Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Wilhelm Raabe · Kapitel 31 von 36

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Alte Nester: Zwei Bücher Lebensgeschichten

Elftes Kapitel.

 

 

Einst hatte sich die Tür lautlos in ihren Angeln gedreht, jetzt gab sie nur mit

Widerstreben und mit einem schrillen, ärgerlichen Ton nach. Mit angestemmtem

Knie hatte ich nachzuhelfen und dachte dabei daran, wie es gewesen war, wenn

sich die Mädchen hier in ihrem geheimsten Neste verriegelt hatten und wir

gegen ihren Mutwillen, ihr Lachen und Kichern momentan nichts weiter

aufzubieten vermochten als durch das Schlüsselloch das alte tröstliche Wort:

„Na, wartet nur! Morgen ist auch noch ein Tag, ihr Mamsellen, und ihr sollt

euch ganz gehörig wundern, wenn das Lachen wieder an uns ist! Wer zuletzt

lacht, lacht am besten.“

Nun blickten wir aus dem Vorgemach in die geöffnete Tür —

„Da kommt deine Mutter, Fritz!“ rief der jetzige Herr von Schloß Werden

nicht mehr, und ich fühlte nicht mehr Mademoiselle Martins knöcherne Soeur-

ignorantine-Finger am Ohrläppchen oder am Rockkragen: die heiße, helle

Sonne des gegenwärtigen Tages hatte mehr als von irgendeinem anderen Raume

des Hauses in dieser Stunde von diesem kleinen Eckzimmer Besitz ergriffen; —

fern im Dorfe schlug es zwölf Uhr am Mittage, und Ewald Sixtus sagte:

„Es ist einerlei — ich habe meinen Kauf in Besitz genommen und weiß

wenigstens, was ich erhandelt habe. Auch das ist etwas wert! Hat es wirklich

eben zwölf geschlagen? Da kommen wir ja richtig wieder einmal wie sonst zu

spät zu Tische — weißt du noch, Doktor?!… Es ist einerlei, — die Fenster

wollen wir auch hier wenigstens aufsperren und die frische Luft hereinlassen.

Wer war es denn, der neulich in Belfast mir vorrenommierte, daß er in einem

jungfräulichen Urwalde Ordnung gestiftet und für Ästhetika gesorgt habe? Ich

habe ihn damals schon ziemlich kühl ablaufen lassen, den Vetter Just; aber —

jetzt soll er mir nur noch mal kommen mit seinem — Neu-Minden!“

Wir traten nun doch auch hier einen Augenblick über die Schwelle und sahen

uns um und auch von hier aus noch einmal hinunter in den verwüsteten, ins

Unkraut geschossenen Park. Ich war auch hier der Unbeteiligtere, der nur als

guter Freund und allenfalls als Ratgeber mitgenommene Privatgelehrte aus

Berlin; aber, ich kann’s nicht leugnen, es kam in dieser Stunde doch auch mir

sehr seltsam vor, daß das Grün draußen noch immer die Oberhand behielt, daß

die Vögel lustig nach alter Sommerweise weiter zwitscherten, daß um das

wuchernde Gebüsch und die Baumstumpfen dieselben Schmetterlinge wie zu unserer Zeit flatterten, kurz, daß sich alle Hauptlieblichkeiten der Erde weder

um Schloß Werden noch um unsere gegenwärtigen Privatgefühle und

Stimmungen im mindesten kümmerten. Und in diesem Augenblick trat es mir

zum ersten Mal ganz klar und ohne Schatten auf der lichten Vorstellung vor die

Seele, zu was für einem Segen der Vetter Just auf seinem Steinhofe auch für

diesen Ewald Sixtus und jene Irene Everstein wieder angekommen war, um

daselbst von neuem „auf menschliche Schicksale zu warten“.

Man hatte aus dem einen Fenster dieses Eckstübchens einen Blick nach jener

Gegend. Der Freund stand mit untergeschlagenen Armen und

zusammengepreßten Lippen und sah dorthin. Der einzige kühlende Hauch in

dieser schwülen Mittagsstunde kam über Berge und Wälder, über den Fluß,

wieder über die Wälder und Wiesen und über den verwilderten Garten, der zu

dem Handel und Kauf des irländischen Ingenieurs gehörte, aus jener Richtung.

