Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten
Elftes Kapitel.
Einst hatte sich die Tür lautlos in ihren Angeln gedreht, jetzt gab sie nur mit
Widerstreben und mit einem schrillen, ärgerlichen Ton nach. Mit angestemmtem
Knie hatte ich nachzuhelfen und dachte dabei daran, wie es gewesen war, wenn
sich die Mädchen hier in ihrem geheimsten Neste verriegelt hatten und wir
gegen ihren Mutwillen, ihr Lachen und Kichern momentan nichts weiter
aufzubieten vermochten als durch das Schlüsselloch das alte tröstliche Wort:
„Na, wartet nur! Morgen ist auch noch ein Tag, ihr Mamsellen, und ihr sollt
euch ganz gehörig wundern, wenn das Lachen wieder an uns ist! Wer zuletzt
lacht, lacht am besten.“
Nun blickten wir aus dem Vorgemach in die geöffnete Tür —
„Da kommt deine Mutter, Fritz!“ rief der jetzige Herr von Schloß Werden
nicht mehr, und ich fühlte nicht mehr Mademoiselle Martins knöcherne Soeur-
ignorantine-Finger am Ohrläppchen oder am Rockkragen: die heiße, helle
Sonne des gegenwärtigen Tages hatte mehr als von irgendeinem anderen Raume
des Hauses in dieser Stunde von diesem kleinen Eckzimmer Besitz ergriffen; —
fern im Dorfe schlug es zwölf Uhr am Mittage, und Ewald Sixtus sagte:
„Es ist einerlei — ich habe meinen Kauf in Besitz genommen und weiß
wenigstens, was ich erhandelt habe. Auch das ist etwas wert! Hat es wirklich
eben zwölf geschlagen? Da kommen wir ja richtig wieder einmal wie sonst zu
spät zu Tische — weißt du noch, Doktor?!… Es ist einerlei, — die Fenster
wollen wir auch hier wenigstens aufsperren und die frische Luft hereinlassen.
Wer war es denn, der neulich in Belfast mir vorrenommierte, daß er in einem
jungfräulichen Urwalde Ordnung gestiftet und für Ästhetika gesorgt habe? Ich
habe ihn damals schon ziemlich kühl ablaufen lassen, den Vetter Just; aber —
jetzt soll er mir nur noch mal kommen mit seinem — Neu-Minden!“
Wir traten nun doch auch hier einen Augenblick über die Schwelle und sahen
uns um und auch von hier aus noch einmal hinunter in den verwüsteten, ins
Unkraut geschossenen Park. Ich war auch hier der Unbeteiligtere, der nur als
guter Freund und allenfalls als Ratgeber mitgenommene Privatgelehrte aus
Berlin; aber, ich kann’s nicht leugnen, es kam in dieser Stunde doch auch mir
sehr seltsam vor, daß das Grün draußen noch immer die Oberhand behielt, daß
die Vögel lustig nach alter Sommerweise weiter zwitscherten, daß um das
wuchernde Gebüsch und die Baumstumpfen dieselben Schmetterlinge wie zu unserer Zeit flatterten, kurz, daß sich alle Hauptlieblichkeiten der Erde weder
um Schloß Werden noch um unsere gegenwärtigen Privatgefühle und
Stimmungen im mindesten kümmerten. Und in diesem Augenblick trat es mir
zum ersten Mal ganz klar und ohne Schatten auf der lichten Vorstellung vor die
Seele, zu was für einem Segen der Vetter Just auf seinem Steinhofe auch für
diesen Ewald Sixtus und jene Irene Everstein wieder angekommen war, um
daselbst von neuem „auf menschliche Schicksale zu warten“.
Man hatte aus dem einen Fenster dieses Eckstübchens einen Blick nach jener
Gegend. Der Freund stand mit untergeschlagenen Armen und
zusammengepreßten Lippen und sah dorthin. Der einzige kühlende Hauch in
dieser schwülen Mittagsstunde kam über Berge und Wälder, über den Fluß,
wieder über die Wälder und Wiesen und über den verwilderten Garten, der zu
dem Handel und Kauf des irländischen Ingenieurs gehörte, aus jener Richtung.
