Frau Irene

ihren hiesigen Hausstand ganz aufgibt. Ich habe, wie du weißt, die Kleine in

ihren Schmerzen, wenn es niemand anders, und auch die Mutter nicht,

vermochte, zur Ruhe gebracht, und ich meine, wenn mir nur Zeit gelassen wird, bringe ich das auch mit der Mutter fertig. Ob ich einmal zu der Familie gehört

habe, weiß ich nicht und kümmere mich auch nicht darum; aber für den letzten

männlichen Stammhalter der Eversteins halte ich mich in dieser Zeit doch! Ein

bißchen enge zusammenschachteln werden wir uns auf dem Steinhofe wohl

müssen; aber viel Gepäck nehmen wir ja nicht mit, und jedenfalls halten wir

vorher Auktion, und im Notfall baue ich an. Ich bin gottlob drüben oft genug

mein eigener Baumeister gewesen, um einen Kostenanschlag aufstellen zu

können und mit Wenigem einen hinreichenden Unterschlupf herzustellen. Es

sind ja auch nur zwei Köpfe mehr, wenngleich freilich zwei Frauenzimmerköpfe.

Aber da wollen wir uns dem anderen Geschlechte gegenüber doch auch nicht

zuviel auf unsere Praktik zugute tun. Du hast keinen Begriff davon, Fritz, wie es

gerade die Weiber sind, die sich in der Not zusammenzudrücken wissen, wenn

sie auch sonst noch so viele überflüssige Kisten, Kasten und Hutschachteln mit

sich herumschleppen und die Räumlichkeit auf dem Schiff, im Postwagen und

auf der Eisenbahn beengen. Mit uns Mannsvolk ist’s genau das Umgekehrte.

Geht es uns gut, so haben wir in einem Winkel mit einer Zigarre genug; aber

geht es uns schlimm, so brauchen wir in unserer Phantasie zum mindesten das

halbe Weltall, um Ellbogenraum für neue Dummheiten zu gewinnen. Im Grunde

aber ist’s für alle ein und dasselbige; einerlei ob wir als Mann oder Weib durch

die Welt laufen. Und, Gott sei Dank, die Phantasie ist auch in Irene Everstein

noch hell auf, — nicht ganz und gar nach der dunkeln Seite hin! Du, liebster

Fritz, kennst die Frau noch nicht lange genug wieder, um dieses beurteilen zu

können, denn dazu gehört mehr als ein erster Blick und zwei und drei Besuche

im Hause. Und dann — unsere liebe Eva! Wie wird die mir helfen und

beistehen! Und hätte ich wohl ohne das Zutrauen zu ihr den Mut gehabt, bloß so

auf meine eigene Verantwortung in solch ein betrübtes Menschenschicksal mit

Rat und mit Tat einzugreifen? Sie und — daß wir den Winter so ziemlich hinter

uns haben, das sind die Kerne, aus denen mein Trost aufwächst. Säße das gute

Mädchen nicht im Dorfe Werden und würden nicht demnächst die Wälder

wieder grün, so hätte die Sache freilich eine ganz andere Farbe. Aber nun geht

die Sonne jeden Morgen früher wieder auf und am Abend später unter; und —

ich sehe es kommen! Fritz, es ist mir eine wahre Beruhigung, daß ich es

kommen sehe und zwar im ganz natürlichen Verlaufe der Tage, von den Wochen

und Monaten bis zum Eintritt des nächsten kürzesten Tages gar nicht zu reden!

Die Stunde kitzelt mich schon im Voraus, wo Mamsell Martin die erste

vergnügte Katzbalgerei mit Jule Grote anfängt; — natürlich unter der gehörigen

Oberaufsicht, auf daß die feinen und bissigen Anspiegelungen der beiden lieben

alten Damen nicht in die reguläre Beißerei ausarten. So ein bißchen kribbelndes

Gewürz in die Suppe ist den langen lieben Tag über gar nicht zu verachten. Meinst du nicht, Doktor? — Der Grasgarten bleibt selbstverständlich so, wie er