„Es wird wohl eine ziemliche Weile dauern, ehe du alle deine Arbeitsleute

hier am Werke hast,“ meinte ich leise. „Da haben wir dann Zeit, alle möglichen

Besuche in der Umgegend zu machen. Meinst du nicht?“

Der irische Glücksbaumeister drehte sich rasch von dem Fenster und der im

Mittagssonnenschein flimmernden Ferne weg und mir zu:

„Wir kommen unbedingt zu spät zu Tisch. Das wenigstens ist uns aus der

alten vergnügten Zeit geblieben. Deinen Rat habe ich nun auch. Schloß Werden

haben wir gesehen; wenn du nicht noch eine Privatgespensterkammer in dem

alten Kasten weißt, die ich dir aufschließen kann, so wird es wohl das beste sein,

wir gehen so leise, wie wir gekommen sind. Ach, lieber Alter, mein Geschäft hat

mich freilich hauptsächlich auf Erdarbeiter, Maurer und Zimmerleute

angewiesen. Ich habe mancherlei durch das Volk ausgerichtet, und so ist es nicht

ganz meine Schuld, wenn ich in der Ferne mir einbildete, meine Luftschlösser zu

Hause mit ihrer Beihülfe wieder aufbauen zu können.“

„Es ist nicht das erste Mal, daß du mir dieses sagst, seit du mich aus meiner

Dachstube abgeholt hast. Ein jeder bleibt unwillkürlich in seinen

Handwerksausdrücken und was sonst zu den Künsten gehört, durch welche er

durchs Leben kommt. Sonst aber gibt es eine Redensart: Du sprichst über dein

Herz weg; und so ist es außer dem guten Rat, den ich dir gegeben haben soll,

meine Meinung, daß wir gegenwärtig Schloß Werden auf sich beruhen lassen,

wie es ist, und deinen Vater und — deine Schwester nicht gleich am ersten Tage

von neuem über die Zeit mit der Suppe warten lassen. Schloß Werden haben wir

gesehen, sehen wir uns also morgen den Steinhof an. Der Mensch, in seinem

Gemäuer gefangen, besinnt sich lange nicht oft genug darauf, daß er lebt, Leben

ist und es mit dem Lebendigen zu tun hat, solange er lebt.“

„Das solltest du drucken lassen, Fritze; das klingt ja ganz famos!“ sagte der Irländer, und dann gingen wir in der Tat endlich nach Hause und kamen wieder

einmal nicht ganz zur rechten Zeit. Es ließ sich aber nicht ändern, und was wir

diesmal zur Entschuldigung vorzubringen hatten, konnte leider nur zu sehr als

rechtsgültig angenommen werden. Wir logen diesmal nicht, wenn wir zu unserer

Entschuldigung anführten, daß es uns unmöglich gewesen sei, früher zu

kommen. — —

Den langen Sommernachmittag durch saß ich an einer anderen Stätte der

Erinnerung, neben dem Stein nämlich, welchen die Kameraden meinem Vater

auf der Stelle, wo er von den Schmugglern zu Tode verwundet worden war,

errichtet hatten. Wenn die Bäume um das Schloß zum größten Teil

verschwunden waren und dem Gestrüpp und Unkraut Platz gemacht hatten, so

war hier der Wald beträchtlich emporgeschossen, und ein schöner kühler

Schatten lag auf dem bösen Ort. Da der Boden, wie ich geschrieben habe, ein

wenig sumpfig war, so war der Stein auch bereits so ziemlich darin versunken

und die Inschrift und Widmung darauf des Mooses und der Flechten wegen

kaum noch zu entziffern: er predigte mir wirklich auch noch die Vergänglichkeit

aller Dinge, die Nichtigkeit aller Sorgen, Wünsche und Hoffnungen, das

Vorbeigleiten der Erscheinung, gerade — als ob das noch unbedingt notwendig

gewesen wäre. Ich aber hielt ihm im Halbtraum nach der schwülen Wanderung

durch Schloß Werden und nach dem Mittagsessen eine Gegenrede, und die

Waldfrische tat wohl das meiste dazu, daß wir ruhig voneinander schieden. Es

spukt immer viel mehr in altem Gemäuer als im jungen Laubwalde. Als ich nach

dem Försterhofe zurückkam, war der Vetter natürlich längst daselbst vom Gaul

gestiegen, und ich sah ihm sofort an, daß er im Vorbeigleiten der Erscheinung

etwas zu bemerken hatte, was er lieber mir zu sagen wünschte als dem Freunde.