„Es wird wohl eine ziemliche Weile dauern, ehe du alle deine Arbeitsleute
hier am Werke hast,“ meinte ich leise. „Da haben wir dann Zeit, alle möglichen
Besuche in der Umgegend zu machen. Meinst du nicht?“
Der irische Glücksbaumeister drehte sich rasch von dem Fenster und der im
Mittagssonnenschein flimmernden Ferne weg und mir zu:
„Wir kommen unbedingt zu spät zu Tisch. Das wenigstens ist uns aus der
alten vergnügten Zeit geblieben. Deinen Rat habe ich nun auch. Schloß Werden
haben wir gesehen; wenn du nicht noch eine Privatgespensterkammer in dem
alten Kasten weißt, die ich dir aufschließen kann, so wird es wohl das beste sein,
wir gehen so leise, wie wir gekommen sind. Ach, lieber Alter, mein Geschäft hat
mich freilich hauptsächlich auf Erdarbeiter, Maurer und Zimmerleute
angewiesen. Ich habe mancherlei durch das Volk ausgerichtet, und so ist es nicht
ganz meine Schuld, wenn ich in der Ferne mir einbildete, meine Luftschlösser zu
Hause mit ihrer Beihülfe wieder aufbauen zu können.“
„Es ist nicht das erste Mal, daß du mir dieses sagst, seit du mich aus meiner
Dachstube abgeholt hast. Ein jeder bleibt unwillkürlich in seinen
Handwerksausdrücken und was sonst zu den Künsten gehört, durch welche er
durchs Leben kommt. Sonst aber gibt es eine Redensart: Du sprichst über dein
Herz weg; und so ist es außer dem guten Rat, den ich dir gegeben haben soll,
meine Meinung, daß wir gegenwärtig Schloß Werden auf sich beruhen lassen,
wie es ist, und deinen Vater und — deine Schwester nicht gleich am ersten Tage
von neuem über die Zeit mit der Suppe warten lassen. Schloß Werden haben wir
gesehen, sehen wir uns also morgen den Steinhof an. Der Mensch, in seinem
Gemäuer gefangen, besinnt sich lange nicht oft genug darauf, daß er lebt, Leben
ist und es mit dem Lebendigen zu tun hat, solange er lebt.“
„Das solltest du drucken lassen, Fritze; das klingt ja ganz famos!“ sagte der Irländer, und dann gingen wir in der Tat endlich nach Hause und kamen wieder
einmal nicht ganz zur rechten Zeit. Es ließ sich aber nicht ändern, und was wir
diesmal zur Entschuldigung vorzubringen hatten, konnte leider nur zu sehr als
rechtsgültig angenommen werden. Wir logen diesmal nicht, wenn wir zu unserer
Entschuldigung anführten, daß es uns unmöglich gewesen sei, früher zu
kommen. — —
Den langen Sommernachmittag durch saß ich an einer anderen Stätte der
Erinnerung, neben dem Stein nämlich, welchen die Kameraden meinem Vater
auf der Stelle, wo er von den Schmugglern zu Tode verwundet worden war,
errichtet hatten. Wenn die Bäume um das Schloß zum größten Teil
verschwunden waren und dem Gestrüpp und Unkraut Platz gemacht hatten, so
war hier der Wald beträchtlich emporgeschossen, und ein schöner kühler
Schatten lag auf dem bösen Ort. Da der Boden, wie ich geschrieben habe, ein
wenig sumpfig war, so war der Stein auch bereits so ziemlich darin versunken
und die Inschrift und Widmung darauf des Mooses und der Flechten wegen
kaum noch zu entziffern: er predigte mir wirklich auch noch die Vergänglichkeit
aller Dinge, die Nichtigkeit aller Sorgen, Wünsche und Hoffnungen, das
Vorbeigleiten der Erscheinung, gerade — als ob das noch unbedingt notwendig
gewesen wäre. Ich aber hielt ihm im Halbtraum nach der schwülen Wanderung
durch Schloß Werden und nach dem Mittagsessen eine Gegenrede, und die
Waldfrische tat wohl das meiste dazu, daß wir ruhig voneinander schieden. Es
spukt immer viel mehr in altem Gemäuer als im jungen Laubwalde. Als ich nach
dem Försterhofe zurückkam, war der Vetter natürlich längst daselbst vom Gaul
gestiegen, und ich sah ihm sofort an, daß er im Vorbeigleiten der Erscheinung
etwas zu bemerken hatte, was er lieber mir zu sagen wünschte als dem Freunde.