ist; aber für meinen Bauern-Kohlgarten nehme ich aus einer eurer

Buchhandlungen hier ein Exemplar von Wredows Gartenfreund mit. Wir treiben

Adams Gewerbe im Ernst und zum Spaß, denn nichts anderes in der Welt zieht

die abgeplagte Seele so ins Gleichmütige hin als das stille Aufmerken auf das

Keimen, Blühen und Vergehen des Vegetabilischen, und wär’s auch nur am

Unkraut unter der Hecke. Zeit muß man freilich dazu haben, und die soll sie

haben, Irene meine ich; — fürs erste soll niemand vom Steinhofe zu sehr auf die

Suche nach ihr gehen, wenn sie mal nicht gleich auf den ersten Ruf zum Essen

kommt. Solange ich das hindern kann, wird sie nicht zu Tische gerufen, wenn sie

keinen Appetit hat; — den Verdruß kenne ich aus eigener Erfahrung! Die

Menschen fordern nur zu gern gerade die zum Tanze auf, welche der Schuh

drückt. Der Teufel mag es wissen, was für ein Vergnügen das ihnen macht!

Davon weiß ich, der übergeschnappte dumme Junge vom Steinhofe, gleichfalls

das Meinige zu Protokoll zu geben, wenn’s verlangt wird; aber auch hierin will

ich nicht ganz umsonst zwischen meinen Misthaufen gesessen und auf der Leiter

in der Rauchkammer mit dem Messer zwischen Jules Würsten und Speckseiten

gewirtschaftet haben — wütend vor Überdruß! Hoffentlich verstehst du mich

recht, Fritze, und weißt auch hierin, was ich sagen will.“

Er bediente sich mit Vorliebe alle Augenblicke dieser sehr unnötigen Anfrage

bei meiner Begriffsfähigkeit. Alte Gewohnheiten legt man eben nicht so leicht

ab.

Doch nun beugte er sich nieder zu dem winzigen Grabhügel der kleinen

Leonie von Rehlen und hob eine Handvoll des feuchten Sandes auf, ließ sie

wieder, wie verstohlen, fallen und sah mich einen Moment lang, wie verlegen,

von der Seite an.

„Nun guck einmal,“ brummte er, „der liebe Gott weiß es, wie fest einem seine

Gewohnheiten ankleben, und er wird auch wohl hierauf bei der letzten

Abrechnung ein wenig Rücksicht nehmen. Selbst auf dem Kirchhofe kann’s

unsereiner nicht lassen, den Boden nach seiner Frucht, Güte oder

Nichtsnutzigkeit zu studieren. Dies hier ist eigentlich purer Sand; aber — nicht

nur für den sachverständigen Landwirt, sondern auch für den Pastor, einerlei ob

er Ökonomie treibt oder nicht, bleibt es doch immer, wie Schiller sagt, der

dunkle Schoß der heiligen Erde! Und nun — schlafe sanft darin, mein liebes,

kleines Mädchen!… Mit deinen armen krummen Füßchen hätten dich wohl

wenige zum Tanze aufgezogen, und du verlierst auch wenig dabei. Es kommt für

alle Menschen eine Zeit, wo sie sich vor nichts mehr fürchten als vor dem, was

man in der Welt Vergnügen zu nennen pflegt. — Man hat viel um dich geweint,

mein kleines Kind; aber gelacht hat keiner über dich. Auch du hast viel geweint; — nun liege im Frieden; — gelacht hast du über niemand. — Ich schwatze wohl

in die Kreuz und Quer, Doktor Fritz? Nimm es nur nicht übel, alter Freund. Wer

weiß, was uns nachgeredet wird in puncto des Weinens und Lachens, wenn

auch wir zu Bette gegangen sind, und wir gleichfalls als stille Leute liegen und

jeglicher Wind frei über uns hinblasen darf. Komm, wir wollen den anderen

nach, Doktor; das nützlichste und fruchtbarste Wetter ist ziemlich häufig das

unangenehmste, macht einen trotz Regenschirm und Überrock naß bis auf die

Knochen und bringt einen bis auf das Knochenmark hinein zum Frösteln.“