Ich sah es jedoch auch der — Freundin — ich sah es Eva Sixtus an, daß er mit

der bereits darüber gesprochen hatte. Also begleitete ich ihn zum zweiten Male

durch die Mondscheinnacht und das Dorf Werden auf den Weg nach Hause; er

aber sagte:

„Es ist auch Evas Meinung, daß du zuerst allein zu uns kommst und nachher

erst unseren Freund mitbringst. Ich meinesteils habe doch den Schulmeister

nicht lange genug gespielt, um ganz genau und deutlich in Worten ausdrücken zu

können, wie ich die Sachlage ansehe. Wie ich dir es voraussagte, so war’s; ich

fand Irene noch wach, als ich gestern oder vielmehr heute morgen nach Hause

kam; — gefragt hat sie nicht, aber gewußt hat sie gleich, daß ich ihr eine

Neuigkeit mitbrachte; — ‚Fritz und Ewald sind da, Irene!‘ habe ich gesagt, weil

ich immer gefunden habe, daß das Einfachste stets das Beste ist; — erwidert hat

sie eigentlich nichts, aber sie ist wach geblieben und nicht mehr zu Bette

gegangen. Die Magd hat mich gefragt, weshalb die gnädige Frau in dieser Nacht gar nicht zu Bette gegangen sei? — Du sagst, Doktor, daß ihr auf Schloß Werden

es heute mittag mit allerhand Gespensterspuk zu tun gehabt habt; aber meine

Meinung ist, auf dem Steinhofe sind auch allerlei Geister und zwar nicht von der

besten Sorte umgegangen! Wieviel ruhiger lebten wir in der Welt, wenn wir uns

nicht immer aus unserem Schicksal unsere Reue und unsere Gewissensbisse

zurechtschnitten — stets in dem Gefühl, uns selber nie das geringste vergeben zu

dürfen. Fritz, du weißt, ich habe von frühesten Jahren an immer zu dir

aufgesehen, du bist der einzige von uns, der es zu etwas gebracht hat, — du

würdest mir nicht bloß einen Gefallen, sondern eine große Liebe antun, wenn du

zuerst mit ihr sprechen wolltest.“

Das hatte ich denn aus meinem Leben in das alte Nest glücklich mitgebracht:

sie durften mir alle in der wohlmeinendsten Weise ungestraft Sottisen meiner

Brauchbarkeit wegen sagen. Fremden gegenüber würde ich mit Grund die bloße

Ironie hinter der sehr ernsthaften Miene vermutet und gesucht haben; die

Freunde durfte ich wenigstens für ehrlich und wirklich vertrauensvoll in ihrem

Glauben an mein Studium in Wittenberg halten. Jedenfalls hatte ich genug

studiert, um mir die Sache zurechtlegen zu können. Es gibt nämlich in gewissen

Krisen des Lebens eine Feigheit, die nur ein anderer Name oder besser die Folge

einer kurz zuvor bewiesenen Herzhaftigkeit ist. Wofür tapfere Männer alles

gewagt und gelitten haben, wagen sie dann zuletzt nicht einen Gang über die

Straße, nicht ein Anklopfen an eine Tür, sondern sie schicken einen andern oder

möchten ihn doch am liebsten schicken, und deshalb — hatte ich für Ewald

Sixtus mit Schloß Werden sprechen sollen, und darum — erschien es

wünschenswert, daß zuerst ich mit Irene Everstein rede. Von meiner Gelehrtheit

sprachen sie; aber, ihnen selber unbewußt, meinten sie: das, was uns bewegt,

kümmert ihn am wenigsten, also was kümmert’s ihn? Wenn Einer uns sagen

kann, was wir hören wollen oder hören müssen, so ist er’s. Er ist objektiv in

dieser Sache; Steine und Menschen werden also ihm gegenüber unbefangen sich

gehen lassen, und — Ihm werden sie nichts tun. Wir aber, die wir Tag für Tag

mit ihnen zu tun gehabt haben, wir fürchten uns!

Ich hatte mich aus der Mitte der Gevattern- und Vettern-Besuche in der

Försterei von dem Freunde wegholen lassen, um mit ihm Schloß Werden zu

besichtigen; ich ging am anderen Morgen dem Freunde vorauf nach dem

Steinhofe, um die letzte Herrin von Schloß Werden, um Irene Everstein darüber

sprechen zu hören. Es ist stets in solchen Fällen viel leichter Ja als Nein zu

sagen. Man will eben doch nicht umsonst an seiner Ehre gefaßt und für einen

erfahrenen Mann gehalten worden sein.