Ich sah es jedoch auch der — Freundin — ich sah es Eva Sixtus an, daß er mit
der bereits darüber gesprochen hatte. Also begleitete ich ihn zum zweiten Male
durch die Mondscheinnacht und das Dorf Werden auf den Weg nach Hause; er
aber sagte:
„Es ist auch Evas Meinung, daß du zuerst allein zu uns kommst und nachher
erst unseren Freund mitbringst. Ich meinesteils habe doch den Schulmeister
nicht lange genug gespielt, um ganz genau und deutlich in Worten ausdrücken zu
können, wie ich die Sachlage ansehe. Wie ich dir es voraussagte, so war’s; ich
fand Irene noch wach, als ich gestern oder vielmehr heute morgen nach Hause
kam; — gefragt hat sie nicht, aber gewußt hat sie gleich, daß ich ihr eine
Neuigkeit mitbrachte; — ‚Fritz und Ewald sind da, Irene!‘ habe ich gesagt, weil
ich immer gefunden habe, daß das Einfachste stets das Beste ist; — erwidert hat
sie eigentlich nichts, aber sie ist wach geblieben und nicht mehr zu Bette
gegangen. Die Magd hat mich gefragt, weshalb die gnädige Frau in dieser Nacht gar nicht zu Bette gegangen sei? — Du sagst, Doktor, daß ihr auf Schloß Werden
es heute mittag mit allerhand Gespensterspuk zu tun gehabt habt; aber meine
Meinung ist, auf dem Steinhofe sind auch allerlei Geister und zwar nicht von der
besten Sorte umgegangen! Wieviel ruhiger lebten wir in der Welt, wenn wir uns
nicht immer aus unserem Schicksal unsere Reue und unsere Gewissensbisse
zurechtschnitten — stets in dem Gefühl, uns selber nie das geringste vergeben zu
dürfen. Fritz, du weißt, ich habe von frühesten Jahren an immer zu dir
aufgesehen, du bist der einzige von uns, der es zu etwas gebracht hat, — du
würdest mir nicht bloß einen Gefallen, sondern eine große Liebe antun, wenn du
zuerst mit ihr sprechen wolltest.“
Das hatte ich denn aus meinem Leben in das alte Nest glücklich mitgebracht:
sie durften mir alle in der wohlmeinendsten Weise ungestraft Sottisen meiner
Brauchbarkeit wegen sagen. Fremden gegenüber würde ich mit Grund die bloße
Ironie hinter der sehr ernsthaften Miene vermutet und gesucht haben; die
Freunde durfte ich wenigstens für ehrlich und wirklich vertrauensvoll in ihrem
Glauben an mein Studium in Wittenberg halten. Jedenfalls hatte ich genug
studiert, um mir die Sache zurechtlegen zu können. Es gibt nämlich in gewissen
Krisen des Lebens eine Feigheit, die nur ein anderer Name oder besser die Folge
einer kurz zuvor bewiesenen Herzhaftigkeit ist. Wofür tapfere Männer alles
gewagt und gelitten haben, wagen sie dann zuletzt nicht einen Gang über die
Straße, nicht ein Anklopfen an eine Tür, sondern sie schicken einen andern oder
möchten ihn doch am liebsten schicken, und deshalb — hatte ich für Ewald
Sixtus mit Schloß Werden sprechen sollen, und darum — erschien es
wünschenswert, daß zuerst ich mit Irene Everstein rede. Von meiner Gelehrtheit
sprachen sie; aber, ihnen selber unbewußt, meinten sie: das, was uns bewegt,
kümmert ihn am wenigsten, also was kümmert’s ihn? Wenn Einer uns sagen
kann, was wir hören wollen oder hören müssen, so ist er’s. Er ist objektiv in
dieser Sache; Steine und Menschen werden also ihm gegenüber unbefangen sich
gehen lassen, und — Ihm werden sie nichts tun. Wir aber, die wir Tag für Tag
mit ihnen zu tun gehabt haben, wir fürchten uns!
Ich hatte mich aus der Mitte der Gevattern- und Vettern-Besuche in der
Försterei von dem Freunde wegholen lassen, um mit ihm Schloß Werden zu
besichtigen; ich ging am anderen Morgen dem Freunde vorauf nach dem
Steinhofe, um die letzte Herrin von Schloß Werden, um Irene Everstein darüber
sprechen zu hören. Es ist stets in solchen Fällen viel leichter Ja als Nein zu
sagen. Man will eben doch nicht umsonst an seiner Ehre gefaßt und für einen
erfahrenen Mann gehalten worden sein.